Neue Bekannte in der alten Stadt – 13 August 2022

a a1Wenn man eine Stadt besucht, in der man lange gelebt hat, zieht es einen von selbst zu den alten, bekannten Plätzen. Das kann schön, aber auch ernüchternd oder auf Dauer langweilig sein. Anders Berlin. Die schiere Größe verhindert umfassende Kenntnis, es bleibt immer etwas zu entdecken.

Unter anderem große Berliner (s.o.). Im Frühjahr schon stieß ich zufällig und ohne besonderen Anlaß auf den Namen Hannah Höch. Nach ihr ist ein bedeutender Berliner Fotopreis benannt. Von ihr selbst oder ihrem Werk wußte ich wenig, vielleicht noch die Begriffe dada und collage. Inzwischen stapeln sich einige Bücher zur Avantgardekünstlerin, die mit der Berliner Dada-Gruppe 1919 auch als Frau eine neue Epoche der bildenden Kunst einläutet.

Portret_van_Hannah_Höch_(1933),_door_Chris_Lebeau

Hannah Höch hat ihr Leben ab 1912 in Berlin verbracht, ihre künstlerische Entwicklung begann schon vor dem ersten Weltkrieg  bei Emil Orlik und endete mit ihrem Tod in einem kleinen Häuschen in Heiligensee 1978.

ac6Heiligensee, das ist einer der nördlichsten Stadtteile von Groß-Berlin. Immer schon weit draußen, ist es dort beinahe ländlich.  In der Nachkriegszeit wird Heiligensee durch die nahe Zonengrenze noch randständiger, denn der Transitverkehr fließt südlich über die Achse der B5/ Heerstraße.

Erst nach dem Tod Hannah Höchs erlaubt der Ausbau der Autobahnzubringer einen halbwegs bequemen Anschluss an die Stadt. Nach Heiligensee hatte sich die mit Ausstellungs –und Berufsverbot vom NS-Regime belegte Künstlerin 1938 zurückgezogen; eine Erbschaft machte den Kauf des Holzhauses in der Siedlung möglich, und dieses Haus, in dem sie bis zu ihrem Tod arbeitete und lebte, ist Ziel meiner kleinen Expedition.

aa01An der Heerstraße bin ich mit dem Radgenossen Dolittle, Held von Wolkersdorf, verabredet, und da steht er pünktlich um 11 an der Esso Tankstelle, die es an dieser Stelle schon über 70 Jahre gibt. Im Bummeltempo beginnen wir unseren Törn nach Norden über Spandau. Dann nördlich hinaus aus Spandau, über parkähnliche Peripherie Richtung Hennigsdorf und dann einwärts über den Kanal nach Heiligensee.

Der Weg ist immer auch das Ziel und bereits in Spandau müssen wir unsere Räder für eine kulturelle Würdigung anderer Art abstellen.

aa12Diese Bronzeskulptur fiel auf und dann gleichzeitig die eigenartige Einfassung durch Flachbauten, die an einem kleinen Park dem Wohnriegel als Vorgarten dienen. Ein Ensemble der späten 1950er also.

Auch wenn das Wohngebäude sicher einen neuen Anstrich verdient hätte. wirkt der graue Putz des Gebäudes  absolut intakt. Wir stehen vor einem Projekt, mit dem Westberlin neuen Wohnraum außerhalb der entweder zerstörten oder im Aufbau stehenden Stadt erschloß. Gleichzeitig wurden Bauten des Hansaviertels als Attraktion der Stadt bekannt. 1957 entstanden sie unter internationaler Beteiligung, um Möglichkeiten für neues urbanes Bauen aufzuzeigen. Nie wieder hat man in Berlin  so locker mitten im Park verteilt Hochhäuser gebaut: eine Sammlung hochkarätiger und genutzter Entwürfe.

ab1Hier in Spandau, trug der Geist der IBA Früchte, die, verglichen mit dem, was in folgenden Jahrzenten an monotoner Verdichtung erfolgte, großzügig und offen wirken. Eine Wohnung hier war für eine Stadt, in die niemand mehr so recht investieren wollte und mehrheitlich Kohle in Zimmeröfen verheizte fast ein Privileg.

Mehr noch aber staunen wir über diese bronzene Form, die wir nicht als Ergebnis eines studentischen Wettbewerbs vermutet hätten.

