Nach den Sternen greifen

Das alte Jahr ist herum –  spätestens mit  Abtransport der Weihnachtstrophäen.

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Alte Wege 2019, neue Bilder neue Ziele. an3an4

Auch diesmal heißt es : nach den Sternen greifen.

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Bonne Route 2019.

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Bismarck grüßt den falschen Willi

Die Tage werden kürzer und kürzer, jetzt brennen schon alle vier Kerzen. Viel hilft es nicht gegen die graue Wolkensuppe – man muß eben von innen glühen, den Rest besorgt eine Regenjacke im derzeit beliebten Gelb. giallo luminoso;  Die Wolkendecke hängt über 400m –  irgendwo wurde Regen angesagt ; ach, laß ihn noch eine Weile oben.

at2Raus mit dem Krabo. Setze ich den Kompaß auf Nordwest, geht es langsam aber stetig hinauf, Welle um Welle, Bachtal um Bachtal. Mein Ziel liegt hinter dem Berg,  der eigentlich kein Berg ist, sondern der erodierte Rest eines riesigen Vulkans mit seinen tausend Nebenkratern. Dort wo die Lava auslief, brandete das Meer an, jetzt rauschen Bäche durch den Westerwald. und wo einst das Meer war, landen hunderte Flugzeuge stündlich  in der Stadtsteppe. (Flugzeuge – ihr habt mich verraten).

Die Route, die mich um die  Fuchskaute leitet, ist neu. Sie führt an einer Schnur kleiner Dörfer entlang und meidet die Landstraßen, die humorlos von A nach B über die Hügel gezogen wurden. So umfahre ich deren derbe Steigungen und mache geduldig Höhenmeter. Abgestellte Traktoren blinzeln mir zu.

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Was vor ein paar Wochen scheiterte, kann heute gelingen. Ganz ruhig bringe ich die erste Stunde in möglichst kleinen Gängen hinter mich, habe alle Zeit, den Rotbunten hinterherzusehen und auch dem dunklen Lada Niva, der bei fast jeder Tour in diesem Land irgendwann auftaucht. 40×21 ist gut.

at5An der Krombachtalsperre ist die erste große Welle genommen. Das ist die Talsperre, die einst und jahrelang in Werbeunterbrechungen herhalten mußte, derweil Schumi Nazionale noch seine Runden drehte. Jetzt wehen abgerissene Deutschlandflaggen vom Campingplatz herüber, Mülleimer stehen in Reih und Glied, den Wochenendhäusern geht es auch nicht viel besser.

Ferienhaus Blues, aber ganz anders die innere Stimmung: kaum Wind, kein Regen, Verkehr sowieso nicht, das Rad gleitet und zieht eine leuchtende Spur in die Asphaltgrütze. Die erste größere Siedlung naht und zieht vorüber, Driedorf. Dann steigert sich die Einsamkeit nochmals um ein zwei Grad, ein großer Fernsehturm, darunter ein Aussiedlerhof.  Wolkendecke also über 500: gut.

at6Wer ohne Karte und Peilgerät über die Lande zieht, hat immer einen Grund, Fremde anzusprechen. Ein Dorf am Hang, zwei Wege hinauf. Welchen wählen? Die junge Frau, die auf einer holzverschlagenen Veranda ihre Adventszigarette raucht und mit ihrem Hund die Aussicht auf eine verlassene Dorfstraße genießt, schaut mich erstaunt an.

Ihr Akzent mit  „rollendem“ R kennzeichnet die Hiesigen, das ist das Merkmal des Wällerschen. Hier aber, so erfahre ich nun, ist schon kein Westerwald mehr, sie sind im Dill-Kreis,werter Herr. Dill ist right for me, ich suche den Weg nach Dillenburg an der Dill.  Augen werden größer : Dillenburg ist sooo weit. (Als läge es außerhalb des Sonnensystems).  Ich danke artig und verschweige meine Herkunft, denn wahrscheinlich weiß sie mehr von den Balearen als über das Dorf, aus dem ich komme. Noch eine feuchte Steigung in den Nachbarwald, tannig und duftend, und ein kurzer Blick zurück.

dscf7745Die Dörfer sind an dieser Seite trist und schmucklos, aber viele Hügel, die sich in der Ferne abzeichnen – blau und grün –  machen das wett. Ein kleiner, sehr kurzer Kirchturm fliegt vorbei. Wie schön es hier  im Sommer sein muß. Es geht bergab, der große Basaltblock ist umrundet, der Regen hat Gnade walten lassen.

