Le 100 du Sud – hinunter zum weißen Gold

Die ersten Autos haben mich morgens gegen 5 Uhr geweckt. Ich liege auf einem Rastplatz neben einer Straße, die ich später als Route Napoléon identifiziere. Vor mir hat schon ein Wohnmobil mit Münchner Kennzeichen die Stelle entdeckt. Ein kleiner Fels schützt mich vor dem kalten Wind, der vom Berg herunterkommt. Ein wenig provenzalisches Gras, Moos und hier und dort. Darunter nackter Fels. Ein leichter weißer Seidenbeutel hüllt mich ein, darüber der dünne Biwacksack. Die Kombination funktioniert bei knapp 10 Grad auf 1000 Metern, richtig bequem ist es immer noch nicht.  

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6Uhr 20, ein Blaulicht gleitet lautlos zu Tal, mit ihm folgen meine Augen dem Verlauf der Paßstraße.  . Die Umrisse der provenzalischen Alpen zeichnen sich ab – dort, wo es heller wird, muß ungefähr das Mittelmeer liegen.

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Es war angenehm warm beim Start und die Stimmung in der goldgelben Sonne gelöst. Hier Pascal Bride beim vorbereiten seines S-Works Geschosses. Er und seine Mitfahrer aus Mulhouse wissen wie es geht: Diagonale, Three PeaksBikerace, Race Across France und jetzt den 1000 hinten dran…..

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Bernard – Mr Citroen – läutet lautstark zum Start. Viel Glück ruft er uns zu und ab ins Tal.

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Noch einmal ganz hinunter, vorbei am First eines alten Hauses, in dessen Dreieck eine kleine Glocke baumelt, während die Wolken immer stärker vom letzten Sonnenlicht eingefärbt werden. Dann tanzen die Lichter der Räder durch die Weinberge.

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Wir durchqueren in kleiner Gruppe noch ein, zwei sehr malerische Orte, erstaunte Passanten blicken uns vom Restaurant aus nach. Es geht weiter bergauf und es wird kühl, kühler und dunkler. Bald sehe ich nur noch den Lichtkegel meines hellen weißen Vorderlichts und zwei, drei Lichter meiner Begleiter. Schwankende Punkte.  

Es ist kaum zu glauben, wie dunkel es wird. Nur ganz selten ein einzelnes Gebäude, das rote Positionslicht eines Mastes auf dem Berg, so genau kann man das nicht erkennen. Der Rest sind Umrisse verschiedener Unsichtbarkeit.  Es ist keine besondere Steigung, aber sie ist lang und es geht immer weiter hinauf. Irgendwo rechts von mir ist es noch dunkler, vermutlich ein Tal. Ich sehe nichts und fühle nichts. Ein Anstieg folgt dem nächsten und zieht sich.

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Es sind ein paar Stunden herum und es ist eigenartig: nicht zu anstrengend, die Beine tun was sie sollen, aber alles zu dunkel, eintönig und allmählich zu kalt. Irgendwann ein Passschild: 1100 Meter. Es wird weiter hinaufgehen, der Col d’Allos liegt auf 2000 Metern bei km 160. Also noch kälter. Dahinter hinunter nach Italien bei Tageslicht. Irgendwo, sehr weit fort. Aber jetzt ist es Mitternacht und wir stehen irgendwo in einem Dorf, vielleicht ist es Castellane, wir sind zu viert, finden Wasser und ziehen wärmende Jacken an. Ich esse Mandelriegel und noch einen Fruchtriegel und muß an die gute Daube denken, die es in Cotignac beim Bäcker am Kirchplatz gab. . .

Wege aus dem Dunkel

Soll das jetzt immer so weitergehen? Der starke Grund, weiter ins Leere zu fahren ist fort – dagegen keimt die Befürchtung, mich in eine endlose Abfolge kalter, einsamer Anstiege und Abfahrten zu begeben, aus der es kein Entrinnen gibt. Bis Albertville in 500 Kilometern kommt nicht allzuviel.  

Die ununterbrochene Folge von Naturschauspielen und diversen Steigerungen der Einsamkeit machen ja gerade den Reiz der 1000 du Sud aus. Das unverfälschte Schauspiel unberührter Natur, die Bergeinsamkeit und ihrer unwegsamen kleinen Pfade . Das sagen sie alle, das ist die coffee table book Phantasie, die die Freunde erschaudern und von Abenteuern und endlosen Weiten träumen lässt. Aber man muß vor allem eine unbändige Lust verspüren, Kälte, Erschöpfung, schlechten Schlaf und mäßiges Essen dafür in Kauf zu nehmen. Das sieht man auf Bildern nie.

