Für ein Butterbrot über den Aubisque

DSCF8721

Der Aubisque ist ein Liebling der Medien. Er ist ein theatralischer Pass, nicht irgendein überwundener Höhenzug. Der Aubisque bildet entweder die Ouverture oder das Finale einer harten Pyrenäen-Etappe in der Tour de France. Eigentlich darf er in keiner Aufführung fehlen

Hier legte Lucien Buysse 1926 den Grundstein für die wohl epischste aller Pyrenäen Etappen  – Bayonne Luchon – und seinen einzigen Tour Sieg, hier überwand Merckx 1969 die letzte große Hürde auf seinem heroischen Soloritt nach Mourenx.

alitor1Aber theatralisch ist er auch deshalb, weil er mit seinem kleinen Bruder (dem Soulor) die zwei Zugänge (oder Ausgänge) des cirque du Litor bildet. Soweit ich weiß, veranlaßte die reine Naturschönheit des Cirque den Bau der Paßtraße mit ihrem charakteristischen Tunnel.  Kaiserin Eugenie, die den kleinen Kurort Eaux Bonnes am Fuß des Aubisque liebte, war entzückt und so profitierten neben den Hirten und Bergbauern auch die Radsportler aller Zeiten und aller Klassen.

Das Rad- Jahr war gut und der Herbst im Land rund um Pau kann sich sehen lassen . Seit Wochenbeginn stieg das Thermometer langsam an die 20er C marke und dieser Sonntag mitten im Oktober sollte der wärmste Tag werden.  Auf keinen Fall die Gelegenheit ziehen lassen, denn der Paß ist berüchtigt für umschlagendes Wetter, plötzliche Gewitter und Nebel. Alles Dinge, von denen Berichte der Tour voll sind.

DSCF8734

Ein Tourist mit Ortskenntnissen und ganz gut in Schuß – so trete ich an zum letzten Paß des Jahres. In Gan noch beim Bäcker mitnehmen, was übrig ist (die Leute kaufen am Sonntag gut ein) und dann etwas weiter den Wagen in einer ruhigen Seitenstraße abstellen. Snel auspacken, zusammensetzen, Druck prüfen, los.

DSCF8656Der Himmel ist blau, ein sehr leichtes blau. Ich fahre meine Spur der Pyrenäen-Durchquerung rückwärts: Laruns, die Hauptstadt des Tals von Ossau . Sehr ruhig hier.

Dahinten der kleine Spielplatz, von dem aus die Erstbefahrung startete. Wann war das? Dann am Wasserkraftwerk vorbei, ein letztes mal bergab zur ersten Kehre – und wieder hinauf bis an die Stelle, wo die Straße zum Aubisque und dem Pourtalet sich trennen. Der Pourtalet ist beliebt, weil er direkt nach Spanien führt – ein breite Straße für zollvergünstigte Hamsterfahrten, die dann bei der Rückkehr  hin  und wieder/um  zollmäßig kontrolliert werden.  Der Aubisque führt in die Wildnis, immer enger wird der Weg hinauf.

Ich bin fest entschlossen, heute nicht zu leiden. Diesen Aubisque als reiner Tourist befahren, so langsam wie möglich, den Blick so weit offen halten, wie es geht. der Zufall gab mir einen wertvollen Verbündeten.

aub1Eine Dame aus Pau. Sie trägt das Trikot desCCB, des Ciclo club Béarnais: eben der Verein meines Raid Pyrénéens. Die große Sommersause. Alle namhaften Pässe der Region und die wichtigen Gipfel sind auf dem Trikot vereint.

aubeaonnesJetzt ist Herbst, gefühlt aber weder noch,  ein sehr sehr später Sommertag. Das Laub ist grün und der Schatten der Lerchen und Mammutbäume auf dem Weg nach Eaux Bonnes angenehm. das langarmige Trikot ist vor allem in der Abfahrt nützlich. Wir lassen den Stand mit den lokalen Spezialitäten hinter uns: gute Blaubeerkuchen soll der eine haben, und Honig, und Käse der andere .

Langsam verschwindet das Tal aus dem Blick, die Straße zum Kurort steigt nur sanft . Es ist ein sehr gesitteter Beginn, links unterhalb taucht das kleine Dorf Béost auf, die Promenade geht weiter. dann noch ein überdimensioniertes Fahrradgestell und recht um die Ecke beginnt „Les Eaux Bonnes“.

aubonnes3Les eaux bonnes ist eigentlich ein langgezogener Platz der ansteigt und im 19 jahrhundert,  als die Thermalquelle erschlossen wurde, beidseitig prachtvoll bebaut wurde. Man wähnt sich euf einem Boulevard einer europäischen Hauptstadt. Rechts das Kurhaus, dann die Geldquelle: das Casino und weiter oben:

aubonnes2Das offenbar entmietete Hotel des Princes. tempi passati. Direkt davor findet sich noch eine kleine Quelle, an der nachgetankt werden kann. Das Carrée wird umrundet, ein Stück auf der Gegenseite hinuntergefahren und dann geht es rechtwinklig rechts durch einen Torbogen, der in die Häuserfront eingelassen ist.

aubonnesJetzt wird es ernst, der Anstieg ist knapp unter zehn nach meinem Gefühl und meine Begleiterin bestätigt nach Blick auf ein komplexes Maßgerät am Lenker. Links rauscht nun der Bach in seiner Tiefe, fließt an Eaux-Bonnes vorbei Richtung Béost. Die Straße zieht sich am Waldhang hinauf. Eine Kehre wie im Bilderbuch, dann noch eine Kehre und der Anstieg macht eine kurze Pause um über den Bergbach zu setzen. Überall rauscht es , kleine Wasser stürzen an uns vorbei.

