Hamburg – Berlin, ein Zeitfahren ! Teil A

ag2In den Startlisten zum Zeitfahren Hamburg – Berlin 2021 wird man vergeblich suchen: unter den 200 Namen, die sich die Plätze schon Minuten nach der Anmeldung gesichert haben, fehlt mein Name. Die Straßen sind frei, darum nehme ich mir vor, die letzte lange Strecke des Jahres incognito zu fahren, als einer der wenigen Einzelstarter und vermutlich als einziger Fahrer mit einem Rad von vierzig Jahren plus Randonneursgepäck.

ag1Meine silbergraue Gazelle trägt die Nummer 3259800 unter dem Innenlager eingeschlagen, eine Zahl aus dem Jahr 1980. Es ist ein 60er rahmen aus 531er Reynolds und der hat außer den lustigen Schmetterlingsstegen eine Besonderheit: ich habe ihm eine 175er Kurbel montiert. Im normalen Radleben gehen 170er Kurbeln klar, mit meiner Schrittlänge kann ich ruhig mal 175 probieren. Nach Genzling (1986) wird dann bei gleicher Umdrehungszahl weniger Pedaldruck benötigt, dort liegt mein (hypothetischer) Vorteil… auf 270 Kilometern.

ag1Mit dieser Kurbel also Hausstrecken auf- und abgefahren, vor allem das Tal des Gelbach entlang, eine Landstraße, die von Montabaur an die Lahn führt und sich mal links mal rechts vom Bach zwischen Wiesen und Felsen windet. 23 Kilometer Ruhe im Oktober. Erst glaubte ich tiefer zu sitzen und sah nach der Sattelstütze: alles am alten Ort, die Markierung hat sich nicht bewegt – es ist die Kurbel, mit der das Knie weiter hochkommt. Der Körper gewöhnt sich schnell, es lief auch nach intensiven Einheiten ohne Nachwirkungen; keine Gedanken mehr über diese 5 Millimeter. Kaum zu glauben, wie sehr man sich schinden muß, in der Hoffnung (ein wenig nur!) schneller zu werden. Eine Anleitung, wie man seine aerobe Schwelle über 10 Stunden trainiert findet sich übrigens nirgends. Doch Hamburg kann kommen, jetzt nur noch packen.

ag3Die Zeichen stehen auf Herbst, nicht nur greift die Sonne immer kürzer über den Horizont, morgens dauert es lange Stunden, bis das Gefühl von Wärme aufkommt und die Dunstschleier verfliegen. Manchmal ist es nur Feuchte, die unterkriecht, manchmal bläst ein frischer Wind kalt durch die Lagen der Trikots. Jetzt wird doppelt und dreifach geschichtet,  Merino unten, Mischwolle drüber, noch ein Trikot und zum Abschluß eine dünne Windjacke – so könnte es gehen.

Morgens 60 Kilometer zum Zug nach Gießen, Gepäcktest bestanden,Abends halbsieben in Hamburg Hbf raus und die SBahn nach Bergedorf. Oh! ein Radticket kostet das doppelte der einfachen Fahrt!Bergedorf –  Letztes Licht, Wochendestimmung, zur Sicherheit nochmal einen dicken Riegel Lübecker Marzipan für morgen, dann den Landweg nach Curslack und Kirchwerder hinunter. Erstes Dunkel, Licht funktioniert.

Am Elbdeich dagegen: keine Seele unterwegs, die Oil Tankstelle macht abends um 8 dicht, schnell noch nach Frühstück fragen: Ab 6 gibt’s MorgenKaffee, ach, und die Shell an der Hauptstraße, ja, die wurde abgerissen, die war ja schon 30 Jahre alt. .  . Die Pension unverändert, so, als hätte nie jemand anderes im Zimmer geschlafen – auch der Radiowecker derselbe wie bei den letzten drei Übernachtungen. Morgen also der nächste Versuch – doch diesmal wird nicht versucht, es soll gut gelingen –  in meinem Tempo auf meiner Strecke. Dafür ist jetzt noch ein Abendessen nötig.

