Chasse-Spleen 200 zum Drachenfels – November 2021

Eigenartige Zeiten. Inzidenzen sausen hoch, Läden und Bäcker bleiben geöffnet, wir können weiter leben, als wäre zwischen uns und Covid nichts als eine kleine Maske . Die Kondensstreifen zeigen mir den Weg.

Nach der Zeitumstellung, wenn es schon dämmert, wenn ich meinen Darjeeling einschütte, dann ist November. Häufig  als Monat der herbstlichen Verfinsterung beschrieben, steht der November doch erst am Beginn dunkler Tage. Und bringt er kleine Überraschungen, wie ein mildes Hochdruckgebiet am Wochenende  – es hilft der Gruppe in den Sattel, weckt die Freude auf einen schönen, späten Ritt im Jahr. Die eigentliche Dunkelheit kommt erst noch.

Die Selbsthilfegruppe (ein Arbeitstitel) trifft sich mitten in Wuppertal, Heckinghauser Straße , bei einem Bäcker der von anderen Brevetstarts bekannt ist und, wenn man genau hinsieht, in einer Bombenlücke residiert.

Der Startort ein paar dutzend Meter über der Schwebebahn, die unten durchs Tal läuft, wir sind auf halbem Hang . Drinnen noch ein schnelles Frühstück, einen heißen Café , die Sonne kommt gleich übers Tal

Die Räder, bunt und verschieden wie wir, sie warten, bis alles festgezurrt und gerichtet ist.  

Wir wollen hoch hinaus, Initiator H . hat eine Südroute zum Drachenfels geplant, die inzwischen in allen kleinen Navigationscomputern eingepflanzt ist. Ein Chasse Spleen auf Rädern.

Die Fahrt beginnt mit dem Anstieg durch Wuppertals Gründerzeitviertel –  das System Körper fährt am Hang schnell hoch, niemandem ist mehr kalt. Wir bewegen uns  grob nach Süden, quer übers Bergische Land,  dessen unzählige Falten die Sonne gleich auslecken wird.

An diesem Brunnen führt die alte Kohlenstraße vorbei , aber dazu später.

Jetzt , oben auf dem Rist unter den Hochspannungsleitungen sind wir aus der Randzone der Stadt heraus (1 letzter Wasserturm markiert)  heraus und sehen hinten am Horizont noch die kleine Stadt Lennep, bevor es uns definitiv in die Täler zieht . Der H. ist zuversichtlich, die Gruppe plaudert munter im Sonnenschein.

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(und wieder hinauf). Die Strecken sind ruhig, gut gewählt, die Ströme der Autofahrer laufen anders, nur hier und da grüßen Automobile unsere Gruppe. Manchmal müssen wir eine der Verkehrsadern borgen, auf denen heute die Einkaufsfahrten gemacht werden, aber wir können ausweichen. Die Unterhaltungen laufen besonders gut, wenn es wieder über eine dieser geschickt umgewandelten Bahntrassen geht.

Es ist auch ein Wiedersehen mit Tobit Linke von der Dortmunder Radbude, der diesmal ein Riedgrünes Randonneurstück aus den Staaten bewegt.

Ansichten eines Radladens

Was mich bewegt, sind die Aussichten eines Einzelkämpfers in stürmischer Corona See. Eines 1Mann Ladens inmitten immer gigantischer werdenden Rad –Palästen mit Indoor bahnen, die Elektroräder im Minutentakt absetzen (müssen). Es ist ein Glück, daß für eine immer noch ausreichende Zahl ein Fahrrad auch ein sehr persönliches Fortbewegungsmittel ist, auch wenn das Amtsdeutsch ungefähr das gegenteil dessen ausdrückt, was leidenschaftliche Radfahrer für ihr Material empinden.

Aber T. fasst die Sache auch ganz realistisch zusammen:“ ich baue die Räder zusammen, die dann der Amazon Packer für seinen Arbeitsweg braucht, wo er wiederum (Fahrrad)Teile versendet, die er sich nie wird leisten können. Der Kreislauf schließt sich. Neulich kam ein Inder zu mir, weil er einen Platten hatte – er arbeitet für Lieferando oder so.“

 „Warum tauscht er den Schlauch nicht selbst?“  –

„Habe ich ihn auch gefragt, es muß irgendetwas mit reiner und unreiner Arbeit zu tun haben. Nachdem er gegangen war habe ich gemerkt, daß er mir auf die Klobrille gepinkelt hatte….“

