Appleby

ap1Woher kam dieser Name noch? Aus einem anderen Medienzeitalter, als Serien gerade entwickelt und (sogenannte) Kultserien von staatlichen Sendern produziert wurden. Appleby, Sir Humphrey ist eine zentrale Figur in der britischen Politsatire Yes Minister, die immer noch zu empfehlen ist. Gewisse Dinge werden mit der Zeit vielleicht sogar besser, besonders , wenn die Realität sich müht, sie zu übertreffen.

Yes Minister kann immer noch als Systemanalyse in Zeiten des Brexits verstanden werden. Vorbehalte und Mechanismen der englischen Machtausübung haben sich wenig verändert, manche Übertreibungen wirken in Zeiten populistischer Parolen fast wieder als Untertreibungen. Soweit die rein insulare Perspektive.

ap6Aber Appleby –  Synonym für Scharfsinnigkeit und Realitätssinn – hat ein dunkles, internationales alter ego gefunden. Eine Kanzlei gleichen Namens, die mitten in der Affäre um die Panama Papers stand. Erinnern wir uns? Bevor Flüchtlinge, Geflohene und Geflüchtete begannen, das politische Tagesgeschäft (und im Gefolge das Nachrichtengeschäft) zu dominieren, hatte man da eine ganz große Ratte am Schwanz gepackt.

ap5Eine Ratte, die für die Souveränität der Rechtsstaaten eine weitaus größere Gefahr darstellt und deren Hilflosigkeit gegenüber dem organisiserten Kapitalverbrechen bloßstellte. Eine Ratte namens Steuerbetrug, Hinterziehung, Geldwäsche. Daß die leaks immer noch Informationen liefern, hat das Problem des massiven Steuerentzugs nicht reell gelöst, es folgten (medial) stille Verfahren, die lange andauern.

Vor lauter Nullen begreift man die Größe des Verbrechens nicht. Es ist unvermindert akut, umsomehr, als jetzt zu befürchten ist, daß ein Brexit (bei weiter freiem Kapitalverkehr) Britannien einen einzigen nennenswerten Wirtschaftsfaktor läßt: die Rolle des offshore-Über-Luxemburgs jenseits der EU Konstellation. Bei fehlenden Sanktionsmöglichkeiten.

ap4Ich unterdessen sammle weiter die Früchte der Erde ein: meine Äpfel des Sommers 2018 Vitaminreich, legal, steuerfrei. Appleby.

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Leuchtende Innenwelten

ad0Der Herbst hält Wort. Es geht auf den ersten November zu und das erste Sturmtief trifft ziemlich genau ein, wie angekündigt. Pünktlich mit den Pensionierungsgedanken der Kanzlerin Merkel stimmt auch das Jahr uns auf sein Ende ein.

Der Blick geht zu den Türdichtungen des Altbaus, durch die der Wind nun wieder Bahn sucht. Er geht auf die Regale, wo die Gesellschaftsspiele warten und über die Musiksammlung, die man endlich in Ruhe hören will.Schon ist es dunkel draußen.

Aber noch etwas anderes wartete länger darauf , neu entdeckt zu werden.

d1Wenige Medien haben in ihrer Zeit so viel satirische Energie freigesetzt, wie der Dia-Abend. Der Dia-Abend war einstmals, was heute Urlaubstweests, snaps und -grammin‘ sind.  Für Verwandte und Freundeskreis haben aber heutige Freizeit-erfolgsnachrichten den Vorteil, mit einem Wisch beseitigt und gleich am folgenden Tag der gefühlten Steinzeit anzugehören. Sie müssen nich tlängger als nötig erduldet werden. Für uns ist es völlig ok, jeden Tag hunderte Bilder von Freunden, bekannten, Abteilungsleitern, Vertriebskoordinatoren oder -therapeuten zu sehen – und dann ab in die Tonne.

Das war zur analogen Zeit ein wenig anders. Zum Dia-Abend wurde geladen, der Dia-Abend war eine Inszenierung, ein soziales Ereignis, da stand (auch) Familienehre auf dem Spiel: eine Offenbarung für den inneren Zirkel; dazu eine Spielstättte für Technikbeherrschung, Medienkompetenz und ostentativen Wohlstand.

ad5Zudem: eine rein männliche Domäne, die Zweiteilung Projektor und Herd verlief völlig unstrittig . Möglicherweise ist dieses Setting, das ich hier umschreibe, welches ein so schales und glanzloses Erinnerungsbild von den vielen Abenden erzeugt, an denen höfliche Besucher ihr Gähnen unterdrückten. Es war nun einmal so.

Dabei hat es das Medium nicht so ganz verdient. Es hat Vorzüge, die keine okkulte Zeremonie brauchen, um genossen zu werden. Für Dias reicht ein kleines Stück weiße Wand, eine Zimmerecke, die nicht in der Sonne liegt und ein paar gute Bilder.

ad2Die Betrachter danken es einem mit leisem Erstaunen; denn sauber gelagerte Dias haben auch nach 40 Jahren volle Leuchtkraft, die Blaus,  Grüns und rots kommen in einer Intensität, die Beamer nicht erreichen und auch auf OLED Schirmen nicht in dieser Form.  Seitenlängen von über 1m sind auch in kleinen Räumen kein Problem, Gesichter erscheinen über-Lebensgroß, Personen leuchten fast 1:1 aus der Vergangenheit auf. Die Nähe und Lebendigkeit ist unmittelbar – Die Zeit steht still und wandert nach 20 Minuten wieder in die Kiste.

Es mag tatsächlich so kommen, daß, wie es ein Bekannter meinte, der sich mit  der Reparatur von digitalen Speichern befaßt, von Bilderinnerungen der Millenials fast nichts bleiben wird. Festplatte, SSD, Flash -alles egal : wer Speicher nicht doppelt, verliert.

ad1So konsumistisch wir auch wurden, selbst den affinsten Technikfolgern gefällt eine derartige Selbstauslöschung ab einem gewissen Stadium nicht. Spätestens nämlich wenn man begreift, daß man nur ein Leben hat und am Ende nichts davon erhalten bleibt. Ein guter Projektor und Diakästen sind darum für mich kein Analogfetischismus (digitalisiseren kann man ohnehin). Sie sind der visuelle Faden, der sich bis in die Zeit vor der eigenen Geburt zurückspulen läßt. Gerade verläßt uns die Generation, die dieses Medium erschlossen und zur Massenbewegung gemacht hat; es gibt soviel Dia wie nie und auch wer seine Geschichte damit fortschreiben will, kann noch material finden und es  -immer noch! beim Discounter entwickeln lassen. Nicht wegwerfen.

