PS 10 : die Jugend dekonstruieren

aa1

Es war mein erstes Rennrad und seitdem ich ihm ungefähr 1982 entwachsen bin,  hat es nur noch ein Dasein in verschiedenen Kellern gefristet. Was geschieht, wenn man sich endlich entschließt, ein Erinnerungsstück aufzugeben? Ein Rennrad ist keine Madeleine, die man in Tee taucht, und damit eine ganze Epoche hervorzaubert Ein Rad, das man nie mehr bewegt, ist ein schöner, aber eher staubiger Gegenstand.

ab3Es trägt die Spuren der Zeit, ein paar Ausbesserungen, hier und da  die Versuche persönlicher Verfeinerung.  Die Unveränderlichkeit des Materials wundert schon –

Natürlich erinnere ich mich an den Sturz: der Anfang meiner Zeit als Jugendrennfahrer war im Grunde schon das Ende, es war eine Meisterschaft in Straelen und der junge Mann vor mir, dessen Hinterrad ich gefunden hatte, machte einen plötzlichen Schlenker. Er hieß Dirk Petrol, wie ich dank der Startnummer herausfand. Ich sehe mich im Straßengraben, neben dem rotierenden Schlauchreifen…

1975 Thevenet - 11Den neuen Vorbau kaufte mein Vater mir dann im Peugeot Shop auf der Avenue de la Grande Armee – gleich hinter dem Triumphbogen. Muß 1979 gewesen sein. Peugeot hatte in diesem Jahrzehnt zweimal die Tour de France gewonnen, mit Rädern in genau diesem Silber. Seitdem gelang Peugeot nie wieder ein Tour-Sieg, die Räder änderten sich, und auch die drei goldenen Jahrzehnte der Simplex Schaltungen und Mafac Bremsen gingen zuende. Und ich bin nie wieder ein Rennen gefahren,

ab4Aber eine sportlichen Erfolg habe ich auf diesem diesem Rad gefeiert, nämlich die 100km Marke zu durchbrechen – Jahre später an einem feuchten Spätsommertag mit dem Regina Jugendkranz von minimal 19 Zähnen. Ein Nachbar hatte mir dafür noch sein Bianchi Faema Wolltrikot geliehen, das schon zu knapp war, genau wie das Rad. Die längste Reise dann mit dem Schulfreund nach Köln-Deutz zur IFMA 83, eine Autogrammkarte von Felice Gimondi verwahre ich bis heute.

Seitdem der Keller und jetzt der Versuch, die Reste zu verwerten. Nach dem Abschied von der Vergangenheit  nun die Konfrontation mit der Gegenwart der Fahrradwelt. Dank Schutzblechösen könnte es durchaus eine brauchbare Basis für ein hübsches Stadtrad , ja sogar einen modernen Graveler oder Randonneur abgeben – aber die Realität des Fahrradmarkts ist eine gespaltene

aa2Einen Sammler wird es nicht interessieren: das „Mittelklasse Peugeot“ ist eine zu herkömmliche Maschine, kein Spitzenrennrad und Anbauteile, wie die Mittelzugbremsen und die mit Plastik befestigten Schaltungen haben nur wenig Fans.

ab1Auch diese eigenartigen Stahlsteuersätze, die ewig halten und viele kleine Kügelchen verlieren, finden wegen des französischen Gewindes wenig Freunde, ein nachteil sind sie indes nicht. Es ist das Umfeld.

Hier die Wohlstandsbäuche den Ebikes, dort die Mitellosen, die das erste Ding nehmen, was zwei Räder hat und nicht geklaut wird. Dann in einer anderen Ecke, die Feinmechaniker und Freunde edelster Sonderstücke. Die Kenner und dazwischen die verunsicherten Normalos . . . .

Schrauben und montieren wollen die wenigsten – sei es aus Ignoranz, sei es, weil niemand ihnen sagen wird,  wie es geht. Man kann auch sagen: es ist uns abgewöhnt worden. Dabei sind herkömmliche Räder keine Raketentechnik. Alles nur Gewinde, Schrauben, Buchsen und ein paar Lager.

ab2Auch wenn man von  Lieferproblemen hört : sie betreffen doch eher Wunschbestellungen unserer Zeit. Aus der Unmenge an bestehenden Teilen ein Rad für seine Zwecke zu bauen, diesen Aufwand will niemand angehen, selbst wenn es schneller ginge, als auf die passende Schaltung aus Shanghai zu warten. Für die Läden ist es kein Geschäft, für die Kunden ein Spiel mit ungewissem Ausgang. Diese Situation ist mir in den letzten Tagen, als ich eine Handvoll Interessenten ansprach, nur viel zu deutlich geworden. Wir leben  -allen Unkenrufen zum trotz – in üppigem Wohlstand, zumindest in einem konfortablen Zustand seliger Desinformation.

ac1Voilà,  jetzt werde ich es neben irgendeine Waschmaschine an den Straßenrand stellen, wo es nicht lange warten braucht, bis ein Alteisensammler (sie sind fleißig unterwegs zur Zeit) das schöne Reynoldsrohr wieder dem Kreislauf der Metalle zuführt. . . .

Was wird mit den Erinnerungen geschehen, wenn dieser Rahmen für immer verschwunden ist? Ich glaube wenig, meine Erinnerungen werden  einfach überleben, denn sie stecken in mir, genau wie ich jetzt noch das Zwicken des engen Wolltrikots fühle ,als es allmählich auf dieser 100km RTF nass wurde…

Werbung
Dieser Beitrag wurde unter Mehr Räder abgelegt und mit , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten zu PS 10 : die Jugend dekonstruieren

  1. Mischa Kleine-Reidick schreibt:

    Schwierige Ausgangslage. Ich selber habe mein erstes MTB nie abgegeben, fahre 1-2x im Jahr damit.
    Optionen gibt es viele: statt wegwerfen könntest Du den Rahmen für später einlagern. Oder es neu lackieren. Oder den alten Rahmen unrenoviert mit modernen Teilen neu aufbauen ( warum nicht passend in der Mittelklasse shimano 105?) das gäbe einen spannenden Gegensatz von alt und neu, wäre aber nichts für Puristen. Möglichkeiten gibt es viele. Der nächste lange Winter mit Zeit für ein Projekt kommt bestimmt…
    Viele Grüsse
    Mischa

    • crispsanders schreibt:

      Der Rahmen war schon für irgendein „später“ eingelagert. Bis irgendwann klar ist, daß es kein später dafür gab – und die harte Wirklichkeit zeigt, daß dem Projekt auch keine Zukunft gegeben wird. Darauf kam es leider hinaus.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s