Mythen und Marketing auf meine Kappe

Düsseldorf erwartet einen Troß von 5000 Journalisten, Düsseldorf erwartet eine Million Zuschauer. Düsseldorf  nimmt 6 Millionen in die Hand, vielleicht auch mehr. Am 1 Juli wird das alles sein und Buchhandlungen richten  bereits kleine Altäre ein.

Tour Trance

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Düsseldorf hat Glück, denn mit  Tour de France haben sie beim Veranstalter sicher die nötige kulturelle/ lokale  Kompetenz bewiesen, den Mythos in Würde fortzuschreiben. Wenigstens das Trikot dürfte in der Abschlußbilanz positiv abschneiden. Düsseldorf bemüht sich,  auch sportferne Elemente zu integrieren: das ist weit vorausgedacht.

b02 Bislang jedenfalls galten die Ableger des Pingu oder der  (sic!) Milchschnitte unter Sportlern nicht unbedingt als begehrte Energiequelle. Ab dem 1 juli könnte sich das ändern, wenn man den vertraulichen Informationen der Mitarbeiter glauben darf.

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Inzwischen übt das Publikum bereits das busweise Anfahren der Prologstrecke. Man will sich als Stadt nicht lumpen lassen und hat sich bei den Mannschaftsbussen für ein  ins mauve abdriftendes pink entschieden, das an die gute alte Zeit erinnert:

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– in der die Tour de France noch in Staatshand befand. Mangels Porträt des Mythenlieferanten Jan U hier  eins der eminentesten Gebäude des (ehemaligen) Radsprotunternehmens T.

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Mythen und Symbole sind eine nicht immer einfache Sache und auch der Ausstellungswirksame Eddy (bild ganz oben) scheint skeptisch zu sein. Aus einer Nation, die dem Doping abschwor und wegen Chancengleichheit zum e-bike wechselte  ein Volk von einigen Radsportlern zu machen ist auch für eine brillante Stadt wie Düsseldorf keine leichte Sache.

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Immerhin gibt es mutige Unternehmen wie  die „Schicke Mütze„, die dem reinen Radsport die Stange halten. Hier findet jeder für den D-Day etwas passendes, wobei die Mütze zum markanten Accessoire der Saison vorrücken dürfte.

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Jeder der in die Materie einsteigen will oder mit ihr lebt ist hier gut aufgehoben. Bei mir als bekennendem Mützenträger wurden offene Türen eingerannt.

Denn vor dem Helm kam die Mütze.

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Die Mütze, die ja eher eine Kappe ist, erfüllt im Radsport mehrere Funktionen und ist darum ewig im Gebrauch. Einerseits verliert der Körper über den Kopf die meiste Wärme, nützlich bei Fahrtluft,  und bei Hitze  ist sie ein wirksamer Schutz vor Hitzschlag oder Sonnenstich – läßt sich im Juli leicht nachvollziehen. Viele Fahrer der Tour trugen sie auch „verkehrtrum“, weil sich so der Nacken besser vor  direkter UV Einstrahlung schützen ließ.

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Der Helm schien die  Kappe obsolet gemacht zu haben, die Kombination aus Sonnenbrille und Helm hat sich durchgesetzt. Nicht zuletzt hat man damit zwei Produkte eingeführt, die sich mit guten Margen verkaufen lassen, da bleibt dem Profi keine Wahl.

Die Kappe empfiehlt sich dennoch. Sie saugt  Schweiß auf,  der dann gleichmäßig verdunstet,  das Visier schont die Augen. Fahrtwind bleibt aus dem Gesicht und die Nase ebenfalls im Schatten, beim Helm kann das nur ein Visier leisten, welches stets höher als bei der Kappe sitzt. Vorteil Kappe.

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Unter dem Helm getragen schützt sie immer noch vor der  Sonne, die durch die Belüftungslöcher dringt und bei starker Hitze wirkt eine nasse Kappe für eine Weile als natürliche Klimaanlage.

Meine größte Empfindlichkeit ist endlich der Schweiß: auch die leichteste Brille der Welt sammelt ihn auf  und er rinnt dann unweigerlich irgendwo hinunter. Man muß keinen Glaubenskrieg daraus machen, aber vielleicht ist es gut, an die praktischen Seiten eines uralten Accessoires zu erinnern. . . .

b01Zurück nach Düsseldorf,  Stadt der Tour . Wer weiß ob einer der Kraftwerk-musiker im eigenen trikot zu sehen sein wird. Wer weiß, ob sich die Kinder noch in Jahrzehnten an einen Tag erinnern werden, der so schnell nicht wiederkehrt. Ob daraus „ein Mythos“ wird ? bei 500 neuen Radsport Lizenzen im Jugendbereich ist es zweifelhaft, daß der Mythentransfer wirklich geklappt hat. Lieb Eddy magst ruhig sein Deine Enkel suchen zum Ruhm  womöglich andere Wege.

a6Große Worte gehen halt leicht von den Lippen aber in unserem bunten Alltag ist darunter wohl keine Aufmerksamkeit zu kriegen .  Düsseldorf  ist gespannt, derweil andere Mythen unter anonymen Schuppen einen hundertjährigen Schlaf träumen.

 

 

 

 

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Die Straßen der Kindheit II

Die Räder haben auf uns gewartet, während wir beim Bäcker waren – dem einzigen Laden, der hier in Haybes vor 7  öffnet. Pain au Chocolat, Apfeltasche, Croissant, das reicht und versüßt den Morgen . Wir rollen uns an der Maas entlang ein, nur ein Fuchs ist Zeuge beim Start zur zweiten Etappe Richtung Paris.

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Die letzten Hügel der Ardennen warten jetzt auf uns, noch stecken sie in den Wolken. Der Tag ist neu, der tag ist frisch – wir haben gut geschlafen, die Lungen füllen sich mit Sauerstoff. Es ist Pfingstsonntag, der Geist der Randonneurs schwingt sich den Anstieg aufs Ardennenplateau hinauf.

