Die Zwischenprüfung am Soulor

aa4Es gibt Dinge, die man nicht simulieren kann. Ein Pass über 10 Kilometer, das sind 10 Kilometer ununterbrochene Anstrengung ohne Erholung. Man kann (vielleicht) noch einen Zahn leichter schalten, das ist dann aber auch alles; außer abzusteigen, bleibt keine Möglichkeit, den Körper zu entlasten – die Wahrheit über unsere Kletterform offenbart der Berg.

Der Soulor ist eine Zwischenmahlzeit in der großen Rundfahrt – entweder ein Vorspeise zum Aubisque oder eben als Dessert, wenn es in die Gegenrichtung geht.

aa1Es gibt noch eine dritte Auffahrt von Norden. Sie ist  die Älteste, kommt aber nur selten ins Programm. Mit 13 Kilometern Anstieg ist sie nicht nur die schwierigste, sondern auch die schönste Möglichkeit auf den Pass zu kommen, der mit etwas über1400 Meter Höhe nicht zu den Titanen zählt. Für mich ist sie ein guter Bekannter geworden, den ich regelmäßig besuche. Man ist gern unter sich.

Zunächst läuft es lange durch ein grünes Tal, die Vallée d’Assons, ganz unmerklich geht es aufwärts, immer weiter auf eine grüne Wand zu, während Höfe und Vorgebirge links und rechts vorbeiziehen.

aa3In Ferrières, ganz am Ende des Tals gibt es kein Ausweichen mehr, das Tal endet mit dem Dorf, das sich hier verborgen wie eine Mönchsklause eingenistet hat.Mit einem scharfen Haken von 11% geht es in den Hang. Dieser erste Kilometer wird zum wichtigsten, weil hier der Takt für die 12 folgenden gefunden werden muss. Die Prüfung beginnt.

ab1Es ist das Ende einer (sehr) verregneten Woche. Mit wenig Hoffnung startet man Richtung Berg, wenn Dauerregen und 10 Grad auf der Wetterseite stehen. Aber nach der  nassen Durchfahrt von Pau mehren sich helle Zeichen am Himmel, der kleine Scheibenwischer kann hinter Nay abgeschaltet bleiben.

a3Mein Parkplatz liegt wie reserviert. Ich bleibe der einzige Besucher des seit Jahren geschlossenen Restaurants. Ein Postauto kommt den Hang herab und biegt Richtung Pau. Der Fremdenverkehr wird sich auf mich beschränken und beginnt jetzt.

Vielen, die den Systemwechsel auf die Scheibenbremse vollziehen, werden eine Fahrt auf dem rostgesprenkelten Snel, vermutlich als lebensgefährlich finden, ein Kamikazerad aus finsterer Vorzeit. Dabei ist seine Shimano 600, die um 1982 als New 600EX vorgestellt wurde, Höhepunkt einer langen Tradition. Friktionsschaltungen, Eingelenkerbremsen, 130er Lochkreis – das wurde über 80 Jahre entwickelt und wird wenige Jahre später nicht mehr üblich sein. Hier findet sich ein vollendetes Produkt, wenn es gut eingestellt wird. Ausgereift, leicht, preiswert und unzerstörbar.

a1Schalten braucht man am Berg nur wenig, Hauptsache, das größte Ritzel geht geschmeidig drauf. Die 600 könnte bis 32 Zähne packen – muß sie aber bei mir nicht. Nach dem ersten Kilometer hole ich noch einmal tief Luft und huste aus was geht. Der Brustkasten ist plötzlich nicht mehr eingeschnürt, tief und frei geht der Atem durch die zartgrünen Blätter. Endlich.

aa2Das Wetter bleibt stabil, ich meine sogar, einen Sonnenstrahl auszumachen. Hauptsache es ist mir oben gnädig, gleich werde ich die Wolkendecke abschätzen können.  An der nächsten Ecke kommt das kleine Dorf Arbeost in Sicht.

a4Von hier kann man sonst die Bergkette sehen und auch das einsam Hotel am Aubisque rechterhand. Heut nicht. Auf 1500 m sind also permanent schon Wolken, aber ich meine, den berühmten Tunnel gegenüber in der Bergwand zu erkennen. Halbe Miete.

aa6Jetzt lasse ich schon Arbeost und seine kleine Rampe am Ortsausgang hinter mir, danach kommt der Hof, dessen Eigentümer auch das Passcafé pachten und dort ihren Käse anbieten.

Für einen verlorenen, einzigen Tagesgast werden sie kaum öffnen. Die nächsten grünen Serpentinen laufen durch ein Waldstück, dem letzten auf dem Weg zum Paß. Schon fast Halbzeit, ich rede mir zu und bleibe vorsichtig. Schlimm wird es an der 5 Kilometer Kante, wenn die allletzten Hütten hinter mir liegen.

a2Aber erst noch der Blick über das Idyll, das ich noch nie so grün und frühlingssatt erlebt habe. Pferde, blühende Kirschen, Autowracks als Hühnerhäuser und Traktoren. Alles in vollkommener Stille, außer dem Postauto wird niemand mehr vorbeikommen. Keine Abgase, keine stechenden Insekten, weder Schwüle noch erbarmungslose Sonne, große Stille. Ein Gleichgewicht.

aa7Dann die Felsen und die Nebelbänke, dahinter kann das Grauen warten, wenn der Wind vom Pass herunter fegt und dich in den Stillstand drückt oder die Sonne unbarmherzig auf den Hang schlägt.

Heute bleibt es ruhig: weder Sonne noch Wind und nur noch 4 Kilometer. Unter dem helm kann ich meinen Puls spüren, mit dem Sekundenzeiger am Handgelenk zähle ich mit . Etwas über 140, stabil.

aa8Übermütig gehe ich in den Wiegetritt und auf 24 Zähne – das lasse ich aber schnell wieder bleiben. Genieße die Luft, die Du noch hast. Die Wolken haben sich verzogen, Schneerest hier und da, bis zum Paß wird sich nichts ändern. Es ist besser als in der Sonne, beinahe besser als die anderen male gelaufen.

aa9Da steht die Maschine und wie gut, hier oben ein zweites Restaurant zu haben. Heißer Kakao, Postkarte und ein paar nette Worte mit dem Wirt.  Windjacke und die Handschuhe zur Abfahrt. Eine gute Überraschung ist der Soulor diesmal gewesen, das Jahr auf dem Rad kann eine gute Runde weiter gehen. Die Bremsen haben gehalten – wie immer.

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Eine Antwort zu Die Zwischenprüfung am Soulor

  1. randonneurdidier schreibt:

    Hart, ehrlich, stimmungsvoll. Chapeau 💪👏👏👏

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