Donaumonarchie und Alltag 2 – Austria

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Grüße aus Unterstinkenbrunn

10.Juni 21, kurz nach 6h

Da liegt er vor unserem Fenster, der große Strom. Kaum hörbar gleitet er dahin, dahinter die grüne Wand der Bäume voll unsichtbarer Vögel, die ihr Morgenlied singen. Wieder Wolken, aber nur dünn, gleich werden sie der Sonne Platz machen. Sachen in der Dusche gewaschen, über Nacht trocken.  Gut geschlafen ,aber noch nicht hellwach.

ab1Für den zweiten Tag, für die zweiten 300 Kilometer der Reise zur inveloveritas ist alles bereit. Fast alles. Richtiges Packen will gekonnt sein. Während ein Schulbus die Kinder vor der Anlegestelle aufsammelt, macht Toni es mir vor. Nun ist sie prall gefüllt und sitzt bombenfest, die Hecktasch: auf geht’s, liebe Donau, die nächsten zwölf Stunden werden wir Dich nicht aus den Augen lassen.

Hier zieht sie wundervolle Bögen und Schleifen, hier ist sie ein gewaltiger Naturstrom, der sich durch ein Felsmassiv windet.

ab2So dicht ist der Fels am Fluß, daß  manchmal vor akuter und permanenter Felssturzgefahr gewarnt wird. Wir kämpfen wir uns tatsächlich über frisch gestürzte Brocken der brüchigen Felsen und eilen schnell weiter.  Bald schon liegen die gefährlichen Felsen hinter uns. reste einer therme, ein Modell des Störs in Lebensgröße – ein Fisch, dessen Größe dem Strom angemessen ist.

Diese Kilometer seit Passau sind der Abschnitt, der schon1934 Patrick Leigh Fermor in seiner „Zeit der Gaben“ so beeindruckte. Als  Wanderer im Schneetreiben auf hochgelegenen Burgen Herberge finden. Sein großartiges Buch wurde zuletzt bei Fischer verlegt; es ist ein reiches Werk ,ein vielschichtiger Bericht vom alten Europa – dessen Puzzlestücke sich langsam wieder zu einem anderen Bild  zusammenfügen.

Heute werden wir unser Ziel Laa an der Thaya erreichen, etwa 50 Kilometer nördlich von Wien, gleich an der Grenze Tschechiens gelegen. Wir haben dann einen guten Teil des Landes von West nach Nordost durchfahren, wiederum 300 Kilometer. Einstweilen machen wir unsere Vorfrühstücksrunde an der Donau entlang, der  Anblick läßt den Hunger fast vergessen. Aber weit ist es nicht mehr, der milde Morgen meint es gut mit uns.

ab4Dort in Aschach servieren sie uns auch feldfrische Erdbeeren – direkt neue Ernte vom Bauern. Die ersten reifen Erdbeeren im Jahr sind etwas, das man nicht vergißt.

Hier hat die Donau das Waldmassiv durchbrochen und gleitet sie träge durch Feldlandschaften. Der Fluß wird von Auwäldern gesäumt, immer wieder folgt ihm der Radweg schnurgerade wie ein Treidelpfad . Nicht zum letzten Mal erinnert das Bild uns an die Elbe und ihre Deiche. Unbehelligt rollen wir nebeneinander her und plaudern.

Nach der Wildnis, den Feldern und der Regattastrecke bald schon Vorzeichen von Linz, erste und größte Stadt vor Wien. Linz war geteilte Stadt bis 1955. Die Russen besetzten das Nordufer, die amerikanischen Truppen, (die es am 5 Mai 45 einnahmen), die Südseite der Donau. Dann schlossen die Österreicher Freiden und die Russen zogen sich zurück.

ab5Wir bleiben nördlich und streifen  eine Stadtbebauung, die es mit  Plattenbautypen für Arbeiterstaaten aufnehmen kann. Heute redet man  von „Bausünden der 1960er“. Die Bewohner blicken dafür auf den schöneren Teil der Stadt und haben das baumgesäumte Ufer für sich. Darunter eine gruppe schwangerer Frauen, die hantelschwenkend flanieren….