Über 200 km sind es bis zum Grand Paris. Auf die Ardennen folgt die Thierache, eine weite, grüne Landschaft; nach  Laon folgen die Hügel um Aisne und Oise und schleißlich die Ile de France.

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Auf dem Plateau liegt Rocroi, eine Festungsstadt. Mittendrin auf quadratischer Marktanlage 1 Café und es ist geöffnet.  . Die langen Alleen Frankreichs erwarten uns. Gegen die Morgenfrische wärmt  das doppelte Trikot,  ein Wald schützt vor aufkommendem Wind. Einige Kilometer Flüsteraspahlt.  Wir sind allein auf der Welt ,  Dorf um Dorf wird durchfahren – menschenleer. Ich spähe schonmal nach Lebensmitteln , denn dieser Pfinstsonntag wird  lang.

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80 km Ruhe, Weite und Wind liegen vor uns. Es erinnert an Paris Brest ohne Publikum. Dieser Teil Frankreichs, die Thierache, ist ein Land wie vor 100 Jahren, außer daß  Nebenstraßen jetzt grob geteert sind. Alle 4 Meilen ein Dorf, alle 20km eine kleine Stadt. Wirklich modern ist dagegen die Landwirtschaft. Neben dem kleinteiligen Belgien wirken die Flächen immens. Die Fabrikhallen der Agroindustrie sind leer und still und  Vögel selten.

ab thieracheDann wieder die kleinen Dörfer mit  ganz eigenartigen Wehrkirchen und kleinen Türmchen. Absolute Sonntagsruhe .

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der Dorfgendarm hat gerade bei diesem fahrenden Händler eingekauft.  Wir schließen uns an und sind versorgt, bevor das Dorf erwacht. Er hat sich so aus der Arbeitslosigkeit gerettet, wie er erzählt, aber in ein paar Monaten ist die Rente erreicht, dann muß er nicht mehr als Solist die Kisten tagtäglich ein-und auspacken. Er fragt nach dem woher und wohin –  wir füllen uns die Taschen mit Aprikosen, Tomaten, Nektarinen und Bananen. „Hier – nehmen Sie diese noch, sie ist schon angeschlagen!“ Die Geste zählt .

aa fermeturesparBis nach Laon, der großen Stadt, sind es jetzt über 50km, also satte zwei Stunden. Vielleicht mehr als nur ein praktischer Hinweis: Frankreich ist kein Versorgungsparadies. Für Gemeinden unter der kritischen Einwohnerzahl lohnt sich weder Supermarkt, noch Tankstelle, noch Bäcker, noch Dorfkneipe. Nicht nur ein Einkommensproblem. Manchmal hellen Kinder die schweigende Einsamkeit auf.

Bäume sind fast so selten wie Windräder, wir sehen sie verborgen in kleinen Nischen und Bachtälern.

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Dies Felder machen einen aseptischen Eindruck. Genaugenommen: wurden aseptisiert, denn es ist ein margenschwaches Geschäft. Der Getreidebauer  hofft auf centbeträge bei den Weizenkursen. Fast gierig sauge ich den seltenen Geruch von Wiesenkräutern und blühenden Sträuchern auf, wenn wir ein kleines Bachstück  passieren. Schon habe ich ein Insekt im Auge.

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Die Zitadelle von Laon kommt in Sicht, rückt langsam näher und an der Straße liegen die Kabel der Zukunft. Sie sind armdick und sorgen für das Hochgeschwindigkeitsnetz, das die Informationen in die Dörfer trägt – vielleicht um Landflucht zu bremsen?

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Das Netz ist körperlos, der Asphalt aber rauh — auf 23mm kann man das deutlich spüren, genau wie den Gegenwind der endlosen Ebenen. Reifen die für eine Dobrindt-RTF  ( Rundfahrt auf Flüsterasphalt) reichen sind im Nachbarland zu schmal.  Doch wir schaffen es

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Kurz vor 12 sehen wir die Kathedrale zum greifen nah und gleichzeitig das Schild zum intermarché.: rechts ab. Der bauch geht vor und Der Parkplatz ist voll. Also Glück gehabt, bis 12 geben sie uns Zeit , Vorräte aufzufüllen und ein Menu zu komponieren. Intermarché hat auch Chimay blau, intermarché ist ein guter Markt, ich liebe es Tm . Für unser  Picknick

ab menu

Vollkornbaguette, Salamiwürste in Naturdarm, wieder Tomaten, Salz, Fenchel , le Tartare, dann lassen wir uns auf den Schachtdeckeln nieder, die frei von Kaninchenkötteln sind. Langsam leert sich der Parkplatz, die Angestellten gehen nach Hause. Bald ist es in dieser Vorstadt ruhig wie auf den Dörfern.  Ein altes LED Panel blinkt  Werbebotschaften ins nichts, Ampeln wechseln die Farbe, Frankreich ist schön.

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Das hat auch ein englischer Triumphclub erkannt, der mit anderen Oldtimerfreunden hier seine Ausfahrt startet. Den brexit auf seine Weise feiern? Wir bleiben natürlich viel zu lange bei unserem Café und den Autos.

ab mehariNur ein grüner 404 mit drei wilden Jungs ist nicht zu sehen.