Die einen sitzen in Wintergärten, andere auf dem Rad und rollen weiter, einem Ziel entgegen. Kälte ist (in gewissen Grenzen) subjektiv: Unsere Plastikrüstungen halten viel ab, nach ein paar Minuten ist die Betriebstemperatur erreicht. Wenn weder Wind noch Regen die Fahrt stören, bleibt es auch so. vielleicht ist es wie im Chemiunterricht: hat der Katalysator auf zwei Rädern den homo erectus auf ein neues Energielevel gehoben, dann verläßt sein Körper die Niederungen der kleinen Schmerzen, der fröstelnden Bequemlichkeit. All diese Dinge, die ein Sitzender nur ungern aufgibt und um jeden Presi verteidigt sind hier nicht mehr wichtig: es will weiter.

Im Dilltal.

at8Da sind die Reste der alten Landstraße, B277. Ohne Markierungen oder Schilder läuft sie  parallel zur neuen Schnellstraße weiter. Die Bäume wachsen wild, hinter ihren Ästen sehe ich alte Fabrikhallen vorbeiziehen, eingeworfene Fensterscheiben.

at9Juno steht an der Wand –  Kessel, Öfen, Herde – als es die Bundesrepublik noch gab. Dahinter irgendwo rauscht die Schnellstraße und bald schon tauchen Siedlungen und passende Bauten auf.

Die Dill bildet die Ostgrenze des Territoriums. Sie ist ein kleiner, mittelschneller Fluß, fließt von Nord nach Süd, direkt auf die Lahn zu; nicht schiffbar, Platz für einige Äcker und kleine Städte, eine Eisenbahnlinie und  Bundesstraßen. An beiden Seiten ziehen sich Hänge hinauf, die von weißen Giebeln an der Sonnenseite besetzt sind. Dahinter noch eine Autobahn, die ins Ruhrgebiet führt. Eine Mittelgebirgssituation, unspektakulär und angenehm. Noch ein Schornstein und dann

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Dillenburg, der Ort, an dem ich eine Entdeckung machen will. In Sichtachse erkenne ich schon das Wahrzeichen der Stadt, einen Turm an exponierter Stelle.

b2 nicht seinetwegen kam ich her  – – –  Jedoch das, was hier suche, ist nicht verzeichnet, kein Pfeil deutet darauf hin, kein buchstabe. Vorbeirauschende Fahrzeuge zerteilen das Wasser in der Fahrrinne, sortieren sich vor Ampeln neu, blicken kurz zu mir auf . . .

Vor drei Jahren hatte ein sympathischer Mitstreiter, der gern und viel um Leipzig radelte zum Turmwettbewerb ausgerufen. Sein Blog ist inzwischen verstummt, wahrscheinlich widmet er sich mehr seinen Hunden und nur noch akzessorisch dem Rad. Gleichwie: die Idee trug Früchte und ein beachtlicher Wettlauf um die sogenannten Bismarcktürme begann. Das war die unendliche Rundfahrt. Die Türme stehen über ganz Deutschland verstreut, jede Stadt, die etwas auf sich hielt , ließ kaufkräftige Bürger für Otto den Reichskanzler spenden, als dieser schon tot und bald Legende war.

avoyager1Mich brachte diese „unendliche Rundfahrt“ dazu Strecken zu fahren, auf die ich nie gekommen wäre, Orte zu besuchen, die ich nie besucht hätte. Das schönste bleibt aber die Entdeckungen, die man sonst nicht gemacht hätte. Meine Fahrt heute ist eine Reverenz an die Rundfahrt : außer Wertung, denneinen Turm gibt es nicht. Dafür etwas anderes.