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Etwas später- einen langen Bogen weiter – dann das Stahlwerk.

ac3Esin Musikereignis, brachte mir die Stadt auf die Landkarte: hier führte der Elektronik-Musik Pionier Klaus Schulze seine Linzer Stahlsinfonie im Rahmen der ars electronica 1980 auf. Er bezog  Geräusche des Stahlwerks mit ein und kombinierte sie mit Sequenzerpassagen, plus Klangschichten aus einer Batterie früher Synthesizer. 1980, Digitale Saurier. Archäologen des Techno finden auf youtube die ersten Schritte ins digitale zeitalter..Es wurde live im westdeutschen Rundfunk übertragen , nach 22 Uhr . . .

Die Gebäude selbst, ein gewaltiger Komplex am Strom immer noch in Betrieb, immer noch groß, immer noch der Wirtschaftsfaktor. Die großdeutschen  Anlagen –Linz sollte 1938 zur Industriemetropole des NS-Österreich werden , wurden als Pendant zum Komplex Salzgitter Volkswagenwerk errichtet.

ac4Ich nehme eine kleine Ibuprofen Tablette, aber nicht wegen der Kopfschmerzen der Vergangenheit: Krumm gelegen, Nerv im Nacken ist eingeklemmt, kann den Kopf eigentlich nur noch nach links drehen. Krasses Doping, ich mache keinen Hehl daraus: aber es wirkt.  . .

Nach der Linzer Episode geht es in die weiten Schwemmgebiete des Machlandes über. Manche Dörfer können mit Betonwänden gegen die Überflutungen regelrecht abgeschottet werden. Ein Schild weist uns auf die Straße der Kaiser und Könige hin,  dem man ein kleines, gesterntes  *innen zugefügt hat. Sprachkosmetik stellt Gerechtigkeit her.

ac5Wieder  schwül jetzt, die Auwälder zeigen Holundergewächse von tropischen Dimensionen, die sich zwischen den hohen Pappeln auftürmen. Ein schwerer Duft hängt in der Luft, kleine Pfützen und abgebrochene Äste zeigen, daß uns ein Unwetter vorangegangen ist. Wir spielen weiter Katz und Maus.

Um kurz vor 12 sind es nur noch 200 Kilometer, der Wind steht gut für uns, in zehn Stunden geht die Sonne unter, in zehn Stunden könnten wir bei Büchsenlicht im Ziel sein. Huntertfünfzig kilometer davon am Strom entlang – gute Aussichten.

ac6Nach dem Machlande verengt sich allmählich das Tal und der Fluß windet sich erneut durch wildere Landschaft, besser gesagt eine sehr zivile Wildnis. Kleines Fährboot nur für Wanderer und Räder gesichtet.

ac7Kurz später verfransen wir uns im hübschen Grein, weil wir der Anzeige eines Radladens Folge geleistet haben. Der aber schon geschlossen, man weiß noch nicht, das in Österreich die Mittagspause um Schlag 12 beginnt. Schönes Städtchen aber auf die Schnelle nichts greifbares zu Essen. Unsere Rast verschieben wir auf Persenbeug, 25 Kilometer weiter, denn der Wind schenkt uns Meilen.