Picknikierende Rentner, ein einzelner  Gegenfahrer mit Kappe und im Hintergrund die Gipfellinie, fast immateriell.

Jetzt im Gegenhang, wenig Schatten und die Sonne wärmt , während wir geduldig in die Pedale treten. Hier wähle ich kurz 28z, um die nächste Stufe zu erreichen, es gibt nämlich eine giftig geschwungene Steilstelle die zur unangenhem langen, unangenehm steilen Geraden führt.

aub3Dieser Mittelteil, der bis zum Skidorf Gourette führt, liegt meist in voller Sonne. Eine gute Formel: sich bis Eaux Bonnes unbedingt geschont haben, danach locker bleiben und das kleine Flachstück imperativ nutzen, um für die nächsten Kilometer Reserven zu haben.  Die Gerade mäßigt sich und mittwegs Richtung Gourette gibt es hübschen Nadelwald.

aub4Wer nach dieser Biegung links hochschaut sieht steil über sich die letzte Kehre vor dem Berghof Crêtes Blanches, aber da sind wir noch nicht. Immer einen Beutel Luft behalten und sich klar werden, daß nach zwei weiteren Kehren, sehr breit und majestätisch die letzte Prüfung vor Gourette wartet. Quäl Dich nicht.

aub21Eine neue Gerade, die letzte vor dem Skidorf – weitere Lawinenbrecher und es bleibt steil. Am steilsten aber ist dann letzte kleine Aufschwung nach Gourette, der ungefähr mit dem Ortsschild endet. Auf einmal wird für 200m flach und in der folgenden Linksehre, die aus dem Ort hinausführt gibt es für bedürftige einen weiteren kleinen Brunnen.

agourette ausAb hier bin ich allein, die Begleiterin macht sich auf  den Rückweg nach Pau und am Ausgang von Gourette kann ich plötzlich wieder den Berghof und die kehre am Ende der Straße sehen. Eine kleine Schranke wird passiert und es geht in das letzte Waldstück. Diese Schranke schließt demnächst den Paß und wird dann erst Anfang April, je nach Witterung geöffnet.

Wer bis hier nicht in Schwierigkeiten war, wird kaum neue bekommen: es kommt auf die Ausdauer an.

aubi1

Einerseits ist es leicht, eine Fahrt zu schildern, von der fast nur Glücksmomente bleiben, andererseits ist es schwer, Paßfahrten objektiv zu beschreiben. Für einen 25 jährigen Athleten bin ich ein Fußgänger, für einen kaum trainierten Endfünfziger mit eindeutigem Hang zum Clubessel vielleicht ein Phänomen.  Nur die wichtigen Punkte kann ich aufzählen, die groben Linien skizzieren, kleine mentale Hinweisschilder anbringen.

Sicher ist, daß ich heute bewußt langsam fahre, was vielleicht eigenartig klingt – denn ich verwende das gleiche Rad die gleiche Übersetzung  –  aber nur die Summe der Praxis ist, die ermöglicht, 5% weniger Kraftaufwand als eine andere Welt erscheinen zu lassen. Jeder große Paß (der Aubisque ist einer) prägt sich mit seinem Profil in der  Erinnerung ein. Der Film ist abgespeichert. Seit dem ersten Ventoux (2011) treffe ich immer wieder auf dieses Phänomen. Ab einer bestimmten Anstrengung wird das Erlebte ganz von allein Teil des Gedächtnisses. Als würde es tiefer und stärker abgebildet als tausende Alltagsstunden.

autoportaubisque

Der Weg wird schmaler, improvisierter, er ringelt in Wellen am Hang entlang. Bergab sichern nur kleine Steinpfosten, im Sommer ist mit heftigem Verkehr ab 11h morgens zu rechnen. Heute jedoch : kann ich mir die Straßenseite oft aussuchen und rücke so nah an  die Kulisse wie es geht. Der blick nach unten motiviert.

Das Herbstlicht ist mild  – auch im Gegenlicht und die Luft bleibt schön frisch, wenn sie durch die Nase tief in die Lunge dringt. Am Berghof ist noch Betrieb –  mal sehen wie es ganz oben sein wird.

aub5Mit der Kehre an den  Crêtes Blanches ist die Baumgrenze erreicht, das  wilde und wuchernde Tal liegt weit unten, jetzt wartet nur noch ein nacktes Asphaltband zwischen kahlgefressenen matten. Pferde und Schafe hinterlassen Spuren,  Menschen auch: immer häufiger  tauchen die Namen der Radhelden auf. Jeden zweiten Pedaltritt lasse ich einen hinter mir. Am Berghof waren es noch 2km und die dünnere Luft ist spürbar. Diese letzte Abschnitt ist nicht sonderlich steil, aber 10km seit den Eaux Bonnes stehen schon auf der Rechnung. Le voilà.

aub11Der Plan geht auf. Es ist eigenartig, wie wenige Mitfahrer unterwegs waren, vielleicht 6? Da kommen noch zwei Herren und etwas weiter die Damen. Alle strahlen.Do wenige? Die einheimischen Sportler haben ihr Jaherssoll erfüllt. Die Spanier sind zu hause geblieben. Die Briten haben gerade andere Probleme, wir bleiben unter uns.