Hier also ist Dillenburg erreicht,  ansehnliche kleine Stadt im Dillbogen, beherrscht  vom Wilhelmsturm. Es erinnert (ganz schwach) an Bad Ems und seinen Bismarckturm in diesem anderen Winter. Wo aber steckt der Dillenburger  Bismarck?

b3Er steht im Hang gegenüber der alten Stadt, hinter den Bahngleisen rechts. Dort wartet er und blickt etwas vage herüber. Grün ist er angelaufen, ein Kanzler aus Kupfer. Hier geht auch die Bismarckstraße den Berg entlang und direkt hinauf. Dafür habe ich mir meine Kräfte eingeteilt. Eine Diretissima mit 15%. Kaum ist der Scheitel erreicht, sehe ich links , den einzigen, ersten und letzten, entscheidenden kleinen Wegweiser, dem ich cross durch den Wald folge und finde bald schon

b7einen kleinen Pavillon mit blauroter Blechfahne drauf, den man in anderen Zeiten entzückend genannt hätte. Eine kleine, frisch restaurierte Stahlkonstruktion, durch die man von gleicher Höhe den großen Turm gegenüber betrachtet.  Bismarcktempel wird sie genannt. Nicht Pavillon – ein Tempel auf Augenhöhe mit dem falschen Willi.

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Hier dagegen hier der „echte“ Turm , wie Wikipedia ihn sieht:

Komplettansicht des Turmkomplexes170px-1899_grunewaldturm1

Der backsteinige, neugotische Turm zu Ehren des ersten und einzigen Kaiser Wilhelm heißt seit 1948 nur anders.  Das Gehäuse, das den marmornen Willi (Eingangshalle) umgibt, heißt Grunewaldturm, was nichts daran ändert, daß der politisch erledigte Hohenzollernkaiser in seinem Turm von berlinern weiter Willi genannt wird. Suum cuique.

b4Hier in Dillenburg aber geht es um einen ganz anderen Wilhelm, der lange vorher schon „der erste“ war. Bismarck grüßt also nicht seinen Dienstherrn sondern den, den sie den Schweiger nannten. Der hiesige nämlich wurde 1533 geboren, genau dort wo jetzt dieser Turm steht, der an den Grundewaldturm erinnert. Anstelle des Schlosses, das die Nassau-Oranier 1130 dort errichteten.

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Es war kein Bürgerverein, sondern das Königshaus der Niederlande, daß dem Ahnen auas den feuchten und düsteren Hügeln einen Turm  stiftete. Zu recht:

Im religiös unsicheren 16ten Jahrhundert war es wohl der Initiative Wilhelm des Schweigers zu verdanken, daß die Niederlande sich von der spanischen Krone lösen konnten und so auch von der katholischen Klammer Philipp des II ten. Dem hatte die religiös liberale Ader des Oraniers nicht gefallen. Darum ließ er diesen für vogelfrei erklären, also zum Abschuß freigeben. Drei Pistolenkugeln besorgten es.  Und so grüßt der Reichsgründer den falschen Willi.

Was sich die Dillenburger dabei gedacht haben?

b66Ruhig liegt die Stadt in der Beigung des Flusses. Altstadtfachwerk, Amtsgebäude und weiter hinten die Giebelreihen der Nachkriegshäuser. Den Pavillon ziert ein gußeiserner Zwerg im Ornament. Hinweis auf das, was diese Stadt wichtig und reich machte: Erz war es  –  schon im Mittelalter, als die Oranier begannen sich auszudehnen.

b55Gleich werde ich die Dill hinabrollen richtung Wetzlar, vorbei an kleinen Gewerken, Gießereien und stillgelegten Tankstellen. In Wetzlar dann das letzte Stahlwerk des Buderus-Imperiums, das einst das Monopol auf alle Erzhütten der umliegenden Täler besaß. Ich verlasse eine ruhige Stadt, ohne im geringsten durchschaut zu haben, warum der alte Bismarck sie grüßt.  Adieu.

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Der willkommene Motor

Manche fühlen sich getäuscht, wenn sie auf dem Lande Ruhe und abgeschiedene Stille suchen. Ab Mai, wenn die Sonne um 5 in der Frühe aufgeht beginnt in Wald und Flur ein sehr intensives Reviersingen unter den Vögeln.  Menschen mit leichtem Schlaf  werden kaum wieder zur Ruhe kommen. Sie sollten auf den Herbst warten.

Der Herbst ist um, die Blätter fort und jetzt geht es auf den kürzesten Tag des Jahres zu. Wenn ich mein Winterrad abstelle, dann höre ich im Erbachtal nur noch ganz vereinzelt Vögel rufen: Kolkraben mit eigenartigen Lauten, die erst einmal gar nicht einzuordnen sind. Spechte, wie sie blöde kieksend von Waldstück zu Waldstück wechseln; ein schwarzer war neulich wieder dabei. Und die üblichen Finken – ein Völkchen – : das scheuche ich im Vorbeifahren aus einem Busch. Aber das wars schon zwischen Niedererbach und Obererbach auf der kleinen Allee, die sich um den Hügel windet und an der ich im Sommer wilde Kirschen fand.

