Rennrad, Kunst und die Espressomaschine: Hagen 2022

as1Nun bin ich doch wieder in Hagen gelandet und dieser junge Mann blickt mich lässig balancierend an, als fragte er sich, ob ich noch eine Frage hätte. Wann dieses Bild gemacht wurde? – ich schätze 1930 herum in einer Straße von Hagen. Du kennst ihn noch nicht – er wird Dir gleich erst begegnen.

Es hatte eigentlich anders werden sollen, als ich das Krautscheid aus dem Wagen packte. Nicht weit von der Autobahnausfahrt, irgendwo im Zwischenreich von Gewerbegebiet, Tankstellen und Zubringer Hagen herrscht Zuversicht,

a1bis ich diese Blase entdeckte. So sieht ein Riß im Mantel aus, wenn sich der Schlauch durchquetscht wie der Kaugummi aus dem Mund eines Erstklässlers. Schnell zur Tankstelle, nur 100 Meter weiter. Ein Klebeband, möglichst Gewebe, kann den Riß im Mantel noch retten, der erste Kaffee des Tages rückt in weite Ferne. In der Tankstelle Hilfsbereitschaft, doch erst ein Camper, der gerade vor Säule 2 hält, hilft mit Isolierband entscheidend weiter. Camper müssen für alle Fährnisse des Lebens gerüstet sein, von Alaska bis Feuerland. Gerade war der Mantel von innen „versiegelt“, als sie schon ungeduldig von der Gegenseite riefen.

Die 7 Weggefährten dieses Tages. Von hier, aus dem Tal der Ruhr wollen wir nach Süden tief ins Bergische Land – Höhe Köln und wieder zurück. Veranstalter: Selbsthilfegruppe Ruhr, die fast monatlich einen 200km Brevet dank der Streckenkunde des Haiko Hebig aus der Taufe hebt. Hastig steige ich auf, ungewiß, ob der Reifen hält, ungewiß, wann der erste Espresso kommt.

a2Erst nach den ersten Hügeln gelingt es mir,  die Kamera bei Durchfahrt einer unbekannten Fußgängerzone zu ziehen. Der Koffeinmangel  (und Kalorien) machen mir definitiv zu schaffen. Der Motor will nicht warm werden, der Kopf auch nicht. Versuch, Sichtkontakt zur Gruppe zu halten, die sich in bunte Punkte auf der Landstraße zerlegt. Landstraße, Samstags, anschwellender Einkaufsverkehr. Die Tagesform muß sich jetzt rasch bessern, ein Bäcker wäre ganz angebracht – leider erst in 20, 30 Kilometern.

Mir gefällts überhaupt nicht, nicht auf der Höhe zu sein.

a3Da ganz ohne Navigation, bin ich auf die Gruppe angewiesen, deren Tempo ich nicht gehen kann. Zu meinem Glück ist da noch Tobit von der Radbude – diesmal auf einem lilanen –  selbstredend eigenhändig präparierten  – Bob Jackson, an den ich Anschluß finde. Die endlose Folge von Hügeln hat alle anderen verschluckt. Halver. Wir streifen  durch Kreisverkehre. Unsere Unterhaltung lenkt mich ab– bis wir in ein Tal kommen, das mir immer bekannter deucht.

a6Es ist das Volmetal – Hagen 15km steht da auf dem gelben Schild.  Frage an Tobit, einmal auf sein Navigationsinstrument zu sehen und tatsächlich….

a5stehen wir an einer Kreuzung in Dahlhausen, schräg gegenüber das blaue Schild am kl. Bahnhof: daher weiß ich es. Eine Fahrt ohne guten Stern, jetzt Luftlinie 12km entfernt vom eigentlichen Weg. Eine verlorene Stunde;  heute bitte ohne mich..