Gegenüber der bunt überklebten Stele entdecke ich das Monument für André Bach, dem ehemaligen Präsidenten des CCB – eine bittere Erinnerung: deportiert 1945.  der Soulor wartet irgendwo dort hinten. Ich rolle ab.

alitor2Kurzer Stopp noch vor der fatalen Kurve in der es schon einige Fahrer erwischte, dann der  herbe Eichelduft im Wäldchen und endlich

altor tunnelDer Tunnel.

Den Tunnel mag ich nicht, Er ist zwar kurz, aber man sieht in ihm rein gar nichts, weil das Außenlicht noch so blendet. Dazu ist der Belag genau dort immer naß und sehr holprig. Aber er gehört dazu. Augen zu und durch…

alitor4Es ist atemberaubend, wenn man wieder hinaus ist. Die Wolken sind heute dekorativ- für morgen verheißen sie nichts angenehmes: vite,  vite.

An der Snackbar du Soulor sitzen sie in der Sonne. Ich liebe es drinnen, windstill, ruhig , direkt neben dem Kamin und schräge gegenüber dem Tresen. Der Café au Lait ist üppig, die Auswahl an Postkarten auch.

bar sandwichDann wird das Käsesandwich aufgefahren: genau das richtige Format für den begeisterten Sandwichesser. Nach zwei Bissen lasse ich mir noch eine Scheibe Schinken kommen. Ich geniesse maximal. Alle die hier unter den Sonnenschirmen oder auf den Bänken sitzen  sind entspannt. Berge haben eine besondere Form der Ruhe.  Vielleicht fassen wir alle hier unser Glück nicht ganz.

bar soulor

In Hamburg sind sie jetzt vom Zeitfahren HHB müde. Man kann nicht über all sein. Gleich wird mein Snel mich traumwandlerisch sicher den Berg hinuntertragen. Vielleicht, weil ich es so gut kenne? Vielleicht, weil es magisches Denken gibt. Noch fehlt etwas in der Lenkertasche

bar poulouFrau Poulou sagt, sie hätten insgesamt über 100 Stück Vieh, Schafe und Kühe zusammengezählt. Arbeost ist ein kleines Dorf, gleich nebenan auf über 900m. Die  Bar ist eigentlich solange offen, wie der Paß offen ist. „Wenn der Tag rum ist spürt man es “ sagt Frau Poulou. Ein Viertellaib von Ihrem Käse paßt gerade in meine Lenkertasche. Eigentlich kann man ihn nicht mit Gold aufwiegen.

Ich verabschiede mich bis Ende März.

 

 

 

 

 

Advertisements
Veröffentlicht unter Mehr Berge, Spleen & Ideal | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , | Kommentar hinterlassen

„Sollen sie doch Fahrrad fahren . . . „

Langsam wird es ungemütlich. Der Winter will sich einrichten . Die Übergänge sind immer unangenehm: Regenfronten, Temperaturstürze, Wind knapp über dem Gefrierpunkt.  Da brauchen Räder viel Pflege.

aralgh Noch kühler wird es auf dem Land. Dafür kann man der Gischt des vorbeirauschenden Verkehrs und den verstreuten Glasscherben aus dem Weg fahren. Ein gutes Licht zu haben hilft , die Dämmerung kann den ganzen Tag dauern und manche haben es sehr eilig. Radfahrer, Du mußt Dich einrichten, ein Wechsel auf Winterreifen reicht nicht.

Aber dann geht es.

aluft

Aus dem Nachbarland Nordrhein-Westfalen weht auch ein kalter Wind herüber.  Das Sozialticket wird abgeschafft. Damit konnte der Bürger ohne Automobil den strukturell defizitären Nahverkehr nutzen. Vor allem im Winter eine gute Sache. Die ehemalige rotgrüne Regierung hat sich zwar nach eigenen Maßstäben nicht mit Ruhm bedeckt (alle Kohlekraftwerke werden laufen, bis jemand anders sie abschaltet), aber die konservativliberale Zukunft des Ländchens ist für die möglicherweise armen Mitbürger (nicht alle verzichten freiwillig auf Automobile) nicht rosiger geworden. Denen ist auch die Luftbelastung gleich. Sie wollen nur nicht frieren. Die Busse und Bahnen ziehen weiter und jemand ruft vom Balkon:

asoz2

Sollen sie doch Fahrrad fahren! Sollen sie doch das Licht einschalten!