Unsere Erinnerungsfahrt endet in ungefähr 140km;  davor noch eine historische Begegnung,  nachdem wir das Tal bei Urcel überwunden haben.

a malmaison

Mein Rad lehnt am Denkmalkreuz. Jenseits der Straße erblicken wir eine Granate aus Beton. Jeff Koons hätte Edelstahl genommen, aber dies hier ist  non-Pop.

ab die granate

Diese eigentümlich realistische Plastik ist ein Kriegerdenkmal, das an ein Artillerieregiment erinnert. Wir sind an der Laffaux Ecke vom sogenannten Chemin des Dames. Dieser Höhenzug mit dem friedlichen Namen dominiert die Aisne Senke. Vor 99 Jahren waren diese paar km ein über Jahre erbittert umkämpfter strategischer Punkt, der tausende und abertausende Menschenleben  forderte. Die Granate als Symbol für tagelanges Dauerfeuer;  keiner dieser Bäume hier  dürfte am 31 Mai 1918  gestanden haben. Es war alles gepflügte Erde voller Knochen. Für die nächste Stunde hat uns der erste Weltkrieg eingeholt, immer wieder rücken Kriegsgräberstätten und Erinnerungsschilder in Sicht.

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Und dann und wann ein alter Alfa Romeo mit niederländischem Kennzeichen. Die nächste historische Ausfahrt. Diesmal um das Thema Alfa, diesmal unsere Nachbarn aus Holland. Sie treffen sich alle unter einer Ruine.

ab baye longpont

Das ist die Abtei von Longpont. Wir haben Soissons, die nächste große Stadt über Bucy gut  umfahren können, von einem Tal ins andere, vorbei an merkwürdig kleinen Häusern mit quadratischen Grundriß. Dann wieder  in die Felder , an den Hecken vorbei.

Der Tag ist mild und die großen Wälder beginnen. Einst Jagdreviere für den Hof , sind sie heute mächtige grüne Lungen, von sternförmigen Wegen durchzogen. In einem dieser Wälder verfahren wir uns.

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Es ist der Wald von Villers Cotterêts, Vergnügungspark Franz 1.  aber auch (und wieder) strategischer Ort des großen ersten Krieges. Nicht nur an den werden wir monumental erinnert, wir begegnen auch dem Gespenst der Straßen von Verviers:  dem Kolonialismus.

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Dieses Monument entdecken wir kurz nach dem Walsdsaum direkt an der D2- wo es nicht stehen dürfte, wenn wir der Karte trauen.  .. Zunächst halten wir es für die pompöse Erinnerung an einen der vielen mehr oder weniger ruhmreichen Kriegsführer der Entente. Man erinnert sich dunkel an den großen Film von Stanley Kubrick.

Mitten im Wald von Villers-Cotterets stand der Beobachtungsturm General Nivelle, von dem aus er das Schlachtfeld der Aisne überblicke.  Nivelle war einer der  „scharfen“ Generale , die am stärksten die verlustreichen Offensivschläge befürworteten . Zudem hatte er, nach englischem Vorbild der „gelben Kraft“ Truppenerweiterungen im Sinn: er setzte auf die  force noire, die Bildung afrikanischer Regimenter wie den Tirailleurs Sénégalais, die zwangsweise „rekrutiert“ wurden, und rechtlos waren.

Seit langem werden deren Enkel und Urenkel in den Stadien bejubelt und Weltmeister genannt.  Doch Frankreich gesteht seinen schwarzen Truppen erst mit diesem Jahr (meist posthum) die französische Nationalität zu.

Und nun van Vollenhoven. Der zugewanderte Holländer aus guter Familie hatte Kolonialerfahrung (s. Monument) und meldete sich freiwillig zur Grande Guerre. Mit General Nivelle gerät er jedoch in offenen Konflikt. Als Gouverneur der westfranzösischen Afrika-Kolonien widersetzt er sich der Zwangsrekrutierung, hält sie für menschlich unzumutbar. Man scheidet im Streit, Frankreich braucht jeden Mann. 1918 , nach Ablösung Nivelles erhält v.V ein neues Kommando. Unweit von hier, in Montgobert wird er tödlich getroffen.

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Die Toten der einen, die Toten der anderen. Mein holländisches Rad sieht das Monument jetzt in einem anderen Licht. Wir sind nur Radwanderer, die die Geschichte streifen, zufällige Passanten auf Kindheitsabenteuer. Unsere europäische Sache endete glücklich und friedlich.  Aber eine Neue beginnt –  ein kleiner Abbildungsfehler in der Landkarte, ein Monument und schon wird deutlich , daß  über 100-Jährige Gleichungen nicht aufgelöst sind.

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Wir sind unterwegs zum Grand Paris. Die Wälder sind groß und ruhig, der Asphalt bessert sich und wir genießen es. Die Räder rollen seit 10 Stunden. Ein Sonntag in der Provinz.

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Auf Schlössern werden Garden-Parties gefeiert, an kleinen Dorfkirchen

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fassen 1000jährige Portale alte Holztüren ein .  Und oben auf den Feldern fehlt das Wasser –

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– für die Rüben. In unseren Trinkflaschen ist ebenfalls Ebbe, bis wir in St Soupplets zum letzten mal Proviant fassen .

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Ein stoischer Marokkaner sitzt zwischen brummenden Kühltheken. Noch 35km . Letzte Dörfer, letzte Waldstücke.

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Hinter einem Vorhang von Rauch die ersten Hochhäuser des Grand Paris. Wie ein kleiner Bleistift ragt der Eiffelturm aus dem Horizont. Ein Airbus 380, ein großer blauer Buckelwal, senkt sich  langsam hinab. Wir sind in der Einflugschneise von Roissy en France.