Doch in den Flachbauten sind längst schon keine Bäckereien, Lebensmittelmärkte oder Fleischer mehr. Der Zauber des Anfangs ist dahin, die autogerechte Stadt hat sie überflüssig gemacht. Stetig und träge fließt der Samstagsverkehr am Gebäuderiegel vorbei zu den großen Versorgungszentren vor den Toren der Stadt. Ein Mann steht rauchend auf dem Balkon, eine Gruppe Frauen unterhält sich auf  balkanisch hinter den Rabatten, die das Areal von der Straße trennen. Wir rollen davon.

ab5 Radfahren ist auf diesem Weg offiziell erlaubt und wir kurven durch einen Park voll künstlicher Hügel  der vermutlich den Namen eines vergessenen Bezirksverordenten trägt, bis wir plötzlich an einer Straße stehen.  Etwas weiter hinten, da wo es weitergehen soll, sehen wir eine Menschenansammlung. Ständig huschen Läufer über die Straße und Ordner sichern den Überweg. Da müssen wir entlang.

ab4Offenbar eine Kontrollstelle. Jemand liegt im trockenen Gras und wird an den Waden massiert.

Auf den nächsten Kilometern, die durch ein Wäldchen dem  Mauerweg (also dem Weg der Mauerpatroullien!) folgen, kommen uns immer wieder mehr oder weniger ausgezehrte Gestalten entgegen.

ab11Manche locker laufend, manche gehend. Manche völlig geistesabwesend und andere verklärt lächelnd.

Oft tragen sie Schultergurte, in denen Trinkflaschen stecken. Auch eigenartige Kappen mit flappendem Nackenschutz sind häufig. Wir sind ganz offensichtlich in etwas Größeres geraten, von dem wir keine blasse Ahnung hatten. Berlin, die Hauptstadt der Exzentriker?

ab6An einer weiteren Kontrolle bleiben wir dann stehen um der Sache auf den Grund zu gehen. Es ist eine Art Gedenklauf, ausgetragen als Extreme-Running Ereignis über 100 Meilen, rund um den Berliner Mauerstreifen. Teilnehmer aus aller Welt erweisen der Mauer und ihren Opfern Reverenz mit einem 160Kilometer Lauf. Es ist doch der 13 August, es ist sehr warm, schwül und leicht bedeckt. Etwas Regen täte gut.

ab7Die Station, an der wir uns aus dem Stadtgebiet verabschieden. Dolittle beeindruckt: „Die wirkten wie Teilnehmer einer mittelalterlichen Geißelungsprozession..“. Unsere Begegnung mit der ultra-running Szene und ihren finisher-shirts macht auch nachdenklich. Wirken 1000km Randonneure denn so anders auf Außenstehende?

Kurz wird es uns durch die Felder nach Norden über Bahnlinien und eigenartig trist zersiedelte Straßendörfer führen. Wir haben die Parallelwelt verlassen und tauchen in Hennigsdorf wieder in  städtische Struktur ein.

ac1Ein Schild, ein Waldstück, dann beginnt Heiligensee auf der anderen Seite der dicht an dicht befahrenen Straße, der glücklicherweise beidseitig ein Radweg zugesellt wurde. Neben einer Shell Tankstelle dringen wir zur Siedlung vor. Diese ist rasterförmig angelegt, alle Wege sind Alleen und haben kuriose botanische Namen. Die Parzellen sind gleichmäßig wie in einer Planstadt, aber die Stile variieren. Je nach Geschmack werden Anklänge an klassische Forsthäuser oder kleine Ausgaben der Nachkriegsmoderne sichtbar .

ac2Alles sehr moderat, vieles in Selbsthilfe mit Bordmitteln gestaltet, sehr zurückhaltend. Weder Erker noch Pilaster noch toskanische Fertigbauteile, wie sie ab den 1980ern die Neubauten bestimmen. Und  große Ruhe. Wie ein riesiges Dorf liegt Heiligensee in samstäglicher Stille, als ein kurzer Schauer den ersten regen seit Monaten über uns bringt: das wohlige Gefühl und gleichzeitig der intensive Geruch, der augenblicklich vom Boden ausströmt. kaum möglich, sich in Berlin eine noch ruhigere Ecke zu denken.

Aber das bekannte Haus haben wir noch nicht gesichtet, auch wenn wir ganz nah dran sein müssten. An einer Ecke fällt es mir ein: Hausnummer 33. Weiß nicht warum, bin aber ziemlich sicher. Wir sind also schon zu weit.

ab12Tatsächlich fuhren wir gerade an ihm vorbei, so wirksam entzieht es sich durch kleine Bäume und dichte Hecke allen Blicken.

Das Haus steht auf der Ecke, blau leuchten Läden und Holzbeschläge durch. Himmelblau. Ein Rasensprenger neben dem Weg, eine Klingel. Räder abgestellt, Helm abgenommen .

ac4Eine Frau von unbestimmt mittleren Jahren kommt den Weg entlang, mustert uns. An ihrem Ohr ein tragbares Telefon. „Ich bin im Gespräch“, sagt sie uns freundlich aber bestimmt. „ Sie können nur nach Voranmeldung besichtigen – oder am Tag des offenen Denkmals.“ . . . Viel los hier. Privat.