Veröffentlicht unter Übers Land, Mehr Licht, Spleen & Ideal | Verschlagwortet mit , , , , , | 2 Kommentare

Goldmedaille

DSCF9669

Der herbst war reich und ich habe noch ein paar Erinnerungen zu verteilen. Von dieser Schokolade aber gibt es bald nichts mehr als schöne Erinnerungen. Irgendwas läuft schief im Hause Ritter,  wenn die Goldmedaille  unzähligen Neuschöpfungen geopfert wird. Diese Sorte war 81 Jahre alt, bevor das Marketing sie beerdigte

Veröffentlicht unter Spleen & Ideal, Mehr Licht | Verschlagwortet mit , , , | Kommentar hinterlassen

Aus Trumps Bullauge auf die Heimat blicken

Ich werfe eine Münze: Nord oder Süd? Südlich wartet der Taunus, nördlich geht es in den hohen Westerwald. Wenn der Wind nicht zu schlimm pfeift, kann es da ganz erträglich sein – schön ist es dort immer.

DSCF7728

Nordwärts. Also Richtung Hachenburg, an den Tälern von Nister und Wied entlang, auf den Basaltkuppen Ausblicke genießen, im  Schuß durch stille Wälder rauschen.

Es ist Wahltag. Nach dem Urnengang in der kleinen Mehrzweckhalle lichtet sich der Nebel und die Sonne übernimmt für den Rest des Tages. Hinauf –  was weiß schon das Stimmvieh?

a 1

3fach: Ein merkwürdiger Infekt hat sich eine Woche lang eingeschlichen, eine Erkältung ohne Erkältungszeichen –  allgemeine Schwäche. Darum zur gemütlichen Ausfahrt auf meine erste Gazelle, die mein Vater 1982 (ein Optimist) auf Zuwachs kaufte – ein 64er Rahmen mit Dreifachkurbel, damit kann ich die Anstiege des Tages touristisch genießen.

Der hohe Westerwald beginnt hier in Stufen, die Höhenzüge gewinnen nach Nord je 50 Meter, dazwischen sanfte grüne Täler. Wo sich Wiesen nicht lohnen,  wächst  Wald. Kurs Nord: folge über die Landstraße dem Elbach Richtung Westerburg.

Die Kennzeichen alter Traktoren bezeugen von der ehem. Kreisstadt : WEB,   – die namensgebende Burg liegt trutzig auf einem Kegel und ragt zwischen dunklem Laub heraus. Vorher biege ich rechts hoch, eine Kirche ruft.

a kutscheDie Kutsche kommt  vom Wahllokal und rollt vorbei. Linksrum geht es zur Kirche.

Durch zwei Waldhänge nach Nord und West geschützt  liegt auf einem Sockel über dem Elbach: Gemünden, ein Dorf dessen weißer Turm weithin sichtbar ist. Zugereiste hören den Satz: Priester,  Lehrer und Basalt, all dies hat der Westerwald – also genug Kirchen; diese hier ist eine der Ältesten,  erwähnt wird sie im 9ten Jahdt, ausgebaut im 12ten als drei! schiffige Hallenbasilika und zur Stiftskirche (u.a. der Herren von Westerburg) bestimmt.  a gemü norda gemünd süd

Sie ist älter als die Kirche von Brechen: link , die ich im Frühjahr anfuhr.  Eine solche Kirche interessiert mich weniger wegen der architektonischen Stilübungen- und  lösungen der Epochen, oder weil ich darin die Wurzel eines Glaubens suche.

Diese Kirchen sind Sonden, die in die Tiefe der Zeit reichen. Gebaut für die Ewigkeit, hat Generation um Generation hineingetragen was sie maßgeblich fand, was ihre Mitglieder definierte, ausrichtete und zusammenhielt. Regelmäßig finden sich dann Zeichen der irdischen Herrschaft,

a gemwappen

die uns als Bilderrätsel an der Wand bleiben.  Fast 500 Jahre nach dem Übergang der Gemeinde zur Reformation stehe ich nun hier.

a gemünden1a gemünden2

Noch verleugnen solche Dörfer Hockneys (a yorkshire lad!) Aussage: there is only suburbia or bohemia. Diese Dörfer außerhalb der Pendlerzone bewahren oft Grundrisse, die ihnen die Bewirtschaftung von Feldern und Wiesen gaben. Die Vorstellung, daß sich 800 Jahre lang die Gemeinde eines kleinen Dorfes regelmäßig hier vereint- das ist es, was mich in solchen Gebäuden beeindruckt.  Die nächste Überraschung kam vom Licht der Kirchenfenster.

a gem1In Bleiglas finden sich die Opfer des ersten Krieges eingegossen, in die Haut der Kirche aufgenommen, den Enkeln und Urenkeln – diese sind nicht weit –  immer noch zur Erinnerung. Als Einheit ist die Erinnerung sichtbar, aber die Kirchen leeren sich auch hier, genauso wie die Kinderzahlen abnehmen, vielleicht nur langsamer als anderswo.

b wahl1Im Vorlauf zu dieser Wahl wurde der Heimatbegriff arg gedehnt, man könnte sagen negativ strapaziert. Auf einmal taucht die lang verloren geglaubte Rede von der Überlegenheit eigener Kultur auf . Wenn dabei Bikinis über Burkas oder Miniröcke über Minarette gestellt werden,  so sind das schon seltsame Vergleiche. Andere Parteien rufen dagegen zur Ordnung auf. Die Unordnung scheint eher in den Köpfen zu herrschen

DSCF7706oder an den Werbetafeln:  die Leitkultur der Kirchenfenster haben wir hinter uns gelassen. Aber es gibt immer eine Leitkultur,  deren Symbole wir aufgreifen und bewahren. Wie weit das Vorbild reicht zeigt sich, wenn man an einer einsamen Landstraße in einem einsamen Landstrich ein town car entdeckt.

c linc 1c lic bulleyeDies ist das Bullauge der Leitkultur des kalten Kriegs, ein vom Kutschenbau übernommenes Stilelement, durch das sicher auch der neueste Präsident der Vereinigten staaten (US) geblickt hat, als er nur Immobilienunternehmer war und downtown das nächste Spekulationsprojekt besichtigte.