Ich habe vorhin den grünen Wegweiser nach Grasse gesehen. Das hat meine Phantasie wieder in Gang gesetzt . . . und die Erinnerung an Super Cannes.

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Nach kaum 100 Kilometern weiß ich, daß ich nie eine einzige Kontrollstelle des 1000 du Sud passieren werde, mein Rad an keinem der 13 oder 14 Pässe abstellen werde, um es zum Beweis seiner Existenz abzulichten.

Ich muß nach Süden – schrieb ich schon, daß Berge nachts sehr langweilig sein können? Ich sage den anderen Bescheid (sie wirken etwas verwundert – nein danke, es fehlt mir an nichts,  ich habe einfach keine Lust mehr) und mache mich allein in eine Nacht auf, die erst gegen 2 Uhr morgens auf dieser kleinen Nische der Route Napoléon endet,  einem Ort, an dem es endlich warm genug zum schlafen wurde. Ich träume von Grasse und Super Cannes, die Alpen können warten.

Super Cannes

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Seit mehr als 40 Jahren war ich nicht mehr an diesem Teil der Küste. Ich schäle mich aus dem Seidenbeutel, der sich wunderbar zusammenknautschen läßt und stopfe alles wieder in diese Hecktasche, die nun auch schon 6 Jahre treu dient. Sehr leidlich geschlafen, aber die Aussicht, hinter den Bergen ein gutes Croissant von einem guten Bäcker zu bekommen macht es wett.

Es rollt wunderbar den Berg hinunter in die Frühe, pausenlos überholen  Autos und Lieferwagen mit Vollgas, streifen beinahe die Poller am Abgrund, weil sie vermutlich genau dorthin müssen, wo ich auch hin will: Grasse. Und danach Super Cannes: endlich Orte des großen Romans ins Auge fassen, die Wirklichkeit von Super Cannes sehen, um die Fiktion an der Realität eines heißen Spätsommertages zu messen.

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Mit diesem letzten Paß verlasse ich definitiv die Welt des 1000 du Sud, jetzt wartet die Welt von Super Cannes.

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James Ballard schrieb den Roman um 1996 und eine Deutsche Übersetzung dazu gibt es bis heute nur in einer Schublade meines Schreibtischs. Es ist die doppelte Dystopie einer Kunstlandschaft in einem Freizeitpark namens Cote D’Azur. Die Vision einer idealen gated community globaler Führungskräfte, in der unter der Haut eines minutiös optimierten Hochleistungslebens die Perversionen ungestraft blühen. Mitten in der Landschaft, die ich nun endlich sehen will. Das Scheitern eines Kinderarztes in einer Welt ohne Kinder. Das Hinterland von Cannes.

Grasse im Morgenlicht

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Man ahnt schon alles eine Kurve vorher. Als es am 500Meter Schwimmbad vorbeigeht, öffnet sich das Panorama,  die gelbe Stadt wird von der aufgehende Sonne hauchweise rosan angefärbt, an den letzten Ausläufern des großen Massivs, diese schöne alte Stadt am Hang, ein lombardischer Turm grüßt von weitem und eine Frau auf dem Rennrad kommt mir entgegen – am Horizont das Mittelmeer.

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Ich habe nicht gewußt, daß Grasse – also Grasso –  lange italienisch war, aber die Gebäude und Palmen, die ganze Anlage der Stadt läßt keinen Zweifel. Die katalanische Flagge am lombardischen Kirchturm erinnert an noch ältere Herrschaft. Vom  Boulevard geht es auf eine Piazza hinunter, mit der Suche nach dem nächsten Café dringe ich ins Labyrinth der dichten Altstadt.

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Dort reiht sich eine Parfumboutique an die nächste. Keine Filialen von Sephora, nein , kleine, alte und neue Hersteller, die aus den Produktionen der Distillen im Umland ihre eigenen Kreationen ausstellen. Grasse ist die Stadt der Blumen und Düfte, fast 300 jahre schon finden sich Distillen, Alambics  und Ölpressen um aus den feldern des Umlands die Esssenz zu extrahieren

Neben Molinard ist Fragonard (mit dem Maler verwandt) der große Name. Beide Häuser ehrwürdig und alt, Molinards Ruhm gründet auf einem Duft der 20er Jahre: Habanita! Bevor Chanel sie alle hinwegfegte. Aber sie leben weiter,  verdienen hier auch an Chanel und Dior,  ich werde es bald erfahren. . .

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Fragonard scheint eine ganze Straße zu gehören, man hat in Inneneinrichtung und Stoffe diversifiziert.