Die üblichen Modelle sind auf dem Gebrauchtmarkt leicht zu finden, das meiste ist konstruktiv für mehrere Generationen ausgelegt. Es gab sie zu Millionen – zugreifen.

 

 

 

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Eine Runde Pause vom Wahlkampf

Es ist Wahlkampf.  Auch wenn es gerade ein wenig lauter wurde,  hört man hier nicht gerade viel davon, man sieht ihn eher.

In einer Gegend, in der es der Plakatwerbung immer schwerer hat, ist es  die große Stunde der Parteien. Maximale Reichweite, maximale Plakatierung – ein Subventionsprogramm. Parteienwerbung ist von Produktwerbung nicht grundsätzlich verschieden, nur daß sie dem Ahnungslosen  kryptisch bleibt – denn das Produkt (nicht die Marke) ist nur schwer erkennbar.

Die Die Botschaften sind kurz, sehr allgemein gehalten und wirken beliebig. Da wird geschafft, geleistet, da ist Erfolg und viel Sicherheit gibt es gratis dazu. Wirkt Produktwerbung bisweilen merkwürdig abstrakt  („mach mehr aus Deinem Dach – liberté toujours!“), so weiß man doch recht genau, was dann gekauft werden soll. Beim Produkt „Partei“  bleibt die Frage offen, ob es sich um Absichten, Wünsche oder konkrete Leistungszusagen handelt.

Viel Mehr als den Konsens „für das Grundgesetz – gegen Armut“ scheint es nicht zu geben. Das verwirrt – ich muß dringend eine Runde Urlaub vom Wahlkampf machen

Gut, daß die Sonne scheint und die Landesgrenze nicht weit ist. Das werbefreie Nachbarland liegt nur 2km entfernt. Der Himmel ist  blau, aber die Faserwolken schreiben ein neues Signal: Kaltluft in hohen Lagen. Als ich hinaufsehe ist gerade ein Schock Kraniche durchgezogen – wahrscheinlich genau aus der Richtung, aus der die Kühlluft in unsere Windrotoren fächelt.

Ein himmelblaues Hemd in lang liegt bereit. Es ist aus einem Material, das schon lang nicht mehr in der Sportbekleidung auf der vorderen Bühne steht: dunova. ich mag diese Shirts, die, wie es scheint, vor allem von der Firma Gonso produziert wurden. Der Wollanteil (innen) ist ein guter Wärmespeicher und bannt die Geruchsentwicklung; , das Polyacryl gibt dem Stoff und seiner Farbe Haltbarkeit und Leuchtkraft über hunderte vonWäschen hinweg. KM 0

Wenn auf allen Gebieten das Neueste geprüft und gepriesen wird, warum nicht einmal das Alte prüfen und dessen Eignung preisen (oder seine Unbrauchbarkeit feststellen). Die Enttäuschung vollmundiger Versprechen mit eingebautem Verfallsdatum bleibt einem erspart. Ja, ich eröffne eine neues Berufsfeld: ich bin Altwarentester, ein Don Q der Erhaltungsgesellschaft. Nicht weil ich das Neue nicht mag sondern wissen will, was das Alte taugt. Am Ende seiner Entwertungskurve als „Konsumartikel“ ist es angelangt, es bleibt der sein Gebrauchswert, wogegen alles Neue mittlerweile mit der Ungewissheit politischer Versprechen einherkommt.

Auch mein Vitus-Rad ist nicht neu – es dürfte genaugenommen um die 35 Jahre alt sein und die geklebten Muffen, einst kritisch beäugt, halten hier immer noch meinem Tritt stand.  Das Vitus ist ein Voll-Aluminium-Rad, bei dem ich nur einmal die Gabel tauschte – so wurde es noch ein wenig wendiger. Sonst sieht es aus und fährt sich wie alle guten Rennräder dieser Zeit.

Einen guten Ruf hatte es in seiner Zeit auch nicht immer, dabei verschob die Bauweise tatsächlich alle Konkurrenten auf die Ränge. Man sparte auf Anhieb fast ein Kilo Gewicht, und auch Profis gewannen Klassiker und Etappen darauf. Das Problem: das Vitus zerstörte ein geschäftsmodell aufgrund seiner Bauweise. Als fertigmotiertes Industrieprodukt machte es den Rahmenbauer und erfahrenen Löter schlagartig überflüssig. Genau so, wie es 20 jahre später die Carbonrahmen vollendeten.

Es fährt sich munter und gibt mir bergauf  ein Gefühl von Leichtigkeit. Und hebt mich über die Tristesse der politischen Ebene.

KM10;  der erste nennenswerte Berg folgt nach ein paar Kilometern Einrollen. Er ist Anlaß, endlich die Körpertemperatur hinaufzuschrauben; der Stich nach Winnen, ein harter Haken von 1km200, beginnt  mit 9% und endet mit reellen 17. Die Sauerstoffmoleküle der frischen Luft hier werden oben dringend benötigt. Als Lohn für den gelungenen Anfang hebe ich mir zwei winzige rote Kugeln aus einem gepflegten Vorgarten auf- Äpfel. Der Blick zurück zeigt dem Wanderer: die erste Stufe zum hohen Westerwald ist genommen.

Ich blicke auf das Land Hessen zurück und kann jetzt ungestört von Parteiwerbung meditieren. Es geht jetzt in Wellen südwestlich der Nister nach Hachenburg (kein Gymnasium).

Ein Radfahrer ist einerseeits weit von allem entfernt, lebt glücklich in seiner Solipsismus-Blase, gleichzeitig sieht er alles und nichts entgeht ihm. Er ist ständig mit der sogenannten Kontingenz konfrontiert: dem Straßenbelag, den einsamen Dörfern mit ihren tückischen Ecken. Er und kennt denZustand der Garageneinfahrten, aus denen jederzeit ein tiefergeleges Auto schießen kann.  Der Radfahrer sieht die Menschen und ihr Leben unverstellt. Ich registriere, wenn die Gärten und Häuser unverändert sind, wenn die Sportplätze gemäht und die wenigen Wirtschaften nach Braten duften. Mich trennt keine Scheibe, keine Kabine vom Rest der Welt.

Immer wieder Unterlenker, denn es fehlt ganz deutlich eine Schicht am Leib. Zwei reichen nicht , auch wenn die Volkssender nominell von 12 Celsius sprechen. Jeder Anstieg ist eine Freude, jede Abfahrt ein verhaltenes Zittern. Verkehrte Welt. Vor recht genau 3 Jahren hatte ich mich schon einmal ähnlich verkalkuliert und dann eine zähe Erkältung eingefangen. Heiliger dunova, hilf mir , jetzt und in dieser Stunde.

Ich bin auf meiner Hunderter Runde unterwegs, vorbei am Fallschirmspringerflughafen Ailertchen – heute ohne bunte Punkte in der Luft. Ich folge den Schildern, streife die Imbisse und winke den Motorradfahrern zu.