Fast wie es einige Wahlplakate hier verkünden war sein Versprechen, die Heimat wieder groß zu machen und mit groß meint er  in etwa das, was dieses Auto verkörpert hat. c linc int

c linc 2Also eine gotisch- barocke Stilmischung als Versuch, den Traum von Größe als eine Kathedrale in Blech zu übersetzen. Schon lange sind die Towncars gekürzt worden und dieses alte  Amerika träumt jetzt hinter dem Dorfimbiß von seinem Erwachen. Die schwenkbaren Scheinwerfer öffenen oder schließen sichgerade, ganz wie man will: ob es den Ruf seines Präsidenten gehört hat?  (…Fatherland).

a champion bleu

Statt aus einem gepanzerten Bullauge zu blicken, traue ich traue lieber dem, was von der Höhe meines Sattels zu sehen ist.

Der Traum der regelmäßig  in Megastädten erwacht, ist der vom besseren Leben auf dem Lande. Ich tue hier natürlich mein Bestes, diese wiederkehrende Sehnsucht nach der unverfälschten Idylle zu stillen und sie zu fördern. Die Hügel sind malerisch, die Straßen kurvig und voller Ausblicke, das Land grün und die Luft rein: so rein! Honig gibt es hier an jeder Ecke.

DSCF7802Ich lasse mich auf und ab tragen, wähle kleine Gänge und randonniere von Dorf zu Dorf, von Wahllokal zu Wahllokal. Meine Lieblingsroute hat sich dem Gedächtnis eingeprägt, das sich schon vor nächsten Kurve auf die Aussicht freut.

Schon rolle ich Hachenburg entgegen, wo mich eine nette Tankstelle erwartet mit gutem Kaffee und einem großen Sortiment von 3000 Zeitschriften, ja, this is not America

c heim2

Die Stadt ist gut besucht, die Temperaturen erlauben tatsächlich noch ein Eis , so macht das wählen Spaß. Und die Leute hier wissen, was sie von dem Wort Heimat als (Wahl) Kampfbegriff zu halten haben. Was ihnen dabei präsentiert wird ist ja eher Karikatur , so wie unser altes town car ebenfalls nur zur Karikatur seiner Heimat taugt. Denn sie wissen es besser: mein hiesiges, recht übersichtliche Fleckchen Erde teilen sich drei Bundesländer, auch wenn das unlogisch ist, denn die Sprachgrenzen verlaufen an anderer Stelle. Sehr begehrt kann der Landstrich nicht gewesen sein.

c heim hausWahrscheinlich ist es ein jahrhundertealtes Problem sehr dürftigen Auskommens, das dann zum Prinzip Hilfe zur Selbsthilfe führte. Ein dutzend Kilometer nördlich gründete Raiffeisen die erste Genossenschaftsbank.

b schäfers rad

Bald wieder fliege ich an Schafweiden vorbei und steige auf in tanniges grün.  Manchmal nehmen die Wolken überhand, manchmal belichtet Sonne die Wiesen, aber es ist gut ein langes Trikot zu wählen in dieser Jahreszeit. Und dann sehe ich die vermeintlichen Vorbilder der Redakteure und Werbedirektoren cum midlifeburnout  auf Knien zu mir emporblicken.

c heim 4 kartoffeln

Sie haben einen alten Kartoffelroder aufgetrieben, (so ein Ding was schon ein 12 PS Traktor ziehen kann) und klauben die Kartoffeln der neuen Ernte auf. Das sind keine großen Mengen und ich weiß, der aktuelle Kilopreis einer BIOKartoffel liegt um 1 Euro incl .19%MwSt. kartoffeln? Als Hobby gut.  Umsonst sind einzig die Baumfrüchte, die über den Zaun fallen.

a ch steinenapfel

Ich schließe die geglückte Runde  (Wolken, kein Regen, mehr können wir nicht erwareten)-  mit einem Pils, einem Hachenburger, dem ich, da ich eben an der kleinen Brauerei vorbeifuhr, voll vertraue. Es hat eine Auflage des Bieres gegeben, in der auf Kronkorken die Dorfnamen der Umgebung nach Zufallsprinzip gedruckt wurden.

a gemünden ansichtDie Leute seine über die Kästen gestiegen, um das Bier mit dem Namen ihres Dorfes endlich zu finden.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Veröffentlicht unter Übers Land, Spleen & Ideal | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , , , , | 1 Kommentar

Special special special Interest

Zeitschriften mag ich. Bei jeder kleinen Pause an den viele Tankstellen meines Radlerlebens nehme ich gern ein buntes Magazin zur Hand, während der Cappucino meine Hände wärmt oder der Espresso meine Seele stärkt.

cc2.jpg

Dieses Magazin schließt eine große Lücke. Bei Autos gibt es ein halbes dutzend Titel nur über historische Fahrzeuge, bei den Traktoren sieht es ähnlich aus. Allein  für den Radsport treten sich drei Magazine auf die Füße, um Kunden neue Kaufbefehle zu geben. Special special interest müßte man die Nische nennen, aber es geht besser.