Neben einem weiteren Wasserkraftwerk entdecken wir dort einen hübschen Dorfplatz samt Linde und Biertischen. Sehr einlandend und gerade zur rechten Zeit. außer uns nur ein Paar, daß den Mittag mit Aperol Spritz anläutet.

ad2ad2Hier  einkehren, während es sich über uns doch bedenklich verdunkelt. Und tatsächlich: während ich Muße habe über die Bestellung die gesamte Kronen Zeitung zu studieren, (Lastwagenwerk verkauft, EM Pinup, PromiDramen mit unbekannten Promis) , schauert es auf die Sonnenschirme. Zufrieden  prosten wir uns zu, Bier ist immer gut, die Kronen Zeitung spricht von einer Europameisterschaft, die bald beginnt…

Eine gute halbe Stunde später machen wir uns (leidlich gesättigt) wieder auf. Mehr kann über Aufbackbaguette leider nicht gesagt werden. Aber es gibt wichtigeres: das  heutige Rennen mit dem Regen hat begonnen. Wir leben in einer aufgeklärten Zeit, alle halbe Stunde gibt es ein update zu den umliegenden Gewitterzellen.

ad3Unterwegs lesen wir eine  Staffel junger Radwanderer auf, doch bald fallen erste schwere Tropfen, die uns zur strategischen Pause zwingen und  dann winken sie uns dem Vordach zu. Wir peilen Wetterlage, schieben Kalorien nach, regenwesten auspacken.

Wir sind umzingelt: östlich verschwindet KlosterMelk in einer Regenwand, rundum sieht es nicht gut aus, von Nordwest wird sich bald die nächste Regenblase heranschieben. Wie wir es auch angehen: der Nässe entkommen wir nicht.

ad4Also los, einfach darauf setzen, daß dieser Schauer bald weiterzieht.  Der Donauradweg mit neuem, allzuglattem Asphalt, der das Wasser aufschwimmen läßt. Was solls, nun sind wir eh nass, ruckzuck durchgeregnet. Weiterstrampeln, mitleidig auf rastende Trekkingbeiker blicken, die ihre Akkus schützen – so haben wir die Strecke für uns allein. Immer wieder wechselt der Weg nun die Seiten.

ad5ad5Melk in einer Regenhülle – erinnere Adson von Melk, Erzähler vom Namen der Rose. Zu seiner Zeit stand das barocke Prunkstück nicht.

Auf manchern Passagen genießen wir ein Rennrad –Privileg,  aber insgesamt sind solche (ausgerechnet solche) Radwanderstrecken nicht für Kilometerfresser gemacht. Die Interessen von Wohnmobilen, Lastverkehr und radtourismus überschneiden sich allzuoft, und so geht der Donauradweg mit vielen kleinen Schikanen und Ortsdurchfahrten in leidlichem Rhythmus .  Das Rennrad liebt die gleichmäßige Strecke.

ad6ad6Über diese kleinliche Kritik ist dafür die Landschaft erhaben. Kaum kommt die Sonne heraus, beginnen die fantastischen Weinberge der Wachau,  der Wechsel sanfter Hügel, Reben an den Hängen und darüber waldige grüne Kuppen.

ad7Die hartnäckig altmodische Bepflasterung schüttelt durch, die schönen, gepflegten Dörfer begeistern.

ad9Hier, mitten in Wösendorf dirigiert die Braut vor der Kirche die Musik. Sie gibt der Kapelle den Takt, die Zuschauer klatschen, die Musiker sind ausgezeichnet. Der Saum des Kleides ist feucht, denn die Sonne kam eben erst durch. Eine Weinkönigin in ihrem Reich? –  man möchte eigentlich gar nicht mehr weiter und wartet auf knallende Korken.

ad8Die kleine Salutkanone weckt mich aus meinem Tagtraum , Toni hat geduldig gewartet. Zurück durch die Weinberge! Noch einige Kilometer geht es so auf und ab, zwischen Landstraße und kleiner Eisenbahn, die auch mitten durch die Dörfer läuft.

Dann ist das kapitel beendet –

ae1Mit Krems schließt die lieblichen Episode Wachau ab. Die Provinzhauptstadt bildet Anfang und Ende, je nachdem von wo man kommt. Weinakademie, Kunsthalle, wir schlängeln durhc einen moderaten Abendverkehr. Eine proppere Stadt mit langen Fassadenreihen voller Stuckornament. Hell und freundlich .

ae2Und dann gleich wieder industriell und nüchtern. Kanäle, Müllverbrennung, Metallverwertung, Industrie. Schluß mit der Postkarte für den Tourismus, vorbei am großen Klärwerk.

