Freitags für da future, Samstags auf the road

Zur Erinnerung. Ein wenig Dauerfrost, eine ordentliche Prise Schnee und mehrere Sturmtiefs – der Winter 18/19 war eigentlich ganz so, wie er in gemäßigten Breiten sein sollte. Nicht zu hart und nicht zu weich. Dennoch spricht nichts dagegen, wenn meine Tochter Freitags für/wider  das Klima demonstriert. Es gibt manche Gründe.

a05Also auf den Unterricht verzichtet, um gegen die globale Erwärmung der planetarischen Atmosphäre zu demonstrieren. Im Unterschied zu den Ostermärschen (Schwerter zu Pflugscharen) oder Golfkriegsdemonstrationen (Kein Blut für Öl) ist es erfolgversprechend, wenn eine Generation sich überlegt, ihr Verhalten den eigenen Zukunftserwartungen anzupassen. Klima hin Klima her – die Kollateralschäden einer intensiven Umweltverschleißung sind schon länger sichtbar.

a06Im Unterschied zu den vorgenannten Bewegungen, liegt das Erreichen der Wunschziele sogar in der Macht der Demonstranten. Sie wissen, daß ihr eigenes Verhalten den Konsum fossiler Brennstoffe steigert . Verzicht und Mäßigung könnte ein Weg sein, auch, um en passant den Sieg des totalen Konsumismus aufzuhalten. Norbert Bolz kann man immer noch lesen.

Dennoch brauche ich zu meinem Schutz ein neues Paar Winterstiefel fürs Rad. So stark ist mein Glaube an die Erderwärmung dann doch nicht, daß ich das altgediente Paar fröhlich in den Sondermüllcontainer entsorge.

a12Dünn sind darum Fachhändler gesät, die überhaupt Winterstiefel führen. Schließlich legt man sich ungern 10 paar verschiedener Schuhe ins Regal, die bei ausgepreisten 200+  (UVP, UVP!) nur Staub anlegen. Dünn sind aber auch Kunden gesät, die schon genauer hinsehen was es wo gibt und auch mal völlig erfolglos 150km fahren . Skistiefel  findest Du an jeder Ecke, wer Winterstiefel sucht, braucht sie wahrscheinlich wirklich.  die Fahrt nach Gießen war eine Lehre.

a01Darum heute, Samstag den 2.März 2019 westwärts ins Rheintal.  Koblenz. Dort  – und nur dort –  kann ich hoffen, mehr als drei Modelle zur Auswahl zu haben. Ich folge der alten Handelsstraße, die Frankfurt und Koblenz verbindet.

b12Dazu ein Meilenstein, den Erzbischof Clemens von Trier kurz vor der Säkularisierung aufstellen ließ. Dann habe ich mit dem Enik den letzten Höhenzug überquert, der den westlichen Westerwald vom Rheintal trennt. Es ist feuchtkalt – Ab hier wird der Weg leichter und wärmer.Ich brauche drei Minuten, bis ich wieder auf die Straße komme, und weniger als eine Stunde für den Rest.

a02in Arenberg überhole ich noch den Weihnachtsmann. Sie nennen es Fasching. Eine viel ältere Tradition als die aktuellen Klima-Schuldzuweisungstänze in unterschiedlichen Kostümen. Hier haben sich ein paar Demonstranten neben einem lokalen Klimaburner-Hotspot aufgebaut. Es geht rasch bergab: in einer halben Stunde sollte ich unterhalb der Festung Ehrenbreitstein den Rhein sehen. Dann über die Brücke und eine verdiente Pizza, der Mittag ist lange schon vorbei.

a4Hier steht sie. Der Chef empfiehlt das unübersehbare weiße Gebäude am Kopfende des Marktes. Der Teig ist dünn und knusprig, Schinken, Feigen und  gehobelter Parmesan vom Laib. Ein gezapftes Bier versotg mich mit Mineralien und B-Vitaminen. Dieses ideale Essen kostet kaum einen Fünfer mehr als ein Fastfood Menu. Ein wenig ist es wie mit dem Klima: wir haben die Wahl.

a1Koblenz  ist aufgeräumt und hübsch. Mittelalterliche Relikte und der Gruß ans Deutsche Eck, das in wenigen Monaten stark belaufen sein wird. Heute läßt sich flanieren –  parke kurz im Klostergarten.

a3Daumen rauf Koblenz

a6Bigger ist better titelt das kleine, feine Ludwig Museum seine nächste Ausstellung. Es muß Ironie sein. Alex Katz ist ein klassischer moderner Maler –  will heißen: figurativ. Wie viele Pop-Künstler (Wesselman, Wahrhol, Rosenquist) ist Katz von Werbeplakaten fasziniert, am. engl.  billboards. Größe und Schlichtheit.

b13Und in die Welt der billboards geht es jetzt. Vor den Toren der Stadt steht ein Einkaufzentrum, wie es die Welt noch nicht gesehen hat. Vor über dreißig Jahren war das keine schlechte Prognose: nur daß sich vor den Toren Koblenz die Zentren vermehrt haben wie auf einem schlechten Trip.

a8Zwischen Bahngleisen, Zubringern und stückwerkigen Relikten alter Wege.  Fremdkörper. Die großen farbigen Kästen in der Ebene suche ich mit dem Auge. Ich sehe das schmutzige Gras am Rand der Straße, das sich im fahrtwind biegt, die Plastikfetzen in den Baken und verstreut in den Kurven;  Leitplanken, Leitplanken, Leitplanken. Es rauscht ununterbrochen.

a7Im Auge des Orkans ein kleiner Radweg. Das Rauschen läßt nach, die zeit steht ein paar Sekunden still. „hej, schön daß Du hier bist!“

Die großen Kästen ringsum lassen sagen, das internet gefährde ihr Geschäftsmodell. Das Geschäftsmodell des Ausflugs ins Gewerbegebiet scheint am Monatsbeginn eher gut zu laufen. Ist es das, wogegen die Kinder Freitags protestieren?  Der nächste generationenkonflikt nach ’68? Fällt hier das Urteil über Feinstaub, Wegwerfleben und Mikroplastik ? Eine kampzone wäre es schon. ich sehe keinen Protest, eher noch unzufriedene Gesichter an Ampeln. Ein paar Radfahrer wehen mir entgegen – sie ziehen sich auf Gehwege zurück.

