Wenn alle sagen es wird teurer, dann wird alles teurer

Kennt jemand noch den alten Satz: wenn alle sagen Du bist Pleite – dann bist Du Pleite. ? Diese Weisheit erlebt am Supermarktregal, vielleicht auch an allen möglichen anderen Regalen gerade eine eigenartige Umkehrung. Wenn alle sagen es wird teurer, dann wird auch alles teurer.

aq1Die gute alte Bitterschokolade aus der Schweiz beispielsweise kostete lange 79 cent. Das ist sensationell, wenn man bedenkt, daß der teuerste Inhaltsstoff in ihr der 81% Kakaoanteil ist und die Schweiz ein Land ausserhalb der EU ist. un sind wir bei 87 cent.  Das ist immer noch sensationell, wenn man sieht, daß die Konkurrenz mit klingendem Namen und großenteil undeklariertem Inhalt nur unter Aktionswochenverrenkungen auf dieses Preisniveau kommt. Vermutlich bezahlen sie dabei die Marke (und die Lobby ) mit, meinte der kluge Kassierer. Allen gemeinsam: Kakao und Milchpulver.

aq4Mein Lieblingsquark – 40%, Fett schmeckt besser, hat keine Marke. Er stammt aus einer Molkerei in Deutschland und variiert in Preis und Qualität nie. Bisher. Denn heute hat der schnöde Quark  aus Deutschen Landen, Hauptbestandteil übrigens Wasser, die gute exotische Schokolade überrundet. 99cent lautet der Vorzugspreis für ein Produkt, das jahrein jahraus in gebückter Haltung gerade 50 cent erzielte. Wie kommts? Wollte man die Nähe zu einem schwerreichen Rapper meiden?

Wenn alle sagen es wird teurer, wird es teurer.

Nun jedenfalls ist es raus. Ein Land, das Ebikes und 10kEuro Rennräder liebt,- muß auch für Quark einen (klima)gerechten Preis zahlen. Vielleicht  nicht es nicht ganz zutreffend, denn irgendwie sollte es beim Quark klimagerechter zugehen als bei der Schokolade oder gar  Bananen,  die mit dem Quark Faktor belastet an die 10 Euro kosten müssten. Tun sie aber nicht. Was läuft also schief beim guten alten  Quark?

aq3(ein geröstetes, gemahlenes, konfektioniertes Naturprodukt, das preislich stabil bleibt.)

Möglicherweise hilft die mikroökonomische Brille. Mischkalkulation, Substitutionsprodukte, Kreuzpreiselastizität – das sind Worte, mit denen man Kunden aus Supermärkten jagen kann, deren Gültigkeit sie aber ganz offensichtlich akzeptieren.

Ich weiß ja nicht ob es immer noch so ist, aber im letzten Jahrhundert begann die Mikroökonomie immer mit Butter und Margarine. Wird die Butter zu teuer, wird mehr Margarine nachgefragt, sinkt der Butterpreis, ist es andersrum. Irgendwo pendelt sich dann ein Verhältnis zwischen beiden Gütern ein, das relativ stabil ist genauso wie ihre gegenseitige Veränderung auf den cent hin berechenbar wird. Nur ist im Augenblick weniges berechenbar, schon gar nicht der Preis von Ölsaaten, dem Grundprodukt von Margarine.

aq2

(liegt abends noch auf Halde: zu gesund?)

Die eigenartigsten Öle tauchen plötzlich auf, nachdem die Biosonnenblume verblüht ist. Margarineherstellung muß ganz schönes Kopfzerbrechen machen: Substitut Palmöl, das Substitut der Substitute, ist zudem verpöntes Zeug. Der Ersatz von 3 Euro Butter durch den Familienfrühstückskitt Rama holpert. : das solide Beispiel von Margarine vs. Butter  – wie vieles andere  – von Putin kassiert  Was also tun, wenn irgendetwas aufs Aufbackbrötchen vom Traditionsbäcker soll, damit es die Speisröhre hinuntergelangt?

aq5(auch dies ein Milchprodukt)

Dann nimmt er statt Butter also Quark: gesund, fettarm, ausgewogen und (bisher) lachhaft billig. Nicht jedermanns Geschmack und leider seit heute 100% teurer. Glauben Sie bitte nicht den Ausflüchten und Erklärungsketten. Der Preis steigt, weil es geht und weil alle sagen, daß er steigen muss. Und wenn gerade alles ein bisschen teurer wird, warum nicht den Quarkpreis verdoppeln?

aq6Solange der Kunde seine 2  1Euro für das Haribogummi in der Tasche hat, wird er den Euro vom Quark nicht spüren, nicht wahr? So läuft es und so geht es weiter, wenn das Gewohnheitstier sich an die Sicherheit der belegten Schrippe klammert. Da kommt die Mikroökonomie aus dem Schulbuch nicht mehr mit.

Der nächste Schritt ist übrigens der Schwarzmarkt. Vielleicht fehlte deshalb schon die crême fraiche? Wir sind eben allzu verwöhnt.

Werbung
Dieser Beitrag wurde unter Mehr Licht abgelegt und mit , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten zu Wenn alle sagen es wird teurer, dann wird alles teurer

  1. Twobeers schreibt:

    Früher wurde Margarine aus Walfett gemacht und wie ich letzte Woche las, haben sich Bestände der Finnwale erholt. Vielleicht ist das ein Ausweg?

    Auch früher gab es gleiche Preise für gleiche Arbeit / Aufwand. In vorindustrieller Zeit kostete also Butter wie Honig und Milch wie Bier.

  2. crispsanders schreibt:

    Wobei sich heute von Ware zu Ware die Preiskomponente „Arbeit“ stark unterscheidet. es wird immer undurchsichtiger.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s