Der Asphalt wird rauher, die Sitten der Autofahrer auch. Alle fahren schneller, bremsen hektisch und biegen wild ab. Stadtneurotik . Unser Finale ist eine reine Nervensache. In Claye-Souilly

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erspähe ich ein ganz altes Straßenschild, dem wir folgen. Die Landpartie ist beendet , der Strom der Autos reißt nicht mehr ab und wir lernen, darin nicht unterzugehen. Neben uns Motorräder mit baumdicken Hinterreifen. Hier müssen Sie nur eines können: Als erste von der Ampel weg. Wir folgen dem verbrannten Gummi.

a grend parisDer lange Weg, der vor uns lag ist liegt hinter uns. Bald wird er beginnen, in unserem Kopf seine eigene Geschichte zu schreiben. Dinge, die nur flüchtig sichtbar waren und schnell vorüberzogen, kehren zurück, werden größer und bleiben als Standbilder für lange Zeit. Es ist nicht mehr der Weg unserer Kindheit, auch wenn es hier dieselbe Straße ist. Die Zeit hat eine andere Farbe bekommen und ein anderes Tempo. Kodachrome ist tot. Wir sitzen nicht mehr auf de Rückbank und entziffern die Straßenschilder.

Wir halten unser speckiges Lenkerband fest in der Hand und umfahren Kanaldeckel. Die Straße der Eltern liegt zwei Teerschichten tiefer.

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aa arrivee

Eine letzte Ecke, eine untergehende Sonne. Gleich sitzen wir in einem Garten voller Rosen, satt vom Abendessen und voller Geschichten von Mai 18, Mai 68 und den Folgen.  . .

15.juni 2017

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Straßen der Kindheit

Es führt kein Weg zurück in die Kindheit, aber einen Versuch könnten wir machen. Den alten Ferientrack nach Paris zum Beispiel. Unter Brüdern in zwei Tagen? Pourquoi pas?

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So ein 404 brachte uns dortion : allerdings in dunkelgrün. Der Windabweiser vom Schiebedach war hellorange und die Rückspiegel saßen weiter vorn auf den Kotflügeln.

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Unablässig folgten meine Augen dem Tacho, der selten die 100kmh Marke überschreitet.  Der Weg durch die Ardennen war schmal, der Schalthebel am Lenker wurde oft bewegt. Eine Fahrt führte direkt in den Mai 1968 – Demonstrationsbummeln. Ich stehe auf dem Getriebetunnel, halte mich an den Vordersitzen fest und sehe den Sonnenuntergang. Ich bin nur 3 Jahre alt – der Peugeot 404  bringt mich noch in viele, viele Ferien . .  .

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Nein, wir sind mit unseren Rädern nicht derselben Route gefolgt. Städte und vierspurige Ausbaustufen von Nationalstraßen sind verbotenes Terrain. Mit einer Komoot-modifizierten Route auf dem GPS und zwei Landkarten folgen wir einer parallelen Strecke, an den Eifelausläufern entlang über die belgischen Ardennen.

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Der Weg führt durch sanfte Gerstewogen rund um Düren am Hürtgenwald vorbei . Viele rote RTF Wimpel säumen unseren Track. Nach einem ersten längeren Anstieg erreichen wir gegen Mittag Kornelimünster. Wir wählen das Café Paris für ein frisches Eis und espresso obliggato.

Das gemütliche Café, der restaurierte , verkerhsberuhigte Marktplatz, das alte Kloster. Radgruppen ziehen vorbei, Traktoren fahren Heuballen in die Eifel, Feiertagsruhe.

Über eine unsichtbare Grenze an Aachen vorbei,  weiter nach Eynatten und Eupen. Die Landstraße führt immer geradeaus, auf und ab;  manchmal rauscht die Autobahn herüber.

Es sieht gut aus: der Track funktioniert, der Wind kommt schwach aus West, also von dreiviertel vorn, die Sonne scheint aber sie brennt nicht.  Im Peugeot hätten wir jetzt mit den dünnen verchromten Kurbeln die Scheiben leicht heruntergedreht.

a limbourgciteBis Limbourg ist Belgien ländlich-beschaulich – , ein guter Ort für die Mittagsrast und Proviantbesorgung beim Delhaize Supermarkt. das erste Chimay blau findet den Weg in unsere Kehlen.  Einen ausgezeichneten Radladen können wir auch empfehlen: Beckers. Doch es hat sich etwas gändert,

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Wie alte Decals blättern auch die Straßen und Häuser leicht ab.  Kaum ein Industriebau des Tals scheint noch genutzt-  der Weg nach Verviers ist holprig und bald biegen wir in die Reste einer einst blühenden Stadt im Wesertal .

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Ich sehe ganze Häuserzeilen  leerstehen. Auf den Straßen ist es lebendiger.

a verviers2Am 3 Juli soll Verviers nochmal durch die Tour de France beatmet werden. Und dann? Warum denke ich an Pittsburgh und daran, daß jemand versprechen könnte, Belgien wieder groß zu machen?

Es ist wohl längst vergessen, daß dieser wallonische Teil Belgiens in der Mitte des 19 Jhdts eines der führenden Industriezentren war. Überall gab es Kohlevorkommen und es brannten die Hochöfen. Die 1200km der Wuhau-Peking Eisenbahn wurden in 2 Monaten mit Lütticher Stahl verlegt. Belgien hat das dichteste Eisenbahnnetz der Welt, als Deutschland noch ein Flickenteppich von Privatbahnen ist. Das Internet 1.0,  die Highspeed Datenkabel des 19 Jhdts . Was ging schief?

Was wir entlang des Flusses sehen,  sind  die  immer noch soliden Reste eines großen alten  Wohlstands.  Wir sehen im Vorbeifahren aber auch eine griechisch-orthodoxe Beerdigung, eine Moschee und einen riesigen Asiamarkt mit  bunten Säulen zwischen verfallendem Backstein.

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Denn Belgien, das ist auch die Geschichte eines anderen großen Stromes, die ich hier wirklich  niemandem vorenthalten möchte. Ich muß allerdings das Geschichtsbuch aufklappen und erheblich vom Track abweichen.