b1Ich weiß es nicht. Die Waschanlagen laufen für 9Euro90 gegen das böse Wintersalz, die schlechten Geister des Winters mit der rotierenden Bürste verjagen. Eine riesige, synthetische Himbeerwolke umfängt mich.

b2Dort ein Relikt, einen anderen Meilenstein, der von der guten alten B9 zeugt . Köln, Koblenz, Mainz – – – bis ans Ende der Welt, einer Welt voller großer bunter Flaggen und Billboards.

b3Samstag, 2 märz.

b5Schweißgebadet bin ich aus der riesigen Halle gekommen, das Personal vom BikeXXL-Discount arbeitet im tshirt für Mindestlohn. Schuhe anprobiert, keinen gekauft. Aus der lärmenden Menge geflohen . Immerhin weiß ich jetzt, was nicht geht. Die Suche geht weiter.

b4Der Westwind bläst mich phänomenal nach vorn, Richtung Rhein. Dort wartet eine Entdeckung: die große Eisenbahnbrücke im Kolossalstil.

b6Die Brückenpfeiler sind ganz ähnlich wie die Relikte der berühmten Remagener Brücke. Beiderseits der Eisenbahn führt ein kleiner schmaler Steg, den man nach den Torhäusern befährt.

b8Die Bohlen rappeln unter den Reifen, Schiffe ziehen unter mir hinweg. der Rhein hat wieder den alten Pegel

b9Stromabwärts erspähe ich den alten Kühlturm. Dort sollte einmal der schnelle Brüter hin, der Atommeiler von Mühlheim Kärlich. Es war eine Protestbewegung, die ich hier anfangs vergessen habe. Die Bewegung mit der roten lachenden Sonne auf gelbem Grund. Eine sehr jugendliche Bewegung, ähnlich Fridays for Future. Brokdorf war die große Schlacht, danach entstand allmählich die Grüne Partei. Die grüne Partei regiert jetzt seit 20 jahren hier und da mit, lauert um die 12% auf den nächsten Koalitionspartner . Grün ist FDP 2000 sagte Theaterpolitiker Schlingensief 1998. Grün ist für Klimawandel – aber auch für Braunkohle oder sehr große Flughäfen  undsoweiter. Grün ist nur eine Farbe; BIGGER IS BETTER.

Der Rhein liegt hinter mir, jetzt kommt die Wildnis, Germania hinter dem Limes. Mein Enik, das gute Rad rollt und  freut sich, denn der Frühling kommt. Ab in die Wälder.

 

 

 

 

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Kiton und Richie : Ein Vermächtnis

Er bringt es auf den Punkt. Nicht retro, nicht vintage – es geht um mehr, viel mehr. Der Unterschied zwischen einem Schneidermeister und den Schinderhütten in Bangladesh, zwischen einer Meisterwerkstatt und dem Sklavenmarkt, den wir alle allzu willig mitfinanzieren. Denkt dran, wenn die nächste Fahrradschau euer Eintrittsgeld nimmt.

„The practice is the master. The maker is the servant.
.
I’m that guy. I get this. Repetition. Routine. Relentlessness. Cut from a different cloth. I’ve observed it. Disecected it. Defended it. Advocated for it. That ship sailed. The few cats who got it with me – some I knew only from afar. One I knew like a brother. All are gone.
.
In the mad rush to create energy around making a bicycle, as if it’s some noble pursuit. An answer to a higher calling. Bleeding for your craft. It’s become dumbed down. A side show to a larger carnival that routinely eats its own.
.
There are two thought bubbles that haunt my days. One is about experience. And the path walked to get there. And why can’t more folks look at the tailors at Kiton as role models. The other is about me. And why I even should care. I’ve eked out a career. Had an adult life at the bench. Everyone else can just go to Hell.
.
This is my truth.
.
All This By Hand“

(Richard Sachs)

Oder:

Die Praxis ist der Meister,  der Macher sein Diener.

Dieser Typ bin ich. Ich kapier das. Routine. Unermüdlich. Aus einem anderen Stoff gemacht. ich habs beobachtet. Auseinandergenommen. Es verteidigt. War sein Anwalt. Das Schiff unter Segel gesetzt. Von den paar Kumpel die es so wie ich sahen kannte ich manche nur entfernt. einen kannte ich wie einen Bruder. Nun sind sie alle fort.

Im wahnsinnigen Bestreben, alle Energie auf die Herstellung eines Rades zu verwenden, als wäre es eine edle Sache. Die Antwort auf einen höheren Ruf. Fürs eigene Werk bluten.  Wurde fortgespült, beiseitegekehrt. Zum Pausenfüller für einen größeren Karneval, der sich nebenbei selbst verschlingt.

Zwei Gedankenblasen geistern durch meine Tage. Die eine beinhaltet Erfahrung und den langen Weg zu ihr. Und warum können nur diese Leute, die für Kiton schneidern, nicht als Vorbilder dienen? Die andere Blase dreht sich um mich. Und warum das alles mich überhaupt etwas scheren sollte.  Ich habe mir eine Karriere daraus geschnitzt. Ein ganzes Leben an der Werkbank verbracht. Die anderen können zur Hölle fahren.  . .. RS

 

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Die Maas in Aluminium (200 -19)

Ein kurzer Brevet ist etwas Feines – er läßt sich unbeschwert angehen. Wenig Gepäck, stabile Wetterlagen. Das nächste Räderexperiment kann beginnen. Nach dem Colnago-on- ice  diesmal  Maastricht 200 in Aluminium .

aa4Das Vitus 979 war ein game-changer im Rennradbau. Nicht nur weil das Ergebnis schnell weniger als 9kg wiegen konnte, während bis dahin Micro-Bohrungen an Schaltwerken und Bremsen halfen, das Gewicht unter die magischen 10kg zu bringen.  Der Grund, aus dem das Vitus 1979 eine neue Ära beschritt, lag in der Fertigung. Aluminium hatte man zwar schon durch Schraubungen  oder Verschweißen befestigt, etwas wirklich renntaugliches war dabei aber nicht herausgekommen, schon gar nicht in Serie.

