Zu Besuch bei Mr Peanuts

Eine Westerwaldrundfahrt /  12 03 22

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Das ist der Morgen, an dem sich die Welt  anders anfühlt,  leichter, lebendiger und heller.

a0Die Bauern bauen sich Holzburgen um ihre Gehöfte und viele machen es ähnlich – in den Wäldern singen die Sägen durch die  kahlen Äste. Doch da ist  heute auch dieses unbestimmt wärmere, das mit den dünnen hohen Wolken angekommen ist. Es ist kein Frühling und trotz Wind aus Ost auch schon kein Winter mehr.

Heute auf eine leicht verkürzte große Westerwaldrunde, die Kroppacher Schweiz im Norden wird aufgespart für einen anderen Tag, dafür hinter Hachenburg und Dierdorf weiter nach Westen bis ins Sayntal hinunter. Ich bin mit einem Mitfahrer verabredet, der mir seine Hilfe bei der Extraktion eines Vorbaus angeboten hatte. Da mache ich doch gern eine Führung über meine Lieblingsstrecken. Verabredet um 10 . . .

ab5Doch zuerst gegen die zarte Morgenbrise hinauf, in Wellen über Neunkirchen Elsoff und Oberrod bis an den Höhenzug, der Knoten heißt, Der stetige, aber eher sanfte Anstieg über zehn Kilometer ist ein guter alter Bekannter.

Fast unbekannt ist diesmal das Rad, eine Gazelle in der weißblauen Lackierung, die das Team Vredestein ca 1982 fuhr.

a5Diese hier ist eine Replica,  ein etwas einfacherer Rahmen als die „Teamräder“ mit der vollständigen Shimano 600 Gruppe, die wegen ornamentaler Gravuren den Beinamen Arabesque trug. Genau solch ein Rad kam uns 1982 ins Haus. Die Ausstattung sah aus wie Campa, funktionierte wie Campa und kostete ein Drittel. Damit gelangen bald die ersten Fahrten über 100 Kilometer. Jetzt habe ich ein identisches gefunden bin glücklich und ärgere mich über die Schaltung.

a02Obwohl alles geölt blitzt, wollen auf dem 39er hinten nur die zwei leichtesten Gänge ohne wildes Springen der Kette laufen. Ärgerlich und nicht zu ändern, aber machbar, man muß konzentrierter schalten.

Rechtzeitig habe ich die Krombachtalsperre passiert und bin am Treffpunkt „Penny –  Mademühlen“, dessen Parkplatz ganz in der Sonne liegt. Es sind noch viele Plätze frei, die ersten Autos fahren ihre Schleifen auf dem Pflaster, um genau die rechtwinklige Parklücke zu treffen.

a9Gerade ist der Mitfahrer mit dem Rad eingetroffen, das ich vor einigen Jahren besorgte und inzwischen schon viele lange brevets überstanden hat. Heute soll es nur eine kleinere Runde von 150km werden die ich aus meinen Rotuen destilliert habe. Eine kleine Probe für die (mögliche) Fleche Allemagne…

a8Zum ersten mal 2022 lässt es sich entspannt rollen,  weder Wind noch Kälte zwingen in die zusammengekauerte Haltung der letzten Wochen, nicht einmal hier, auf  500 Metern über dem Meer. Die Schotterpiste folgt der ehemaligen Bahnlinie  zum  Bau der Krombachtalsperre  und durchquert den Wald bei Rehe. Am alten Bahndamm sind Bäume und Sträucher gekappt worden.