Wir verstehen: wollen nicht weiter stören und umrunden diskret das Haus – dort das Atelier, da ein Anbau. Wirklich nicht groß: ein Ofen am Hausende, vermutlich in der Küche, ein kleiner Schornstein ragt empor. Der Schauer hat schon aufgehört, hinterläßt nur ein paar feuchte Stellen.

ac5Hannah Höch hatte keine Zentralheizung, der Schuppen war kein Ausstellungsraum und wie sie in diesem kleinen Garten über die Jahre und den Winter und die Einsamkeit gekommen ist, kann sich ein Kind der 68er kaum vorstellen. Die Nachbarn waren „gute Leute“, sie in der Kunst ein Revolutionär.

Dada, diese Kunstrichtung die 1919 mit der (kaputten) alten Ordnung aufräumen wollte und experimentell die Möglichkeiten der neuen Freiheit (Flugblätter, Collagen, Plakate, Aktionen) erprobte, war jedoch schon 1938 nur mehr ferne Erinnerung, das Interview von Roditi, aus dem ich zitiere, wurde 1959 geführt . Der Satz: „Sonst führe ich hier ein stilles Leben und bin es ganz zufrieden, von der Mehrzahl der bedeutenden Kritiker vergessen zu sein.…“

a hhoffenbart, daß sie in Berlin eine im Grunde vergessene Künstlerin war. Daß Berlin – und auch Deutschland – 1933-1945 von der künstlerischen Vergangenheit abgeschnitten waren – ebenso wie es Emil Schumacher empfunden hatte.Auch wenn sie immer und immer weiter machte, die Farbfotografie als sehr willkommene Bereicherung ihrer Collagen sah und ganz bestimmt und klar der Muse folgte – die Durststrecke war lang. .

1964 erst – also 20 Jahre nach dem Krieg –  wird Hannah Höch in die Akademie der Künste aufgenommen, dessen  Neubau da schon über 5 Jahre im Hansaviertel (s.o.) steht, und, als Hüterin der Weimarer Avantgarde,  allmählich immer stärker als Vorreiterin einer durchaus genderbewußten, weiblichen Avantgarde  wahrgenommen. Die Werke der entarteten und vertriebenen Kollegen von Haussmann bis Grosz, die Essenz einer starken Berliner Kunstströmung, hat sie mehr als  30 Jahre in diesem Häuschen über die Zeit gerettet – auch vor dem Zugriff der Gestapo. Material, das sie umgehend ins Gefängnis gebracht hätte und umso wertvoller wurde, als ihre Kollegen hastig alle Spuren verwischten, bevor sie emigrierten. Es waren gute Nachbarn hier.

Hannah Höch ist eine kleine, absolut bestimmte Dame deren Augenlicht stark nachläßt, als  man ihr endlich einen guten Preis für ihr Werkkonvolut anbietet: 120tausend (DM)…?  „na, dafür können sie alles mitnehmen!“ Die Berlinische Galerie macht einen späten Fang.

ac7Wir fahren dann in das neue spirituelle Zentrum Heiligensees – eine Shell Tankstelle- und genehmigen uns einen schönen Cappuccino, während Frau Tankwart drei Berliner Ausflüglerinnen mit ondulierten grauem Haar zeigt, wo im BMW M5 (SUV)  Öl nachgefüllt wird. Unterdessen reden wir über die neue Zeit, die ihre Konturen unmissverständlich zeigt –  Preise steigen, die Temperaturen steigen, nichts scheint mehr in den geordneten Bahnen der letzten Jahrzehnte zu laufen  – und fragen uns beide, was zu tun sei? Was wir eben tun können,  – nicht die „anderen“, noch die „Allgemeinheit“ , sondern wir selbst.

ac9Dann nehmen wir unsere Räder und eilen der nächsten Verabredung entgegen. Durch den Forst und die verschlungene Waldsiedlung Frohnau arbeiten wir uns hindurch,  um auf seiner anderen Seite den Randonneurs-Doyen Dietmar Clever zu beehren

ac11Winkend steht er am Ende der Straße. Es gibt viel zu erzählen – aber davon ein andermal.

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3 Antworten zu Neue Bekannte in der alten Stadt – 13 August 2022

  1. Twobeers schreibt:

    Niemals werde ich Deine Vorliebe für Kaffeespezialitäten an deutschen Tankstellen begreifen. In Italien – jederzeit! In Deutschland lieber ein stilles Wasser.

  2. randonneurdidier schreibt:

    Lieber Christoph, wie schön, dass Du mich mit Deinem Besuch beehrt hast. Viel zu kurz die Zeit…. Wie gern hätte ich mit Dir gemeinsam ein Fläschchen französischen Rosé geschlürft, so haben wir uns herrlich unterhalten, es wäre sicher die ganze Nacht durch nicht langweilig geworden. So habe ich aber den starken Impuls zu Hannah Höch mitgenommen. Das Haus werde ich bald in Augenschein nehmen, samt der berlinisch-herben Dame. keep on riding! Dietmar

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