(Die Räder unserer Gruppe sind sehr unterschiedlich, sie sind alle mit Bedacht und Überlegung gewählt, ausgerüstet und gepflegt worden, Beinahe die Hälfte ist mit Rad oder in der Kombination Zug/Rad angereist. Mein Rad wähle ich nach Streckenprofil und Wetterlage. Ein 200er ist weder so erschöpfend, daß dafür besonders leichte Übersetzungen nötig sind, noch so lang, um Licht übers Nabendynamo zu brauchen. Die kleinen Aldi Leuchten halten mittlerweile vier Stunden. Und bei guten Wetteraussichten, sind auch Schutzbleche überflüssig.Gegen den Schmutz im Heck verraue ich der kleinen, wasserfesten Hecktasche.Die rote 1 ist eine wendige Maschine.)

Auf den Abfahrten wird mir ein sportlicher Vorteil bewußt: die Räder mit Nady verlieren rollend klar an Boden –  auch wenn Nabendynamos sehr weit optimiert sind schätze ich  auf 2 km Abfahrt 500 Meter handicap gegenüber meinen alten Dura-Ace Naben, an meinem Gewicht von  80 Kilogramm kann es nicht gelegen haben. Für Distanzen bis 300km würde ich auf diesen Vorteil nicht verzichten wollen. Sollte jeder einmal ausprobiert haben.

Von weitem grüßt noch ein allrädriger Deutz aus einer von Borkenkäfern hingerafftenFichtenschonung. Später sehen wir Familien, die sich an stillgelegten Straßen ihren Wintervorrat Energie füllen. Sign of the times.

Bald wechseln die geschieferten Häuser mit grünen Läden zum schwarz/weißen Fachwerk des Bergischen Landes, eine Gegend die Kölner als Sibirien einstufen.

Der Weggemann von Heiligenhaus

Nach 50 Kilometern in einem kleinen Ort, Heiligenhaus vermutlich. Es riecht schon von weitem nach Hefeteig. Das Martinsfest ist bald und in der Auslage des Bäckers liegen die frischen Weggemänner aus hellem Hefeteig mit der kleinen weißen Tonpfeife im Arm. Der Höhepunkt einer martinstüte nach  Martinsumzugs mit Pferd und großem Feuer: chasse spleen.

Sehe ich einen Weggemann, sitze ich wieder im Zimmer meiner Großmutter auf dem Sofa und leere langsam die Martinstüte aus. Die Pfeife wird ganz und gar sauber geknabbert, bis kein Teig mehr daran klebt Am nächsten Tag kommt sie mit in die Schule… Hier esse ich eine kräftige Apfel-Nusstorte und schlucke heißen Kaffee.

Die giftigen Anstiege liegen hinter uns, in Wellen wird es grob Richtung Siegburg hinuntergehen also allmählich hinaus aus dem kleinen, verwinkelten Bergischen Land. Und irgendwann sehen wir auch im Dunst schwach den Umriß unseres Ziels. Die Sonne ist fast noch warm,  das Licht mild und nur ganz schwach verschleiert.

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– einige Goldtöne im November später werden wir dort sein. Immer wieder spähe ich mit dem Tourguide Haiko nach den Hinterlassenschaften früher Industrie. Die Mühlen und Hämmer sind manchmal Wohnungen manchmal unkenntlich.

Die Wiesen im Siegtal leuchten warm und die Sonne täuscht nicht – die Nähe zum Rhein bringt nochmal Temperatur, niemand muß frieren. Immer deutlicher zeichnet sich das Siebengebirge ab, bald wird es steiler. Durch die bunten Blätter geht es aufwärts

Der lange Atem der Nibelungen

Erst kommt der Sattel zum Petersberg und nach der nächsten Senke der kleine Pfad zum Drachenfels, ein meist geteerter schmaler Weg der im Zickzack auf die Aussichtsplattform führt. Viele sind unterwegs, kommen aus der Rheinebene hinauf und lassen sich das Schauspiel nicht entgehen.

Denn es ist ein Schauspiel, den großen Strom langsam an sich vorbeiziehen zu sehen –  nach Süden: die Ausläufer des Westerwalds links, der Eifel rechts. Nach Norden und Westen: die endlose Vorstadt der Kölner Bucht, dahinter undeutlich ein Horizont.