Es bleibt ein schöner Abschnitt, der den namen SpeedGraveltrack des Monats verdient hat, denn auf einer ebenen, festen Decke aus Erde und dichtem Schotter geht es ganz sachte bergab. Aber neben mir vernehme ich  laute Flüche. Warum man nicht die Straße fahre, man versaue sich doch das Rad komplett usw. usw.

a6Der gestandenen Randonneur an meiner Seite, der auf  diesem Rad schon den Schotter der Alpen ünerwunden hat, macht mich sprachlos. Dann ist auch noch ein Ästlein in die fragile Halterung des edlen Microdynamos geraten – kann  man sich ein größeres Unglück denken? –  frage ich mich und sehe auf meine billigen, dünnen Michelin dynamic classic Reifen und meine 6 Ritzelein . …. es war dann doch alles heile geblieben und die Stimmung pegelte sich wieder auf ein gutbürgerliches Niveau ein. Nach Rennerod.

a3Kreuz- und quer ziehen wir über die Dörfer. Dazwischen große Hofgebäude, deren Dimension ahnen lässt, wie das Gesetz der Skaleneffekte in der Milchwirtschaft wirkt. Rundum sind Wiesen und kleine Wäldchen:es ist Bio-Industrie, keine Illustrationsvorlage für die Milchtüte.

a1Nach einigen Höhenzügen das Tal der Nister. Auch die  Brücke ist heute ein angenehmer Ort, es ist mild,  die dunklen Töne der Tannen und abgetönte Schraffuren der Zweige werden von ersten, sehr gedeckten Farben belebt. Haseln haben schon geblüht, Weiden werden bald folgen. Hier mit  dem Rad stehen zu können, heil und gesund ist ein Geschenk: ohne meinen Helm käme ich sehr wahrscheinlich nicht in diesen Genuß. Aber auch da gehen  Meinungen auseinander

alalaaaaaMancher fährt halt lieber aufrecht und heldenhaft mit Langemarckblick (Zitat Buchheim) seinem Schicksal entgegen. Gleich erklimmen wir den Gegenhang der uns durch den Wald nach Hachenburg führt.

a7Dort wartet sie, die gute alte Telefonzelle, voll bis obenhin mit Büchern. Dahinter ein amerikanischer Van, der für eine (möglicherweise) Schweizer Edelrennradmarke unterwegs ist. So ein Van mit mächtigen Motor machte vor kurzem noch souveränen Eindruck. tempi passati..

ac3Hier in Hachenburg und seiner barocken Altstadt auch diese Kehrseite der Medaille. Wo Bücher in derartigen Mengen abgelegt werden, hat es der Buchhändler nicht leicht. Was wird als nächstes unter der Eule geschehen? Das Gesicht der Städte wandelt sich schnell, die Gehäuse bleiben.

ac2Gerade ein Uhr, der Bäcker schließt, Kaffee holen in der beliebten Tankstelle Bellersheim. Dann Kurs West, die Kroppacher Schweiz und den Bogen um Altenkirchen lassen wir aus.  Aus dem Fitnessstudio an der Ausfallstraße winkt man uns zu. Sie können nicht heraus.

a03Nach 60, 70 Kilometern läuft es immer noch gut auf der Gazelle. Diese Räder – sie werden über 15 Jahre in gleicher Geometrie gelötet –  haben ein unproblematisches Fahrverhalten – nicht zu nervös, nicht zu träge. Vor allem meiner Statur passend. Für alle, die die Frage nach „dem richtigen Rad“ ewig neu stellen. Es ist eine gegenseitige Anpassung innerhalb gewisser Grenzen. Der Körper kann seine Drehmomente eben stufenlos variieren, da geht es auch mit 8 Gängen.

ac7Richtung Dierdorf, hundert Höhenmeter tiefer,  machen sich die Temperaturunterschiede und Mikroklima schon bemerkbar  – aus einer Wiesen- und Wald Landschaft, die für Milch, Heu und Holz taugt, werden Äcker. Manchmal leuchten  weiter hinten rot oder grün Geräte. Gepflügt wurde schon letzte Woche, nun kommen Egge, Düngung und dann die Aussaat mit den verschiedenen bunten Geräten.

ab1Zum Sayntal hinab werde ich die uralten Bremsbeläge prüfen. Man vermutet ja das Schlimmste

Es funktioniert, aber es ist auch klar, daß es mit alten Bremsgummis nicht ewig geht. Die gute Nachricht: auch „herkömmliche“ Rennbremsen übertragen die Handkräfte gut, wenn sie perfekt eingestellt werden. Den Bolzen auf den richtigen Punkt straff zu stellen ist ein wenig knifflig, lohnt aber die Geduld.Die große Basaltplatte wird vom Flüsschen Sayn zerklüftet, das sich fast 20 Kilometer sanft zum Rhein hinabschlängelt,  ein Eldorado für Radfahrer .