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Im Jahr 1878 beauftragt kein geringerer als der belgische König Leopold II einen bekannten englischen  Afrika-Abeteurer, H.Morton Stanley. Es ist der Mann,  der Livingston aufspürte, und er  soll eine Expedition der besonderen Art führen.  Stanley hat den Auftrag, das Land um den Fluß Kongo auszukundschaften und dort , ausgestattet mit privaten, königlichen 50 Millionen Goldfrancs, die Schaffung einer königlichen Kolonie ermöglichen. Stanley verhandelt mit den Häuptlingen am Fluß, die für die Nutzung und faktische Überlassung ihres Bodens ein paar Stoffballen erhalten. Der Traum einer eigenen königlichen Kolonie ist greifbar nahe, es müssen nur die Nachbarn (Konkurrenten) noch zustimmen. Bismarck vermittelt die internationale Kongo-Konferenz in Berlin. 1885 ist Leopold II (von ehedem Sachsen-Coburg) anerkannter Kolonialherr. Ein genialer Zug, denn er ist nun mit einem Streich legitimer Eigentümer eines Landes, das 80mal wertvoller als sein kleines Belgien ist. Es sind unermeßliche Bodenschätze und Rohstoffe: Elfenbein und Kautschuk sind mehr als Gold wert.

Dem dunklen Fluß setzt Joseph Conrad ein Denkmal im Roman „das Herz der Finsternis“, dessen plot wiederum „apocalypse now“ übernimmt . Der Kongo ist belgisch. Und vielleicht kommen sie jetzt zu uns, um sich die Zinsen von Elfenbein und Kautschuk zu holen?

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Das Olympiastadion der Textilindustrie, jetzt ein Denkmal für die 20.ooo Menschen, die die Textilindustrie von Verviers schon 1880 beschäftigte.

Wer sich noch mit der Mikrosoziologie Belgischer Verhältnisse und dem Nachglühen des Kongo beschäftigen möchte, kann zwei Werke zur Hand nehmen, die der Sache eher gerecht werden als ein vorbeiziehnder Radler:
Pedigree von Simenon, An der Biegung des großen Flusses von VS Naipaul und viele andere……

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All das liegt hinter uns, die strammen Anstiege aus den Tälern der Weser (Vesdre), der Ourthe und die ersten gnadenlosen Betonwege. Wir sind nicht mehr weit von der alten Route und gleichzeitig weit draußen. Der Wind nimmt uns auf den Höhenzügen in Empfang und trägt den Geruch von Kühen hinüber (manchmal) und den der Linden, die gerade zu blühen beginnen.

Die Dörfer sind schnell vergessen, mein Track eine magentafarbener Wurm mit einem kleinen blauen Dreieck  und oben links  eine kleine Kompassnadel auf dem gps-navi. West/Südwest. Ein weiterer Supermarkt versorgt uns und dann entdecken wir die Linie 126, einen Ravel. a ravelciney

Ravels sind die Erlösung des Radfahrers. Er muß sich nicht mehr um konkurrierende Motorzeuge kümmern, die Beläge sind angenehm glatt und fast immer  hat sich entlang der Bahnlinien üppiges, dichtes Grün gebildet , ein doppelter Schutz. Radfahrer und Lokomotiven haben eines gemeinsam: sie mögen keine größeren Steigungsgrade. Meilen machen. Ciney erreichen. Der Spitze Kirchturm ist eingerüstet, also weiter ins Tal der Maas, über die alte Allee nach Dinant, genau wie von 1966 bis 1978.

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Wir stürzen uns in die Altstadt, die an diesem Pfingsttag voller menschen ist,  die irgendetwas feiern, trinken oder essen wollen.

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b dinant11Der Schönheitssalon hat gerade geschlossen und wird mit den Wocheneinnahmen sicher etwas sinvolles anfangen.Auch ich  bin auf der Suche nach ein wenig  Abwechslung oder einem guten

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Bierkellner – und mein Wunsch wird erfüllt!

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Mit diesem Bier mittlerer Gewichtsklasse wird es gehen, denn die letzten 30km die Maas entlang sind nichts für zarte Schinken. Wenn das  unser Verkehrsminister wüßte! Aber die Leute in San Pablo wissen eben nicht alles. Sie wissen nichts von der Trauer alter Grenzstädte, abgerissenen Hotels, verwaister Staustufen, Heckenrosen und räudiger Asphalt. Vor den Pommesbuden stehen die tiefergelegten Renaults und Hyundais Schlange, alte Wehrmauern richten ihre Vorsprünge gegen die Wolke, die das Atomkraftwerk  ihnen schickt. Das Kraftwerk, dessen orangenes Leuchten nachts das Tal flutet.

Unsere Etappe endet im Schatten des Kühlturms und seiner stets rosigen Wolke.

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Die Leute von San Pablo verlieren eben  ihren Humor nicht so schnell. Gute Nacht.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Entdecken und sortieren

Unterwegs sind wir Entdecker, wir sehen Sachen, mit denen wir nicht gerechnet haben, die uns belustigen und rollenden Gedanken eine neue Richtung geben.

b autobahnsäuleb haribo

Ein Lager, wie es die Welt noch nicht gesehen hat – hunderte Dorfkirchen finden in der Kathedrale der Süßwaren Platz. Globalisierung bekommt eine Dimension, Logistik ist nicht nur ein Wort. Nach langem Kampf richtet sich das Süßwarenimperium im Land Rheinland-Pfalz ein und verläßt die Bonner Heimat. Ein roter Teppich (Autobahnzubringer) wurde verlegt.  Aber auch die Verlierer sind unter uns.

b schauffEhem. Fahrradfabrik Schauff, Remagen unter der Apollinariskirche.

 

b holunder

Dieser Mann ist Biologe. Er pflückt Holunder. Er lebt seit dreißig Jahren in Deutschland und kam aus Syrien . „Ich mache damit Hustensaft“, sagt er mir und wir sprechen über das Einkochen von Holunderblüten. Sie sind jetzt überall, genau wie Gummibärchen. Er geht weiter die Straße hinunter. Ich fahre hinauf.

