Hymnen an die Nacht Gießen 400 – 22 Teil 2

Eigentlich wissen wir nichts über die Dinge ringsum. Wir gehen jeden Tag aus dem Haus und ahnen kaum, was hinter der nächsten Tür, der Hecke am Weg vorgeht. Wieviel weniger noch von dem, was dort unten, beispielsweise hinter Hessisch–Lichtenau geschieht. Millionen von Daten, Millarden von Daten werden gesammelt und freiwillig gesendet. Alles was dabei herauskommt sind Bewegungsprofile. Ameisen aus dem All betrachten und fragen, wohin sie wollen…

c00Mein Bewegungsprofil in Nordhessen kann nur als kleine Lichtspur verfolgt werden. Das Navigationsgerät ist so alt, daß es nur Satellitensignale empfängt, es ortet sogar russische. Wenigstens kenne ich den Punktan dem ich bin, wieviel Uhr es ist und wann heute die Sonne aufgeht. Heute, am 8 Mai 2022 ziemlich genau um 6 Uhr, in etwas sieben Stunden. Mehr aber  nicht. Wo aber werde ich dann sein? Niemand weiß es, am wenigsten ich selbst, die Ameise auf dem Rad. 22Uhr 30.

In diesem Augenblick bin ich in  Altmorschen und das Blatt könnte sich nach 130 km des 400ers gewendet haben. In der feuchten Abfahrt häuften sich trockene Flecken auf der Straße, mehr und mehr und schließlich war klar, daß ich die Regengrenze passiert hatte. Südlich von mir wird es trocken und wärmer sein. Nur die Wollsocken waren noch feucht. Unwichtig, denn die Temperatur wird nicht unter 5 Grad Kälte sinken. Der Mond ist aufgegangen, ein paar Sterne sind zu sehen, nicht allzuviele –  Altmoschen und Morschen und ein paar Bahnlinien, ein altes Schloß, jetzt Jugendherberge – Notbeleuchtungen erleuchten den Kasten von innen. Die Dörfer schweigen und wahren ihr Geheimnis.

c3In einer Stunde oder etwas mehr die nächste Kontrolle – Remsfeld an der Autobahn. Vorher noch haben mich die Mitfahrer aus Hessisch-Lichtenau überholt, 5 oder 6, ich werde nicht versuchen, mich dem Pulk anzuschließen. Dorf um Dorf gehe ich vor,  immer an das nächstliegende denken.

Die Nacht für mich allein, mein eigener Rhythmus, keine ständig tanzenden Lichter um mich, keine mechanischen Geräusche aller Art – und vor allem kein falsches Tempo – es ist noch lang, die Kraft muß reichen, die Energie muß reichen. .

Es geht auf und ab, ringsum die Nacht, immer wieder erkenne ich bekannte Fragmente der Strecke: Umrisse. Wegmarken, wie eine Unterquerung der ICE Trasse, der endlose Anstieg, der sich zäh dahinzieht und den ich mit Gelassenheit und kleinen Gängen bewältige. Auch Dorfecken, scharfe Abbiegungen, die im Licht einer Natriumdampflampe kurz sichtbar werden, sind nach vier Jahren nicht aus dem Gedächtnis verschwunden. Vielleicht arbeiten nachts unsere Sinne schärfer? Vielleicht sehen wir nachts mit anderen Augen?

Vor Mitternacht: Autohof Remsfeld Km 159

c4Blau leuchtet die Nacht, wieder ist es ARAL und Räder sind auch da. Auf der Suche nach einem Nachtmahl bedienen wir uns an den noch vorhandenen Stücken in der Backtheke. Eine Geflügelwurst im Teigmantel erfährt meine Gunst, was noch bleibt wird nicht viele satt machen. Statt Kaffee nehme ich einen kalte Dose Nespresso zu mir, spekuliere auf mehr, mehr Koffein tanken. Für Flüssigkeit noch: immer Gerolsteiner Mineral.  4 oder fünf Fahrer, die im kleinen Verkaufsraum hin- und herlaufen und auf ihre Smartphones blicken machen die Kontrolle Remsfeld kurz vor Mitternacht zu einem lebendigen Ort im einsamen Tal.  Wir wechseln ein paar Worte, nicht viel, alle sind sehr geschäftig. Eigenartigerweise bin ich der erste, der wieder zur Abfahrt bereit ist. Bleib bei Deinem Rhythmus.

Die Tiefe der Nacht beginnt nach einem auffällig gut beleuchteten Fußgängerüberweg.

In den Knüllwald geht es langsam und in Wellen hinauf – Hier und da ein paar Häuserreihen, letzte Siedlungen, dann 15 Kilometer Dunkelheit. Aber diese Dunkelheit erinnere ich am deutlichsten von vorigen Fahrten. Landmarken wie ein Mobilmast hier, ein einsamer Telekomturm vom anderen Hügel, mit rotem Lichtpunkt . Der Mond gibt Restlicht, hin und wieder schalte ich die Lampe aus: der scharfe weiße Kegel des Scheinwerfers auf der Straße macht müde.