Tobit zuckt mit den Schultern und kehrt um, die übrigen wiederzufinden. (es wird ihm gelingen)  Unsere Wege trennen sich- ich empfehle mich für ein nächstes Mal und breche zu einem Treffen mit einem ganz anderen Radfahrer auf.

a9Zuerst aber der Bäcker, bekannt von mehreren Brevets, innen von einem Österreichischen Schreiner in Zirbelkiefer ausgekleidet, Urkunden an  der Wand, erst der Vater, dann der Sohn.

a10Urkunden  auch draußen, gleich über den EisenRingen, an denen Pferde angebunden wurden. Vor dem ersten Weltkrieg zählte Hagen auf seinem Stadtgebiet ein dutzend Turnvereine – Ehrenzeichen eines Jahrhunderts, was gelten sie heute noch.

Ich verlasse diesen Ort als ein anderer Mensch, der Tag beginnt von vorn. Rechts ab.

a7Im Volmetal ist das Hochwasser 2021 bewältigt, nur die finanziellen Folgen scheinen nicht ganz geklärt: wenn das Thema aus den Nachrichten des Tages verschwindet beginnt der eigentliche Kampf.

Der Tritt geht jetzt leicht, mehr und mehr Werkstätten ziehen vorbei.

am1Die Grenzen zwischen Betrieb und außer Betrieb scheinen fließend – der tröpfelnde Menschenstrom verdichtet sich dort, wo die Einkaufszentren stehen.

am2Eine Inschrift in Sütterlin – eine letzte, danach die Folienembleme von Nagelstudio- Goldkauf- Spielhalle . In einer Seitenstraße

cs6massiver Luftschutzbunker, wie ihn Kunstsammler schätzen, hier einer von 15;  dahinter umgewidmete Textilfabrik, – daneben eine große, helle Bibliothek, man kann durch die hohen Scheiben sehen, daß die Tische gut besetzt sind – an einem Samstagmorgen. Auffällige Raumhöhen.

am3Kurzer Schwenk auf die Hauptachse  – das Tal läßt ungefähr drei große Parallelen zu – und zurück in den eigentümlichen Charme des Wiederaufbaus. Hagen gleicht vielen Städten des ausgebombten Deutschlands – sachlich- schlichte Fronten aus dem Gebot des Zwecks. Und nun – .

am4–  aus einer anderen Zeitrechnung, mit  selbstbewußter Geste, massiv-ockerfarben, begrüßt mich das  das 19te Jahrhundert. Den Vorplatz dominiert eine gewaltige Platane nebst Kastanie, die den linken, modernen Flügel des Gebäudekomplexes verdecken. Dahinter der Eingang:  Ziel erreicht und Schatz entdeckt: das Osthaus Museum.

am5Die Villa Osthaus ist ein Gesamtkunstwerk ihrer Epoche, alles gediegene Handarbeit im Sinne der arts and crafts, schmiedeeisern, gedrechselt, organisch. Der Übergang ins 20te, Abschied vom Historismus, die organisch-jugendliche Zwischenstufe. Gebaut für eine bessere Welt.

Ideal als Kulisse für einen ZDF-Mehrteiler des Genres „Fabrikanten, die fast Hitler verhindert hätten.“ Ein großartiges Haus mit viel Atmosphäre, erstklassiger Kunst, Ruhe. Eine Zeitinsel, auf der das späte Neunzehnten in die Explosion des 20ten in die Ästhetik des 21ten übergeht.

am7Renoir schickt einen letzten Gruß vom Mittelmeer, der in die Moderne tastende Rohlfs führt zum Farbenschrei des Expressionismus. Dies ist der Grundstein der Sammlung: ihre Reste wurden übrigens vor wenigen Tagen als Sammlung Colsman vom Auktionshaus Grisebach verscherbelt. Osthaus und Colsman, zwei bankiersfamilein aus Hagen und Gevelsberg. Nur diese Haus wird noch an ihren Namen erinnern.