 

 

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200 und ein Kölsch

Enterprise

Manchmal gibt  frühe Zeichen

a drkentrep

Mein wackliges altes Raumschiff ist mit einem fahrrad an Bord Richtung Köln unterwegs. Es ist bereits warm aber die Sonne schafft es nicht, die immer neuen Wolkenschleier ganz zu verdrängen. Ein schwüler, warmer und langer Tag kündigt sich für die 45te Forsbach Tour an. Est. 1972…

rtc-forsbach-tour-flyer-2017

 

212 km führt sie durchs bergische Land, ein Revier  Kölner Radsportler… Startort ist Zündorf , südliche Ausläufergemeinde von Großköln, eine kleine Siedlung in den Feldern, weiter rechts ist der Flughafen und in Richtung Rhein sieht man  Schornsteine der großen Raffinerie über die Gerste ragen.

Old School

Kleine Gedenkminute im Schulzentrum, bis die Startunterlagen beisammen sind. Die Qualität deutscher Schulzweckbauten  ist angenehm, solche Gebäude sind unterschätzt – eine Moderne vor Ikea. Die Bäume die man damals pflanzte ragen über die Flachdächer hinaus und geben üppig Schatten, mit ein bißchen Pflege könnte das Ensemble über 100 Jahre alt werden. Die Stimmung ist freundlich entspannt.

Einige sind schon schlag 6h30 auf die Strecke gegangen – es wird ein warmer Tag; ich rolle durch die verkehrsberuhigte Siedlung, verabschiede mich von den schlafenden Mittelklassewagen, spähe auf endlosgeraden Feldwegen nach den Trikots der Vorfahrer.

a start

Heute wird die silberne Gazelle geprüft. Es ist die erste Ausfahrt über 200km in unbekanntem Gebiet. Meine 7fach übersetzung beträgt 13-26, vorne drehen 52 und 39 Zähne. Dieses Rad habe ich mit allen überschüssigen Teilen aufgebaut, die im Keller zu finden waren. Der Lenker hat eine leicht abfallende Biegung – Bauform „Gimondi“. Etwas  größere Überhöhung im Vergleich zu  geraden Modellen (bauform „Merckx“) – mal sehen wie ich (auf der Distanz)  damit zurechtkomme.

a garniturDas Ensemble besteht aus schwarzer Hose und altem fruit of the loom trikot – einer der ersten „Marken“ für TShirts . Früchte des Webstuhls –  Mädchen mit Clogs, schwebenden Maxiröcken und Fruit of the Loom . . . .  .

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Mittlerweile sind (gepflegte) Klassiker auf diesen Veranstaltungen akzeptiert. Das Material auf dieser Marathonstrecke ist ohnehin recht gemischt, von 2000er Alu bis 2016er fullcarbonio ist alles dabei.

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Die Strecke ist angenehm gestaltet,  nach einer Einrollzeit  von 20min steigt die Straße ganz sachte bis zur ersten Kontrolle an. Dann ist man im Bergischen Kernland und auf geht es in winklige Abfahrten, durch kleine Dörfer und schließlich Anstiege der mittleren Kategorie. Es sind nie besonders viele Höhenmeter am Stück, dafür auch nie richtig flach Das heißt: Rhythmus finden, nicht überdrehen  . . ..

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Das Grün ist noch frisch, die Sonne  bleicht den Himmel. Kurze folge ich einem Paar mit RTC Trikots aus Essen, dann kurble ich wieder in einer Gruppe. Also doch nicht zu spät dran heute. Zwei Vorteile: man sieht sich unterwegs immer wieder und an den Kontrollen sind die Vorrägte (noch) nicht aufgebraucht; die Veranstalter machen einladende Gesichter und schöpfen aus dem vollen.

Kleine Wölkchen ballen sich zu Schleiern. In der Rheinebene wird es jetzt schwül. Nach zwei der fünf Kontrollen ist klar: das wird heute was. Auf den ersten 90 Kilometern nur wenig essen, immer wieder trinken, die Wassertanks an den Haltepunkten nutzen – Pausen kurz halten.

a overgreen Siegtal, Tempo und Sonne (aufsteigend)   – fast aggressives Grün der immer noch hellen Blätter. Junitau hieß eine Indianerin bei Cooper. Cafés am Straßenrand ignorieren, dies ist kein Brevet. Carbon rauscht am Fluss entlang.

Abzweig, hinein in einen kühlen schattigen Grund, eins der vielen Mühltäler. Die Bäume und Sträucher hier weniger kultiviert, Bachkräuter duften, auf und ab zieht sich der geteerte Wanderweg durch die Wildnis. Dunkelblaue Libellen flattern mit metallischen Reflexen über den Weg. Das kleine Blatt vorn ist nun der Freund und irgendwo weiter vorne fährt eine Gruppe voraus, die auf langen Geraden sichtbar wird und in den Schleifen verschwindet.

Und oben

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schweift der Blick. Beinahe Halbzeit.

Satte Schnitten von dunklem belegten Brot , Salami und Gouda, warten an der nächsten Kontrolle. Es wird zugesprochen. dazu Apfelschorle und reichlich Wasser. Der Rest in die 1l Flasche, denn es wird warm. Auf der Gegenseite eine dunkle Wolkenfront, die Wetterapps sollen gewarnt haben. Wetterapp Du schönes Wort. Ich lasse den Blick schweifen und rechne: die Marathonextraschleife beginnt hier und endet hier, ca 50km, was dann schon satte zwei Stunden macht. Der volle Kreis bedeutet: egal von welcher Wetterapp geredet wird, es wird uns treffen, wenn es uns denn überhaupt trifft.