Nötig wäre die Kamera, die ich nicht mehr am Rücken spüre, das kleine Stück Glas und Metall, das zuverlässig hunderte Bilder macht seit Jahren. Ich wühle mich durch die Lagen meiner Kluft – sie ist tatsächlich futsch. Vermutlich an der Kontrolle vergessen. Da kommt ein Lichterschwarm und zieht an mir vorbei. Über 10 Kilometer völlig umsonst: umkehren also. Zurück zu Kontrolle 2.

Nach Mitternacht, Autohof Remsfeld immer noch Km 159

c01Vor der Aral wieder das gleiche Bild, es sind nur andere Fahrer. Ich frage, keiner hat etwas gesehen, die Kassiererin auch nicht. Den Verkaufsraum wie einen Tatort abschreiten. Gleich neben der Kasse  -: auf einer halben Palette Flachmännern ruht das gesuchte Stück, von niemandem bemerkt. Freude.

c12Die Tiefe der Nacht beginnt nach diesem auffällig gut beleuchteten Fußgänger- über- weg.

Eine gute halbe Stunde verloren. Ins Finstere, zurück in den Wald, hinauf auf den Hügel. Jetzt Musik, der Beginn von Bartok dritten Klavierkonzert tönt durch die letzten Fichten. Schwer und getragen kommt es aus dem Nichts zu mir geflogen. Da überholt einer mich mit hoher Frequenz. Weiter im Stück. Den Takt mit  42×26 geben und nicht erst drücken. Innerlich an Fulda denken und dem kleinen roten Licht folgen, während im Nebel unter mir zwei weiße Lichter folgen. Stimmen in der Nacht. Werde ganz oben eine Pause machen, nochmal essen. Nicht zuviel, sonst sackt das Blut in den Magen. Und trinken – man gibt sich jetzt schon selbst Befehle. Oben die Ruhe, die vorbeiziehenden Kollegen grüßen, nochmal Wind/Regenjacke und Schal richten, Mütze über die Ohren. Dünne Handschuhe anziehen. Wie gut, wenn die Mütze über die Ohren geht. Trinken. Noch drei, vier Stunden bis Fulda. Der Weg ist leicht zu finden.

Im Fulda Gap, zwischen 1 und 3 Uhr

Das Navigationsgerät rührt sich nicht mehr, zeigt immer dieselbe Position. Reset  – fängt es sich? Keine Reaktion. Ausschalten, weiterrollen, warten. Umsonst. Zum Glück ist der Weg leicht zu finden. Weiterrollen. Jetzt das Lichtfestival der Autohöfe -Kirchheim schon. Burger King geschlossen, 2 Räder vor einer Tankstelle. Sich Zeit nehmen? Lieber nicht, besser weiterfahren, einfach tun was auf den großen gelben Schiildern bei Niederaula steht. Fulda- folge deiner Erinnerung. Nimm den inneren Kompaß.

An einem großen Parkplatz das nächste Schild. Hunderte, vielleicht tausend graue Lieferwagen unter Flutlicht auf denen das schöne Wort Amazon steht. Sie sind neu und warten auf Fahrer. Die Systeme sind noch nicht hochgefahren, die smartphones ruhen noch – der Amazon Hub macht die einzige Pause in der woche. Die Strecke ist flach, ich versuche den Rhythmus zu halten, lese die Nummernschilder in den Dörfern. Immer noch VB, Vogelsberg. Schlitz, Bad Salzschirf – lese ich FD, ist die Erlösung nah.

Die zwei Fahrer aus dem Knüllwald schließen aus dem Nichts auf, nehmen mich in ihre Mitte. Wir reden kurz. Ich spreche über Fulda. Dort vielleicht ein Burger, eine Pommes. Auf jeden Fall Tankstelle. Km 230 sagt er -, Avia. Sehe ich noch: betrunkene Taxifahrer und noch betrunkenere Gäste. Räudig. Ich will warme Pommes und einen Royal TS mit viel frischem Salat. Die Beiden ziehen weiter, geben Gas, ich bleibe in meinem Tempo, kein Watt zuviel im Fulda Gap, die Nacht dauert noch drei Stunden. Das Geflügelwürstchen der Tankstelle schmeckt erstaunlich gut für eine Vorspeise. Die Lichter der anderen: sind fort. Lautloses Rollen in lautloser Umgebung. Ein Rad muß sich unauffällig benehmen auf der langen Distanz. Nicht zu träge, nicht zu nervös, sauber rollen. Weiterrollen

Mehr Lichter  – Fulda  – so um 3 Uhr

Tankstellen ja, aber erloschen, suche das Wort Zentrum. Fahre im Kreis. Die Straßenbeleuchtung ist üppig. Ampeln sind am Sonntagmorgen das einzige Lebenszeichen in dieser Stadt. Lebenshungrige junge Leute mögen sich bitte einen anderen Ort wählen. Hungrige Menschen auch: die nächste geschlosene Tankstelle. Im Licht einer besonders hellen, großen und leeren Kreuzung nehme ich das Navi ab, löse den Batteriedeckel und achte deutlichst auf plus und minus. Wieder einschieben. Läuft: die rosa Trasse ist sichtbar und das kleine grüne Dreieck: that’s me. Die nächste, schöne große Kreuzung und zwei Radfahrer, die mir entgegenkommen: kein Zweifel: es sind dieselben zwei wie vorhin, hatten an einer Bushalte eine kleine Pause gemacht.