am8Ölgemälde, Zeichnungen, Skulpturen, große Sonderausstellungen. Eine Handvoll Besucher und sehr freundliche Wärter teilen mit mir diese Oase. Ein Detail:  –   7 (in Worten .sieben. ) Euro Eintritt für das gesamte Museum Parkgebühren incl. In Darmstadt kannst Du dafür keine Stunde bleiben. Aber der Vergleich mit  Darmstadt ist unfair, Darmstädter saugen die Kunst mit der Muttermilch auf. In Hagen irren die meisten gerade durch eine Fußgängerzone, die bessere Tage gesehen hat. Was sollen sie auch sonst tun, als der Inflation hinterherzurennen. Andere sind  Pioniere und einer dieser jungen Pioniere war Emil Schumacher. Der junge Mann mit dem Rennrad.

am6„Die guten Geister und die schlechten Geister sind an allen Orten gleich. Ich kann in Hagen arbeiten“. So ungefähr sagte es der junge Radfahrer,  ein Handwerkerkind, das Werbegrafik studierteAls junger Mann überquerte er mehrfach  die Alpen mit dem Fahrrad – zu einer Zeit, als es nur drei Gänge gab. Ein zäher Bursche, dessen Entwicklung als Künstler vom drohenden Krieg überschattet wird. Als Zeichner kommte er in Hagen bei der AFA unter. Die AFA (heute Varta) baut seit 1905 Akkus für U Boote und Torpedos –ist also kriegswichtig; so kann man überleben und an die Zukunft denken.

an6Die Lebensjahre von 20 bis 30 hat ihm als Künstler ( Jahrgang 1912) der Krieg genommen. Man kann den Hunger nach Neuem, den Wunsch aufzuholen leicht nachvollziehen.

an3Abstrakt oder informel, wie auch immer man es nennt: Emil Schumacher entscheidet sich für die reine Welt von Form und Farbe um 1950. Die großen Leinwände mit groben Farbschichten. Etwas  primitiv –archaisches darin. Wenn Du nichts mehr zu verliern hast, machst Du die größten Sprünge.

an1Heute hat er ein ganzes Museum für sich, einen Flügel mit drei Stockwerken aus Glas und Beton,  Baustoffe seines Jahrhunderts, das Material der Bunker und Bürogebäude und Parkhäuser. Aber auch von Design und Reduktion als neuer Lebenskunst: Objekte der Sammlung jacobi auf einer etage mit Bildern der Epoche.

an4Im obersten Geschoß ein Zusammenspiel von Designobjekten und Kunst,  wie ein riesiger Wohnraum voller Stühle. Lampen, Tischen, Bildern und Kaffeemaschinen, glänzend wie Monumente. Der Espresso, den Schumacher aus seiner kleinen Pavoni zog. Eine Reminiszenz an die überquerten Alpen, der Treibstoff für Randonneure.

am9Und ein Radfahrer in voller Bewegung, Tuschzeichnung: die Vorstufe, der Kreis , der sich schließt. Eine Zeichnung von Umberto Boccioni. Ein junger Mann, der allen davonfährt.

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2 Antworten zu Rennrad, Kunst und die Espressomaschine: Hagen 2022

  1. randonneurdidier schreibt:

    lieber Christoph, Du wirst mittlerweile offensichtlich mehr und mehr auch zum „Kultur-Randonneur“ Bravo! Du schaust hin und auch hinter die Kulissen… Schön, Deine Zeilen über Hagen, Halver Volmetal. Wo mein Name und auch meine Familie ihre Geschichte haben. In diesem Sommer will ich endlich meine Cousine in Schalksmühle per Rad besuchen. Schaun mer mal… Neugierig auf Deine nächsten Berichte. All the best Dietmar

  2. crispsanders schreibt:

    Man muss die Feste feiern, wie sie fallen. Ich freue mich auf Dein Wiedersehen mit Schalksmühle und Umgebung. Die Gegend hat Substanz.

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