ab2Eine neue Spezies der Mobilität hat die Strecke ebenfalls entdeckt: dieser junge schlanke Mann auf dem Elektroroller ist unterwegs nach Selters (WW). Mehrere Kilometer bleibe ich in seinem angenehmen Windschatten und lasse mich durch seine Soundbox via spotify berieseln. Der Steher des 21ten Jahrhunderts ist geboren, manchmal wippt er im Takt.  Schon naht die kleine Stadtl, in der der Westerwaldverein gegründet wurde. Wanderer willkommen.

ab4Noch eine kleine Pause an der Landstraße, wir dürften etwas über 100 Kilometer gemacht haben. Diese Agip ist neu in meiner Sammlung. Sie gehört zu der Kategorie, die im Jargon als Farbentankstelle bezeichnet wird. Die Farbe der Agip ist ein helles gelb, das an die Forsythien erinnert, deren erste Spitzen aus den Hecken leuchten. Sie könnte schon hier seit den ersten Jahren der (deutschen)Agip um 1960 stehen. Die Werkstatt wurde inzwischen um eine lukrativere Waschanlage ergänzt, deren munteres, duftendes Schäumen zu den großen Alltagskonstanten eines Samstagnachmittags gehören. Zwei junge Frauen mit Kopftüchern, vermutlich Türkinnen, begrüßen sich lächelnd und warten auf das Ende des Waschprogramms, während sie sich unterhalten. Ein weißer SUV Rover mit verdrießlich blickendem Paar wartet. Sie haben nicht ganz mein Alter.

Bald nach dem Kreisverkehr dann wieder sehr „ländlich“. Die Heimkehrer kommen zurück und ziehen an uns vorbei;  der Warenkorb ist gefüllt und nun geht es auf die Dörfer zurück, bevor es dunkel wird. Mit der Sonne im Rücken nach Ost.

ab8Es geht wieder langsam hinauf, aus Rücksicht auf den Begleiter spare ich ein paar sehr pittoreske, aber fordernde Höhenzüge der Strecke aus und wähle den schnelleren Weg ins Innere des Westerwaldes – Richtung Westerburg. Die Flüche, die an meiner Seite überholenden Autofahrern hinterhergebrüllt werden überhöre ich. Die Sonne ist in einen milchigen Dunst getaucht, doch ihre Wärme hält vor.

Wir kommen an einen kleinen Ort, das Dorf mit dem grünen Haus. Ich wollte immer schon vom grünen Haus erzählen,  in welchem die über 90jährige Frau mit ihrem alkoholdementen Sohn vegetiert – aber es gibt noch ein anderes Haus, das ich suche: das Haus von Mr. Peanuts. Er lebte hier die letzten 5 oder 6 Jahre seines Lebens. Die freundliche ältere Dame, die gerade ihren Rinnstein ausfegt, zeigt die Straße hinunter.

ac4Da steht es, das langgestreckte Fachwerkhaus am Knick der Straße. Hier war er glücklich. Der leidenschaftliche Wanderer brauchte nur einen Schritt aus dem Haus zu gehen, hatte nur grüne Hügel um sich: das gibt es für kein Geld der Welt, ließ er die Westerwaldzeitung wissen.

Ich werde es wie er machen,  ich werde die faulen Kredite, Luftschlösser und falschen Geschäftsfreunde abschreiben, werde sie zu peanuts erklären und mit meinem Rad weiter über diese sanften, schönen und grünen Hügel ziehen so lange es geht. Er ging durchs Dorf und grüßte, auf Augenhöhe, er war in den 5 Jahren die er hier lebte glücklich, der Hilmar Kopper.

ac6Hinter Westerburg kommt noch der Wiesensee dahinter ein paar letzte Wellen, bevor sich die Wege trennen – ich wünsche ihm gute Besserung, während die Sonne allmählich den Horizont streift.

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