DSCF7766

Und das wäre dann special special special interest.

DSCF7760

Ein wenig unfair ist es allerdings schon, den Lesern diese Traumräder mit H Kennzeichen vor die Nase zu halten, wo der Markt beschriebener Retro börsen doch schon fast ein jahrzehnt aktiv ist.  Etwas inkonsequent ist dann auch, 12 Einkaufsregeln zu geben  und im gleichen Zug vom kauf des gezeigten Dürkopp Rennrades (neben dem replica-Molteni-Jersey) abzuraten.  Da scheint es noch an der Feinjustage zwischen Lifestyle-Objekt-Sportgerät und Sammelfetisch zu feheln. Demgemäß läuft es dann eher

DSCF7755

wie bei den Radiosendern ab. Wobei es auch in den 60ern und lange davor Rennmaschinen gab. Das ist möglicherweise ist aber ein special zu viel. Ähnlich wie im Cycle Muttermagazin aus England ist das Rennrad hier nicht Sportgerät sondern (vermutlich) Lifestyleprodukt, was man an der negativbewertung zu harter Sohlen bei den „Retro Rennradschuhen im Vergleich“ sieht. Nicht tragisch.

cc6

Positiv überrascht war ich deshalb von dem sehr gut illustrierten Teil zur Wartung von Lagern – nicht etwa, weil ich Bastler bin, sondern weil das zum Einstellen und optimieren alter Rennräder immer dazugehört, will man auf der Straße seinen Spaß daran haben.

DSCF7765

Der coffeetable Charakter des Hefts kann dann immer noch bei einem handgebrühten Espresso unter Freunden genossen werden. Wenn dieses Magazin die Balance hält zwischen den Accessoires, die ich als einzigen echten Anzeigenmarkt sehe und dem „alten“ Rennrad, dann sind nur wirklich fachkundige Redakteure zu wünschen, die neben Rädern auch noch die Hintergründe des klassischen Rennsports vermitteln können-  er ist der eigentliche Anker des Produkts .

Viele Zeitzeugen leben noch und das, was ich allein an Sammlungen schon sehen durfte, gäbe für viele viele Ausgaben etwas her.  But I’m a freak.

 

 

Veröffentlicht unter Mehr Lesen, Mehr Räder | Verschlagwortet mit , , , , , , | Kommentar hinterlassen

La vie en rose in Köln

DSCF7302

Köln Wahn.  Wie einst Rudi Altig packen Kölner Radsportler ihre Räder an der Wahner Heide aus den Kofferräumen. Rund um den Flughafen  liegt das bevorzugte Trainingsgelände der Triathleten. Im Minutentakt sausen sie an Wochenenden los.

a bmwAn der Halle des SV Neptun Wahn treffen sich heute andere Radsportler. Es sind  Kinder im Geiste von Sacré Rudi. Andere nennen es Eroica,  Köln aber feiert seine Premiere mit  klassischem Rennrad ohne große Folklore, bodenständig. Es reicht ein ausgelobtes Fäßchen Kölsch und die Teilnehmer kommen mit ihren stählernen Maschinen. a rosefris gazelle

a rosemercier2

a select wien

Sie haben Glück: das Wetterradar sagt einen kleinen Waffenstillstand der Herbststürme an, bald stehen an die 40 Räder zusammen nebst Fahrern. Kurzes bemustern des Geräts und letzter Austausch über die richtige Übersetzung für den Rundkurs.

b expertenrunde1Die einstimmenden Geräusche surrender Freiläufe und zischender Luftpumpen begleiten die Worte des speakers.

b ansprache roy

Roy der Randonneur  schürt die Vorfreude auf einen Kurs ein der alles bietet: Sand, Schotter, Wasser, Holz und Hügel –  ein letztes mal werfen wir einen Blick auf blinkende und makellose Räder. Gentlemen . .

a flandria topr

. . . in die Pedale!

c slalom3c slalom

Wir beginnen mit einem Waldwegslalom, der die fahrerischen Qualitäten abruft. Sandiger Schlick  wechselt mit rollendem Schotter – wohl dem, der robuste Reifen gewählt hat.

b experts

Nach kurzem durchzählen werden die Reifen wieder trockengerollt. Ein weiteres Rad in Altrosa fällt mir auf:

b peug341b peug342

Es ist schon irre, was eine Simplex Schaltung hinkriegt. Eine Simplex aus Hartplastik! Der Parcours ist nun leichtgängiger, das peloton findet zusammen und wärmt sich fürs nächste Hindernis auf. Ein schmaler Holzsteg über einen reißenden Bach.