ab01Hier Funfe  – Ausen sagt der Mann im AC-DC Sweater und zuckt bedauernd mit den Schultern. Die Kids von der Bushaltestelle haben mich hergelotst. Leere Pizzakartons stapeln sich am Tresen, hinten in der Küche wird gewischt. Es ist nicht einmal 21h, mit Bestellungen wird nicht mehr gerechnet. Wir machen nur mitnehmen  – aber ok – setze sich. Der ausgehungerte Radfahrer wird in der Familie aufgenommen und genießt ein Hefeweizen Zug um Zug, während der Hausvater den Teig ausrollt.  Der Sohn des Hauses genießt eine Serie etwas weiter hinten. Diskret bläuliches Flackern in der Ecke. Die Dame des Hauses verschwindet in den Gemächern. Der Freitagabend in Fünfhausen hat wenig Überraschungen für die Pizzeria Mamma Mia. Die Pizza ist ausgezeichnet.

ab00Hinaus in den kühlen morgen.

ab1Kurz noch Rücklichter anderer Radfahrer gesehen – ich folge ihnen nicht zum offiziellen Start, sondern biege ab. Der Samstag beginnt an der „Oil“ mit frisch aufgebrühtem und einem Schinkenbrötchen von gestern – als der Lieferwagen des Bäckers endlich um die Ecke kommt, bin ich schon unterwegs Richtung Berlin.

ab2Das erste Licht spiegelt sich im trägen Fluß. Ein sehr tiefer Grünton, dem violettrosa eine sehr irreale Färbung gibt, kleine Lichter von einer fernen Straße darauf.  Whistler malte solche Nachteffekte auf dem Wasser. Er ist in die zweite Reihe kuratiert worden, aber das sind so Wellen der Kunstgeschichte. Whistler, early adaptor des Impressionismus hatte eine schnelle und sichere Technik.

ab3Ein letztesmal kurz unter einer Laterne angehalten. 645h.  Höre auf Geräusche, außer Wasservögeln nichts, keine Radfahre, keine Lichter- aber doch –  hinten jagen Traktoren als Schattenrisse über den Deich, große Anhänger auf die Felder bringen. Häckselmais abfüllen.  Wenn ich Glück habe, fährt gerade einer vor mir, denn es wird Wind von vorn geben, die ganze Zeit. Wenn es in 10 Stunden klappt, bin ich zufrieden. Erstmal  zur Elbbrücke, Luft schnuppern. Horizont: ein rosa streifen der sich mit Gold füllt und breiter wird.

Eine frische Welt in Umrissen, die Autoscheiben sind  beschlagen, also maximal 3 Grad. Die Elbmarsch, das sind kleine Straßendörfer aus rotem Backstein.

Hinten ein Kraftwerk. Mein Kraftwerk fährt langsam hoch, die Dauervollast soll gang 5 sein, 4 läuft, aber nicht so locker wie gedacht ; es dauert, bis die Pace gefunden ist.  Handschuhe über den Handschuhen, doppelte Socken, Überschuhe im Gepäck – ich friere nicht. Aus den Häusern schon manchmal der Duft von Waschmaschinen in Aktion.

ab4Der Duft der Schafe  -zieht schnell vorbei. Der Duft der Kühe rechterhand ist nachhaltiger. Eine riesige Halle aus Aluminiumprofilen ist von bläulichem LED Licht geflutet. Darunter erkenne ich die Kühe, die sich träge wie ein großer Brei bewegen – es sind hunderte, wenn nicht tausende, die hier dampfend ausatmen. Frische Landmilch, Hofmilch, Weidemilch für Hamburg.

