Schabbach an die hohe Acht – Rheingold 600 – Teil 2

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Edgar Reitz wußte es

die Nächte sind auch im Mai noch kühl, doch jetzt sind die Vögel wirklich da, keine Nachtvögel oder aufgeschreckte Tiere, sondern die Vögel, die den Tag ansingen.

14. Mai 2021, Zweiter Tag des Rheingold 600 Brevets.

Es ist noch nicht fünf, aber kein Zweifel mehr, der Himmel bekommt Farbe und ich richte mich vom Holztisch auf, auf dem ich mir die Nacht um die Ohren geschlagen habe.Langsam den Biwaksack einrollen, die Sachen aus der Rückentasche wieder einstecken, die leuchtorange Regenjacke über die Daunen überziehn, es ist kalt. Ein letzter Blick auf die zwei Bierflaschen. Ein Morgenschluck, immer noch gut. Vielleicht nochmal durchs Dorf fahren, vielleicht einen Bäcker sichten oder doch einen warmen EC Kartenraum entdecken? Weder noch, schöne Kirche hat Hennweiler – aber keinen Geldautomat: nichts verpasst.

Wo bin ich? Wo ist der Track, die dünne Linie in Magenta, die mir den Weg aus diesem Schabbach hinaus weist? Ich weiß es nicht mehr. Fahr zurück an meine Bushaltestelle, meinen Liegeplatz. Oben am Kreisverkehr erwische ich ein rosa Zipfelchen der Strecke – und jetzt wohin?

Kann mich einfach nicht erinnern. Bis ich ein Schild sehe – Kesselbach  – daher also kam er, jetzt in Gegenrichtung, leicht bergan. Und schon bin ich in der Spur des Brevets . Die Beine drehen überraschend  leicht, schmerzfrei und ohne Schwere – dafür Zähneklappern und Atemwolken. Andere träumen vom Overnighter mit Blockhütte im Wald: Trapperromantik für Millenials. Wir neigen uns tief über den Lenker, kauern uns zusammen.

Warmfahren – wird schon bald ein Bäcker kommen, es ist Fünf. Ein echter Bäcker hat da schon die erste Fuhre aus dem Ofen gezogen. Wo sind die echten Bäcker?

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Mit der Nase ins nächste Dorf, nichts zu riechen, kein Hefeduft, kein Zimt, kein frisches Brot. Nichts regt sich. Hinunter ins Tal – über dem Fluß weiße Watte – der Morgennebel. Dreimal an der Gabelung verfahren – zweimal umsonst hinauf im Zwielicht. Vögel lachen laut. Und dann den kleinen Weg zur Schiefergrube gefunden: es war der Leichteste, rollt ganz allmählich hinauf. Grau und schwarz liegt der Schiefer neben mir. Gerüste und Geräte aus Rost.

Auch oben in Sulzbach regt sich keine Katze , kräht kein Hahn. Alles zu oder seit Jahren aufgelassen,  Schabbach ist tot. Edgar Reitz hat es vielleicht schon geahnt. Ein Gel drücke ich ein, das hilft zehn Minuten.

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Der Horizont errötet leicht und gewaltig weit geht der Blick. Ein Fernsehmast . Wo mag der Erbeskopp liegen? : eher rechterhand. Wo gibt es Kalorien? Ein massiver Kirchturm taucht auf. In diesem Tal muß das Glück liegen –

Hottenbach.

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Auch hier die alte Wirtschaft. Und gerade als es schon wieder zum Dorf hinausgeht das kleine Schild entdecken. Der Dorfladen – Einer für Alles.