Eine gute halbe Stunde habe ich noch um den Ranzen mit Äpfeln zu füllen und die beute heimzubringen. Den schwachen Frost haben sie überstanden, ich muß nur den Dreck abwischen – ab in den Sack zu Nuß und mandelkern.

Fast windstill  hier und erst gerade kam es mir so vor,  als hörte ich oben die Kleinbahn: ich warte, um das Schauspiel zu genießen.  . .Umsonst; denn es war nicht der brummelnde Dieseltriebwagen, sondern das monotone Rauschen der Autobahn, die  2km Luftlinie entfernt ist. Die Motorleistung der Fahrzeuge stieg inzwischen auf durchschnittliche 150 (sic!) PS oder um die 130kw. Das entspricht mal eben einem 1972’er Porsche 911 -: als es nur ein Drittel der heutigen Fahrzeuge gab. Dies nur zur Erinnerung an eine kleine, völlig surrealistische Umweltdebatte, die seit Jahr und Tag durchs Land zieht. ich aber sage euch : die Maut wird kommen, werdet bitte nicht weniger, ihr finanziert die Energiewende. Gute Motoren, schlechte Motoren.

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Ich hole einmal tief Luft und will wieder los, als ein einzelner Motor ruft. Ein willkommener Motor.

Es ist das Tuckern eines Traktors, das regelmäßige Stakkato-Pochen eines kleinen Zweizylinders – ich warte ab, was da gleich um die Ecke biegt . Ein Relikt der 1950er, als Traktoren selten mehr als 20 PS hatten. Sie waren eine willkommene Revolution. Sie machten, eine Arbeit erträglicher, über die wir Enkel ungläubig staunen würden. Wiesen mähen, Ernten einholen, pflügen und jäten, Bäume aus dem Wald schleppen . . . . sich schinden, bis es einfach nicht mehr ging. Heute fährt er spazieren.

Dort zieht er hin, der Hanomag, fast 70 Jahre, nachdem sie ihn in Hannover zusammengesetzt haben. Eine teure Maschine damals: und mit Dach.  Die Zylinder klingen sauber, kein Getriebe zu hören, die Speichenräder ziehen an mir vorbei und bringen eine Christbaum nach Obererbach.

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Kaufkraft

Der Regen ist erst einmal durch – die Augen können wieder in die Ferne schweifen, die Kilometer fliegen leichter dahin  als mit dem Kopf in nieselnder Watte. Ein kurzer Abschweif ins Gelbachtal, dann zurück über den Hirschberger Höchst. Rot leuchten Beeren von den Sträuchern, der Atem bläst kleine Wölkchen in den Tann. Oben angekommen: die Zeit ist in Ordnung, also auch die Form.

Zurück ins Dickicht der kleinen Städte.

Es ist ein Mittwoch – ein Wochentag mitten im Dezember, mitten in Deutschland in einer mittelgroßen Stadt. Auf der Einfallstraße war mir  die lange Autoschlange aufgefallen, an der ich bergab vorbeirollte. Vielleicht war die Autobahn gesperrt und alle mußten über die alte Frankfurter Landstraße?

An einem polnischen Sattelschlepper vorbei zwänge ich mich durch den Kreisverkehr. Ein (ganz) wenig schlechtes Gewissen kommt schon auf, wenn einen so viele Leute aus ihren Autos von der Seite ansehen. Besser nicht zurückblicken.

Dann war da das rote Licht auf der Tafel ; eine dieser Tafeln, auf denen die freien Parkplätze von Einkaufszentren angezeigt werden. Er war also voll und das sah man. Dennoch standen die Autos an diesen Schlagbäumen, durch die sie auf den Parkplatz gelangen. Die Autos drinnen fuhren im Kreis herum, in geduldiger Jagd nach dem nächsten freien Platz. Sobald irgendwo Rücklichter aufleuchteten, beschleunigeten sie von beiden Seiten, als hätten sie in der Wüste eine neue Wasserstelle entdeckt.

