Notizen zum Tourmalet

at1Die Voie Laurent Fignon ist die alte, ursprüngliche Strecke zum Paß, die im weiten Bogen durch ein fast baumloses Seitental führt.  Schon seit mehreren Jahren ist diese Variante sich selbst überlassen, der bessere Asphalt findet sich auf der Gegenseite, dem einige hundert Meter längeren Anstieg über die Skistation Superbarèges. Für Automobile ist sie gesperrt.

at3Nur noch 6 Kilometer bis zum Paß, sagt das Schild dem hoffnungsvollen Fahrer. Der  Countdown der Schilder beginnt bei Kilometer 18, direkt hinter Luz St Sauveur. Steigungen aber gibts schon früher –

at2An diesem Lawinentunnel  ein paar Kilometer hinter  Argelès Gazost hat man erste Wellen bezwungen, und hört den Bergbach Luz in der Tiefe rauschen.

at5Hier in  Luz St Sauveur (gut besucht) teilen sich die Weg Wege zum Tourmalet und zum Cirque de Gavarnie. Links Tourmalet, Rechts Gavarnie.

Und nach dem Trubel von Luz beginnt ein langer Kampf auf einer Geraden, die sich bis Barèges ziehen wird einem Ski-Ort alter Schule. 8 oder 9 Kilometer ist sie lang, diese Gerade, und nur zwei kleine Kehren schaffen Abwechslung. Was auf zwei oder drei Kilometern noch ganz erträglich wirkt, macht sich mit den Höhenmetern immer zäher. Nie sollte man sich von der Leichtigkeit des Beginns täuschen lassen, erst recht, wenn man im Jahr noch keinen großen Pass gefahren ist.

Ein blauer und ein orangener Punkt vor mir helfen – wir sind eine unsichtbare Seilschaft. Hin und wieder gehe ich noch auf 24 zähne, aber sparen ist Gold, nimm 28. Man fühlt sich gut, kurbelt im Schatten, die Luft ist frisch und voll Sauerstoff – noch.

at4In Baréges ist der orangene Punkt abgebogen, aber die Gerade steigt unerbittlich weiter. Jetzt nur noch der blaue Punkt: das Blau ist der Himmel auf seinem Trikot, das die Pyrenäen zeigt – eine Sportveranstaltung. Es ist junger Mann mit rasierten Beinen. In meinem Rhythmus komme ich auf seine Höhe grüße  – vorbei ohne zu beschleunigen, immer nur den Takt halten.  Ich fahre auf keinen Fall schneller, halte einfach das tempo. Im Gegenteil, ich richte mich auf und verschränke die Arme hinter dem Helm, meine Methode, die Rückenmuskeln zu entspannen.

at8Schon zieht der Himmelblaue vorbei und geht aus dem Sattel. Bittesehr – er schaltet, ich schalte nicht, denn das Schwierigste kommt . Nicht, weil der Tourmalet irgendwo mörderisch steil würde,  das nicht, die 9% hinter Baréges sind schon das Maß. Gefährlich sind seine Länge und vor allem die „alpine“ Höhe . Die Prozente bleiben, während der Sauerstoff entweicht und die Müdigkeit steigt. Da kommt die Voie Fignon, unsere Wege trennen sich bald nach dem Trafohaus. Wie sagte Jean Albert Richard: ein Rollerberg – nun – nicht ganz.

at81

Die letzten Bäume stehen recht exakt an den ersten Metern der Voie Fignon, die immer noch von letzten Inschriften einer längst vergangenen Tour de France gezeichnet ist. Nach einer Viertelstunde sehe ich alles von oben. Diesen schönen Vorteil hat der Nebenweg: man sieht sehr weit ins Tal hinein, das macht die Qualen leichter, denn das, was man in einer Viertelstunde erreicht wirkt von oben fast wie ein Wunder. Und es ist einfach schön, hier völlig allein mit sich unterwegs zu sein – ohne Autos, Räder, Motorräder oder Wohnmobilen. Nur die ein oder andere (Rinder)Bremse trübt das  Bild. Merkwürdig, daß keiner diese Variante wählt.

at82Und tief da unten sind die kleinen Punkte auf der Straße, die anderen Radler, die sich über die Hauptstrecke  hinaufarbeiten. Ich versuche den blauen Punkt zu erkennen. Nicht möglich. Die blaue Luft ist so dünn, in ihr zerfließt alles. Die Ferne wird  von einem ganz leichten Hauch überzogen, ein riesiges sonnendurchflutes Tuch aus Gaze….

Immer wieder im Sattel aufrichten, ein wenig Wiegetritt, damit die Rückenmuskeln nicht verspannen. Rückenmuskulatur . Derart lange berge kann man einfach nur vor Ort  trainieren. Wie gut  der countdown der Schilder tut.

Und langsam laufen die beiden Strecken wieder aufeinander zu, begegnen sich, wo die Hänge in einem riesigen Halbrund zusammenlaufen. Die Luft ist klar kühl und dünn, wir sind über 1800 Meter. Mit einer ganz kurzen Rampe läuft die Voie Fignon auf die Strecke zu.

at9Der Blaue taucht links unter mir auf. Ich winke kurz zurück. Vor mir gibt sich endlich die Paßhöhe zu erkennen, der kleine Zacken in der großen Wand.

Und wieder andere Fahrer, bepackt, mit Leihrädern und Turnschuhen. Alle wollen sich an diesem Titanen versuchen. Eine Prozession ist es jetzt und das hilft.

at91Am 3km Schild eine kurze Erlösung, fast flach läuft die Strecke auf die nächste Rampe zu. Noch einmal die Lunge füllen und die Beine vor der letzten langen Rampe strecken und dann hinein.

Alles ist in einen blauen Schleier getaucht, das Licht wirkt weiß, irgendwie milchig und die Bergwand schwebt davon. Jetzt die Prozession der letzten zwei Kilometer am Hang entlang. Eine unterbrochene Kette gebeugter Gestalten, an denen ich langsam und grüßend vorbeiziehe.

at94Dann die weite letzte kehre vor der kleinen Schlußrampe: hier stehen Photographen, deren Vitrine unten in Luz zahllose anonyme Tourmalet Touristen ziert. Im Vorbeifahren bekomme ich eine karte zugesteckt und drehe ein letztes mal in den Wind, der scharf über den Kamm kommt und nur an der Wand rechts findet sich Schutz.

Der letzte Wiegetritt am aller allerletzten Steilstück, die Skizze eines Spurts, um es endlich zuendezubringen.  . . Dann der Halt an den Gedenktafeln mitten unter den Wartenden. Mir ist fast schwindlig. Flaschen werden geleert, Menschen fallen sich in die Arme und andere warten noch.

at72at95Das ist die kleine  Empfangslobby des Tourmalets an einem unendlich ultravioletten Tag im August.

Jetzt ein Foto und auf der Gegenseite  wieder hinunter.

at96Und dann an der anderen Seite hinunter. Man erkennt klar, an welcher Seite die Tour de France in diesem Jahr heraufkam.

Nur noch 50 Kilometer, aber die sind meist flach.

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