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Öffnung erst in zehn Minuten, sagt der Zettel an der messinggerahmten Glastür. Die Jalousie an der dahinter geht einen spaltweit auf: eine Frau hat meine Not erkannt. Weit und breit die einzige Versorgung. Ich lasse die Kasse klingeln und fülle den Rucksack. Kleine gelbe Preisetiketten mit dem Namen Edeka. Auf der Treppe:  endlich frühstücken, dabei  zusehen, wie alte Männer im grünen Rock  aus Autos steigen. Einer raucht an der Ecke die Morgenzigarette

Sanft hinauf in den Idar Obersteiner Wald,  die Beine schmerzen nicht, nur der Tritt ist schwer

Die lange Gerade hinauf zum Erbeskopf

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 kommt mir endlos vor. Eine eigenartig weite Gegend,  das Erzgebirge ist so ähnlich. Links ab ein letzter Anstieg .

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Um 8 stehe ich am Erbeskopf – das Navi hat angefangen zu spinnen, fällt aus und bildet rosa Flächen, aber der Irrtum ist ausgeschlossen. Zweiter Gipfel der Tour erreicht: den Dritten zum Abschluß heute Abend.

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Vermutlich stecke ich mitten in einem Gewitter elektromagnetischer Strahlen. Schnell weiter. Über 300 geschafft- Über den Lenker kauern und warmstrampeln. 200 meter tiefer scheint die Sonne, im Tal ist Halbzeit. Thalfang. Die Edelstahltanks der großen Molkerei  glitzern und werfen die Morgensonne millionenfach zurück. Weißer Dampf steigt auf.  Molkerei, Bundesstraßen und Morgensonne. Letzte Wellen zur Mosel hinüber, grünste Abfahrten.

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Falsch abgebogen, nun über den Pilgerweg steil nach oben. Gehen als willkommene Abwechslung, die Beine ganz anders belasten. Der Kopf ist noch nicht ganz klar, die zwei Brötchen und Bananen von 6h30 sind wohl schon wieder verbrannt.

Mosella

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Dann endlich sehe ich das gelobte Land. Eine große Flußschleife, Weinberge ringsum, Dörfer in der Sonne, in Jahrhunderten gewachsen: so elementar wird der Platz für die Reben gebraucht.

Flüssiges Gold seit 2000 Jahren. Nebenan liegt Piesport. Von dort aus brach der Winzer Kettern mit seinem kleinen Pritschen-Magirus auf bis in die Rheinlande. Aus einer Provinz , die der Römer Ausonius höher lobte als seine Heimat Bordeaux.  Heiteres Schwatzen im kleinen Supermarkt alter Machart. Rheinische Mundart. Verwinkelt, gedrängt, lebendig. Man sieht den Fremdling mit fast unverholener Neugier an, während man Kisten aufreisst und (laut) weiterredet. Morgens vor 10 ein Mann im Edeka. mein zweites Frühstück unter dem blauen E auf gelbem Grund ; vor allem der saure Joghurt, den ich mit Knoppers-Riegeln auslöffle ist neuer Favorit.

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Durch die Weinberge an die Mosel  und auf der Gegenseite in die Eifel: das nächste Kapitel beginnt, die Kalorien sind drin und die Reserven aufgefrischt. Bis Gerolstein könnte es reichen. .

Die  Eifel kündigt sich mit Wäldern, Wiesen und kleinen Wellen an, dazwischen noch immer Reben,  aber bald schon rote Erde. Vieh weidet am Bach, Pferde auf der Koppel, alles ist schön. Ein Moment von Glück zieht vorbei.

Guterde

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, so heißt die Gegend und so ganz anders fühlt sich itzo der Tag an. Warm und voller grüner Düfte. Langsam wird die Welt hinter mir kleiner, der Kamm des Hunsrück als große dunkle Horizontlinie. In einer Stunde zwei Wochen Frühling gewonnen.

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Darüber aber schon ein dunkles Wolkenfeld. Es hat noch Zeit.

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Weiter nur, wo bleibt das große Maar – noch manche Kilometer durch Äcker und Wälder sind zu machen.  Das tiefe Land und wieder so anders als die Gegenseite. Wenn die Sonne wärmt und Du trotzdem glaubst, nicht zu schwitzen. Die Luft hat Sauerstoff im Überfluss,  es ist die richtige zeit für diese Fahrt.