In Schlangenlinien  ziehe ich vorbei, an der Wand des alten Gebäudes lang und verlasse diesen Ort, an dem einmal zweitausend Menschen Lokomotiven und Waggons reparierten. in den Boden sind jetzt Glasplatten eingelassen, durch die man noch auf alte Reparaturgruben und Geräte blicken kann, über den Köpfen werden noch Portalkräne angedeutet. Dem kauflustigen Publikum soll ein historisches Gefühl vermittelt werden.

Wie jeder weiß, haben wir den Bahnverkehr im 20ten Jahrhundert zurückgelassen und Eisenbahnschienen zu Einkaufswagen umgeschmiedet. Es sind nur noch ein paar ganz Arme, die sich auf die waghalsige unternehmung begeben, einen Zug zu besteigen.

Denn die Zukunft gehört dem Fahrrad, das ist nun einmal klar.

 

 

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Leuchtende Westen

Dieses Stück Leuchtstoff habe ich mit nach Hause gebracht, damals  – 2015. Ab und zu nehme ich es auf ein Brevet mit und streife es nach Einbruch der Dunkelheit über.

Vor vier Jahren trugen außer Radfahrern im Novembernebel oder in langen  Brevet-Nächten nur verlorene Familienväter solche Überzüge, wenn sie am Rand der Autobahn neben ihrem gestrandeten Wagen gestikulierten und auf Hilfe warteten. Ihre Familien saßen dann oft weiter entfernt, zusammengekauert, manchmal hatten dann ihre Kinder ähnliche Westen an.

Plötzlich – also in den letzten Wochen –  wurde dieser sehr banale Gegenstand vom Symbol der Schutzlosigkeit zu einem des Protestes. November 2018.

Frankreich kommt langsam näher,  die Sonne ist schon lange untergegangen, die belgischen Xenonlampen leuchten seit Lüttich den Weg durchs Land. Wir haben die Autobahn verlassen, denn es sind Aktionen angekündigt, um den Verkehr auf der Autobahn zu entschleunigen.  So fahren die gelben Westen dort in kleinen Kolonnen Schrittempo und machen die Strecke einspurig. Dann lieber gleich auf die Landstraße.

Auf der Schnellstraße geht es einsam übers Maastal, neben mir rechnet die 10te Klasse Überholvorgänge und Beschleunigung. Bremsweg und Verzögerung; vauteequadraat. ich versuche, mental zu folgen und achte auf die Verkehrsschilder. Entschleunigen, Beschleunigen, tempomat… Bremsen! Da ist etwas.

ac2Metersekunde –  wir kommen nicht weiter, denn eingangs Chimay leuchten sie schon: die Warnwesten. Mit denen war hier nicht zu rechnen. Aber es zeigt, daß die Sorgen auf beiden Seiten der Grenze gleich sind. Ein erstes Pallettenfeuer erleuchtet die Straßensperre, die direkt vor einer Tankstelle aufgebaut ist: improvisierte Szene.  Ich lasse das Fenster herunter und bekomme ein Manifest in die Hand gedrückt.

Bis zur Grenze werden es noch drei Sperren, Familien mit Kindern, Jugendliche die sich zuprosten und alle wärmen sich an improvisierten Brandstellen, deren Rauch ins offene Fenster weht. Es ist das letzte Wochenende im November und die wallonischen Belgier haben das französische Vorbild übernommen.

An der Staatsgrenze ist noch eine Sperre mit Autoreifen aufgebaut, hinter dem Plaket, das an einen satirischen Film über den kleinen Grenzverkehr erinnert stehen sie, bestens versorgt durch die Kneipe dahinter. Ein Auto der französischen Gendarmerie fährt davon. Wir folgen ihm bis zur nächsten Sperre bei Hirson, offenbar ein strategischer Punkt. Der hellerleuchtete Kreisverkehr ist voll besetzt.

Hier laufen die Lieferstrecken zusammen: Von osten her stehen dutzende Laster, von Süden ebenfalls. Rundum den Kreisverkehr sind die Demonstranten verteilt. in kleinen Zelten haben sie Essen und Trinken bereitgestellt,  Palettenfeuer ringsum. Geduldig stehen die blockierten Fahrzeuge still, die Gendarmerie fährt einmal um den Kreisverkehr und verläßt ihn Richtung Süden: Marle, Soissons, Laon, die Fernstraße nach Paris.

Bis zur nächsten Station hören wir Radio. Auf France Musique wird live das Konzert für zwei Klaviere von Francis Poulenc übertragen. Es spielen zwei Schwestern aus  Georgien, eine liveübertragung, Applaus brandet auf und wir fahren an der wehrhaften Kirche von Vervins vorbei. Dann der nächste Stopp.