Ab in die Tiefe des nächsten Tals. Ich liefere mir Ideallinienvergleiche mit Motorrädern. das Rad macht einen stabilen Eindruck. marathonisti werden mit dem schönsten Teil der Tour belohnt.

b milkSchön meint: urwüchsiger, weiträumiger, abgelegener. Die Milch dieser Kühe würde ich unbesehen genießen. Immer wieder Herden auf sanft abfallenden, sattgrünen Hängen,  manchmal um Bäume gruppiert. In die Tiefe des bergischen Landes vorgedrungen glaubt man kaum, weniger als 100km vom nächsten Smog entfernt zu sein. Eis steigt noch ainmal kräftig und es hilft, weiter oben Vorfahrer zu sehen. Mein Puls geht nicht durch die Decke, aber bei mehr beginnt der eigene Grenzbereich: 135. ich nehme kurz raus um wieder so auf 110 zu kommen. Nicht schlecht so eine Uhr,

der Lohn des Marathons

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in einem kleinen Weiler weit draußen steht diese kleine Hütte, vollständig eingerichtet um die marathonfahrer zu belohnen der Verein RTC hat an alles gedacht. . Veganer mögen es mir nachsehen, aber heißer Rindergulasch auf einer kühlen Steintereppe ist in so einem Moment etwas wunderbares. Es sind jetzt um die 110 km gefahren, ein langer Anstieg liegt gerade hinter uns und einige werden folgen. Die Radfahrer sehen einigermaßen geschafft aus. Die Stullen vom letzten Stopp sind bei mir schon lange verraucht: man entschuldige, wenn ich soviel vom Essen rede. Das leigt nicht nur daran, das es so geschmeckt hat – es hat vor allem geholfen .

Es geht  stetig weiter hinauf bis zum Dach der Tour, daß sich Blockhaus nennt. Das kleine Blockhaus ist nach neuer Fasson mit Natursteingittern eingefaßt, mir gefällt diese Art der Geländesperrung nicht und darum gibt es kein Bild.

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Dagegen setze ich dieses Fachwerk mit dem Sonnengiebel, daß ich als solist streife. Plötzlich allein mit der Landschaft zu sein und gleichzeitig zu wissen, daß kurz vor mir und gleich hinter mir jemand unterwegs ist, ist immer wieder ein merkwürdiges Gefühl. Hin und wieder glaube ich jemand gesehen zu haben und dann war es wieder nichts.

b kuhwink

Als die Kuh einen kleinen Kratzfuß macht habe ich durchquere ich einen Ort mit historischer Selbstironie

Husten

b husten

600 jahre Husten muß man schon aushalten.  Aber ich habe genauso einen Bauernhof noch gekannt. Der alte knorrige Vater wohnte mit seinen Söhnen unter einem Dach, die Kühe gleich um die Ecke und die Scheune in der Hausverlängerung. Der Hoferbe war Junggeselle und das Sonntagsvergnügen waren „die Leute von der Shiloh Ranch“. das Bild war schwarzweiß und wir durften kein Wort sagen, schon gar nicht „SiloRanch“. Vater und Sohn sprachen dann bergisches Platt und kommentierten damit die Revolverhelden , die sie bewunderten.  Um 6 wurde gemolken.

b retrofriktion

Retrofriktion

Sehr geschmeidige schaltung – besonders angenehm, wenn man müde wird und von der Hitze groggy ist. Die Simplex war das beste, was dem Radsport passierte, bevor es mit der Indexierung losging. Der Schweiß rinnt, doch die Gewitterfront zog weiter. 30km vor dem Ziel mit leerem Tank an der letzten Kontrolle. Ich fülle Salz in den Eistee und stopfe Gummibärchen. leere Colakisten sehen dich an. Weiter nur, zurück in die Hitze.

Wahner Haide

Der Flughafen KölnBonn liegt in einem flachen, sandigen Stück Heide, das mittlerweile ine Backofen ist. Es ist auch eine Trainingsstrecke, ein regelrechter Rundown für Zeitfahrmaschinen. Sie schwirren auf und ab, die Piloten auf Aufliegern, die Trinkflaschen aerodynamisch hinter dem Sattel . Auf der Suche nach der vmax. Es riecht nach kerosin, aber das liegt nicht an den Triathlonrädern, sondern an den Flugzeugen die über unseren Kopf donnern. Gleich seid ihr da, gleich bin ich da.

b zeugnis

Ausrollen lassen,  day is done.  Das Buffet ist gerichtet, der Sommer kann kommen.

b 21Das Kölsch vom Faß war die Reise wert. Mich prickelts immer noch.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Der Rhein ist eine alte Postkarte

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Heute ist Vatertag, heute geht es runter an den Rhein. Remagen liegt um die 70km entfernt und der Tag ist himmelblau. Ich nehme das rotweiße Strobl und folge den letzten Kuppen des Westerwalds.

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a edis

Vatertags (auch Himmelfahrt genannt) ist an deutschen Tankstellen einiges los. Wer es dort nicht auf ein Bier abgesehen hat, wird  Erfolg haben.  Mich zieht es heute an den großen Strom zu Radsport Schauff. Aus logistischen Gründen hatte Schauff sen.  seine Produktion von Fahrrädern nach Remagen verlegt. Die Nähe zum Rhein, die Nähe zur Eisenbahnlinie und auch der Krieg waren 1940 ausschlaggebend.

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Schon die letzte Fahrt am Rhein entlang war mit gewissen Hindernissen gespickt , heute kam eines dazu: die goldene Meile hat einen neuen Eigentümer und der hat seine Domäne eingezäunt wie einst die Amerikaner dort ihr Gefangenenlager. Es bleibt dabei : am Rhein  „Strecke machen“ geht mit der subgenialen Verkehrtführung nicht. Doch zum Glück

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geht es dann durch liebliche Niederungen zur  Ahrmündung weiter. Die Baumart oben hatte fast keine Blätter ausgetrieben – was es wohl war?