Im Wald holen sie Holz an der Straße, die gerade frisch geteert ist. Die ganze Breite nutzen, freihändig rollen und trinken, gleich kommt das Maar. Noch ein paar leichte Anstiege und dann das Dorf.

Der Urknall

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Ein so schöner Kessel- wie mit dem Zirkel entworfen und unten die Wasserfläche, der tiefste Punkt im großen Krater. Ich setze mich und lasse einmal die Socken auf dem Stein lüften, die Schuhe auch. Ein Denkmal haben sie dem Kaiser gesetzt, weil er den Wasserspiegel gesenkt hat. Es ist Mittag und eigentlich möchte ich bleiben.

Aber die dunkle Wolkenwand über dem  ist mein Feind und vertreibt mich.

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Der Weg führt hinter den berg, ein magischer Weg durchs  Tal der kleinen Kyll . Der Hang schützt mich vor dem Schauer, der mich erst erwischt, als ich aus der Deckung des Tals komme. Sofort in ein Bushäuschen, dort sitzt schon einer. Schauer kommen, Schauer gehen sagt er, hat heute schon 2 erlebt. Es prasselt nieder und 5 Minuten später ist alles vorbei. April im Mai – weiter Richtung Gerolstein, jede Welle die ich überwinde, schützt mich vor der nächsten Regenwand. Gleichmäßig  hinauf und hinunter,  Umwerfer hin – Umwerfer her, Friktionshebel sind etwas genial einfaches, kaum Kraft nötig.

Mehr Autos jetzt  – Gerolstein kommt näher, die große Wolke auch.

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Unter das Vordach der altenTankstelle und die Regenjacke über.  Aber der Regen ist nur kurz. In der Stadt des Sprudels soll es

einen Mc Donalds geben!

Besser als Bingen – an der Innenstadt vorbei (gut besucht, nicht verödet) aber noch ist lockdown.

Zwei Gravelgenossen gesichtet in vollem Ornat. Sie kaufen Norma, Randonneure lieben den Drive in von Mc Donalds. Familien auf der Durchreise bestellen dort ihr Mittagessen und bekommen es in fünf Minuten  -müssen das Auto gar nicht verlassen. Schnell, billig und praktisch.  

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Die Option Pommes and BigMac ist wieder die Richtige. Den Big Mac esse ich unter dem Vordach des Norma, die große Pommes erst im Rollen, als ich das vom letzten Schauer (Grollen eines Gewitters) noch regennasse Gerolstein wieder verlasse – bergauf. Man hat keine echte Wahl, denn die Frage ist nicht Restaurant oder Italiener, Biergarten oder Fastfood, sondern nur: welchen fastfood wählen?… Von allen Lösungen ist  Mc D die Beste ist: sie braten einfach mit weniger Fett oder nehmen mageres Fleisch und ihre Pommes schlagen die gleichfalls tiefgekühlten Qualitäten der Konkurrenz um Längen. Mein Körper, der sonst kaum mit Schnellessen in Berührung kommt, dankt es mir auf dem Weg hinaus, auf dem Weg fort von der nächsten Regenwand.  Weiter in die Vulkaneifel.

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Die sich sehr deutlich abzeichnet , nordostwärts, allmählich höher und höher. Vorn hole ich die gelbe Karte heraus. Jetzt muß eine Kontrolle doch kommen. Gleich 400 Kilometer, die Sache ist fast geritzt.

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Und  hier posiere ich bei km 404 vor einer Nepomukstatue. Gleich weiter aufwärts. Bemerkenswerte Bäume, bemerkenswerte Wiesen, der Wind ist gut, (treibt neue Wolken hinter mir her).

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Bemerkenswerte Traktoren.

Dann ein Viadukt im Ahrtal und wieder fünf Minuten Regen.  Jacke an und gleich wieder aus – man schwitzt so blöde.  Die kleine gelbe Weste reicht gegen den kleinen Sprüher und Wind in der Abfahrt.  Im Windschatten eines Fiesta bleiben und die nervösen Rückspiegelblicke wahrnehmen.   

