Eine letzte Runde nach Gießen : 400km Teil 3

Die Handvoll Pistazien wirkt, die kleinen Stücke der Honigmandelpaste wirken, Der Fruchtriegel wirkt. Es braucht nur ein paar Minuten, dann rauscht der Engergieschub durchs Blut, und trägt mich sanft über den grünen Heubacher Hang, (fast) mühelos über den hessischen Landrücken. Morgens um 6.

0a1Das letzte Drittel. Der Kopf ist wieder klar, der Zucker und das Tageslicht bringen Struktur zurück, auch im Gefühl, das Schwierigste hinter sich zu haben. Höhenmeter, Nacht, Kälte –  Energie:es ist noch lang, sagte der Mann mit dem schnellen Pedaltritt, als er mich bei Sonnenaufgang überholt hatte.

Noch 130km – ungefähr. Das Sinntal liegt voraus, ein langes, einsames Tal, in dem noch gegen Strommasten protestiert wird. Abgeschieden, über und über grün rollt es sich dort leicht… für eine Handvoll Kilometer sogar auf der falschen Seite. Am Hang gegenüber sehe ich die Neonwesten fahren, ich bin müde, aber es ist kein Irrtumt! Nur ein Schleifchen mehr.

0a11Bis hierhin habe ich die Kräfte ausgeschöpft, nur um vorwärtszukommen, über die Nacht und die Kilometer. Wie eine Flasche, die man vorsichtig leert. Vielleicht war sie etwas zu leer. Aber jetzt, wo der Rest der Strecke vor meinem inneren Auge deutlich zu sehen ist, setze ich  Ziele. Konkrete Ziele. Etwa um 7 Uhr könnte ich in Burgsinn sein.

Gewiß hat jeder seine eigene Methode, einen Brevet zu bewältigen. Für mich beginnt jetzt ein Zeitfahren. Den Brevet ab hier vom Ende her denken. Ich sehe die Kilometer vor mir, die Orte und Wegmarken, kann die Windrichtung abschätzen: Nordost. Die vergangenen Kilometer zählen nicht, nur die kommenden, die kommenden Anstiege, die Leuchtfeuer im Gedächtnis. Jeder wird jetzt seine Methode haben, Kräfte zu mobilisieren.

0a2Für mich ist es das Rennen gegen die 20 Stunden Marke. 400 Kilometer unter 20 Stunden. Kontrolle 3 – Kurz nach  7 in Burgsinn habe ich gute Chancen. Ankommen vor 13 Uhr: das ist es, was den Motor und den Kopf ans laufen bringt. Von hier 30 Kilometer bis Bad Orb, der großen Oase mit der Tankstelle, die keine kulinarischen Wünsche offen lässt.

0a3Vorher wartet der Gegner im Sinngrund. Ich habe den Anstieg hinter Aura nicht vergessen. Aura im Sinngrund,  philosophischer Name für einen erbarmungsloses Stück Spessart, das mich zwingt, tatsächlich diesen Mister Tom Erdnußriegel aufzuknacken. Die Milch dieser Kühe müßte ich stattdessen bekommen.

0a4Der Hang liegt schon in voller Sonne, Jacke bleibt an, noch ist es nicht zu heiß, nicht anhalten, nicht den Rhythmus verlieren. Es sind nur 2 oder drei Kehren, diese aber steil.  Kollegen passieren, die sich schon umziehen, der Mann mit dem schnellen Tritt schlief eben in einer Bushaltestelle. 30er Blatt, 23 Zähne, kurbeln.

Durch die kühle Luft in den Joßgrund. Bad Orb: noch 13, die Hälfte davon bergauf.

0a5Gerade erst 8 an der Schloßuhr. Du weißt, der Anstieg nach Orb ist ein Roller, ein vollkommener Roller. Immer nur die Kraft einteilen und den Rhythmus wahren. Weiße Streifen an der Straße markieren Kilometer. Jetzt der Letzte bis zur Kuppe mitten im Wald. Halte den Rhythmus und zähle. Zähle die Tritte, 3m30 pro Umdrehung, das dürfte stimmen. Also zählst Du. Es funktioniert, die Zahlen sind wie ein Metronom, dessen Takt Du folgst. 256, 257, 258 . . . da kommt das Ende. Um halb 9 wirst Du an der Tankstelle halten: essen, umziehen, frisches Wasser -vor allem ein schöner Cappuccino.

0a12Maximal eine Viertelstunde also und Du kannst es schaffen in dieser Zeit. Die lange Gerade Abfahrt nach Orb, Muskeln ganz locker austreten, Laktat wegspülen, aus dem Sattel und Strecken, beide Beine, Oberschenkel, Unterschenkel, Hüfte,  alles was schmerzt. Gleich ist es soweit: raus aus der Regenjacke. Kalorien, Kalorien.