Und wieder wird die Strategie der Bewegung klar: Nachschubwege kappen. Wie überall sind auch in Frankreich die Warenlager auf die grüne Wiese in die Nähe von Knotenpunkten ausgelagert worden. Blockiert man nur eine geringe Zahl von Knotenpunkten, steht der Warenverkehr für eine ganze Region still. Und die Autobahnen mit ihren Mautstellen sind wahre Mausefallen. Ich höre noch, daß heute keine Maut erhoben wird. Der Mann der mit mir spricht, redet von seinen Rentenansprüchen: nach 32 Jahren Firmenzugehörigkeit bleiben ihm 1320 Euro.

Es herrscht die gleiche, entspannte und lustige Stimmung.  Diese improvisierte Generalblockade ist ein kleines Dorffest. Leute, die sonst stumm vor ihren Bildschirmen säßen, stehen jetzt um Feuer herum und erkennen,  daß gemeinsame Probleme sie verbinden: der sinkende Reallohn, die Entkopplung von Peripherie und Zentrum, die Stromrechnung: das, was fast elegant „prekär“ genannt wird.

Die Erhöhung der Energiekosten über eine Steuer, die dermaleinst die Energiewende herbeirführt klingt hier wie Hohn, wenn man über 20km für ein Croissant oder ein Stück Brot fahren darf. Sollen sie doch Elektroautos kaufen. Häuser werden millionenfach mit Ölöfen oder Holz geheizt.  Gleichzeitig werden französische Atomkraftwerke in der ganzen Welt verkauft.

Frankreich ist ein Flächenstaat. Auf dem Land wird es nachts richtig dunkel –  und Europa ist weit. Ich erinnere mich an die Weste von Paris-Brest und die tiefe Nacht der Bretagne. An Leute, die in den Morgenstunden an der Straße standen und uns anfeuern. Die gleiche Stimmung hier im Kreisverkehr: wenn endlich etwas passiert, und sei es nur um festzustellen, daß in der Firma zwanzig Kilometer weiter derselbe outsourcing Dialog geführt wird. Daß der gleiche Druck herrscht, die gleiche Drohungen unausgesprochen in der Luft liegen.

Ich erinnere mich an Mai 2017, als ich etwa 50km entfernt von diesem Punkt hier mit dem Rad übers Land fuhr: die leeren Dörfer, die Baumlosigkeit und endlosen Felder; der fahrende Händler, der auf einen Radius von 80km das Gewerbe ersetzte und bei dem wir frisches Obst kauften: Laon, 51km stand am Ortsausgang, genau wie hier.

Vor Laon haben sie sogar ein Wagen mit Musik aufgebaut,  in Soissons setze ich meine Unterschrift auf eine Liste und die einzigen Lichter offener Läden an der peripherie sind die üblichen Verdächtigen, die schnelles Essen und Trinken verkaufen.

Dann verließen wir die fröhlichen Feuer und tauchten wieder in die Dunkelheit. Es begann zu regnen, keine Dörfer, keine Städte mehr, nur der langsam wachsende, blaßorangene Himmelsschein, den die Flughäfen verursachen, dazu die Lichter der großen Stadt. Paris kommt näher.

 

 

 

 

 

 

 

 

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Am kalten Baume

Dies ist die Geschichte in Bildern, wie ich neulich auszog Äpfel zu ernten. Der beste Baum kam zum Schluß. Der Wind blies kalt und ohne Unterlaß.

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Am kalten Baume ist eine Flurbezeichnung hinter Arnshöfen. Sonntag, 18.November 2018

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Die Pendler

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Ihr Schwarm bildet zufällig eine Wolke unter ihnen nach –  Sie ziehen von Nordost nach Südwesten und kommen in zwei, drei Wellen zu über 100. Darunter die Lampions der Pendler die heimkehren;  diese sind es die Ersten, aber in einer Stunde wird es eine Lichterkette sein, die bis tief in die Dunkelheit dauert.

Die Vögel kehren in sechs Monaten zurück, die Fahrzeuge kommen morgen ab 4h30.  DSCF7322

Und diese hier vor azurblauem Grund sind vielleicht die letzten in diesem Jahr. Ostwind: morgen wird es also kälter.

16.Nov 2018

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