Die Zäsur war in der Fertigungsweise begründet.  Die Rohrsätze waren standardisiert, und wurden nach Vorgabe des ursprünglichen Designs verklebt. Solche Heißverklebungen mit Epoxid-Harzen wurden für Tragflächen von Kampfjets verwendet. Die wackeren Schmiede in ihren Ateliers konnten so etwas nicht- man wählte Zulieferer der Aeronautik. Damit war der Anfang vom Ende gemacht. Der Meister und magische Monteur mit dem klangvollen Namen, dessen auratische Lötkunst bis dahin nur den Besten (und Wohlhabenden) zugute kam, lebte aus einem anderen Geschäftsmodell. Seine Existenz war über kurz oder lang zur Nische verdammt, zum Kunsthandwerk.  Ein vitus wurde nach einem bestimmten prozeß verklebt – keine Lötkunst, keine befeilten Muffen und geheimen Legierungen. Industrial proceedings.

a12Mit dem vitus war man den Schritt gegangen, den die Fertigung aktueller Carbonrahmen fortsetzt. Es räumte auch mit dem Mythos auf, allein ein persönlich und auf Maß gefertiger Rahmen könne das Optimum aus dem Athleten herausholen. Auch Spitzenathleten haben einen Körperbau, der mit Stangenware harmoniert. Nicht alle, aber die meisten, so auch ich. Nur ein Brevet ist mal eine neue Erfahrung.

aa1Der Himmel ist klar.  Es sind eher Windrichtung und Kälte, die heute Fragen aufwerfen. Vermummt treffen sich an die Hundert Randonneure unter der großen Platane vor dem stayokay Hotel in Maastricht, gelegen am schönen, sanften Fluß . Jetzt „hat“ es knapp über 0, für Mittags sind optimistische 15 gemeldet. Kleiner Rucksack ist bereit für Ballast.

aa5Der 200km Parcours führt erst über die wichtigsten Hügel Hollands, dann in den Niederrhein nach Norden, bis er am Wendepunkt Venlo bei km 110 eng dem Lauf der Maas nach Süden folgt.  Keine dramatische Strecke, aber eine Strecke voller Erinnerungen, in dieser Gegend bin ich geboren und aufgewachsen. Die ersten hundert Kilometer auf dem Rad  – vor über 30 jahren. . .

aa2Paris Brest Paris (im folgenden PBP) im August ist das Ziel, dieser 200er die erste Stufe der Qualifikation. Das erklärt den Zulauf dieser sonst eher intimen Veranstaltung.

a19 Uhr  – In mehreren Gruppen brechen wir aus der verträumten Stadt auf, ein Ort an dem Europa noch ein glaubwürdiges Projekt ist.

a2Bald ist die alte Brücke überquert, die ersten Anstiege aus dem Maastal wärmen : der Tag ist jung und das Jahr auch.

a4Auf den Anstiegen betrachte ich einen der fliegenden Fische,  diese sonderbaren Maschinen, die uns bald entfliehen werden. Ihre Domäne ist die Ebene und der widrige Wind, den sie lässig unterqueren.

a3a6Die Reviere des Amstel GoldRace liegen bald hinter uns, die Lunge ist richtig frei , und es geht – nach diesem von Herbergen und Gasthäusern bevölkerten Idyll –  in ein ganz anderes Revier.

Das Aachener Kohlebecken überspannt einen kleinen Landstreifen beiderseits der Grenze. Von Heerlen bis kurz vor Aachen wurde Kohle gefördert – die Städte ringsum (Würselen) bekamen ein industrielles Gesicht.

a8Was wir heute noch sehen, sind die Schuttberge, die man gern Abraumkegel nennt. und Siedlungen. Dazwischen findet sich ein Bachtal, die idyllische Falte im grauen Alltag.  Wind macht sich bemerkbar – der kühle Gegner aus Ost.

b1Im Zeichen der Schildkröte bittet der Veranstalter zur Geheimkontrolle, – mit Zuckerimbiß aus dem Kofferraum. Ein Snickers jetzt, ein Mars später. Eine Schildkröte dient beiderseits als Brückenwächter und Durchfahrtssperre, ein Traktor rauscht lässig darüber hinweg. Kurzer Plausch, Fahrer finden zusammen und zerstreuen sich. Bevor uns kalt wird, geht es weiter.

aa6Und jetzt sind wir im Landkreis meiner Kindheit. Nach windigen Ackerflächen (Unterlenker) durchfahren wir die Relikte des Kohlebergbaus, der ein halbes Jahrhundert lang üppigen Verdienst in ein kleinagrarisches Gebiet brachte. Gefüllte Stadtkassen waren das Positive, Bergschäden und Folgen sah man erst später, alles übrige sind weiche Fakten.

aa7Am Ende bleibt Zersiedelung, Stückwerk und ein Monument aus Schutt, eine enorme Halde, die von Funkmasten gekrönt wird. Und es war nicht schöner, als diese Siedlungen noch im Wechsel von Tag- und Nachtschicht lebten, wie ein unsichtbares Schwungwerk, das alles in Takt hielt.

Denn die 70er (und auch noch die 80er) waren hier definitv nicht cool. Sie rochen nach Kohleöfen, Autos hatten unter 70PS , stanken, und Menschen liefen in Klamotten rum, die weder richtig passten noch angenehm zu tragen waren. Greko Kleiderfabriken Mönchengladbach. Bei Aldi gab es keine Regale und keine Vollmilch und schon gar keine italienische Feinkost. Fahrräder hatten ausgeschlagene Keilkurbeln und maximal drei Gänge. So für die Allermeisten, bevor der Videorecorder kam. Vorbei.

b4b5Eine Pause in zwei Bildern. Brüggen liegt bei km 85. Es ist ein hübsches kleines Städtchen mitten im Grünen kurz vor der niederländischen Grenze . Der Ruhrgraben – 40hm-  (and all that) ist überwunden. Hier tanken wir schon vor der Halbzeit in Venlo Kalorien. Denn auch bei einem so kleinen Brevet ist es klug, sich außerhalb der Kontrolle zu verpflegen.Auch für Paris Brest gilt die Empfehlung – Zeit, die man an Kontrollen in einer Schlange vor einem Nudeltopf verliert, holt man nicht wieder auf. b6

Weiter Richtung Holland, gemeinsam mit Chris, der heute sein BobJackson Super Tourist für das große Abenteuer im August probefährt: selbstgenähte Taschen inklusive. Wir prüfen hier die Kohlernte und nach ein paar  weiteren, windigen Kilometern im Grenzgebiet stoßen wir auf die Kontrolle, eine Gastwirtschaft alter Machart.