Meine längste Pause auf dieser Fahrt. Eine schöne kleine Ecke, warm und cosy, Blumen für den Muttertag kaufen manche hier: das ist heute am 8 Mai, die Sonne scheint und wird bleiben – das Hoch aus Nordost wird mich noch eine Stunde vorwärtsblasen. Danach 60km NordNordWest.

0a6Mitfahrer sind eingetroffen. Laufen draußen herum bis der Tankwart sie bittet, doch eine Bank zu nehmen. Wo wir herkommen – „Ha! Ha Ha  ! Hessisch Lichtenau! Da war ich W 18er beim Fernmeldezug. Ständige Schlepperei zum Hohen Meißner, wo der Horchposten Ost war.“ 18 Monate und des klang, als seien es 18 Jahre gewesen.50 Jahre her, als Wehrpflichtiger in Nordhessen kalten Krieg führten. Einen Schluck Cappuccino noch, die Flasche ist nachgefüllt.  Blick zur Uhr. Auf.

0a7Das Lachsbaguette war so riesig, daß ich die zweite Hälfte im Fahren esse ; langsam kauen, rollen, es läuft noch bis zur Kinzig bergab. Gute Entscheidung. Nächstes Ziel bei km 360, die penultimo Kontrolle. Gelnhausen überwinden jetzt. Blödsinniger Track, nicht ausreichend korrigiert. Mal der Nase nach, mal Baustelle. Besser auf der Hauptstraße bleiben, aber das verbieten die Algorhythmen dem Rad. Holprig und im Zickzack durch die Felder, so sehen sie uns herumirren.

0a8Aber es hat auch Lieblos sein Ende.

Endlich die Allee hinaus, die letzten Bäume des Ländchens: Hier ist der Boden gut, Bäume werden selten: fruchtbares Land. Unverdrossen die erste Welle nach Altenstadt. Ein Mitfahrer voraus. Da ist er wieder. Mit Auflieger. Tippitoppi ausgerüstet steht er an einer Kreuzung

Warum hält er?  No Problem – zunicken. Nach dem nächsten Anstieg in ein Wäldchen, gleich nach der Obstbaumallee (hier machte ich vor vier Jahren ein Bild, war ich müde?)  hat er mich eingeholt. Navigationsproblem, ein junger Pole, Spezialist für Ultradistanzen. Keine 60 kg Masse. Wir bewundern die Landschaft, genießen den Blütenduft, überqueren die nächste Baustelle, lassen uns von der RTF des Clubs aus Flörsheim mit SWorks Aerofeilen überrollen.

0a91Er sagt –: noch eine Steigung, die vorletzte bis ins Ziel.

0a22Um Punkt 11 an der letzten Kontrolle. Eintracht Trikots vor der Theke. Ich bestelle 2 Espresso für uns beide und die letzten 40km: er winkt ab ; enough coffeine – also trinke ich zwei und wir verabschieden uns, denn er hat keine Eile. Noch 40km.

Entweder ist er Espresso besonders gut oder das Koffein. Es läuft. Unterlenker gegen Nordost, Alleen Bäume machen sich rar,  irgendwo Butzbach,  Lich, nur den Takt halten, nur den Takt halten. Der Motor läuft, Nacken ok, Hände ok, Schuhe passen  – keine Druckstellen keine Taubheit. Beine müssen, Wind dreiviertel vorn.

0a21Nur einmal noch ein Foto über der Wetterau, an der gleichen Stelle das Autoportrait von vor vier Jahren. Da war es wärmer. An dieser Stelle, nach einer Strunde Unterlenker am Stück ohne aufzublicken, den Augen auf der magentafarbenen  Linie des etrex-Displays weiß ich, die Zeit ist auf meiner Seite – in der hellen Sonne eines Sonntagmorgen im Mai.

Nochmals Neonfarben voraus: rosa und gelb  – wer mögen die wohl sein?  Noch 300, noch 200 meter – dann sagt der magenta Track: Umgehung verlassen, links durch den Ort. Ich gehorche. Am Kreisverkehr der Landstraße bin ich schon durch, als sie gerade auftauchen – auch mal den Algorhythmus loben. Nicht mehr umdrehen, Bundesstraße, gleich geht es abwärts, alle Segel setzen 52×13. An jeder Ampel ein Sprint, mit jeder Ampel neue Endorphine, das wird es sein.

0a01Giessen = Null – Austrudeln. Star Café an der Star Tanke.

0a02Mein Sattel, mein Rad. Nun ein Sandwich und ein Hefeweizen ohne.

c8Still genießen, es war eine letzte große Runde, aber eine Gute. 432 km sagt der kleine Tracker.

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2 Antworten zu Eine letzte Runde nach Gießen : 400km Teil 3

  1. Mischa Kleine-Reidick schreibt:

    Glückwunsch! Mir haben 300 gereicht. Am 7. Mai im Breisgau
    Sehr sehr schön geschrieben! Und noch Kraft für Photos!

  2. crispsanders schreibt:

    Besten Dank – 300 reichen schließlich auch.

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