Dort wo einst eine Chrysler-Simca Werkstatt war, hat sich ein Verwerter mit einem „etwas anderen Kaufhaus“ niedergelassen. Zeichen einer neuen Zeit. Die Positionsgüter meiner Eltern und Großeltern finden keine Erben. Sie landen entweder im Müll oder werden  – wie hier –  zu Schleuderpreisen in aufgelassenen Gewerbeimmobilien feilgeboten. Geschirr, Glas, Porzellan, Möbel, Stoffe und Wäsche: die Aussteuer liegt bereit. Über Geschmack kann man sich streiten, von der Qualität gilt das gleiche wie oben.  Baumwollbattist, ein bayrisches Porzellan  Kristallglas oder Cromargan wird nie besser zu haben sein.

Wenn ich durch die Dörfer streife, erlebe ich den Vorzug von Abwesenheit. Abwesenheit von Franchising, von Wahlkampf,  – von optischem, akustischen und olfaktorischem Dreck sowieso. In positivem Sinne ist nichts los – wir sind im 21ten Jhdt, Licht, Strom, Wasser, Gas fließen wie anderswo auch. Ein internet nutzt hier jeder. Die aufgelassenen Kaufhäuser müssten nicht einmal sein, wenn die Gier nach dem billigen Aufbackbrötchen nicht so groß wäre. Das ist selbstgemachter Strukturverlust.

Als ich das Vitus an der beliebten Kruve unter dem beliebten Ahorn abstelle, höre ich fast nichts – nur ein Geräusch von Ferne: das Tuckern eines Traktors, irgendwo dort unten Richtung  Schafherde.

Der Blick geht rundum übers Tal, wo ein paar Rundballen foliert auf  Verwendung warten, die Bäume werden vom dunstigen Licht bläulich umrissen –  dahinter: die Ecke des Solardachs einer Viehalle blitzt in der Sonne auf. Ancient and Modern, behutsam dosiert. Was man hier sieht ist Natur – keine Wildnis. Jeder ar ist in Arbeit.

Dann folgt der dichte Wald vor Hachenburg. Die Straße ist erst ganz verlassen, plötzlich überall bunte Punkte : eine Kohorte von Spendenläufern kommt mir entgegen. Ich höre auch bergab nicht auf zu treten, weil mir so kalt wird. Gleich werde ich Hachenburg erreichen und dort eine warme Tasse in die Hand nehmen. Die gepflegte Stadt mit ihrem barocken Marktplatz ist stets aufgeräumt und ihr gelingts, einige Besucher  (Herbstferien!) anzulocken, die zwei, drei Eiscafés füllen und mir (Schrittempo) zusehen.

Da ist sie schon  – die Tankstelle meiner Wahl, meiner Herbstrunden und des Frühlingsbrevets 2018. Für sie lasse ich jedes Café liegen, denn Radfahrer haben sehr klare Prioritäten: schnell und gut Energie nachführen. Die begrenzte Stellfläche verhindert Motorradaufläufe oder mehr als 3 parkende PKW, Radfahrer schlüpfen durch die Maschen.

Immer noch erstaunt mich di unbändige Vielzahl an Zeitschriften im Regal, Printmedien genannt. Vier Magazine um Jagd und Wild, sieben (oder mehr) für den Radfahrer.  Die special interest Ecke scheint von großen Abbildungen auf Papier noch leben zu können, auch Anzeigen werden nach wie vor geschaltet. Vielleicht ist gerade bei der Anzeigenschaltung die paywall  für den ernsthaften Verkauf hochwertiger Rennräder von Vorteil? einmal bleibt eine Anzeige ja darin konstant sichtbar, zum anderen setzt ein Kontakt voraus, das jemand eine Radzeitschrift wirklich liest. Kleine Medeientheorie beim Aufwärmen. Kein Tropfen Schweiß am Leib.

Wieder draußen : der Samstagnachmittag in der Kleinstädtischen Peripherie. Einkaufen auf Großparkplätzen, Autos pflegen, Kästen heben, was man halt vor der Sportschau noch erledigen kann. Neu ist dieses kleine Logistikzentrum das mich die Kreuzung fast nicht mehr wiedererkennen läßt. Zurück in die Wälder, raus aus dem windchill. KM50.

Laubwälder, Dörfer, Bäche und Wanderer. Irgendwann habe ich den Bereich meiner Ortskenntnis verlassen und fahre auf Sicht nach Himmelrichtung, verlasse eine Ortschaft über ihr Neubaugebiet „am Sonnenhang“.

Wie überall sind die Dörfer um Einfamilien- oder Doppelhäuser angewachsen, das ist für sie die Chance zum Überleben – oft zum Preis des Pendlerschicksals.  Links über mir  vernehme ich ein insektöses Schwirren. Da steht jemand mit seiner Frau im Garten und hält eine Fernbedienung in der Hand. Die Nachbarn stehen auch im Vorgarten und wir blicken alle in die gleiche Richtung: eine kleine Drohne schwebt 20m über  dem Haus und macht bei jedem Richtungswechsel ein Geräusch wie mehrere Hornissenschwärme. Was würden sie wählen? Keine Experimente.

Ich halte weiter Kurs Richtung Bundesstraße; dabei läßt sich eine Waldpassage nicht vermeiden und mein Glück ist, daß die monatelange Trockenheit absolut jeden Waldweg hat knochenhart werden lassen. Fun, dann wieder Automobile, heimkehrend von den wöchentlichen Einkaufsausflügen.,dann wieder Einsamkeit, Herbstlaub und kleine Vogelschwärme.

Nach der Sonne die Richtung wählen und dann im schützenden Tann anhalten. Es ist frisch unter dem Wams doch bevor ich Isoliermittel suche, muß ich den sicheren Heimweg finden. Unbeirrt rollt das Vitus weiter.

Die Straßen in ihrem milden  Auf- und Ab gleichen sich sehr – plötzlich eine Landmarke erkannt: Hartenfels und sein markanter Burgfried, den ich sonst aus dem Tal anfahre. Also nicht vom Weg abgekommen, vor allem nicht mehr weit von der nächsten, rettenden Tankstelle entfernt – Aral in Steinen.  Ein paar Höhenmeter noch. KM70 :das blaue Glück.

Mit einer Bildzeitung- “ die kauft jetzt niemand mehr“ – bilde ich einen Brustpanzer und erhalte zum Cappuccino plus doppeltwix noch ein wenig geschäumte Milch gratis. Ein Lieferfahrer bringt als retoure zwei Teppiche herein; Er flucht über die unmögliche sprachliche Verständigung mit Kollegen anderer Logistikdienstleister. Die Sonne steht tief, wärmt absolut nicht mehr, aber die Zeitung wirkt. Frisch gewaschene Autos kommen im regelmäßigen Turnus auf die Tankstelle zu.