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b8b9 Schnell die Karten gestempelt, bevor der nächste Schwung Mitfahrer eintrifft und sich um den letzten Streusel balgt. Die meisjes rotieren fröhlich, die Kasse stimmt, die Sonne scheint gleißend vormärzig und es geht weiter.

b10Venlo hat sich ins Narrenkostüm geschmissen und zeigt, wie eine fahrradfreundliche Stadt in Realität aussieht. Wir balancieren uns vorwärts. b11

Mehrspurige Radstraßen mit Ampeln, eine Verkehrsdichte fast wie in Hanoi – nur ohne Mundschutz. Ruhig und gesittet bewegen sich Holländer in ihrer gepflegten Umgebung. Überhaupt wirkt alles backsteinig-sauber und gut strukturiert. Schon immer wirkte die Verkehrsführung durchdacht. Vom Bahnhofsgebäude grüßt eine große Analoguhr auf Stele.

Dank einer Ampelphase fahren wir auf einen Schwung weiterer Randonneure auf – eine gute Gelegenheit, zügig nach Süden zu kommen.

b12Auf dem Maasdeich mischen sich noch einige Hobbyracer mit Trillerpfeife dazu. Sehr sehr schönes Material. Man rangelt ein wenig um Windschatten (gibt es nicht gratis) und dann ertönt die Trillerpfeife. Sportgruppe rechts ab.

Hier an der Maas wirkt Holland gar nicht wie ein Land mit hoher Siedlungsdichte. Der breite Strom hat weite Rückhaltebecken und Altarme, alle Viertelstunde taucht ein Kirchturm auf, manchmal ein kleines Wäldchen. Die Streckenführung lotst uns geschickt durch das Hinterland von Roermond  – von dem wir nur den großen Fernsehturm sehen, der einer Interkontinentalrakete ähnelt. Wir bleiben am Hinterrad, denn der Wind kommt oft von schräg vorn.

aa8Hier ein eigenartiges Denkmal „für Kirche und Vaderland“

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Dort ein flotter Capucco

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Dort wieder Wind, Alleen, Gehöfte. Wir machen Meile um Meile.

b15Und plötzlich sind wir in Thorn, der weißen Stadt mit den getünchten Häusern und Natursteinstraßen.

b20b21Es ist kurz nach 4, das Vitus hält und der Rijder genießt seinen Motivator. Noch 40kmchen.  Läßt der Wind nach? Auf!

b19Immer wieder pendeln wir zwischen Stom und Kanal und unbemerkt besuchen wir kurz Belgien. Die Sonne sinkt allmählich tiefer, aber es wird bei Tageslicht möglich sein.

c3c6c2Das flämische Licht: die Wolle der Schafe leuchtet im Zaundraht, noch 15 kleine Kilometer, nur mein Tank ist plötzlich leer. Good Company needed.

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Und hier ist der Treibstoff: danke Chris! – man glaubt nicht, wie gut solche Zuckersachen einem tun können. Es kribbelt in den Oberschenkeln und die Hände werden warm: da ist schon Maastricht, Maastricht am Samstagabend. c7

Kids bringen ihre Boards nach Hause

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Alte Herren ihre Räder.

BRM Maastricht 200, 23 Februar 2019

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Die Jahresuhr (steht niemals still)

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Vielleicht sagen die Daten des Kalenders nicht die ganze Wahrheit. Auch wenn die Tage seit Weihnachten länger werden: mir kommt es vor, als würden die ersten Tulpen in den Supermärkten ein sicheres Zeichen sein. Tauchen sie auf, wecken mich plötzlich morgens die Spatzen  – der Himmel ist schneller hell.

a5Auf dem Weg nach Gießen begleiten mich Feldlerchen, aus den stummen Waldstücken, tönen jetzt Stimmen polyphon: auch wenn die Straßen durchweg gesalzen sind und Schattenpartien weiß von Reif. Die Sonne entscheidet.

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Auf dem Weg in die Stadt wärmen frühe Anstiege den Körper durch, am Nachmittag, auf dem Rückweg werden sie den Formbeweis erbringen. Und jedesmal geht es wie ein Vogel in die Abfahrt. Record Ace oder accipiter gentilis.

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Weißer Racer vor Freskenmalerei – sie hat die Gaststätte überlebt, hoffentlich auch den nächsten Inhaber. Das Rad hat jetzt seine endgültige Form gefunden. Profilierte Felgen von Wolber – leicht und hart, ein Sattel mit Titangestell – leicht und hart, 23er Slicks – unkomfortabel (aber leicht) ; das alles sorgt für ein intensives Fahrbahngefühl . Nach den Winterwochen auf dem (vergleichsweise) sanften dunkelgrauen Enik mit seinem langen 12cm Vorbau, bin ich für den kurzen 11er hier schon gut vorgestreckt.

Ein mittelalter Körper verliert an Schnellkraft, zum Glück bleibt er dehnbar. Was man an Power einbüßt kann man (gefühlt) durch die tiefere Position ausgleichen – so der Wunsch.

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Das schräge Februarlicht schreibt Tattoos auf den Asphalt, die am abend von selbst verschwinden. Die Sonne flirrt durch nackte Äste, manchmal gleißt ein teilgefrorener See durch, wie eine abgeschliffene Münze, die jemand ins Licht hält.   Hin und wieder kommen auf langen Geraden schwarzbunte Punkte entgegen: Radfahrer in frischer Wäsche. Neonfarben leuchten, viele Räder haben elektrische Antriebe. Darunter das erste e-Rennrad in freier Wildbahn – ein Unterrohr massiv wie ein Oberschenkel. Riesige Buchstaben, die ich vergessen habe. Man hat seinen Stolz.

a16Fahrzeuge ballen sich an Tankstellen. Mit Red Bull Dosen in der Hand warten die Fahrzeugführer in der Sonne, bis sie an der Reihe sind. Sie genießen den Vorfrühling an ihren Waschanlagen.  Später dann, viel später, werden sich dann andere Tankstellen um ihre Autos kümmern.

