Der Wimpel von Praunheim: in der großen Mitte

Es ist zwar ein Sonntag, dennoch bin ich lieber mit der S Bahn unter Frankfurt durchgetaucht. Tickets gekauft, 6 Euro für-s eigene Rad. Natürlich keine Kontrolle, Maskenpflicht. Ausgestiegen, als ich dachte, weit genug vor der Stadt zu sein: Rödelheim. Was nicht stimmte.

a1Kein Zentrum aber immer noch die Mitte.Vor Hannover sieht es genauso aus – oder rund um Bremen, oder Ulm, Düsseldorf. Nicht ganz leicht, aus Rödelheim herauszufinden, wenn man Verkehrsschildern glaubt. Reifenberger Straße, Seelbacher Straße, Schmittener Straße – Den Straßennamen nach bin ich schon mitten im Taunus. Ein seltsames Gefühl – keine Reichtung mehr zu haben.

Ein kleiner Fluß plötzlich – könnte die Nidda sein. Ein Park am Sonntag mit Erholungssuchenden auf Sandwegen. Rufe aus der Ferne hinter den Büschen.

a4 Das etwas zu helle Grün schimmert durch und verrät den Kunstrasen. Spielbetrieb.SG Praunheim-Wimpel an der Eckfahne: die weiße Mannschaft hat einen Abschlag abgefangen und der aufspringende Ball fliegt  als Return direkt über den unvorsichtigen Tormann. Jubel. Schwacher Protest.

Weiter, ich muß mich zurechtfinden. Will nach Hofheim, vielleicht auch Kelkheim. Aber keiner der vielen kleinen grünen Fahrradwegweiser erwähnt die strategischen Orte. Radfahrer kommen nur 3,5km oder 4,9 km weit – ganz selten zweistellig. So die Schildermaler.

Da führt eine vierspurige Trasse aus der Stadt, aufwärts über die Bahngleise, endlich Übersicht gewinnen. Ein blauer, beuliger Touran FSi rappelt an mir vorbei, als ich von der Brückenkrone aus Umsicht gewinne. Dort der Fernsehturm, Nordweststadt, da hinten die Skyline und dieser Höhenzug muß der Taunus sein. Durchkommen heißt : am Puls der Verkehrsadern fühlen.

a0Da!  lese ich Eschborn auf dem grünen Schild – einen Versuch ist es wert,  langsam geht es aufwärts hinter  Umspannwerken und Kläranlagen. Ein Läufer auf dem Feldweg, es wird also ein Ziel geben.

a3Der Weg ist von den Abdrücken der Baggerreifen zerfurcht, vor einem schwarzen Block lauern Hebebühnen und Geräte. Die Mitte ist doch größer, als ich dachte.

Das älteste Gebäude scheint einer Bank zu gehören. Es sieht aus, wie das Altersheim eines Konzerns, in dem  Mitarbeiter seit 40 jahren ein- und ausgehen, derselbe Beton, derselbe teppich, ein Saurier unter den Türmen ringsum.

a5Die Lücken werden geschlossen. Auf den Zäunen große Banner mit Firmenlogos. Dann geht es weiter  am nächsten Block. Geübte Augen werden feine Unterschiede erkennen.

a7Ich erkenne einen Supermarkt –  vielleicht gibt es Menschen, die hier wohnen – zumindest aber essen und trinken.

aa2Die Skulptur am Kreisverkehr bildet  das virtuelle Zentrum des Gebäudekomplexes – eine Möglichkeit, den Kreisverkehr unverwechselbar zu machen in den gleichförmigen Häusergrupppen..

aa1Arbeitsgehäuse, in denen Arbeit unsichtbar und unhörbar bleibt. Die Fassaden sind geputzt, manche sehr glatt, Fensterformen variieren, Fahnenmasten mit flatternden Stoffen vor der Front, wie früher Kühlerfiguren auf Motorhauben.

a8In der Zeit wachsender Städte, wurden Siedlungen oft um einen Platz mit Kirche gruppiert, schon bei reinen Arbeiter –  oder Werkssiedlungen entfiel sie.

Hier auch. Eschborn City ist eine Arbeitersiedlung der dritten Art– jedes Gebäude seine eigene Kirche. Konzerne genügen sich selbst und empfangen die Sakramente täglich in Form der großen Zahl. Sonntag ist ein reset.   a91Weiter hinauf, vorbei an der lebenden Leiche eines Tagungshotels – und  über diese Brücke in die Felder, direkt in den Wind, der vom Taunus her bläst, die Häuser hinter mir nur noch Umrisse, Schatten.

Das Spiel vom SG Praunheim dürfte aus sein; gleich wärmt mir bei Shell Select in Kelkheim eine nette Frau eine Frikadelle  vom Fleischer auf, während die Kunden dreistellige Beträge fürs Tanken rüberschieben. Ich glaub, ich habs geschafft.

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3 Antworten zu Der Wimpel von Praunheim: in der großen Mitte

  1. Hans schreibt:

    Wie „Playtime“-Paris, nur ohne heitere Melancholie. Wir wurden gewarnt!

  2. Leser schreibt:

    Rödelheim-Praunheim-Eschborn-Kelkheim: nicht ganz die Ideallinie Richtung Westerwald, oder?

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