Irgendwann dann sehe ich bekannte Windräder und rausche durch den Blättertunnel. In den letzten vier Jahren hat sich auf dieser Strecke so gut wie nichts verändert. Ein Verwerter, Logistikunternehmen und zwei Windräder mehr-  das wärs ungefähr.

Ist das Stillstand oder eigentlich schon eine Form von  Fortschritt? Dieses Land ist ruhig und diszipliniert, Müll kaum zu sehen, ein ruhiges und nach außen streßfreies leben. Es gibt mehr Beerdigungen als Taufen in der Kirche nebenan. Als Jugendlicher hätte ich das alles wohl schrecklich langweilig gefunden.

Es täuscht aber, wenn wir denken, es stünde in all dieser Beständigkeit nichts auf dem Spiel.

Am Montag schmeiß‘ ich die bunten Umschläge ein. Gute Reise.

 

 

 

 

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Vom Lande im Oktober

Man kann das nicht genau beschreiben –  es sind nur Andeutungen.

07

Die kleine Trasse auf dem Höhenzug zwischen dem Salzbachtal und Montabaur war einmal Bahnstrecke und führte mit mäßigen Steigungsgraden zur ehemaligen Kreisstadt Westerburg. Dann hat es sich wohl nicht mehr gelohnt, eine Verkehrswende wurde eingeläutet, die Strecke asphaltiert. Seit vier Jahren befahre ich diese 11km und die Winter haben dem Asphalt nichts angehabt.

02

Jetzt sind die großen Herbsthimmel da und die Stromleitungen nicht mehr besetzt. Die Luft ist frisch und klar und man kann den Unterschied zur Feinstaubzone mit Fahrverbot beim Einatmen spüren: der Sauerstoffgehalt ist gefühlt dreimal so hoch, oder welchen Begriff auch immer Luftreinhaltepläne für diese Qualität verwenden. Es wird eher eine dürre Zahl sein.

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Was man nicht messen kann ist Geruch,  oder besser gesagt Duft. Einer der Vorzüge der Jahreszeit und einer der Vorzüge ländlicher Stellung. Mit jedem Atemzug kommt fließt eine neue Variante von Geruch durch den Körper. Beeren, Laub und Erde. Dazu die  Abwesenheit stüörender Geräusche. So kündigt sich der Vogelzug schon lange an bevor man ihn sieht.

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Es ist nicht einmal ausgeschlossen, daß  Kraniche diesen Kirchturm aus der Erinnerung anpeilen und als Wegmarke nutzen. Im Fernglas kann ich sehen , wie die tiefe Sonne die großen Schwingen vergoldet. Von unten grüßt sie der kleine Hahn gleicher Farbe.

Und mit ein wenig Einbildung ist auch das Laub golden, das meine schmalen Reifen aufwirbeln.  Auf diesen langen schmalen Geraden lasse ich die Kurbel schnell und flüssig kreisen – nach wenigen Minuten stellt sich ein spezieller Zustand ein, ein echter, ungestörter flow, aus dem nur kurz vom gruß der Passanten aufgetaucht wird.

01

Ich kehre von der Runde zurück ins Tal und beeile mich, letzte Sonnenstrahlen einzufangen. Ein par Äpfel hebe ich auf fürs Abendessen, in der Ferne höre ich die Landstraße mit den heimfahrenden Autos. Sie ist spürbar, entzieht sich aber den Worten: diese andere Qualität, dieses Mehr an Leben, das einem auf dem Land geschenkt wird.  Wir filtern nicht, wir nehmen auf.

 

 

 

 

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Drivin Lessons (cap 158)

DSCF5792Die ersten Meter auf dem Rad wird  niemand vergessen. Der Moment, wenn die Räder wie von Geisterhand gerade und immer sicherer rollen, man selbst verwundert auf den Boden sieht und lernt, den Lenker ganz ruhig zu halten, während man weitertritt. Dann ist der riesige Schritt geschafft.

Dem folgen viele kleine Fortschritte,  die das Rad immer weiter bringen und immer schneller machen . Auch wenn es nicht der ganz große Moment ist – immer, wenn ich an einem schönen Tag aufs Rad steige und losrolle, ist etwas neues da. Also etwas, das so grundlegend anders ist als die Existenz eines Haustiers und Fußgängers.

a1Auch wenn die Schritte kleiner werden, den Schwung versucht man immer aufs neue zu erzeugen. Eine weitere Grenze Suchen – vielleicht auch das ein großes Motiv für Brevets und Ultradistanzen. Als ich mich dann mit René Bonn traf wollte ich auch wissen,  wie jemand, der ein Benchmark setzt die kleinen und großen Lernschritte gestaltet hatte.

Denn wir lernen alle durch Vorbilder. Ich bin bereit.

a05Um es gleich zu sagen. Vieles, was ich in meiner historischen Retroaffinität schätze, wurde über den Haufen geworfen. Niemand fährt eine Heldenkurbel um des Heldentums willen . René kommt vom MTB und vom Triathlon, zwei Sportarten die dank Marketing sorgfältig in andere Sparten ausgelagert wurden. Doch hierbei lerne ich, wie Einfälle und Erfindungen diffundieren, die Sparten wieder zusammenfließen.

Screenshot_2018-10-07 Kentaro Omori auf Instagram „Cover art of New cycling Mar 1984 #roadbike #randonneur #mtb #rapha #cam[...].pngDas Mountainbike war, wie man sich vielleicht noch erinnert, der Urknall einer Rad-Epoche. Niemand hatte sie kommen sehen, sie war nicht die Folge einer geduldigen, kontinuierlichen Entwicklung: ein paar mild-verrückte Kalifornier , die enfach neue Formen des Sports suchten, hatten diese neue Zeitrechnung eingeläutet . Tom Ritcheys Interviews geben ein Zeugnis, wie sich ohne Scheuklappen die Möglichkeit der Kleinserienfertigung aus dem Flugzeugbau, Titan und Aluminium aufs Rad übertragen ließen. Man wollte sich neue Welten erschließen und schuf nebenher eine weltweite Bewegung –  denn Übersetzungen von Mountainbikes halfen auch den Untrainierten Gipfel zu erreichen, die sie nur aus Träumen kannten.

a04Ich bin kein Mountainbiker, werde auch nie einer werden – mir gefällt die lineare, gleitende Forbewegung, das Rollen und geschmeidige pedalieren auf dem schönen Asphalt. Eine Geschmackssache. Was ich aber nicht wirklich eingeschätzt habe, ist der Einfluß, den diese Kalifornischen Potheads und die hawaiifixierten Solipsisten auf eine Gesamtentwicklung haben. Und wie René Bonn von ihr profitiert.

