Lassen Sie uns über Antriebe sprechen

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An einem Frühling, der das motorgetriebene Rad immer alternativloser erscheint ist es dennoch nicht verkehrt, einmal an frühere Hochkulturen zu erinnern. Den 3fach Antrieb.

Gemeint ist das dritte Kettenblatt an der Radkurbel. Franzosen hatten sie schon vor über 50 Jahren für Sporträder und vor allem Radwanderer entwickelt: les cyclotouristes. Cyclotouristen sind wir mehrheitlich alle, egal ob mit sub 7kg Carbonfeilen oder 27kg Elektrorädern.

Und da geht es um Lösungen der Kraftökonomie, ohne dabei wie ein letzter standhafter Gallier in seinem Rundlingsdorf wirken zu wollen, der sich den Segnungen der neuen Zeit entzieht. Es gibt viele und sicher gute Gründe, sich in einer Epoche der 11,12,13 Kassetten am Hinterrad über ein Drittes Kettenblatt vorn zu wundern, wenn man doch alle Übersetzungsstufen am Hinterrad hat. Doch diese raffinierten Lösungen bringen auch eine Reihe von Alltagsproblemen mit sich – nicht zuletzt der Kompatibilität. Es ist alein deshalb eigenartig, heute die Frage nach 3fach Kurbeln zu stellen, weil sie ja nur noch in Kinderradqualität zu haben sind. Für alle „hochwertigen Systeme“ jenseits von 10 Ritzeln ist diese Alternative schlichtweg nicht mehr im Angebot. Aber es gab auch einmal eine andere Zeit, da war die 3fach Kurbel der König – und das waren die sehr langen 90er Jahre des letzten Jahrhunderts.

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Französischer Stand der technik 1976 – TA und Stronglight

Die 3fachkurbel wurde von den Japanern aus der Mottenkiste der Geschichte und der Nische einiger weniger Franzosen geholt, als der Mountainbike Boom beginnt. Diese Bauform war nämlich genau der Problemlöser, als der heute ein Elektromotor verkauft wird: die Befreiung von Blut, Schweiß und Tränen auf dem Rad. Die Kurbel erlaubte dank 1:1 und noch leichteren Untersetzungen (Vorn 24, hinten 28 zB) für den untrainierten Körper unerreichte Steigungsleistungen und die Überwindung grenzenloser Entfernungen mit Gepäck. Mit dem dritten Kettenblatt hatte man 7 oder gar 8 (leichte!) Gänge mehr! Und als der Boom der Bergziegen auch die Großräume der Norddeutschen Tiefebene erreichte, war plötzlich ein unverhofft lukrativer Markt entstanden, der das zum Armenverkehrsmittel degradierte Rad schlagartig zum Modeartikel werden ließ.

Und bei Modeartikeln, das weiß der Marketingeleve nach 2 Wochen, ist jede Steigerung erlaubt. Dementsprechend hochwertige, spezielle und leichte Kurbeln wurden bald verfügbar. Und auch die rennsportfokussierte Prestigemarke Campagnolo begann mit der Fertigung von 3 fach Kurbeln. Denn die Helden der 50er – wie Rudi Altig- wollten weiterhin bergauf rollen können und wer dem MTB Trend nicht folgte, beging  komerziellen Selbstmord. Dann gab es auch für Rennräder die RacingT, die Centaur und andere Euclid, die sich alle durch schmale Achslängen von 113mm und weniger auszeichneten, damit sich der Tritt weiter eng und schulmäßig ausführen liess. Das war Campa’s Beitrag zur Frage und er war gar nicht schlecht. Im Grunde waren so eigentlich alle Wünsche nach schnellen wie leichten Gängen erfüllt.

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Campa Euclid mit Umwerfer und Deore XT auf Dura Ace 6fach /7400

Eine solches 3fach Kettenblatt dreht am Krautscheid seit 8 oder 9 Jahren. Es zeigt keine Ermüdung. Ich betone das, weil solche Kurbeln natürlich längst aus den Programmen der (großserien)Hersteller verschwunden sind. Mit dem Ende des 9 Ritzel-Standards, vor allem asber seit Erscheinen der sogenannten Kompaktkurbel (in Wahrheit ermöglicht sie vor allem eine „kompaktere“ Zähnezahl auf dem inneren Blatt), hatte ihre letze Stunde geschlagen. Was sollte man mit einem dritten Kettenblatt am Ventoux – hinten und vorn hatte man doch aufgerüstet. Und weil sich die Produktion von entsprechend aufwendigen 10+fach Schaltwerken, Schalthebeln, Kassetten, umwerfern etc. etc. nur für teure Räder lohnt,  überlebten die letzten ihrer Art in der Kinderecke vom Baumarkt. Im margenschwachen Einstiegssegment, da wo wirklich mäßige Bleche und Stähle verbaut werden….