Wieder so eine krumme Ecke mitten im Dorf. Ich kreisle herum und suche die Abzweigung. Ach da geht’s hinauf, gleich geradewegs hoch zum Friedhof . Wie eben auf dem Weg nach Gerolstein, die Friedhofswege sind immer die steilsten. Track ist track und bist Du erst einmal oben  – geht es eben weiter.

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Jetzt nur noch 20 Kilometer bis zum großen teleskop – ein Witz. Aber der Witz zieht sich. Wer sich in der Eifel verausgaben will, nimmt jeden Anstieg den er bekommen kann. Wieder ein kleiner Verfahrer – man bemerkts erst, wenn der Track im Abschwung verschwindet. Oh my!

Das Ortsschild Effelsberg. Ich habe Dich erwartet.

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Der Anblick eines Radioteleskops mitten im Grünen bleibt ein surrealer Moment. 50 jähriges Jubiläum feiert es  und glänzt vom letzten Schauer. Tief in die Mitte der Galaxie schauen, während Radfahrer mühsam Meter um Meter vorwärtskommen.  Sie wollen jetzt die Radoioteleskope der Welt synchronisieren, noch tiefer und genauer in die Entstehung des Weltalls blicken, von dem sie hier immer nur einen kleinen Spalt kosmischen Rauschens erkennen können. Aus Millionen Kilometern könnten sie einen Radfahrer erkennen. Das Staubkorn kriecht weiter.

Was kommt jetzt? Noch ein Stück Eifel, noch ein Tal und dann der große Abschluß, die hohe Acht. Kein Regen mehr, die Wärme der Täler.  

Eben schon meinte ich, die Motorengeräusche zu hören, die die Eifel an Wochenenden immer wieder erfüllen. Die Motorradkolonnen, die Ausflügler, vor allem aber die Freizeitsportler: der Nürburgring. Die hohe Acht liegt am nördlichen Zipfel des Nürburgrings. Jedes Wochenende treffen sich Hobbypiloten, Fahrzeuge ausbeschleunigen, die auf unseren Straßen vor Kraft kaum laufen können. Überall  sehe ich die überpotenten Mittelklasseboliden, die mir ab Lind und Ahrbrück um die Ohren sausen. Ein Breitensport.  Manche übernachten hier, andere kehren zurück in ihre Werkstatt-Garagen von Köln –Longerich, Düsseldorf-Oberkassel oder Eindhoven….

Über den Motoren die hohe Acht

Die Kilometer seit Gerolstein haben Kraft gekostet. Meine Vorräte aus einem kleinen Dorfladen in Lissendorf halten vor, aber die Müdigkeit setzt sich durch auf dem Weg nach oben. Nach dem Parkplatz zur hohen Acht steige ich ab , einfach schiebend den Tag vollenden. 

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Mit einer Decke beladen, die mir in dieser Nacht nützlich sein soll. Die Sonne geht unter, hinter den Tannen färbt es sich orange und bläulich, die Himmel Tizians leuchten so. Letztes Motorengrollenaus dem Tal. Ruhe und Friede, bis auf die Echokammer der Kolkraben, deren Clans diesen Berg besetzt halten. Sie rufen sich von den Bäumen aus zu, dutzende müssen es sein.

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Dann ist der kleine Bergkegel der hohen Acht erreicht, ein steiniger  letzter Hügel aus Basalt, den ein einsamer Turm krönt.  Überall blüht es zwischen den Steinbrocken. Als ich das Rad an den Handlauf stelle (so steil ist der Aufstieg) höre ich immer wieder Stimmen aus dem Turm.

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Oder höre ich schon Stimmen? Ich weiß es nicht, aber schnell bewege ich mich fort;  bei sinkendem Tageslicht rolle ich vorsichtig zur Straße, die nach Mayen führt. 19 Kilometer später ist es dunkel, als ich durchfroren die Wehrtürme der Stadt erkenne

Kilometer 500. Ich muß essen und schlafen.

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