René Bonn setzte sich ein Ziel, das aus dem Traum enstand, quer durch Europa ein Radrennen auf eigene Faust zu erleben, ein echtes Abenteuer. Dem Traum stundenlang ohne Ermüdung weiterzufahren, bis zum Horizont. Dafür wählt die technischen Mittel.

a10Technik ist ein Konsumfetisch, ja! , aber wie schon Melvin Kranzberg sagte,  Technik und ihre Entwicklung sind ein gewaltiger Motor der Geschichte, und diese Dynamik gilt auch für Zweiräder. Ohne Satellitennavigation wäre ein TCR nicht möglich. Ohne Mountainbike-Cassetten wären Kontrollpunkte in den Karpaten, Transsylvanien und Bosnien nicht im Traum zu erreichen. Wir lernen etwas über Übersetzungen.

Die ersten fünfzig jahre der Tour de France waren eine heroische Zeit   – aber wider besseres Wissen . „Wir haben uns keine Fragen gestellt.“ sagte mir der über 80jährige TourHeld Cazala, ein Sprinter, der zweimal das gelbe Trikot trug. Wie alle bezwang er die endlosen, oft ungeteerten Pässe mit maximal 24 Zähnen, mit über 3,5 metern pro Pedalumdrehung. Jedem leuchtet ein, daß diese Kraft auf zwei Pedalumdrehungen von 2Metern verteilt bei doppelter Frequenz eine höhere Geschwindigkeit ergibt. Nur gab es weder das dazu nötige Material noch die erfolgreichen Vorbilder-  das Wissen um die ökonomischste Kraftentfaltung.  Und dazu einen falsch verstandenen Heroismus, in dem dicke Gänge Selbstzweck sind. Bonn, der bis zu 40 Zähne am Hinterrad nutzt ist überzeugt, daß mit kleineren Übersetzungen in den letzten Jahren die Geschwindigkeiten am Berg bei Rennen stiegen. Dank MTB Übersetzungen.

Ich sehe zu und lerne.

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Ich sehe zu und lerne.

Screenshot_2018-10-07 Kentaro Omori auf Instagram „Cover art of New cycling Mar 1984 #roadbike #randonneur #mtb #rapha #cam[...]Scheibenbremsen sind nicht schön, sie stören die Einfahcheit eines Laufrades, die Harmonie des perfekten Kreises mit den schlanken Felgen. Scheibenbremsen mischen sich ein wie ein unerwünchster Gast, drängen sich in die optische Achse, fügen einen weiteren Kreis hinzu und verwirren durch Kabel und Kleinteile. Aber Scheibenbremsen wirken, sind leichtgängig und sprechen bei Regen sofort an. Auf der Abfahrt kann ich René Bonn nicht folgen, als es steil hinunter über den Flickenteppich der Landstraße geht. Ich kann die  Bremsen kaum halten die Hände sind bis zum Schmerz angespannt. René leidet nicht und hat sein Rad unter Kontrolle – hunderte von Abfahrten lang, sicher und ohne, daß seine Hände verkrampfen.  Wer über 300km am tag fährt, wird den Vorteil spüren. Der Körper dankt es  – das ist der Punkt.

Die technische Komplexität nimmt zu, aber sie bringen eine klare Verbesserung. Das Problem liegt nicht nur auf technischer Ebene. Dazu später mehr, wenn ich die Triathlon-Auflieger begriffen habe. Ein anderes Feld.

a02Triathleten entstammen der gleichen Epoche wie Mountainbiker. Sie kamen aus diversen Sportarten,  sind eher Abtrünnige denn eine Fordes Radsports. Ende der Achtziger Jahre entwickeln sie für den Fahrradwettbewerb eine neuartige Körperhaltung, der einer Gottesanbeterin gleicht. Sie wird durch zwei Metallhörner erreicht, die auf Rennlenker montiert werden. Beim Race Across America 1986 ist ein erstes, selbstegbaute Exemplar zu sehen. Dieser eigenartige Fortsatz, den wir als triathlon Auflieger kennen,  geht in die Geschichte des Radsports spätestens mit dem Tour de France Sieg von Greg LeMond  1989 ein. Er gewinnt das abschließende Zeitfahren  – und welche Gründe auch immer  Laurent Fignon bewegt haben darauf zu verzichten: es dürfte der größte Fehler seiner Laufbahn gewesen sein.

a08René Bonn hat genau wie die Überzahl der Transcontinental Racer nicht auf die Dienste des Triathlon Aufsatzes verzichtet, der in diesem Rennen zwei Vorzüge vereint: seine Aerodynamik wirkt ab 25kmh und ist zudem praktischer Gepäckhalter. 25kmh wirken auf den ersten Blick nicht schnell und der verringerte Kraftwaufwand ist sicher nicht hoch. Auf den ersten Blick und den ersten hundert Kilometern. Bei einem Rennen ohne Peloton und über mehrere 1000km sieht das ganz anders aus, dort addieren sich Sekunden zu Minuten und Stunden.

Und wieder lerne ich – dazu reicht eine kurze, kurvenarme  2km lange Abfahrt. Bonn zieht mir, dem schweren alten Mann, rollend Meter um Meter davon ohne einen Pedaltritt zu tun – ich kann mich krümmen wie ich will. Unten werde ich über 300m verloren haben. Der Triathlon Aufsatz ist auch 30 Jahre nach erfolgreichem Einsatz ein spezielles Ausstattungsteil. In Rennradmagazinen ist er selten zu sehen – außer bei speziellen Zeitfahrmaschinen.

Die Geschichte seiner Ablehnung durch Fignon ist eigentlich so bezeichnend, daß sie unter einem neuen Aspekt erzählt werden kann.

a09Fignon führt also die Tour de France am Tag vor dem letzten Zeitfahren an . Das Zeitfahren ist kurz – um die dreißig Kilometer. Auch wenn LeMond der bessere Zeitfahrer ist, dürfte der Unterschied auf dieser Distanz zu gering sein, um Fignon den Sieg zu nehmen. Die Strecke ist flach, ohne besondere Schwierigkeiten. Angeblich hat Fignon schon seit einigen Tagen ein Sitzfleischproblem, aber auf einer halben Stunde kann das nicht mehr entscheidend sein – all things being equal.