Die Bezeichnung Drachenfels stammt vermutlich aus Zeiten, als so ungefähr jede schöne Biegung des großen Flusses auf die Nibelungensage hin geprüft wurde. Es gab immer schon ein Bergrestaurant, doch das alte Gebäude mit dem leicht miefigen Ruch des Nachkriegskaffees ist von einer kühleren, modernen Variante ersetzet worden.

Es ist ein Samstagnachmittag, die Zahnradbahn pendelt hin und her, Familien, Touristen, Thermoskannen auf der Mauer und dahinter der Strom. An Kilometern liegt die Hälfte hinter uns, doch wir wissen, der Rückweg wird leichter und der Wind hilft allen, die sich vielleicht schon ein wenig schwach fühlen. Ich nehme einen Mandelnußriegel aus seiner grünen Plastikverhüllung und genieße mit dem Blick in die Sonne.

Einige Minuten später entdecke ich diesen Sockel aus Sandstein, und lasse mein Rad von der absinkenden Sonne bestrahlen. Das Schaltwerk, ein frühes Dura Ace tut lautlos und präzise seinen Dienst  Mein Abschied ans Siebengebirge, bunte Blätter füllen mein Album.

Unser Abschied von den Hügeln, die man vom Rhein aus mit ein wenig Phantasie für ein Gebirge halten kann, führt über die Rheinpromenade bei Bonn, einem Deich auf der Gegenseite der Stadt .

Wir fahren ein ganzes Alphabetstaädtischer Siedlungsformate ab.

Beginnen mit einem neuen Klassiszismus, der in eigenartig billig wirkenden Geländern und Applikationen eine Form von Werthaltigkeit vermitteln will, doch ein wenig an neorealistische Filmkulise erinnert.  Man kann sich einkaufen, gleich danbeben liegen die gepflegten Bürogebäude, darin auch die Deutsche Luft und Raumfahrtgesellschaft.

T. zieht an der bunten Basilika vorbei : Schwarz- Rheindorf.

Folgen also eine schier endlose Reihe diverser Versuche, das Leben in enger Nachbarschaft erträglich zu machen. Manches hinter dem Deich kann man gelungen nennen. Wir gleiten mühelos vorbei, der Wind schiebt uns über den Rheindeich hinaus – denn irgendwann übernehmen die Felder – in die Wiesen, im Zickzack durch die Agrarstücke, die hin und wieder von Pappelwäldern unterbrochen sind. Wie Wagenburgen stehen die Siedlungshäuser am Rand.

Dann aber mitten in der Ebene; während die Sonne verschwindet blicken wir uns ein letztes mal zu den Hügeln um, auf denen eben noch alles leuchtete, bunt und friedlich. Jetzt nur noch ein letzter Streif der Sonne. Die kleinen Lichter leuchten an den Rädern auf. Jedes Atom Sonne mit in den Winter nehmen, auf der Festplatte abspeichern  

Die Nacht wird uns bald einholen. Sie tut es in Köln Porz, einem Vorort weit südlich, der wenig von der großen Stadt vermuten läßt. Es ist ein milder Abend, viele sind auf der Hauptstraße unterwegs, wir suchen eine ordentliche Mahlzeit nach 135 Kilometern.

Zum Byzanz

Zum Byzanz heißt die Etappe in die wir einkehren, wir betreten das Lokal mit Maske , setzen uns, streifen sie ab und bewundern die leuchtenden Bildschirme an der Wand, die eine überbunte Welt zwischen die Bilder von Fußballmannschaften und Lokalerinnerungen tragen. Das Kölsch kommt wie gerufen, der Dortmunder GrillkennerTobit gibt Byzanz eine 8 bis 9  – verglichen mit dem Olympia Grill in der Nordstadt. Mein Hunger sagt: 10. Das Fett ist entscheidend.

Wir rüsten fürs Finale, der leichte Wind steht gut, es bleibt mild und trocken – kaum unter 10 Grad.. Der Rest unserer Strecke führt Nordöstlich, Leverkusen, Solingen, Remscheid sind die groben Wegmarken. Die Gruppe wird sich auflösen, der eine oder andere nimmt den Zug nach Hause, wenn ein Bahnhof an der Strecke liegt.

Zu Dritt sind wir jetzt unterwegs – etwas früher als der Rest gestartet ist es auch besser, im Abendverkehr in kleineren Gruppen unterwegs zu sein. Der J, die S und ich.