b diamant1DSCF7343.JPG

,.. nach der Waldpassage geht es wieder hinaus ins Freie und durch die Felder. Erste technische Defekte ziehen jetzt das Peloton auseinander. Man lächelt uns genußvoll zu, b genießer

die Karawane zieht weiter. unterdessen formieren sich Werksmannschaften, neben Peugeot, Mercier  und Eddyz gibt es eine unauffällige Koga – Gruppe, die sich langsam nach vorn arbeitet..

b kogafanb kogafan2

Koga: eine Marke für große Fahrer.

b rosé decolgneEinige zierliche Italiener auf Schlauchreifen hat es erwischt. Die wartende Gruppe genießt die Sonne unter Fachgesprächen . c pausoAlle freuen sich über die kommende Asphaltpassage, auf der man es laufen lassen kann

a kondorBald aber zeichnen sich zackig die nächsten Höhenzüge ab. Nervös werden jetzt die Schaltwerke geprüft, Ketten rasseln unindexiert über die Ritzel. b anstieg1Keine Sekunde zu früh, denn am Waldsaum links geht es in die erste Bergwertung. Hier zeigt sich bald, wer richtig aufgelegt hat. Die Anstiege im Bergischen sind nicht die längsten, doch stellenweise herb.

b anstieg2b anstieg3Oben lacht allen weider die Sonne und ich entdeckebeim blick auf ein Hinterrad erstaunliches:

c pause2b romaniEin Romani mit maximal 18 Zähnen! Ich schlage in der Ritzeltabelle nach: das sind pro Umdrehung knapp 5Meter. Der Mann hat alle Anstiege bewältigt. Kenner wissen bescheid,  das ist Tagesrekord.

c mohlscheidOhne Flüssigkeit gestartet, bediene ich mich an herabfallenden Äpfeln . Die Radparade setzt sich bald wieder in Bewegung;   und ab,

b abfahrt

unter drohendem Wolkenteppich. bald sollte es eine richtige Verpflegung geben. Noch wird gesucht. c fürfrisc pause3 . . .und bald ist die Scheune gefunden. das Feuerchen wärmt, Waffeln, Bananen und Manner liegen bereit. Die Räder werden abgestellt, Smartphones aus der Tasche gezogen. Die Wetter App wird mit der Realität abgeglichen und siehe da: der Regen trifft ein. Kauend verkriechen sich die Teilnehmer in die Scheune und unter die Dachrinne. c stilllifeBald aber geht es mit dampfenden Sätteln wieder los

c publikum

Unter den aufmerksamen Blicken des Publikums umfahren wir die Folgen des Schjauers.

c apres rainc apres rain2Rollen ins Gegenlicht, aber kaum Zeit , die muskeln wieder warmzutreten vor der nächsten Prüfung: die CampingPaul Steigung wartet.

c campingpaule1c campingpaule3Dieser Mann aus Eisenach zieht seine stattliche Körpergröße auf einem Diamant Original hinauf. Das kleine Blatt hat Zeitgemäße 47 zähne. Rudi Altig siegt am Henninger Turm 1970 mit immerhin 44. Der Mann hier ist also stärker als Altig. Es sind noch einige Höhenmenter, vorbei an hübschen Fachwerkhöfen.

c campingpaule4Das ist der Charme des Bergischen.

Auch hier finden sich die Teams bald wieder zusammen und mit Genugtuung vermerkt Team Koga ein gutes Mannschaftsergebnis. Die lustigen Überraschungen des parcours wollennicht enden. Einen Teilnehmer schob ich beinahe in den Misthaufen – verbremst! Sorry,  doch es ging weiter. Dann der nächste schmale Steg, diesmal über die Agger.

c brautschauDa hätte es fast die Braut erwischt. Trotz eines üppigen Angebots ist sie bei ihrem mann geblieben und überläßt das Peloton dem nächsten Anstieg. Auch hier eine Begegnung, die uns die Schmerzen vergessen macht

DSCF7446Wohlan Weidmann! Wir lassen die Ritzel krachen im sicheren Wissen um den Lohn der Abfahrt. Nur noch ein paar Wellen und dann zurück auf den Wahner Rundkurs.

c kölnerbuchtSo endet eine gelungene Premiere. Gleich folgt das erste, bald das zweite Faß, wir prosten den Veranstaltern zu, die sich soviel Mühe gegeben haben uns einen feinen Tag auf dem Rad zu servieren : la vie en rose.

a touch of pinkDas Freundschaftsband werde ich behalten.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Veröffentlicht unter Übers Land, Mehr Räder, Spleen & Ideal | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , | 5 Kommentare

Hinter den 7 Bergen: Yalu

DSCF7516Genosse Mao und Gefährten, 1949

Unangenehmes Säbelrasseln tönt immer wieder in unsere behaglichen Wahlkampf. Während Fingerhakeleien über die Rente mit 67 oder 70 ausgetauscht werden, Emissionsübungen und Reinheitswettbewerbe in Eurostufen ausgetragen, gibt es von der anderen Seite der Welt häßliche Zwischentöne, die unsere demokratischen Gefechte tunlichst nicht kontaminieren sollten.