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Und zur gleichen Zeit schneidet ein Mann die Obstbäume in seinem Garten

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Hin und wieder passiere ich interessante Exemplare, die den Sauerstoff suchen, den ich meine. Ein Endzeit-Gitane im originalen Kleid der späten 1980er. Dreifachkurbel Serienmäßig – hier wird noch lange kein Hilfsantrieb notwendig sein.  Im diskreten Klang einer frischen Kette treibt es mich weiter nach Gießen. Dort gibt es Nahrung für Geist und Körper.

(An dieser Stelle einmal ein Zitat aus der Fachpresse verdauen
„Die Tage werden länger, das Frühjahr rückt näher – es wird langsam Zeit, das Fahrrad für die nächste Saison vorzubereiten. Dazu gehört auch das lästige Ölen der Kette. Das entfällt bei einem neuen . . . “ )
Vielleicht auch noch etwas, damit das lästige Treten der Pedale entfällt? )

Wohl dem, der dann ein AltRad in seiner Größe findet. Der Gegenwert oder Gebrauchswert, den man für einen eingesetzten Euro erhält, läßt sich kaum übertreffen. Ich fürchte nur, vom Gebrauchswert gehen nicht allzuviele  aus. Gießen ist nah –

a11Ich bin ein wenig herumgerollt, nachdem ich den Hamburger bestellt habe. Das kleine Restaurant ist gut besucht und dementsprechend lang die Wartezeit – es geht auf 15h zu und viele junge Menschen haben Hunger. Ich besichtige die nahe Umgebung

b9Karstadt gibt es (noch) und auch das kleine Kino an der Ecke. Die Baulücke gegenüber ist immer noch frei. In Berlin hat dieser Zustand 50 jahre angedauert  – mitten in Gießen verwundert er.

b8Es war einmal Guthschrift: der Dämpfer für meinen Ausflug. Nach der Pleite vom Buchgrossisten KNV in dieser Woche muß ich diesen abgeschriebenen Mikrokredit des Antiquariats verarbeiten.  Hier hatten sie mich damals auf den gutburgerlichen Hamburger nebenan gebracht, hier und heute hatte ich mich schon auf ein feines kleines Buch gefreut, oder eine kleine exotische CD. Wer wollte, konnte unter guthschrift.com auch online bestellen. Irgendwie weht mich die Erinnerung der Antiquariate in Berlin an, die schon vor zehn Jahren gentrifiziert oder liquidiert wurden.

Guthschrift oder KNV. Etwas wird sichtbar, wie es einmal hieß. Oder unsichtbar.

Denn Bücher gibt es weiterhin – nur woanders – und ich gestehe:  nur sehr selten sieht man mich in einer regulären Buchhandlung. Nicht allein wegen des bequemen A^^8z*n, (habe keinen Account)da gibt es lustigeres , sondern weil „das gute neue Buch vom Buchhändler ihres Vertrauens“ ökonomisch tot ist. Wer sich Krimis von HannsMartin Suter (Name von der  Redaktion geändert) kauft,  ignoriert ihre Halbwertszeit. Nicht nur die Halbwertszeit des Inhalts, sondern auch des Anschaffungspreises. Es gibt ein Publikum, das sich das leisten will, es schwindet nur. Ein Grossist spürt das zuerst.

a12Eine der bitteren Lehren im Berliner Antiquariat war, wie unendlich viel ungelesenes Buchmaterial in einer Stadt flottiert und wieviel dann von einer alternden Gesellschaft freiwillig entsorgt wird. Das internet zündete einen Angebotsturbo, indem es die schiere, verfügbare Menge sichtbar machte, die vorher irgendwo gehortet wurde.

Und dann kam die kulturelle Zäsur, die Invasion der Flachbildschirme.

Bücher als Produkt- sind verglichen mit anderen Medien – einfach zu sperrig . Denn allen slowfood-Freunden zum trotz: die Menge will convenience und wählt sie. Sie werden nicht alle zu McDingens gehen, es gibt dann einen Schnellbrater de Luxe, wie ich ihn gleich besuche. Oft sind Bücher als Informationsspeicher einfach langsam, teuer und unhandlich. Als unterhaltungsmedium haben sies schwer und ich befürchte, als Massenmedium wird es am Ende nur mit einer staatlichen Grundsicherung gehen, damit in der Population der gewünschte Alphabetisierungsgrad erhalten bleibt – nicht aus kulturellem Elitismus.

b6Wir leben in Endzeiten von Dinosauriern; Es wird Überlebende geben, so wie Vögel ihre häßlichen und größenwahnsinnigen Verwandten überlebt haben – niemand vermißt Kursbücher. Meine Finger werden kalt – der Hamburger sollte nun bald fertig sein.

b02Mein Helm ist abgelegt, ich lehne mich gegen die Wand und sauge Gerüche ein, die vom offenen Grillblech kommen. Das Rad habe ich im Blick, den kleinen Saal und seine hundert Stimmen ebenfalls. Gutburgerlich brummt, das Publikum ist eher jung, also U30,  gut frisiert und styliert. Auffällig viele Dates. Schnell höre ich heraus daß sich in der Kommunikation zwischen Mann und Frau nichtallzuviel verändert in 50 Jahren (ich bin sehr alt).  – Meine Tochter war neulich in der Straußenfarm und ganz begeistert, wie sich die Tiere aufplusterten.  –  Hier geht es um Masterarbeiten und um Jobs und um die Akkulaufzeit neuester Smartphones. Es wird Zukunft entworfen oder Gegenwart verhandelt. Einige junge Familien darunter, sie sind erheblich stiller. Lippenstift glänzt und Handtschen haben goldene Tressen. Rechts schwitzt die  Küche im schwarzen TShirt. Mein Vorname wird gerufen. So läuft das hier und es läuft gut.

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Ich beiße zu und es ist wirklich  – in seiner Art – allererste Qualität. Spiegelei, Zwiebeln, durchgebratenes Rind und Gurken und Pommes aus echten Kartoffeln. Siebeck würde es mögen, der alte Schnösel. Nach einer Viertelstunde habe ich genug Kalorien für den Rückweg, die Hände sind wieder warm, den Cappuccino werde ich mir vor der Stadt gönnen.