Es ist ganz still, nur meine Reifen rauschen, sie summen. Die open4 Felgen habe ich noch einmal nachsehen lassen, es stimmte alles, sie laufen so rund, wie es nur geht. Links über dem Atomkraftwerk ist der Himmel noch von einem metallischen Blau, rechts, Richtung Orient hat das ganze untere Drittel schon eine intensive, rosige Färbung angenommen.  Der Lichtfleck von der kleinen Leuchte ist schon jetzt nicht mehr auf dem Asphalt sichtbar: es bleibt für den Gegenverkehr eingeschaltet.

ab21Da kommt eines dieser kleinäugigen Ungetüme aus dem Busch. Giganten der Ackerwege. Er sieht meine Lampe und so zerquetscht er mich nicht wie einen Käfer unter seinen titanischen Gummiwalzen. Die ersten grünen Ladungen sind schon abtransportiert, immer wieder stiebt  hellgrünes Maishäcksel auf. Die nächsten 50 Kühe rücken im Melkstand weiter, ich warte auf die kommende Sonne.

ab5Landmarken erkenne ich wieder. Hinter dieser Tankstelle geht es bald rechts. Ein paar frühe Elektrobiker versorgen sich für ihre Tour. Von anderen Fahrern keine Spur. Haben sie diesmal einen ganz anderen track? Hetzt die Meute mich? Ich rolle noch ein, rechts tritt nicht wie links, an Gang 5 ist noch nicht zu denken. Zwischendehnen.

In kleinen Senken bleiben Tauflecken auf der Straße. Spuren! Aber das, was ich taufeucht auf der Straße an Fährten sehen kann, sind die Rillen der Vorderreifen von Traktoren: einen Moment lang habe ich mich getäuscht.

ab31Immer noch zarter Nebel, der erste Riegel den ich auspacke ist steinhart. Ich bekomme ihn kaum aus der Folie und lasse ihn dann wie ein Karamellbonbon in der Backe zergehen. Trinken auch, der Schweiß verdunstet ganz unbemerkt. Backsteinhäuser und Ruhe,  die Welt ist in Ordnung, die Bäcker empfangen ihre Samstagskunden-  Göhrde: 10km.

ac1Da kommt sie auf – ich fahre auf den Feuerball zu und die Gabel glitzert, gleißt, Chrom wirft die Sonne zurück und die kleinen, eingestantzen Symbole der Gazelle auf der Gabelkrone springen nach vorn. Wieder ein Riegel, wieder der Versuch, auch mal 17 Zähne rund zu treten. Geht leidlich.

ac2Und da endlich die anderen,  ein ganzer Pulk hat Dampf gemacht, mich endlich in sich aufzunehmen .Vorn der Schrittmacher, hinter ihm die dankbare Gruppe, da haben schon mehrere Trupps koaliert. Eine Wärmeglocke umgibt uns.

ab32Manche sehen mich an, aber nur ganz kurz, alle sind beschäftigt, die Spur zu halten. Ich genieße die kurze Windfreiheit, ab der dritten Reihe es ist eine ungeheure Wohltat.

Viel Zeit bleibt nicht, gleich schon kommen die Dünen, die Berge der Elbe, eine Abfolge von Wellen mitten im Wald. Keine bösen und langen Anstiege – trotzdem fliegt die Gruppe auseinander, gleich im ersten Anstieg nach 50 Metern – und oben schreit der Anfahrer „pinkeln“. Danke, ich habe kein Bedürfnis, dafür ziehe ich mir die Beinlinge aus, die Sonne steht jetzt über dem Wald und sie wird bleiben. Um die 70 Kilometer geschafft –ich warte nicht länger und weiter, denn da kommt noch was, einholen können sie mich immer noch. Meine Beine atmen frei in der Abfahrt, es kitzelt lustig.

ac3Ein paar Wellen später – sie ziehen sich über Kilometer – treffe ich auf einen Triathleten aus der Ex -Gruppe, der mit seiner Maschine wohl Mühe hat, wenn es bergauf geht. Man kann an diesen Stummelflügeln von Lenkern nicht gut ziehen. Hier hatten mich die Paulianer weggebissen 2013, heute, das weiß ich, würden sie still sein.

ac4Dann zurück die Deichlandschaft von Danneberg, der Wind ist nun da, unmißverständlich macht er klar, wer Herr am blauen Himmel ist. Es ist nicht mehr weit bis Dömitz, der dritte Riegel ist fällig. Der parcours geht durch die Felder, da existieren einige Varianten, die den Elbbogen abkürzen. Schon habe ich mich verfranst. Es ist nicht viel Zeit verloren, aber man ärgert sich doch.