Zwischentöne, die an die angestaubte Welt des kalten Krieges gemahnen. War es nicht der japanstämmige US-Historiker Francis Fukuyama der uns schon ans Ende der Geschichte gewöhnen wollte? Vielleicht sollte er den Blick zurück auf seine Wurzeln lenken. In der Tat findet vor Japans Küste nichts anderes als die Fortsetzung einer Geschichte statt, die mit der Invasion der Mandschurei am 18. September 1931 durch Japan begann. Einen (vorläufigen) Abschluß fand sie erst 1953, dem Ende des Koreakrieges.

a yaluUm ein genaueres Bild über diesen Krieg, seine Ursachen und seine Folgen zu gewinnen, empfehle ich das schon vor einigen Jahren erschienene Buch Yalu aus dem Propyläen Verlag. Es hat sich nur schleppend verkauft, Restbestände der 1. Auflage von 2007  sind noch greifbar. ISBN 978-3-549-07338-4.

Der Autor jörg Friedrich wurde durch sein Werk zum Alliiierten Bombenkrieg in Europa bekannt. Es heißt „der Brand“ und rückte Thema und Autor ins Rampenlicht. Wurde dieses Erfolgswerk gut rezipiert, gab es bei Yalu schon mehr Kritik, vor allem von wissenschaftlicher Seite. Nicht wegen Unwissenschaftlichkeit sondern stilistische Kritik. Sicher ist eine dramatische Geschichtsprosa für Wissenschaftler nicht das Mittel zum Zweck. Friedrich aber ist Autor: er selbst sagte der taz er wolle Leser und keinen Lehrstuhl.

David Douglas Duncan, magnum, This is war, Korea 1950

Für den Leser, der über 500 Seiten bewältigen will ist  das ein Vorzug. Von der Entwicklung der Atombombe, der strategischen Planung der USA , der Berlin Blockade (und ihrer Auflösung) führt der Bogen zum Koreakrieg. Hochinteressant sind nicht nur die Planspiele zur neuen Weltordnung, der Aufstieg Maos (Bild oben)  und Kim des Älteren; hochinteressant sind  – mit Blick auf die heutigen Konstellationen –  die Schwierigkeiten, die die USA haben, den Konflikt zu ihren Gunsten zu wenden. Gewonnen haben sie am Ende nur die Stabilisierung Südkoreas und eine Verringerung der militärischen Bedrohung  Japans. Der Waffenstillstand wurde von Südkorea nicht ratifiziert.

David  Douglas Duncan, Magnum, this is war,  Korea 1950

Mit der Evidenz des nordkoreanischen Atomarsenals aber verschiebt sich derzeit (genaugenommen seit über 10 Jahren) das strategische Gleichgewicht. Diese Karte wurde ausgespielt und stellt die Vereinigten Staaten ziemlich genau in die Situation von 1950, vor den nordkoreanischen Überfall auf  Südkorea.

DSCF7510Was Friedrichs Bericht über den KoreaKrieg eindringlich beschreibt,  sind die Schwierigkeiten einer materiell, technisch und wohl auch taktisch überlegenen Armee , in Nordkorea vorzudringen. Es gelang im Grunde nicht oder nur unter unglaublichem Materialeinsatz, gegen die Tunnelsysteme und Bunkerstellungen des Landes vorzudringen. Jedenfalls nicht, ohne gleichzeitig die Zivilbevölkerung mit Napalm und die Reisfelder mit Pflanzengiften zu bombardieren. Grauenhaft.

Photo: David Douglas Duncan, magnum, this is war – Seoul 1950

Ein Krieg in diesem Land wäre also auch jetzt, erst recht wenn er atomar geführt würde, ein Krieg, der die Zivilbevölkerung einbezöge. gerade letztereOption, die nukleare, wäre, wie schon im historischen Koreakrieg, nur eine hypothetische, wenn man denn nicht den Verbündeten japan mit seiner enormen Bevölkerungsdichte dem Untergang preisgeben wollte. Geschichtlich gesehen hat Nordkorea dazu mehr als nur frivole Gründe.

a mao2Was man aus Yalu noch lernen kann, ist, daß Blut dicker als Wasser ist. Nordkorea führte den  Krieg nicht allein, es waren die chinesischen Nachbarn, die schätzungsweise 700.000 sogenannter Volksfreiwilliger dem Konflikt opferten. China war, ist und bleibt der natürliche Verbündete der Kim Dynastie. China ist der heimlicheTeilhaber,  der die japanischen Bunkersysteme, Brücken und Staudämme übernahm und sein Nuklearprogramm (möglicherweise) exportierte . Diese Teilhabe wird nach wie vor über den Yalu physisch abgewickelt: die Mandschurei ist reich an Bodenschätzen.

a kom1Das weiß sowohl unser Außenminister, der voreallem nach Peking reist, um sich dem Wahlvolk als  Noch- Minister zu empfehlen, als auch das Pentagon. Während Kim den Atompoker spielt bietet er, wie sein Ahne, erneut sein Land als Spielfeld und sein Volk als Pfand an, auf das sich die Kräfte der alten und neuen Supermächte messen.  Ein Volk, das sein Land kaum nährt ist Verfügungsmasse,  ein Diktator nach nuklearem Bodybuilding nicht.

Aus dem Bildband: Die totale erinnerung, Kim Jong Il-s Nordkorea, Kracht, Munz, Nikol RuB 2006.

 

 

 

 

 

Veröffentlicht unter Mehr Lesen | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , , , , , , | 4 Kommentare