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Ein Kurzer  Blick auf Linz ( gegegnüber)  erfrischt das Herz. Eisenbahnfreunde, Binnenschifffahrtsfreunde und Wasserfreunde kommen auf ihre Kosten – träge versorgt die Ahr den Rhein hier mit (frischem) Wasser aus der Eifel. Gleich wird sich die Fähre ins Bild schieben.

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Postkarten lügen nicht. Nur die Wirklichkeit von 2017 ist eine andere als die von 1965, die Line der vernunft hat sich verschoben. ..

a rhenus2 Vatertage sind zu 2Rad Tagen geworden. Fast zu extrem, wenn alle Väter auf einen Schlag serviert werden. Allein:  bis hin zur Massenmotorisierung und dem jetzt omnipräsenten Ebike, das locker dem Wind trotzt war es ein langer Weg.

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Dies ist ein Schaltwerk. Man muß sich mit Rädern nicht sonderlich auskennen, um das zu sehen. Was man allerdings nicht sofort sieht, ist das Herstellungsdatum: ca 1938 oder ein Jahr später. Der  Jahrgang meines Vaters. Das Schaltwerk an seinem Falter Sportrad sah kaum anders aus, und wenn ich heute an meinem Strobl hinuntersehe . .. gibt es doch deutliche Ähnlichkeiten Aber dies hier gehört zum ältesten Rad in der Sammlung von Jan Schauff, Sohn des Gründers der Fahrradfabrik.

Das le Simplex von 1938 war eine Revolution. Sein Einsatz in der Tour de France wurde zunächst nicht zugelassen, die wirklichen Helden sollten weiterhin mit Wendenabe und zwei Gängen siegen. Die andere 3 gang Schaltung kam aus Schweinfurt und machte Familie Sachs zu Zillionären und Sohn Gunter zum Ehemann von B. Bardot : die Torpedo

an old schauffSelbst wenn beide Schaltungstypen überlebt haben, ist das Schauff Geschichte, ebenso wie die Fahrradindustrie als Standortfaktor in Deutschland. Der umsatz ist groß, dank der EBikes sogar steigend, doch die zahl wirklich produzierender Betriebe ist schon seit langem sehr übersichtlich. Wenn es sich nicht um reelle kleine Nischenanbieter handelt müsste man eher von Endmontagewerkstätten ohne Fertigungstiefe.

an older schauff

Die Fahrradfabrik Schauff hingegen fertigte alles, vom Kinderrad bis zum Einzelstück fürs Zeitfahren. In den 80ern entstanden neben „Rudi Altig“ Lizenzrennrädern fast schon experimentelle Aerorahmen mit ovalisierten Rohren. Radsport HighEnd aus Remagen. Wer sich also Zeit nimmt, das Museum and der Werkshalle zu besuchen, taucht direkt in eine goldene Zeit des Radsports ein: Werkzeuge, zubehör, trikots, rarissima

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Draußen wartet der inzwischen ebenfalls historische Werkswagen zum Erinnerungsbild.

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Schon komisch, wie die Zeit dahinfliegt . Aero, eines der Überwörter aus den 80ern ist  eine Postkarte im Vergleich zum tweet. H-Kennzeichen kann beantragt werden.

Technik ändert sich, der Rhein fließt weiter. In 3h30min geht die Sonne unter.

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die Fähre setzt über, eine Ladung guter Vatertagslaune wechselt das Rheinufer. Der Weg von Linz nach Neuwied ist, ein paar kleine Seitenwechsel ausgenommen erheblich geradliniger als die Hinfahrt. Die menschen sind draußen und spielen, der Rhein ist das ruhige blaue Band, das sie erfrischt . Es duftet nach sanften Narkotika.

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In Bendorf verlase ich die alte Postkarte, auf der immer noch Schiffe mit Schornsteinen aus reinem Vergnügen herumschippern.

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Die Robinien duften, die Kühe sehen mir hinterher, langsam wird die luft frischer und kühler, mein Schatten immer länger. Ein Tag wie eine Postkarte geht zuende.

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Nur ein Punkt

Umbrella, der Schattenspender

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Es war zunächst nur ein leuchtender Punkt im weiten Feld. Dann sah ich die Frau mit dem pinken Stück, das wir Regenschirm nennen. Die Engländer nennen ihn immer noch umbrella, obwohl sie ihn ebensowenig wie wir zum Schattenspenden benutzen.

Dafür nämlich waren diese Schirme ursprünglich erfunden worden. Sie dienten Damen als zierliche transportable Schattenspender auf der Landpartie. Bei Regen wäre man kaum ausgegangen und Menschen, die auf dem freien Feld dem Wetter trotzen mußten, brauchten solche Geräte nicht. Einen Regenschirm gab es nicht. umb3

Die Dame hier benutzt den Schirm im Sinne des Erfinders zum Schutz vor der Sonne – als „ombrelle“. Sie wird von ihrem Mann begleitet. Beide sind sehr wahrscheinlich erst seit kurzem in Deutschland. Es könnten Afghanen oder Syrer sein, leider traue ich mich zu selten , danach zu fragen. Natürlich ist der pinke Schirm mitten im Feld ein auffälliger Anblick   -und gleichzeitig ein Verweis  auf andere Bräuche . Aus Zuwanderern werden Wanderer.

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Wie mögen auf sie unsere grünen Felder mit ihren wilden Blumen und Bächen auf  wirken? Wie genießen sie eigentlich unsere grüne Welt ? Der spätere Nobelpreis V.S. Naipaul erinnert sich bei seiner Ankunft in London an den großen Baldachin,  der ihm endlich die sengende Sonne verstellte: eine große Wohltat. Es wird Zeit.

Hier kommt schon der Schnitter, er fährt, um mit dem Mähbalken das Futter fürs Vieh zu legen .

 

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