Die Siedlungen der Nacht

Es geht durch ein eigenartiges Gefolge von Vorstädten, kleinen Wäldern und wieder Feldwegen, manchmal Wanderer. Die Innenstädte sind erleuchtet und menschenleer. Samstagabend. Leere Fußgängerzonen, erleuchtete Schaufenster. Eine Geschichte aus dem kalten Krieg dazu. Ein  junges Ensemblemitglied, das noch nie die Sowjetunion verlassen  hatte, verliert auf  der Kanadischen Tournee fast den Verstand. Ruft zum Dirigenten: „Die Lichter, die Geschäfte, Lichter mitten in der Nacht!! Es ist nicht wahr! Es kann nicht sein!  Das ist alles für uns aufgebaut worden, nur um uns zu täuschen!!!“. Sie konnten ihn nicht beruhigen oder überzeugen. Er mußte die Tournee abbrechen und wurde nach Hause geschickt.

Wir wissen, daß das große Bayerkreuz, das irgendwo in der Ferne aufleuchtete zu einer wirklichen Fabrik gehört. Wir wissen, daß die Tankstelle leuchtet, weil sie geöffnet ist. Wenn es einmal ganz dunkel wird, sind wir in der Natur –  

Jetzt wieder steil auf die nächste Höhenlinie irgendwo zwischen Solingen und Remscheid; im dunkeln tasten wir uns über die Steigung und fragen uns, was die Gruppe macht. Wir überqueren irgendwo im Nichts die Wupper. Die Umrisse der Höhenzüge sind sichtbar, weil irgendwo hinter ihnen eine Stadt, eine Siedlung den Himmel heller färben. Dann wieder eine Stadt  -oder ist es ein Ortsteil, eine Vorstadt? IN der Stadt Mietshäuser am Straßenrand, die unglaublich solide wirken – sie müssen hundertjährig sein. Das Gefühl von Ruhe und Ordnung. Zwischen den Staddtteilen Höfe, Beleuchtung baumelt von den alten Holzmasten und zeigt Scheunen im Umriß .

Kommen noch einmal zusammen auf den letzten 20 Kilometern: die Lichterkette in der Serpentine unter Dir und dann sind sie da – drei Sitzen schon im Zug, der Rest fährt zuende. Die Wärme der Gruppe ist spürbar im freien Feld. Doch schon am nächsten Anstieg ist es wieder vorbei, alles reisst auseinander – ein paar sind schon müde. Sie wollen warten. Nachts mag ich es überhaupt nicht, wenn mein takt gestört wird.

Weiter mit der S, die sich noch am Drachenfels nicht sicher war, ob sie es schafft. Wir werden es schaffen – sie macht die Durchsagen, denn sie hat das Navi eingeschaltet an ihrem Nabendynamo – Rechts! Links! Ein paar mal noch geht es in den ganz kleinen Gang. Meine alte Dura Ace folgt willig den Simplex-Hebeln, fast lautlos springt sie über die Ritzel. Jetzt kann nichts mehr schiefgehen, wir sind oben.  

Und schließlich Wuppertal – erkannt am Wasserturm – der da grünlich – bläulich changierend beleuchtet ist.  Die Leuchtreklamen, der gut gefüllte Ikea Parkplatz.  Gleich sind wir da, fast 12 Stunden sind herum. Gleich rollen wir die alte Kohlenstraße hinunter, denn für die Webstühle und Werke Wuppertals brauchte es Kohle, die 1850  über die Kohlestraße aus Remscheid mit Pferdewagen kam. es war ein Fabrikant namens Engels, der sie stiftete.

Die Pferde hatten schwer zu schleppen und darum der Brunnen, dessen Inschrift die Kutscher mahnen soll. Seid gut zu den Tieren. Erinnerung, die heute als Prophezeiung wirkt.

An der Tankstelle gegenüber dem Bäcker von heute morgen. Spärlicher Betrieb. Kein Gedränge in Wuppertal, Heckinghauser Straße. Finde eine Dose Karamalz und nimm die Gummibärchen.

Der 200er ist in zwei Wochen, an gleicher Stelle. Der beste Sport.  

 

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Eine Antwort zu Chasse-Spleen 200 zum Drachenfels – November 2021

  1. Mischa schreibt:

    Sehr schöne geschrieben! Erinnert mich an meine Ausfahrten meiner Jugend, immer das Siebengebirge hoch und runter. Mit dem Mtb damals (Stumpjumper 1994, Tange Geröhr, noch in Japan geschweisst.) sehr schöner und vielseitiger Ort…

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