Für mich gibt es da eine Erklärung, die in der Diskussion um um die 8 verlorenen Sekunden nie gefallen ist.

a06Man weiß, daß die Mannschaft um Fignon und Guimard den Tria-Aufsatz erprobt hatten, aber nicht wirklich, warum sie sich gegen dessen Einsatz entschieden. LeMond dagegen hatte nichts zu verlieren – nur alles zu gewinnen. Ihn als Sieger wegen eines neuartigen Hilfsmittels zu disqualifizieren ist heikel, ihm als Zweitschnellsten eine Zeitstrafe aufzubrummen kein Risiko. Dann ist man halt Zweiter zuvor. Um Fignon kursieren seit diesem Tag Gerüchte, die diese 8 Sekunden erklären wollen.

Guimard und Fignon kannten sich seit Jahren, das Renault Team von 1984 war am technischen Fortschritt nicht nur interessiert, sondern machte als erstes Windkanaltests  mit Fahrern und Maschinen.Der faktor aero ist bekannt, daß ein Triathlon-Lenker einen so eklatanten Vorteil bieten wird, offensichtlich nicht. Dabei gibt es heute daran keinen Zweifel.

a11Ich denke, man hat das Ding einfach unterschätzt, vor allem aber hat man diesem spin-off einer amerikanischen Randsportart mit (zugegebenermaßen) oft eigenartigen Leuten nicht getraut, nicht nur weil es von der falschen Seite kam, sondern auch weil es den gesamten Aspekt, eine typische Haltung veränderte.  Ein rein psychologischer Grund also, der zur Entscheidung führt, die Tour nicht zu gewinnen.

Vielleicht konnte da einfach nicht sein, was nicht sein durfte: 100 jahre Tradition konnten nicht irren und noch Heute Jahrzehnte später tauchen die Auflieger nur als Sonderzubehör für die merkwürdigen Radfahrer auf, die auch noch Laufen und Schwimmen können. So ist es halt.  Mountainbikemagazine beschäftigen sich mit Mountainbiken, Triathlon nur mit Triathleten und Rennräder sind ausschließlich für echte Rennfahrer: genauso funktioniert es heute noch, dreißig jahre später lassen wir uns gern noch Scheuklappen aufsetzen.

DSCF6157Was ist also die Summe? Daß Synthese der richtige Weg ist. René Bonn praktiziert alle genannten Sportarten und wählte aus ihnen, was ihm nutzte. Und so entsteht das aktuelle Rennreiserad, eine Maschine mit Scheibenbremsen, Carbonlaufrädern, Tubelessreifen und Mountainbikeschaltungen. Eigentlich das perfekte Werkzeug für alle, die nicht aktiv um Kriterien oder Rundkursmeisterschaften fahren – die meisten also.

Ich sah und habe gelernt.

Aber wie das so ist: am Ende möchte ich  von all diesem Fortschritt nichts. Das ist das Privileg des Alters. Mir widerstrebt die Komplexität, das „Draufgesetzte“, so wie ich heutige Formel 1 Autos mit ihren seltsamen Fortsätzen und Flossen nicht mag. Ich fahre nicht um Ergebnisse, ich will ein schönes Rad, mit dem ich meine Ziele erreiche. Das ist eine ästhetische Entscheidung, mit deren funktionalen Nachteilen ich leben kann.

 

 

 

 

 

 

 

 

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Cap No 158 (eine Fahrt mit)

auch wenn die Tage noch voller Sonne sind, irgendwas in der Luft ist frischer,  das Gras hält morgens den Tau.  Die Äpfel sind früh dran; haufenweise liegen sie in den Straßengräben im feuchten Gras. Zwei habe ich ausgesucht, ihre Sonnenseite ist schön warm und ich wische sie an meinem Lycra ab, bevor sie in den Rückentaschen verschwinden.

ab2Gleich werde ich sie mit René Bonn teilen, den ich unten an der Lahn treffe.  René ist der Fahrer, der sich unter cap no 158 verbirgt und kommt von Süden zum Treffpunkt Obernhof , ich kurbele von Norden durchs Gelbachtal, das noch Markierungen der Deutschland-Rundfahrt trägt.

Die Deutschland Rundfahrt ist eigentlich eine Schrumpfausgabe der Tour de France – eine post-tour Zugabe . Die Tour de France aber hat aber allen Grund zum TCR aufzublicken. Zur Erinnerung: da wird die gleiche Streckenlänge mit doppelten Höhenmetern in der Hälfte der Zeit bewältigt! Ohne Masseure, Mechaniker und Flüsterer.

ab3ab4Bald ist Arnstein in Sicht, das alte Kloster über der Lahn.  Paddelboote ziehen gemächlich ihre Bahn ich schaue  hinterher, sehe die Lahntalbahn über die hundertjähriuge Eisenbrücke bollern und die Postkarte vor meinen Augen vollenden; und dann kommt auch René Bonn um die Ecke und wir setzen uns, ganz gutbürgerlich, zu einem zweiten Frühstück ins Café.

ab5Das ist sein Cleat nach dem TCR, der authentische Speedplay, dessen gehtaugliche Gummieinfassung jetzt durchgelaufen ist. Ein Denkmal von zehn Tagen auf dem Rad, zehn Tage mit durchschnittlich 4 Stunden Schlaf, mit Schotterpässen und endlosen Geraden in zentraleuropäischer Sommerhitze.

aab01

Zeit, gemeinsam in die Pedale zu treten. René sitzt heute zum ersten mal seit dem TCR wieder auf seinem Rad. Das „Gepäck“ ist abmontiert und er wundert sich, wie leicht und beweglich es sich anfühlt. Worüber unterhalten sich Radfahrer? Über ihre Räder.

Vorbereitung

Aber zu jedem Rad führt ein Weg. Niemand fängt auf einer Zeitfahrmaschine an und unterbietet den Weltrekord. Bei René war es der Schulweg. Die Schule war in Goarshausen im Rheintal dort, wo die Lorley ist und die Busfahrt dauerte lang, weil es über die Dörfer ging. Nachmittags fuhr der Bus ohnehin eher selten. Also war das Rad der Weg, und am Ende war René schneller als der Bus, sogar auf dem Rückweg mit seinen 300 Höhenmetern. Es ist eine Abwägung zwischen Freiheit und Komfort. Zum MTB kam das Laufen,  später der Marathon und schließlich der Triathlon.

be03Auf dem Rad sind es die vielen einsamen Anstiege in seiner Umgebung die er sucht und genießt, verkehrsfreie Pfade und Pisten durch die Wälder. „Bei zweistelligen Prozenten fühle ich mich gefordert, ich liebe die einsamen Weg durch den Wald.“ Ein bekennender Landmensch, den es dann doch kurz in die Stadt zog.

adeliver

Für eine Saison wurde er zum Deliveroo Kurier. (Bild gestellt).