Das Hauptargument für eine Dreifachkurbel ist einfach: sie löst zwei größere Probleme, Geländetauglichkeit und Ermüdung – ohne ein neues zu schaffen .Ob 6,7,8 oder 9 Ritzel: es spielt keine Rolle, nichts muß getauscht werden, es muß keine andere Kette verwendet werden und alle Schaltwerke mit langem Käfig taugen – die Entfaltung gewinnt ungeheuer. Bei meinem 6fach Dura-Ace auf dem mittleren Blatt nur eine Bewegung, und schon geht es von 4,5metern pro Umdrehung auf kaum noch 3. 10 Zähne leichter mit einem Fingertip! Der Unterschied an einer plötzlichen Steigung aus dem Dorf hinaus ist sehr spürbar. Mit keinem anderen Getriebe kann ein solcher Sprung derart geschmeidig vollzogen werden. Das ist Welten von den einzahnigen Stufen der 12fach Kassette entfernt- einen Sprung von 7 oder 8 einzelnen Gängen nämlich– diese feinen Stufen aber werden, wenn überhaupt, nur im Rennen einen Unterschied machen können. Das Argument großer Schaltsprünge zwischen den Gägen ist außerhalb des Wettkampfs völlig überbewertet. Schon mit einer 3×9 Konfiguration ergaben und ergeben sich unerreichte Feinheiten. Wobei die billigeren Ketten und Kassetten auch noch länger halten.

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Für alle, die sich also schon immer gefragt haben, ob 3fach Kurbeln ein Zeichen von Altersschwäche sind kann beruhigend gesagt werden: nicht nur. Sie sind ganz ausgezeichnete Instrumente, die Ziele eines Alltagsradfahrers – sogar sportliche – leichter und sicherer zu bewältigen. Sie sind nur 2022- also in einer Zeit, da das  unmotorisierte Fahrrad allmählich verdrängt wird, ein wenig in Vergessenheit geraten.

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5 Antworten zu Lassen Sie uns über Antriebe sprechen

  1. randonneurdidier schreibt:

    Hallo Christoph, ich kann Dir nur hemmungslos zustimmen. Mancher Fortschritt ist nur vermeintlich, nicht wirklich. Eher eine Marketingstrategie, um neue Dinge in den Markt zu drücken. Die Lebensdauer von Ritzelpaket und Kettenblättern bei den 11/12-Fach Schaltungen ist schmählich gering geworden. Meine Dura-ACE 7-fach Kassette tut schon ca. 15000 km ihren Dienst klaglos. Im Vergleich liegen danach schon drei so fortschrittliche filigrane Schmalteile in der Abfalltonnen. Soviel zum Thema Nachhaltigkeit 😉😆

  2. crispsanders schreibt:

    Leider bestätigst Du, was ich nur befürchten kann. Der Verschleissaspekt, das Thema „Nachhaltigkeit“ und vieles anderes scheint bei Neuentwicklungen bislang kaum eine Rolle zu spielen. Dabei muss man sich nur vorstellen, wie breit eine 10, 11, 12 Kassette bauen würde ,wenn sie in der Materialstärke alter Ritzel gefertigt wäre: von der Geometrie des Hinterrades (Einspeichung) reden wir besser nicht. Ich verleugne absolut nicht, daß dies alles im Rennbetrieb seine Berechtigung hat – und wem es Spaß macht, der soll damit auch glücklich werden. . . . letztlich haben die Kunden in den letzten Jahren diese Tendenz üppig honoriert.
    Es geht aber eben auch anders, ganz gleich, was suggeriert wird. .

  3. crispsanders schreibt:

    Ich muß ihn einfach sprechen lassen (G.Petersen, blahg, 1-2022)

    Triples are there for a reason, and the best climber I know recently got a new bike. He put on the best or lightest of everything, a $500 rear hub, Silver2 shifters, and against the trend, he got a triple up front. He didn’t see this a complicating his shifting life.

    He’s been riding a bike forever and has been all over the Americas riding places I’ll never go, mountainous places with famous names and foreign animals. He didn’t see his „extra“ ring or two as complicating his bike’s shifting. He wanted it because a lot of the time it’s nice to have a 20-tooth difference up front spread among three rings. . . . .

  4. Roland schreibt:

    Hallo Christoph,
    wem die abschätzigen Blicke seiner Mitrennradler nichts ausmachen, fährt vorne dreifach gut. Und wie Du auch schreibst: Die meisten von uns sind Cyclotouristes, bei denen es aufs letzte Gramm nicht ankommt. Sehr angenehm ist es auch, wenn man vorne aufs kleinste Blatt und simultan hinten einen etwas schweren Gang einlegen kann. Das ist dann genau der richtige Gang, um in einen Berg so ein bissl mit Schwung hinein zu fahren. Finde ich als RacingT-Fahrer (Campa).

  5. crispsanders schreibt:

    RacingT ist natürlich ein besonders edles Beispiel, aber auch dieses hat den Nachteil ausgelaufener Produktion. Möchte also alle ermutigen, sich nach 3fach Kurbeln auf dem Gebrauchtmarkt umzusehen, – – außer an Kettenblättern verschleißen sie einfach nicht….

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