c5„Wo willst du hin?“ rufen sie mir zu  -„fährst Du zurück?“ Aus dem Fulda Gap geht es in Gegenrichtung hinaus. Fahre also schon im Kreis, gefangen in diesem riesigen, sauberen Verkehrsübungsplatz Fulda mit den schönen Fahrradstreifen. Ihnen hinterher. Gleich kommt endlich diese Tankstelle an einer Kreuzung, die ich schon kenne. Sie ziehen weiter. Vor der Tankstelle vier Gestalten die laut pöbeln. Drinnen ein junger Mann, der überlegt, ob er an den Nachtschalter soll, oder vielleicht besser die Polizei ruft? Die Situation gefällt mir nicht. So komme ich nicht an mein Essen, falls da überhaupt noch etwas ist. Auf der Hauptstraße endlich ein McDonalds closed (ich habe tatsächlich nachgesehen!), und dann schon, hinaus aus der Stadt, zwei weitere Tankstellen im Dornröschenschlaf. Gibt es eigentlich den Royal TS noch? Ein Fluch liegt auf dieser Stadt.

Eigentlich wissen wir nichts über die Dinge ringsum. Wir wissen nichts über Fulda.

Dann ist Fulda, das Loch im Nichts, wirklich zuende. Habe noch Riegel und Pistazien irgendwo hinten. Muß weiter. Navi funktioniert, wenn es auch nur eine rosa Linie ist ohne Karte. Karte unsichtbar- Nachtmodus. Wie im Halbschlaf durch Dörfer, muß irgendwo noch Kraft finden, muß mit mir reden…

Es ist wirklich alles sehr dunkel. Fulda Gap südlicher, km 245, gegen 5 Uhr.

c6Wenn der Himmel grau wird links von Dir, hörst Du schon die Vögel. Du bist in einer schönen Landschaft zwischen Wiesen und Wäldern. Ein Tal neben Dir. Du hast es gut, kleine graue Wolken, die nicht bleiben werden. Von unten rufen Kühe, sie verwechseln Dich. Kurz nach fünf. Der Sattel schmerzt schon etwas länger, eigentlich seit Stunden schon. Wenigstens ist Dir nicht kalt.

Du mußt irgendwann nochmal tief in die Tasche greifen. Noch Mandelpaste in der knistrigen Folie, nimm sie doch endlich. Also gut. Später nochmal bei den Pistazien nachsehen. Die Vögel singen. Die Schaltung fällt ins nächste Ritzel, warum reicht der Gang nicht? Doch gar nicht so steil. Jetzt ist der Himmel schon rosa. Der Gang reicht immer noch nicht –

Das blaue Grau ringsum wird allmählich grün, aber kalt ist es – siehst Du da hinten die Watte: da ist die Fulda, sei froh. Bei Uttrichhausen ist der Himmel rosaner- ab ins Tal, nicht mehr lang bis Kalbach. Mühe die Leitplanke zu sehen. Da stand ein Imbiß. Geschlossen. Schlafen alle tief. Kein Geräusch, nur Vogelstimmen und reifengeräusche. In Kalbach halte ich an, versprochen. Muß ja, habe den track dort geteilt. Und nochmal geht’s hinauf, wo ist nur das kleinste Blatt? Jemand überholt – wieder der mit dem schnellen Tritt – er schwebt davon und ruft: „es ist noch lang!“. Hier ist das 30er Blättchen, gleich bist Du oben, noch an diesem Wald vorbei, der so eigenartig herb duftet. Wie Zitronen, die es hier gar nicht gibt. Hess. Rhön steht da auf einem Schild, Wanderer, ein Paar, Mann und Frau, sie hat etwas längeres Haar.

Ortsausgang Kalbach oder Heubach: endlich ißt Du etwas, zieh die dünnen Handschuhe aus, die brauchst Du jetzt nicht mehr-  knack die Pistazien, nimm soviel Du kannst, noch 30 Kilometer bis Burgsinn: ein Witz. Die Pistazien sind bitter, –  iß sie trotzdem. Trinken. Die Vitaminmischung wie Medizin, aber gut. In der anderen Flasche noch Reste vom Ingwer. Dann fällt der Riegel runter, der letzte mit der Birnen-Pflaumenmischung. Du mußt Dich schon bücken. Und mußt es jetzt endlich aufheben, sonst kannst Du es nicht essen! Ich hebe es auf, ich esse, ich fahre weiter, hinten ist der letze Hang vor dem langen Sinntal, die Sonne streichelt mich schon, es wird noch ein schöner Tag.

Km 260.

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