Kurz vor der Brücke fährt mich ein schwarzer Riese mit lockerem Tritt auf – er hat keinerlei Gepäck und erst halte ich ihn für einen hurtigen Sonntagsfahrer, bis ich das kleine Rahmenschild der Teilnehmer entdecke.

ac5Am Ende der Brücke geht es zwischen dicken Pollern auf einen Parkplatz. Als Erinnerungsstück der Staatsteilung ist ein Meter Altbrücke aufgebahrt. Hier wartet die Streckenkontrolle des Audaxclubs Schleswig-Holstein, da stellen sie immer ein kleines Zelt hin:  –  Essen für alle, Getränke in großen Kanistern. Ein Drittel ist geschafft,  nur kurz lüfte ich mein incognito, bitte um Banane und Apfel und mich rasch empfehlen.

ac11Bananen auf Rädern, adieu!

Der schwarze Riese von der Brücke hat mich flott wieder eingeholt, während ich die Bananenschale in die Dömitz werfe; der gleiche Gedanke bewegt uns: solange Du frisch bist, keine Zeit verlieren, schnell ist das Momentum verflogen. Gemeinsam holpern wir über die Dömitzer Pflastersteine und machen uns hinaus auf den Weg in die Prignitz.

ac6Das Tempo, mit dem er aufrecht gegen den Wind dahinrollt, liegt für mich an der Schwelle – wenn nicht drüber. Wir unterhalten uns kurz und ich entschuldige mich, weil ich wieder hinter dem breiten Rücken verschwinde.  Er fragt noch, ob sein Hecklämpchen aus ist, ich frage, ob er die Strecke heute noch zurückfahren möchte. Nein, nur abends zum Zug nach Spandau. Er rollt die Straße ab, als führe er auf dem kleinen Blatt. Die Jugend ist schön, ich entschuldige mich fürs Hinterradfahren.

ac51Absolut ok sagt er mir, denn heute fährt er solo,  vor Jahren habe er schon mit Team elektroland24 das Zeitfahren gewonnen, aber – und da werden andere  genannt – was hier mit Begleitfahrzeugen samt Troß  laufe, sei übertrieben. Die Distanz selbständig schaffen, das sollte man als Erwachsener schon können.

Ewig werde ich mein Schicksal nicht an das Seine ketten und bald schon, kurz vor einem Ort Namens Seedorf,  trennen sich unsere Wege – die B5 mag er nicht, die vielen Eicheln auf dem Radweg, der Verkehr, die eintönige Landschaft. Vielleicht hat er recht, vielleicht habe ich mein Ziel – die Total Raststelle in Perleberg.

ac7Denn so hast Du es gewollt: allein, volle Fahrt voraus. Die Sonne leuchtet immer goldener, schräg durch die  Alleen und kleinen Dörfer, deren Schornsteinrauch hart in meine Richtung bläst. Immer  wieder kurz den Kopf nach oben recken, ein Stück Himmel und Landschaft,  anders geht es nicht.

Trotz Banane kehrt der Hunger zurück, jetzt schon; essen, bevor man richtig richtig hungrig ist – also ziehe ich den dicken Marzipanriegel aus der Hintertasche. Er hilft. An jedem Waldstück atme ich auf, in jedem Ort findet sich einen Moment lang Deckung.

Perleberg liegt gleich hinter der riesigen Solarfarm,

ad2ad2und am Ende der Stadt, wo die alte Chaussee noch sichtbar ist die Total –  gleich schlägt es 12, über die Hälfte ist  geschafft.

Dieser Beitrag wurde unter Spleen & Ideal abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s