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In den ersten Hügeln, jetzt, wo es an die Reserven geht, höre ich sie rufen. Seit mehreren tausend Jahren überfliegen sie diesen Wald und das Tal auf ihrer Jahresreise und erzählen sich immer wieder die  gleichen Geschichten in ihrer einfachen Sprache. Sie sehen Wälder, Wasserläufe und Asphaltbänder – bestimmt auch Kondensstreifen großer Vögel, von denen sie längst wissen, daß sie ihnen nichts anhaben können.

b09

16.Februar 2019

 

 

 

 

 

 

 

 

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Struktur und Wandel

Die Gegend, in der ich lebe gehört gewiß zum ländlichen Raum. Zersiedelung hält sich in Grenzen, ein paar Neubaugebiete gehören halt dazu. Die einzigen großen Bodenversiegelungen sehe ich nur, wenn ich vom höchsten Punkt sehr weit in die Ferne bis zur Autobahn schauen kann.  Das übrige Land teilen sich Dörfer, Wiesen und Wälder.  Vorteile, die ich als Radfahrer hemmungslos nutze.  Frische Luft, ruhige Straßen und Nebenstraßen, Landschaften, Panoramen ringsum.

Soweit so ländlich. Aber es gibt Zeichen der Veränderung.

Dieses größere Dorf ( Name gelöscht)  liegt direkt an einer Bundesstraße – dem altehrwürdigen Handelsweg zwischen Frankfurt und Köln. Stabile Einwohnerzahl, schöne Lage – unversehrt.

Angefangen hat es nicht erst im letzen Jahr, aber da griff im Ortskern  die lautlose Implosion um sich.

Diese  Gastwirtschaft ist lange schon geschlossen, so ungefähr nach der Schlecker-Pleite  -falls noch jemand weiß, was das war.

Die Apotheke ist nur etwas weiter an den Rand gezogen.

Dann verschwanden andere, an die man sich kaum erinnert.

Den Bäcker haben die Backvollautomaten aus den ÜberMärkten erledigt; das, was sie dort Brötchen nennen, kostet schließlich nur ein paar cent . . .

Die Post war schon länger Zwischenmieter, jetzt sind nur noch Briefkasten da. Alles auf wenigen hundert Metern. Die 1A Lage.

Und die Kulturfolger sind schon gekommen. Es ist soweit alles ok, das Gewerbegebiet am Ortseingang ersetzt alles – mit über 300 Parkplätzen. Wohl also dem, der ein Auto hat, denn auch 500m können ganz schön weit sein. Aber vielleicht stellen sie das bald mit der Grundrente zur Verfügung? Sarkasmus beiseite, ich kann genau sehen, was dann kommt:

Sie schicken Frauen und Kinder mit alten Tüten los, weil das schon immer so war.

 

 

 

 

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Den Faden weiterspinnen

Ein post-scriptum zum Winterbrevet 200/19

(nicht über Rennräder)

eine factory

Die Factory Valleys sind noch nicht ganz verlassen, der Eindruck, den sie machten hält vor. Vom Rad aus erfaßt man Strukturen besser, schätzt Größenordnungen anders ein als auf einer Karte. Mit anderer Intensität. Das Verhältnis von Stadt und Land, Natur und Industrie, die Fläche, den Raum den eine Sache für sich in Anspruch nimmt, wird spürbar. Das Auge des Randonneurs fährt mit.

DSCF9004

Hochregallager, Parkplätze, Zubringer und Stadtränder. Das Verhältnis von Außen und Innen. Die Umrundung eines neuen Gewerbegebiets  dauert mit dem Rad manchmal  länger, als das Abfahren eines Stahlwerks samt Werkssiedlungen. Die Umrundung eines Einkaufszentrums manchmal auch.

DSCF8909Die Produktion war nicht nur wegen ihrer Lage im Tal verdichtet, sondern auch aus Notwendigkeit – Wege kosten Geld. Produktivität braucht kurze Wege, schnelle Abläufe.

DSCF8917Bei der Durchfahrt so intensiv genutzter Produktionsstandorte wie den Tälerketten zwischen Ruhr und Wupper fällt neben der Anzahl von Gebäuden ihr Leerstand auf. Es ist ein natürlicher Reflex, wenn wir das Verlassene und Abgerissene als Verlust empfinden, als etwas, das vermieden werden sollte. Nicht von ungefähr vermuten wir in leerstehenden Häusern Unheimliches. Allein: warum geschieht nichts? Weil es sich nicht mehr lohnt. Denn wir sehen den Rest einer Situation aus dem Jahr 1900.

In der Textil/faserindustrie herrscht vor 100 Jahren enormer Produktivitäts- und Konkurrenzdruck. Nach der Erfindung erster synthetischer Fasern um 1910  (Viskose)  suchen Unternehmen, die das Patent erwarben Marktanteile und gleichzeitig Größenwettbewerb in der Produktion. Das Potential der Fasern war riesig, gleichzeitig sanken mit steigender Produktion die Kosten. Im Jahrestakt wurden Verfahren verbessert und neue Patente ersonnen. Der Direktor – nicht selten Erfinder –  wohnte oft neben seinem Werk, ein fast organischer Verbund.  Werke wuchsen, Täler füllten sich.

csm_1021930797_56a84a09ffVon Viskose über Vistra zum vollsynthetischen Diolen, Perlon und Lycra findet ein globaler Konkurrenzkampf  statt, an dem in Deutschland Hunderttausende beteiligt sind – denn die verarbeitenden Webereien sind dazu zu rechnen. Diese klassische Industrie mit ihren Backsteinmauern, Werkstoren, dem Rauch, Dampf und Lärm, Säurefässern und Werksbahnen –  ja, es ist eine massive Belastung der Umwelt – verschwindet ab der ersten großen Ölkrise 1973 nach und nach vom Kontinent. Heute steht in Österreich die letzte große Anlage Europas. Ist die Schrumpfung ein Verlust?

