Ein Name für Kaltband

am3Für die Freunde der nahen Vergangenheit, eine kleine Nachlese aus den Factory Valleys. Mich verbindet nichts persönliches mit der alten Industrie. Ich habe keinen Anlaß, Kumpel Schlote oder Eisenkocher zu idealisieren, beschwöre keine mythischen Gemeinschaften des goldenen Zeitalters.

d2Doch je länger ich auf diesem primitiven Gerät namens Rad unterwegs bin, desto klarer wird mir die Bedeutung von Stahl, Blech und Draht, einer vergleichsweise einfachen, aber dauerhafter Bedingung für meine Fortbewegung – oder die Fortbewegung des gesamten Planeten.

Nachhaltigkeit war einer der schlagenden Begriffe eines erwachenden ökologischen Bewußtseins in den 1990er Jahren. Niemand dachte eigentlich an die unzähligen Werke rund ums Erz, die damals auf dem Kontinent, besonders aber in den Tälern rund um Ruhr und Wupper standen. Sie galten im Gegenteil als Symbol einer ästhetisch und ökologisch unattraktiven Wirklichkeit der Ressourcenvernichtung.

ac4Dabi war das nicht ganz richtig: denn Metall wird  (im Gegensatz zum Kunststoff) immer schon recycled. Die ungeheure energetische Leistung, die in der vielfachen Transformation von Erz lag, fand ihren Ausdruck in den unzähligen Gebäuden, die sich in den Tälern  mit  immer neuen Varianten, vom Schmiedeblock bis zum allerdünsten Draht, bis zur Nähnadel beschäftigten.

d6Viele solcher Gebäude sind entkernt, leerstehend ,verschwunden. Warum schmerzt der Verlust? Vermutlich, weil sich damit die Ahnung verbindet, daß nicht nur tausende sehr solider Bauwerke verschwinden, sondern vor allem das darin ausgeübte Wissen um die Transformation der Stoffe. Denn das haben andere übernommen und es fragt sich, was nun folgen kann.

al1Sich die Geschichte danach denken. Der gelbe Lambo an der Straße .Der gehört eigentlich meinem Onkel mit dem Wettbüro in Hagen, gar nicht weit. Vor ein paar Jahren eröffnet. Da kann man viele Kanäle zusammenfließen lassen, ich betreue ein par Friseurläden und die Grills Marmara 3 und 4. Wenn ich gut dranbleibe, darf ich das goldene Ferrari Cabrio im Sommer testen.

d8Die Bushaltestelle an der Werkssiedlung. Es kommen noch Rauchzeichen aus dem WalzWerk dahinter, das Mädchen wartet, vielleicht macht sie bald Rewe, weil das besser ist als Penny, mehr Lagerrraum und die Kunden schmeißen die Sachen nicht so durch die Regale. Ihr Bruder konnte sie nicht mitnehmen, weil der Samstag immer schwarz schrauben geht.

d7Aber die Apotheke ist geschlossen –der Umzug ins EinkaufsZentrum hat uns vor der Pleite bewahrt, vor allem aber das  Testzentrum. Vor unserem CoronaZelt warten heute 200 Menschen, die sich vor dem shoppen testen.  Die Sparkasse ist umgewidmet – wozu noch ein Konto, wo es doch paypal gibt? Und wenn Du nicht schlecht im Umgang mit Zahlen bist, gehst Du lieber ins Liegenschaftsmanagement der Dahlhaus Maschinenfabrik, die haben ihr Werksgelände gut saniert. Gewerbe und Wohnen gehen von selbst.

d9Auf dem anderen Ufer vielleicht schon nichts mehr, jedenfalls nichts, was sich rentabilisieren ließe, es sei denn über eine Bürgschaft, eine Auffanggesellschaft, die Subventionen einer Wahlperiode. Sie werden verstehen, der Wettbewerbsdruck. Wir sind Kaltband.

d3Diese stattlichen Gebäude sind nurmehr Denkmäler ihrer selbst. Die Endprodukte, die von hier in alle Welt hinausgingen kommen nun in den großen Häfen an, rollen mit Lastern 24/7 über die maroden Brücken der Autobahnen. Einige wenige haben das Sauriersterben überlebt, sich in Nischen eingerichtet oder die Produktion verlagert  – geben einer Handvoll Leute ihr Auskommen.

ai4Vom Hersteller für die Welt, dem Entwickler der nächsten Generation, der Marktführerschaft geraten wir immer mehr in die Position des alternativlosen Endverbrauchers. Der Krieg der Waren ist im vollen Gange, wir befeuern ihn mit aller Kraft. Strukturwandel  – ohne Struktur danach : denn das Wissen kommt nicht wieder, seht nach Rheydt oder Duisburg, die kampflos aufgegeben wurden. Seht nach Krefeld, wo die Seidenindustrie gerade noch aus der Produktion von Kranzschleifen besteht – Muster nach ihren Wünschen!. Seht nach Birmingham, wo es Containersiedlungen voller halblegaler Beschäftigung gibt,  sicher nichts Komplexes.

Was einst im Namen der Ökohygiene als grüne Zukunft gepriesen wurde, wandelt sich allmählich in ein Entmündigungsverfahren.  Die Produktion läuft an anderen Orten weiter. Über die Bodenverseuchung, Luftverschmutzung und Wasserknappheit in den Weltregionen, die nun unsere Rolle einnehmen, können wir nicht verhandeln,  nicht entscheiden, geschweige denn mitbestimmen.

Werbung
Dieser Beitrag wurde unter Mehr Licht abgelegt und mit , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten zu  Ein Name für Kaltband

  1. randonneurdidier schreibt:

    Nichts ist beständiger als der Wandel🦕

  2. crispsanders schreibt:

    Kann man so nennen – Verfall ist auch ein Wandel. Eine Fortsetzung in Richtung Großbritannien ist kein Wunschszenario. Wir erleben in diesem Winter erstmals den Preis für die wachsende Zunahme an Abhängigkeiten.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s