Über Cannes – tender is the night

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Mit Grasse endet die wilde Provence. Südlich davon beginnt ein eigenartiges, überfrachtetes Amalgam von Zweckbauten, Ferienvillen und drive-ins um alte Ortskerne, für das Natur nur Dekorationsmaterial ist. Eine komprimierte periurbane Zone, ein schier endloser Streifen der Zweitwohnsitze, Swimming Pools und Zubringer. Alles unter der Sonne, die vermutlich der kalifornischen Sonne als Muster diente.

aa1Mit Mühe lässt sich nach Mougins ein schattiger Platz finden, an dem sich ein Baguette in Ruhe genießen läßt. Eine Parkbucht der Nationale 86, ein schmiedeeisernes Gitter, der Blick auf einen Swimmingpool im Gegenhang. Einer von millionen Entwürfen, ein privates Paradies zu schaffen, zu dem die Welt keinen Zutritt hat.

Die Straße gleitet in sanften Kurven hinunter Richtung Meer.

ac5Gebäude links und rechts, Wegwerfarchitektur in der sich alles umschlagen läßt, was schnell raus muß .

Endlich den letzten Kreisverkehr überwunden, dazwischen immer wieder gleißende Schnipsel des Meeres. Männer in SUVs mit goldenen Uhren – so ließe sich der automobile Stil beschreiben, der das vergangene Jahrzehnt geprägt hat.aa3

Eine alte Gasse führt direkt aufs Meer zu und stürzt in die Stadt hinunter

Touristengruppen werden auf Elektrorollern durch Cannes geführt – der Sedgway hat ausgedient,  falls sich jemand erinnert. Aus allen Ecken gleichzeitig scheinen Menschen durch die Stadt zu strömen.  Es ist 12h Mittags, ich bin an der Croisette

513800191Man sollte Bilder hochhalten, wie dieses von Raoul Dufy, der 1940 einen friedlichen Platz malt, auf dem der Musikkiosk fürs Abendkonzert bereitsteht. Aber Cannes ist das Gegenteil von Nostalgie.

Ganz ohne Vorahnung bin ich hierher geraten und entdecke eine Karikatur in Übergröße . Die Grand Hotels erwarten geduldig eine Endlosschleife an Gästen, die das immense Messegelände saisonal wie Ebbe und Flut anspült.

aa5Dieser Radstreifen – er kann noch nicht sehr alt sein- verwandelt die Avenue unter Palmen in eine Dauerprozession von Fahrzeugen, die vermutlich nur zwischen  2 und 5 Uhr morgens unterbrochen wird. Wer ein Rad führt, bewegt sich im Sandwich zwischen der überlaufenen Promenade und den schwarzen heißen Panzern, die sich stoisch an ungefähr 100 Schmuck-Boutiquen vorbeidefilieren. Die Aufzählung aller Markennamen würde auch Christian Kracht überfordern.

aa7Noch etwas weiter der Strand. Gut belegt, dahinter als Verschiebebilder auf flüssigem Untergrund Yachten und ein Kreuzfahrtschiff, daß die Luxusspielzeuge zu Meereszwergen degradiert. Rentner, wohlhabend vermutlich, schlank getrimmte 70 jährige eilen zielsicher vorbei, nicht bereit sich die Butter vom Brot nehmen zu lassen. Daneben: Uniformierte Arbeitsdarsteller höherer Ordnung; meist Männer in neuen Anzügen und sehr neuen Schuhen. Ein auffällig buntes Band am Handgelenk ist kein Zeichen modischer Verspieltheit sondern deutet auf den Zulass zum Kongressgebäude. Ein gläsernes Maul wartet dort auf Menschenfutter.

aa2Die Immobilienmesse findet statt und on top die Yachtmesse. Postergirl ist eine junge Frau, deren Gesicht halb von einem breitkrempigen Strohhut verdeckt ist – man sieht aber noch den roten Lippenstift und ein makelloses Profil. Motorjacht oder Segelschiff wird nicht präzisiert.

ab3Wie Schichten eines  Kuchens bewegen sich die Menschen aneinander vorbei. Die  Kaste der Hostessen ist reichlich vertreten, bunte Flecken schreiten frohgemut aus.  Und einige flanieren tatsächlich zum eigenen Vergnügen hier entlang. Die Sonne strahlt hell und leuchtend über allem, ein sanfter Wind macht sie sehr erträglich, geduldig warten die Verkäufer in den konzessionierten Kiosken der Stadt.

ab6Der Blick aufs Meer ist von den spitzen Plastikgiebeln der Hospitalityzelte versperrt. In der künstlichen Kleinstadt werden Abschlüsse unterzeichnet, für die ein Lebensarbeitseinkommen (Euro) manchmal nicht ausreicht.  Der Strand besteht aber offensichtlich nach wie vor aus Sand.

Wenn es eine Droge gibt, die mir zu Biarritz einfiele dann eher Marihuana. Hier in Cannes ist Gras allenfalls als Pausendroge geduldet, und Alkohol war gestern – Alkohol  ok, aber Ohne Koks kommst Du nicht rein .

ab4Ich will sehen und man zeigt mir. Sehen, was geschieht, wenn man morgens auf einem Felsstück erwacht, auf den rosa Streifen Licht wartet, der endlich die Umrisse der Berge ausmalt, um dann aus der kargen Höhe auf zwei schmalen Reifen in eine verwirrende Dichte zu gleiten, in ein bizarres Kondensat aller Träume vom guten und schönen Dasein, die sich seit hundert Jahren über die Cote d’Azur wälzen, angefangen von tender is the night bis zur aktuellen Ausgabe der Yachtmesse, für die aktuelle und die nächste Generation der Unersättlichen.

ab5In der dritten Reihe warten die Restaurants auf den Abend, und es sieht nicht so aus, als hätte Covid unter ihnen ein Massaker ausgelöst, es sieht überhaupt gar nicht so aus, als gäbe es eine weltweite Pandemie. Wer tot ist, ist einfach nicht mehr im Geschäft.

cannes dufyDer Kiosk ist immer noch leer. Ich werde gleich weiter der Palmenpromenade bis la Bocca folgen, dem unseligen Vorort aus James G Ballards Roman.

ab7Dann lasse ich die Hauptstadt der Traumvermarktung, der Werbephantasien und des Influencergoldes  verblassen, werde die graduelle Abstufung der Immobilien wahrnehmen, bis sie nur noch triste Apartmentblocks mit Meerblick sind, irgendwann als solides Investment von guten Angestellten des Kontinents gekauft. Neue Heimat Côte d’Azur.

Nach dem letzten der 178 durchnumerierten Strandkioske  führt ein Geschlängel von Autostraßen und Kreisverkehren durch die Vororte zur alten Nationale 7: Überlebender. Hinter La Napoule ist es soweit, es geht hinauf  ins Hügelmassiv des Esterel.

caus if money doesn’t matter tonight it sure didn’t matter yesterday…

ac0Hier heißt die Route du Soleil nur noch D 6800! Während das Gewimmel der Riviera immer leiser und kleiner wird, findest Du Dich fast völlig allein in der Hitze wieder….

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2 Antworten zu Über Cannes – tender is the night

  1. Henrik schreibt:

    Sinnstiftendes aus spitzer Feder! Sehr froh: Zeitgleich im alpinen Irgendwo über teils allzu rauhe Pfade gerumpelt, Perlen „echten Lebens“ gesammelt.

  2. crispsanders schreibt:

    Alles zu seiner Zeit

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