Kein wirklicher Großstädter würde Wiesbaden für eine überfüllte, hektische und bedrohliche Stadt halten, aber wenn Städte eine Lebensform darstellen, die ich ablehne, dann kann man Wiesbaden als Stresstest sehen. Für René ging es um zwei Dinge: Fitness (Wiesbaden ist eine Sammlung vieler Anstiege) und Orientierung. Morgens schnallte er sich den Koffer um, führ die 40km in die Stadt und nach einer zehn-Stunden Schicht zurück. Dazwischen ging es auf Kundentour.

Die Erfahrung, täglich über zehn Stunden auf dem Rad zu sitzen war nicht nur für die Kondition gut: “ Ich mußte mit dem Stress im Verkehr zurechtkommen, gleichzeitig Aufträge erfüllen und mich in unbekanntem Gebiet zurechtfinden. Es war eine gute Schule, um bei Fehlern ruhig zu bleiben.“

Das Routing ist so etwas wie der Teil unter dem Wasser, wenn man ein transcontinental als Eisberg sieht. Logisch: es ersetzt nicht die körperliche Anstrengung, aber Streckenfehler kosten Stunden, sogar Tage, die nicht mit Muskelkraft wettzumachen sind.  Jeder Teilnehmer erstellt seine eigene Strecke ohne sie öffentlich zu machen, denn so schreibt es das Reglement vor. Vielleicht ist dies der wichtigste Unterschied zu einem klassischen Rennen:  die Streckenfindung ist  Teil des Wettbewerbs.  Eigentlich ist das der „modernste “ , wirklich neueAspekt des Rennens neben dem dotwaching: die völlig autarke Navigation.

Über social media kann man sich austauschen und das wird auch genutzt. Aber konkretes zur Strecke darf man nicht verraten.

Foto: kurbelfest.de /privatim

René Bonn trainiert viel, geht zum Bergtriathlon über. Dann entdeckt er Juliana Buhring, ihre Weltumrundung, das Transamerican Race. Das ist es.

Doch wie stellt man fest, ob man auf der Langdistanz schnell ist? Bei einem Brevet im Jahr 2016 : „Als ich den April 600er in Holstein mit den Ersten beendete – obwohl ich noch nie einen 600er gefahren war.“ Und natürlich die Bestleistung auf der naßkalten transcimbrica 2017: Hamburg-Skagen-Hamburg  (die hatte er nicht einmal erwähnt.!)

Doch für das TCR No5 half es nichts. Erst brach sein Schaltauge, dann erwischte ihn ein Infekt: 2017 blieb es beim Versuch, 2018 sollte besser werden. Was aber wird verbessert, wenn Trainingskilometer, Form und Gesundheit stimmen?

Drei Faktoren

Viele haben René Bonns Rad schon in videos und posts gesehen, die handgemachten Gepäckteile erregten (verdientes) Aufsehen. Nur: warum wählte er den Weg, sich mit Carbon- und Spezialfasern aus dem Segelsport die Staufächer aufs Rad zu schneidern?

Faktor Aero

„Einmal gibt es nichts wirklich passendes auf dem Markt,  und dann wollte ich ein setup, das so aerodynamisch wie möglich sein sollte. Für dieses Rennen ist Aerodynamik ein Schlüssel. “ Die  Teile ragen nur um Millimeter über den Rahmen hinaus, das Profil bleibt unbeeinträchtigt, die Verwirbelungsmöglichkeiten sind gering: der Fahrer ist das größte Hindernis. Andererseits ist der Stauraum verglichen mit den Mitfahern klein, ein Nachteil, der vielleicht keiner war.

„Ich hatte alles, was ich brauchte, für Bushaltestellen hat die aufblasbare Isomatte gereicht. “

aab1Wir schwingen uns hinauf -weit über die Lahn am Windener Hang. Es ist seine Erstbefahrung in diese Richtung,  die Sonne strahlt und immer wieder geht René aus dem Sattel – ein Fahrstil, der auf Langstrecke nicht selten ist, die Wechsel entlasten die Muskulatur. Beim Schalten kracht es ab und zu , die Kette hat hinten von 13 bis 40 einiges zu überbrücken.

aab4Oben an der kleinen Kapelle kurze Pause, die den Übeltäter offenbart: ein loser Schaltwerkbolzen – im Handumdrehen wieder stramm. Wir teilen unsere Äpfel und lassen uns durch die Wälder tragen – auch wenn die Straßen hier oben mäßig in Schuß sind spornt es den Mann nur umso stärker an:.. „das liebe ich am Radfahren !“ ruft er und schießt los; doch ganz kraß wird es am Stich hinab (14-%) von Stahlhofen nach Ettersdorf. Sein Tempo ist aberwitzig und er zieht davon während mein Rad wild über die Teerflicken hüpft. Ich kann kaum die Bremsen halten.

Faktor Komfort

DSCF5432Die Herkunft vom Mountainbike zeigt sich nicht nur in der Fahrtechnik. Es gibt auch ein paar kleine Komfortdetails vom Geländefahren, die er übertragen hat und das Carbon-Langstreckenrad angenehmer fahrbar machen.  Natürlich haben die Reifen 28mm – ein Mindestmaß fürs TCR. Der Vorbau ist gedämpft und die Sattelstütze ein elastisches Carbonmodell , geformt wie eine Astgabel.  Beides erhöht den Komfort, verringert die Ermüdung auf der Langstrecke. Der Sattel tut mit seiner Carbonschale ein übriges: er ist dünn gepokster, gibt aber deutlich auf Druck nach. Bonn gleitet im Verhältnis zu mir wie ein Citroen DS die Steilhänge hinunter und hat gleichzeitig das Rad voll unter Kontrolle. Das sind einfach 300m Unterschied auf einen Kilometer Abfahrt.

„Je länger Du im Sattel sitzen kannst, desto weiter kommst Du.“ So einfach ist die Gleichung .

Faktor Ökonomie

aab5In der Summe geht es bei den Verfeinerungen an Ausrüstung und Planung um ein Ziel: das  Transcontinental mit so wenig Kraftaufwand wie möglich zu finishen, mit einem Minimum an Schlaf, einem Minimum an Pausen und Energie, so weit wie möglich vorn zu landen.

Für die Anwärter auf vordere Plätze bleiben dann als „Restaurants“ eigentlich nur Tankstellen oder, wenn es die Streckenführung erlaubt, ein Burgerbrater.

„Man nimmt einfach irgendwas,  hauptsache Energie. Hier diese Eiswaffeln haben den Vorteil, daß die Hände beim Essen sauber bleiben wenn das Eis zerläuft. Am ersten superheißen Tag, der über die Vogesen führte habe ich insgesamt 13 Eis gegessen..“ Unterwegs nimmt man, was man kriegen kann. Mit diesem Wissen hatte er sich einen kleinen dritten Flaschenhalter ans Rad geheftet, der eigens für die Standard-Colaflasche gedacht war.