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An einem alten Wasserbecken wasche ich mich kurz und spüle meine Kappe aus. Nur Einheimische  mit Hunden oder auf dem Weg zum Croissant unterwegs. Ich genieße ein Zweites und ein Drittes.

Dann der alte Bischofssitz und der Dom, eine spätromanische Basilika aus dem 12ten Jahrhundert.  

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Mein Rad steht vor dem Portal der eindrucksvollen, gedrungenen Basilika, am Rande eines kleinen Plateaus über der Altstadt. Diese späte romanische Kirche erinnert innen unmittelbar an den Limburger Dom – von außen verrät nichts die Ähnlichkeit. Weniger hoch gebaut, massiver, ohne Verputz, erheblich gedrungener wirken die Säulen. Ein niedriges Dach und kleine Fenster vermitteln Geborgenheit. Wie eine dunkle, massive Vorstufe zur kommenden Gotik. Ich dringe nicht weiter vor, es wird gerade die Morgenmesse gelesen  –  eine Handvoll Gläubige.

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Die Läden werden gleich öffnen und die Gassen füllen sich allmählich. Zeit für die alte Route Nationale nach Cannes und Super Cannes .. .  . aber bald schon bremse ich ab.

Die kleine Welt der Düfte

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Es ist ein schlichter Flachbau an der alten Nationale, das Werksmuseum der Parfums Fragonard. Wann, wenn nicht jetzt. Offenbar bin ich der erste Gast an diesem Morgen, umso warmherziger der Empfang. Der Mann vom Sicherheitsdienst stellt mein Rad hinter seinem Scooter ab und bietet mir einen Café aus seiner kleinen Maschine an. Die Dame hinter dem Tresen fragt mich woher und wohin – ein Radfahrer in einer Parfumfabrik! Gleich kommt eine Führung für Sie!

Dafür verrät sie mir, daß in ihrem Dorf gerade die Blüten geerntet werden. Die Blüten aus denen Chanel dann das Jasminextrakt und die Nelke gewinnt. Sie ist aus Plascassier, ein Dorf unterhalb Grasse, das immer schon Blumen für die Parfumerie angebaut hat. „Aaah, Madame est une Plascassiette . . „ macht der Sicherheitsmann sein Wortspiel. „Und wie seid ihr Leute von Plascassier so?“ „Sehr gut! Sagt Madame, „wir lassen uns nicht gegenseitig fallen, wir wissen, wann es einem Alten schlecht geht oder jemand Hilfe braucht. „ Das ist gut so!“ und zu mir sagt er noch mit einem vagen Blick Richtung Grasse: “ . . während da oben, die da kennen nur sich selbst, kein Zusammenhalt mehr, nichts…“

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Die Führung besorgte dann eine Asiatin, deren vornehmliches Ziel es offenbar war, mich in den tiefergelegenen Verkaufsraum zu bugsieren. „Sie sind ein Sportler, vermutlich mögen sie ein sportliches Parfum?“ Nur Eau de Cologne für mich, haben sie eines? Natürlich. Kleinste Größe? 200ml. Bedaure, ich reise mit sehr leichtem Gepäck. Vermutlich ist sie hier, weil sie mehrere Sprachen beherrscht.

Der Wachmann mit dem Scooter gibt mir eine Empfehlung. „Wenn Sie Zeit haben, gehen Sie zu Molinard, ils sont très serieux“ …

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Nach einem wirklich scharfen Anstieg erreiche ich die Felder von Plascassier und sehe die kleine Gruppe bei der Ernte. Für manche Blüten beginnt sie schon vor Sonnenaufgang, bevor die Blumen sich öffnen und auch hier wird das Tagwerk bald vorbei sein. Es sind Nelken . . . .

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Weiter unten, ganz unscheinbar auf einem kleinen Feld der ersehnte weiße Schatz, die schwierigste und teuerste Blüte. Drei, vier Feldstücke, die eine Million wert sind, Dior hat sie gepachtet, auf  Jahre und ausschließlich für seine eigene Produktion: die Tuberose. Ein erdiger und gleichzeitig grüner Duft weht herüber, ich traue mich nicht über den Zaun.  Der Duft dieser Blüte muß über imprägnierte, geschichtete Tücher extrahiert werden – sehr aufwendig und entsprechend unbezahlbar ist das Extrakt.  Ich habe das weiße Gold gesehen und kann nun durch die steigende Hitze nach Super Cannes. . . . . .

Im Vorbeifahren sehe ich die letzten Pflückerinnen das Blumenfeld verlassen. Es sind die ersten Menschen seit Tagen, die ich bei einer Arbeit gesehen habe,  hier und in der kleinen Werkstatt.

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  • und jetzt sehen, was von Cannes nach CoVid übrig ist.
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