Foto-von-den-Abrissarbeiten-aufgenommen-im-April-des-vergangenen-Jahres_w760Die riesigen Zellwollekomplexe, gegen die sagenumwobene Schlösser Spielzeugmaßstab haben, wurden / werden vielerorts völlig abgerissen. Hier das Werk in Premnitz, bis zum Ende der DDR der Hauptstandort – auf Anlagen der 1930er. Was der Luftkrieg nicht erreichte machen jetzt Bagger. Mittlerweile ist von diesen Gebäuden nichts mehr zu sehen. Man wünscht sich nun neue Ansiedlungen (MAZ).

Meine Touren und Brevets sind nicht selten von solchen Hinterlassenschaften geprägt. Dabei regen die Ruinen die Phantasie oft mehr an, als aktive Unternehmen. Im Tal der Vèdre bei Verviers stehen Industrireruinen, die wie Olympiastadien wirken. Unsere Ruinenromantik geht heute nicht so weit, Landschaftsparks mit Pseudoresten von Werken zu errichten, wie das im 18ten Jahrhundert für Burgfriede un Zinnen der Fall war.

Das Innenleben der Gebäude war einfach zu grausam, um es irgendwie zu idealisieren.

cottonmills innen

(Spinnereien in England)

Vor-der-Westfalenhütte-Dortmund-1928-1933 Erich Grisar

Ein Seufzen über untergegangene Reiche und ehemalige Größe ist also fehl am Platz, auch wenn die integrative Kraft von Unternehmen („Wir Kruppianer“) reell war.

Es geht um die Energie, die diese gewaltigen Veränderungen antreibt.

Das Kern des Reaktors heißt Produktivität. Alles, was alten und neuen Strukturen und Prozessen der Herstellung zugrundeliegt, ist Folge einer Erhöhung der Produktivität. Sie allein ist das wichtigste Gestaltungsmoment der factory valleys. Darum werden sie aufgegeben, verlegt, oder neue errichtet. Das sind nicht allein die geringerene „Lohnstückkosten“ (billigere Arbeit), da kommt vieles zusammen. Und je weniger die Gesamtproduktivität von der reinen Arbeitsproduktivität menschlicher – körperlicher –  Arbeit abhängt, je weniger „human clay“ notwendig, desto schneller ändern sich die Verhältnisse,Neue Verfahren, neue Anlagen neue Erfindungen. Premnitz (s. oben 1945-1990) gibt es nicht mehr, so sehr uns das Gebäude, die leere Hülle heute gefallen würde; Viskose und ihre Nachfolger sind an anderer Stelle einfach produktiver herzustellen, ein Urgesetz der Globalisierung: wir haben es akzeptiert, denn wir ziehen daraus den Vorteil, auch die  preisbewußten Endverbraucher.

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Andere Hallen werden errichtet, für neue Zwecke, nach anderen Parametern. Von der Produktion verschiebt es sich zur Verteilung von Endprodukten. Das bedeutet nicht unbedingt kleinere Flächen, die Ware macht eine Zwischenlandung und will verwaltet werden. Auch diese Produkte hier sind mehrheitlich Kinder der Viskose, des Fadens aus dem Wuppertaler Werk. Es sind Endprodukte einer Textilindustrie, die zurücksendet, was einmal erzeugt wurde. Logistische Umschlagplätze.

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Auf dem Luftbild mitte unten, rechts vor dem Parkplatz, ist der Namenszug noch schwach lesbar. Der Flächenverbrauch rechnet sich über die Umschlaggeschwindigkeit der Container, die mit Sattelschleppern an die ganz nahe Autobahn 2 gebracht werden, die ich an dieser Stelle am 19. Januar um ca 15h30 passiert habe. Bönen in Westfalen, mitten im Grünen.

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Die für mein Auge eben schon angenehme Kolossalarchitektur alter Fabrikgebäude (Materialien, Formen, Proportionen) hat der linearen Zweckform Platz gemacht. Noch wird farblich versucht, die lähmende Monotonie der Form zu lockern. Aus Lagerhallen ist kein Schmuck zu machen. Mein Erschütterung über die Leerstände, meine Zweifel angesichts der Abrißbirnen vor Eilpe, die Geistervillen: sie sind eine Luxus-Diskussion. Eine optische Täuschung des Flaneurs – pardon: Randonneurs.

aa1Denn die Lage der Fabriken in ihren kleinen Tälern war keine ästhetische Wahl. Hier gab es  Eisenerze, hier konnte mit dem Schiff die Energie (Kohle) und die Ware transportiert werden. dazu lebten dort Menschen, die wußten, wie man aus einem Klumpen Metall eine feine Fahrradkette macht. Heute rauscht die Autobahn auf Stelzen hoch über den letzten Schornsteinen. Das Tal ist zum Handicap geworden und Produktion (intra muros)  ein ganz dünnes Drahtseil,  auf dem nur noch wenige einen Platz finden.

b16Das futuristische Manifest wußte nichts von Kunstseide, von online-Handel und von Frachtflugzeugen. Es hat die Geschwindigkeit zur dominanten Lebensgröße erklärt – und wurde realisiert in Glasfaserkabeln oder Bestelldatenmanagement. Marinetti und seine Freunde hatten etwas erkannt, und erhoben es zum ästhetischen Prinzip. Sie dachten in Dampflokomotiven, Automobilen und Rennrädern, aber nicht in TFP: totaler Faktorproduktivität. Sie wollten eine sichtbare, spürbare, erlebte Dynamik – eine Ästhetik der Moderne. Sie bekamen Wirtschaftsprozesse.

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Die Futuristen wollten fantastische Beschleunigung – wir haben sie bekommen und nennen sie Wachstum. Radfahrer sind ein wichtiges Symbol des futuristischen Beschleunigung:  Körper die sich in den Wind neigen, die untentwegt rotierenden Beine, der dynamisch rollende Schwung. Das hatte was.