„Im normalen Leben trinke ich keine Cola, mir wird fast schlecht davon ,aber unterwegs ist es einfach das Getränk, was es immer und überall gibt. Zucker plus Coffein.“

Neben dem Geschick in der Streckenplanung  heißt Ökonomie, mit den eigenen Reserven gut umzugehen. Die meisten Fahrer gehen dabei nach Gefühl, nach Erfahrung, René Bonn geht auch nach Zahlen. Er kennt seine FTP (functional threshold power) und achtet darauf, diesen Schwellenwert von ca 250W nicht oder so selten wie möglich zu überschreiten. Vom Powermeter der Pedale kann er ablesen, in welchem Bereich sich sein Körper befindet. Ich kann mir gut vorstellen, daß der Eindruck uns täuscht, wir ungewollt mehr verbrauchen.

„An der muur von Gerardsbergen trat ich 300W und wurde rechts und links von vorbeischießenden Teilnehmern überholt.“

Das Rennen

aab3Seine Zurückhaltung Und Watt-Disziplin machte sich über die Tage bezahlt. Anfangs noch müde (direkt vom Mähdrescher ins TCR ) lief es mit den Tagen immer besser und so sah er auf dem Monitor, wie er Platz um Platz nach vorne rückte. Konkurrenten sind die größten dotwatcher. Auf dem trackleader Diagrammen erkennt man die große Regelmäßigkeit, mit der seine Tage verliefen. Vier Stunden Schlaf und um die 350km täglich auf dem Rad, zehn Tage nacheinander. „Nie den Focus verlieren .“ Das ist mentale Ökonomie

a wies kabakovAus seiner Sicht entschied sich das Rennen erst auf dem letzten Abschnitt zwischen Kontrollpunkt 4 und Meteora – auf den letzten 800km. Der Kontrollpunkt 4 lag oben an der ehemaligen Skistation der Winterspiele von Sarajevo, am Ende eines Geröllpasses , bei dem die meisten Fahrer abstiegen.

„Meine Erfahrung vom Mountainbike und das 40er Ritzel haben geholfen, auf dem Rad zu bleiben. Andererseits bin ich vor dem dritten Kontrollpunkt abgestiegen, als es über 15% ging: der Geschwindigkeitunterschied rechtfertigt den Kraftaufwand nicht. “

Seinen Platz unter den ersten drei verlor René, als er Samstag -oder Sonntagnachts in Tirana (Hauptstadt von Albanien) einfach nichts zu Essen fand und sich bis in die Morgenstunden gedulden mußte. Danach war das Rennen vorbei, zumindest das Rennen um die ersten drei Plätze. Aber Hey!

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Was für ein Abenteuer!

 

 

 

 

 

 

 

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Auf der Suche nach cap no 158

2Es war in diesem unglaublich langem, heißen Sommer. Die Ferien waren gerade beendet, die ersten Erinnerungen mit den Koffern wieder verstaut. Das transcontinental race No6 hatte längst schon begonnen, als ich ins dowatching einstieg.

Langsam drehten die ersten kleinen blauen Zahlen auf dem Monitor Richung Süden, während Hunderte sich noch durch verschachtelte Gebirgsmassive nach Norden kämpften. Der Vorjahressieger hatte bald einen Tagesvorsprung, bei gewöhnlichem Verlauf würde James Hayden auch in diesem Jahr als erster in Meteora eintreffen.

transcontinental-2017-presentation-meteora-photo-transcontinentalBild: tcr

Interessant waren die Punkteknäuel dahinter, Falconer und der Pechvogel Björn Lenhard, dessen dritter Versuch wieder nicht zum Sieg führen würde. Einige Namen waren von vorigen Ausgaben bekannt, Alain Puisieux, der Herausgeber des französischen 200 Magazins hatte schon aufgegeben. Bonn war ein neuer Name. cap no 158. Seine Route war etwas anders gewählt, aber vielversprechend. Bonn war möglicherweise der Joker in dieser transcontinental, auf jeden Fall einer der schnellsten Teilnehmer.

Mit ein wenig Nachforschung entdeckte ich den jungen Mann und sein auffälliges Rad im youtube Interview am Start, ebenso die beiden flamboyanten Kuriere , die mich im letzten Monat faszinierten.  Zuerst hielt ich René Bonn für einen Amerikaner. Völlig falsch.

01So entfernt die Welt der zwei US-Radmessenger von meiner ländlichen Abgeschiedenheit ist, so gleicht die Umgebung aus der René Bonn stammt doch sehr den grünen Hügeln ringsum. René Bonn kommt aus dem Rhein-Taunus, der Region zwischen Wiesbaden, St.Goar und Nassau.

02Eine Landschaft,  durch die mich der Idsteiner Marathon geführt hatte: auf einem welligen Hochplateau wechseln sich Weizenfelder, Mais und Wiesen ab, durchzogen von

b5dichten Waldpassagen, überragt von einsamen Windrädern. Keine größeren Städte, die robusten Landstraßen verbinden solide Dörfer und Gemeinden.

René Bonn sollte der erste leibhaftige Teilnehmerdes tcr sein, den ich zu Gesicht bekam. Ein paar Tage nach Ende des Transcontinental Race machte ich mich mit meiner silbernen Gazelle auf. Es war ein Samstag, sehr trocken, sehr warm, wie alle Tage im August. Ich nahm den Weg über Diez, das Aartal und dann die ersten Anstiege.

1An der Sauerquelle in Rückershausen hatte ich mir Nachschub geholt und traf ein Paar, daß sich mehrere Kisten vom kohlensauren und mineralischen Brunnenwasser abfüllte. Sie brachten es nach Thüriungen zurück. Dort wirkt es Wunder.

6Nach dem Anstieg der erste freie Blick über die abgeernteten Felder, hinunter , hinauf, von Welle zu Welle. Schließlich Nastätten und dann, nach einer letzten Welle –

4Eine letzte Steigung und dann, nach einer langen Alleekurve kommt Kasdorf. Der Bioladen ist gleich vorne links, leider schon geschlossen. Familie Bonn wohnt nur wenige hundert Meter weiter, das handgemalte Gratulationsbanner prangt vor dem Haus. Hier bin ich also richtig.

5

Was ist es, daß einen jungen Mann direkt vom Mähdrescher quer durch Europa treibt? Wo fängt seine Geschcihte an, die nach 42000 Höhenmetern endet?

Allein: der junge Held ist noch nicht zurückgekehrt von den Gestaden Ithakas. Seine Mutter weiß genau Bescheid – sie hat geholfen den Traum wahr zu machen. Ihr wunderbares Dinkelbrot nehme ich mit und werde

8es nach den 110km gleich einmal anschneiden. Cap No 158 wird kommen, beim nächsten mal.

 

 

 

 

 

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