Und jetzt der Wind und der Treidelpfad am Strom, der immer breiter wird. Kurz nach 6, Seitenwechsel, die Donau wieder in einer weiten und flachen Ebene.  Das Schilf beugt sich im Wind. Im Zeitraffer über Tulln bis Stockerau. Jetzt lang gemacht auf den Eddys und Meilen schrubben, die Räder wollen es !

Immer häufiger nun Radsportler auf der Abendrunde: auch auf dem anderen Ufer bolzen sie Tempo. Wir gleiten dahin, essen die Leberkäs-Semmel aus der Wachau und andere Früchte, die sich noch in meinem gelben Beutel befinden.

Um 7, abends,

ae3geht es dann nach Norden. Ein letztes mal die Uferseite wechseln. Auf Wiedersehen liebe Donau, nun Kurs Nordost. Noch zwei Stunden bis Laa. Die Wolkenwand zu unserer Linken ist irgendwo hinter uns geblieben, garniert den Horizont. Die Drohkulisse löst sich in harmlose Streifen und versprengte Wölkchen auf. Wir sind müde aber fühlen uns wie Gewinner.

ae4Welle um Welle weiter nach Norden, die untergehende Sonne linkerhand.

ae5Kaum Autos auf der schönen Landstraße, ganz ungestört genießen wir die letzten Kilometer ins Ziel (noch ein Anstieg der dritten Kategorie), während der Schweiß letztmals rinnt. Dort die Radome des Buschbergs, dahinter geht es in die Thaya-Ebene hinunter. Diese Zwiebelknolle haben wir leuchten sehen

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Wir lachen in Unterstinkenbrunn -Danke Leo Schatzl. Dann wird es ernsthaft dunkel, aber wir sind schon da:

ae6Mir ist, als käme ich irgendwo in der Prignitz an. Verblichene Plakate, graue Häuser aus alten jahrhunderten, unbekannte Ampelzeichen und neue Supermärkte.  Allebäume und eine Brauerei: wir sind überrascht und neugierig. Angekommen bei der inveloveritas 2021!

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3 Antworten zu Donaumonarchie und Alltag 2 – Austria

  1. Luisa schreibt:

    Toller Bericht, wieder einmal gern gelesen.
    Ich moechte jedoch anmerken, dass die voestalpine in Linz das Schwesterstahlwerk zur Salzgitter Flachstahl in Salzgitter ist und nicht ganz das Pendant zum Volswagenwerk darstellt.
    Das Stahlwerk in Salzgitter wurde 1937 als Reichswerke Hermann Goering gegruendet. Das Huettenwerk in Linz wurde 1938 uebernommen und eingegliedert in die Reichwerke Hermann Goering. Ziel war die Autarkie von Rohstoffen, da man schon wusste, dass die Handelspartnerschaften mit anderen Laendern durch zukuenftige Kriegshandlungen wahrscheinlich abbrechen wuerden.
    Ich stamme aus einer Stahlwerksfamilie und habe selbst neun Jahre lang meinen Frondienst in Salzgitter geleistet. Bei europaeischen Stahlingenieurstreffen bestand auch vor wenigen Jahren noch eine Verbundenheit zwischen Teilnehmern aus Linz und Salzgitter.
    Glueck auf aus Kanada!

  2. crispsanders schreibt:

    Vielen dank für die Präzisierungen – vor allem die interna ! Das Volkswagenwerk habe ich nur erwähnt, um auf den industriepolitischen Zusammenhang „KdF“ – Mittellandkanal – Reichswerke H.Göring und letztlich Linz hinzuweisen..“

  3. Pingback: Donaumonarchie und Alltag 2 – Austria | Silberspeiche

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