Nun aber sind wir zu Zuschauern geworden. Privilegierte Entschleuniger. Wir sehen auf unserem Weg mehr – wenn wir wollen. Unterwegs habe ich gesehen, aber zuwenig begriffen, das Urteil wird im Vorbeifahren zu stark von den Sinnen geleitet (was ja auch in Ordnung ist). Verstehen kann man nachher dennoch mehr, wenn man dem Faden der Viskose nachgeht wie in einem Labyrinth. Wenn man dem Faden folgt durch die Täler hinauf zu den Autobahnkreuzen, wo transformierten Fäden aus aller Welt weiter mit Hochgeschwindigkeit in alle Richtungen verteilt werden.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Winterbrevet 019- das Ende

ad1aa5Und nach Iserlohn sind wir Aus den Tälern langsam heraus. Die Werkssiedlungen bleiben im Hinterkopf. Sie zeigen gleichzeitig, was man von den Bewohnern hält. Keine hundert Meter weiter wird deutlich: Es wurde mit der Zeit nicht besser.  b13Rückblende in die erste Siedlung . .

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Der Nullpunkt ist durchfahren. Richtung Westfalen liegt kein Schnee.  Schon vor Menden wird es beinahe gemütlich. Wir sehen Spuren.

bit3 Salzspuren der voranfahrenden Randonneure. An den schmalen Reifen könnt ihr sie erkennen. Eine feuchte Spur: also nicht mehr weit vor uns. An der Kontrolle treffen wir einige wieder. Wir haben unseren Rückstand wettgemacht, geben die rote Laterne ab.  Ein wenig Ehrgeiz muß sein, auch wenn es „nicht darum“ geht.  Nicht nur, aber eben auch.

Nach der Mittagsrast überwinden wir den Ruhrgraben und kommen in die große Ebene.

ad1Dieses Land zwischen den Autobahnen ist keine Gegend für  längere Beschreibungen.  Funktionalität : Zubringer, Umgehung, Siedlung, Hochregallager. Punktuell Schweinemast.

Eine deftige Pizza, zwei Bier und das nett mit italienischem Akzent serviert: hilft gut, die Kilometer abzuspulen. Der Wind (man sehe die Kühlturmwolken) ist ein gnädiger dreiviertel – Nordost. Dankbare Situation.

b17Mit Fröndenberg (home of the Rickert!) verließen wir die factory valleys fürs flache Westfalen und im ruhigen Gleiten genieße ich die Details an Roys Peugeot.

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Es trägt das 80er-Design von Millionen Peugeot-genossen, mit Schrägstreifen, wie sie auch Tennisschläger Björn Borgs zierten – Donnay, Klassiker aus den belgischen Ardennen. Diese Tennisschläger aus Holz waren die letzten ihrer Art, bevor die Alu und Carbon-Bratpfannen kamen. Eine kuriose Parallele zu unseren Rädern.  Alles am Perthus ist leicht und filigran. Und so schwebt Roy lautlos nach Norden über die langen Alleen.

Längst ist der Morgenfrost vergessen, der gemein die Fingerkuppen beißt. Der Körper gewöhnt sich schnell an die Dauerkälte, solange er genug Brennstoff hat und in Bewegung bleibt. Gerade trockene Kälte ist erträglich. Spezielle, polare Winterausrüstungen sind nicht erforderlich,  die Beweglichkeit soll erhalten bleiben. Ich empfehle eine gute Mütze, die man über der Stirn umschlagen kann, ein paar Unterhandschuhe, zwei Paar Socken, am besten aus Wolle.

bit5Die tiefe Wintersonne macht schmeichelhaftes Licht und weite Schatten – hier streift sie eine Krippe , die den Kreisverkehr religiös aufwertet. Die Buchstaben im Hintergrund unterstreichen den kultischen Charakter des Ortes.

ad2Der nördliche Wendepunkt ist eine ruhige, saubere und sehr aufgeräumte Stadt namens Ascheberg, Kreis Warendorf, unweit von Münster. Etwas langweilig, aber nicht arm; die Glocken läuten, in Schwarz kommen sie uns zur Abendmesse entgegen, wir ziehen südwärts.

Besser könnte es kaum rollen, das Navi funktioniert mit Lithium Batterien noch besser, irgendwie gelingen mir trotzdem noch Lesefehler.  Im letzten Licht plus Mond grüßen wir Nordkirchen,  seinen Park und das verschneite Kopfsteinpflaster. Gegen 6 Uhr eine Aral in Lünen – halten für nen heißen Kakao und ein paar Energieriegel.

Bundesligaberichte, zunehmender Wochenendeverkehr, alles wird dichter, der Kakao ist großartig; man darf nicht vergessen, tief umzurühren . Wir wuseln weiter Dortmundwärts unter dichterem Verkehr: letzte Einkäufe in taghell leuchtenden Supermärkten, erste Verabredungen zum Essen in der Stadt.

Ich wußte es nicht, doch auch wir sind zum Essen verabredet: Roy schreit auf, als er an einer großen Kreuzung in Witten die Leuchtmasten aller Schnellrestaurants des Planeten sieht. Erst weiß er vor lauter Freude gar nicht wohin, aber dann ruft er etwas wie „Salsa“ und wir steuern auf unser kulinarisches Verhängnis zu.

So sehr ich Tankstellen bevorzuge (halten ihr Versprechen schnell und direkt) -, bin ich heute dankbar für diese Gelegenheit, die Bewohner von Schnellrestaurants zu studieren..

Diese scheinen einem Königreich oder einem geheimen Bund anzugehören, der sie offenbar verpflichtet, beim Essen Fahnen auszulegen. Eine Art Gebetsteppich?

Mich erstaunt, wieviele Welten es in diesem hohen Raum gibt, besser gesagt –  geben soll. Die Zahl der auf großen Leuchttafeln angebotenen Speisen ist riesig, die Kombinationen mit Getränken zahllos und ich bitte Roy, mir einen Weg durch den Dschungel zwischen Steak-Saloons, Highways und High-Rise Welten zu weisen.

Das was ich esse ist warm und pampig und hat alles einen Geschmack, der zwischen würzig und salzig steckt, aber homogen ist. Der Kaffee ist eine gute Überraschung, eindeutig aus Bohnen gemacht.You’ve come a long way, babe. Wieder raus.

Mit einigen Navigations Holperern dann angekommen. Die dunkle Zwischenwelt genossen, die schwarzen natur-Löcher zwischen den Städten des Ruhrgebiets.

b21Style is important. It’s always been at the top of my list of things needin‘ attention. Cycling has fashion AND style. The former is for the little people. I’m inclined to channel a higher calling (Richard Sachs)

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