Die Zeit zurückstellen

Es gibt Uhren, die brauchen nur alle paar Jahre eine neue Batterie. So wie die Küchenuhr mit dem roten Rand, die mir vor 18 Jahren bei einem Interimströdler in der Ilsenburger Straße, Charlottenburg in die Hände fiel . Sie läuft unbeirrt. Neben dem kleinen Zwischenmieter lag das Radomizil –  eine Kneipe und schräg gegenüber ein amtlicher Trödler der mir verriet, einige würden schon um 11 „mit 2 Atü uffm Kessel“ bei ihm aufschlagen. Das nahe Kraftwerk und die „Entsorgungsbetriebe“ hatten ihre Belegschaft schon lange rationalisiert, genauso die alte AEG Turbine, die nun Siemens hieß. Das Leben hier in dem Mietquadrantenviertel des Mierendorffkietz nördlich der Spree lief weiter.

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Und das Leben hier zwischen den vielen grünen Hügeln über der Lahn , das rollt nun seit vier jahren am selben Ort dahin, wie ich beim Durchforsten meiner digitalen Gedächtnisse sehe. Einige Batteriewechsel, einige Schulklassen weiter, einige Räder mehr.

DSCF3225Wieviel diese Jahre zählen? Für  Radsportler gibt es da eine interessante Methode die zeit zurückzudrehen:  Er besucht eine alte Trainingsstrecke, die er lange nicht mehr gefahren ist . Der Aartal-Radweg ist so eine Strecke, ein Lehrpfad der jahre 2012-2013.

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Die Aar ist ein schnelles Wasser aus dem Taunus, eher ein breiter Bach, der bei Diez in die Lahn mündet. Das von ihm  geschaffene Tal ist breit genug für eine Bahnstrecke (stillgelegt), eine malerische Landstraße Richtung Bad Schwalbach und Taunusstein, und einen gut genutzten Feld/Radweg parallel dazu. Steigungen sind kaum spürbar, meist geht es flach durch den Wiesengrund, es läßt sich also bestens einrollen.

DSCF6715Hier lernte ich, mit höheren Umdrehungen zu fahren, richtig warmzuwerden für die (kleinen) Anstiege nach Dörsdorf, Mudershausen, Katzenelnbogen . . . .  Lange Geraden über gute  Feldwege, kaum Verkehr und viele Möglichkeiten, von der gewählten Route abzuweichen. Ein ideales Trainingsgelände. Wenn jemand die Liebe zum Radfahren entdecken will, dann auf solchen Strecken, es hat sich bewährt.

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Manchmal ist es nur eine Lust, Laune und der Wunsch, ein paar alte Bäume wiederzusehen, noch einmal den Geschmack von echtem Quellsprudel zu spüren, wie in Rückershausen (Gemeinde Aarbergen). Gerade hatte ich den metallischen Geschmack und die sanfte Schärfe der Kohlensäure wiederentdeckt, als mir auf der Dorfstraße ein lange verdrängtes Vorhaben einfiel.

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Unter den 400 Seelen des Dorfes gibt es eine Scheune mit beinahe ebensovielen Rädern. Den Mann, der sie zusammengetragen hatte traf ich vor drei Jahren auf seinem Jack Taylor. An solchem Ort einen Mann auf einem Jack Taylor zu treffen war kein Zufall und so erwähnte er nach kurzer Befragung seine Sammlung. Seitdem kam es nicht mehr zum  Treffen, – vielleicht weil ein Umzug dazwischen lag, vielleicht weil sich Trainingsstrecken  änderten. Auf dieser Dorfstraße schien ihn keiner zu kennen.

Beim dritten Fragen wurde ich fündig und bekam eine recht genaue Wegbeschreibung;  es war ein kleiner Winkel in einer Seitengasse, den man erst einmal entdecken mußte. Nun stand er da hinterm Zaun und erkannte mich vielleicht irgendwie wieder – es kann auch die AlexSinger Mütze gewesen sein, die meine Glaubwürdigkeit erhöhte. Ein Hof, eine Scheune, eine kleine Werkstatt, so kann ein Reich aussehen.

b claub.Nennen wir ihn claudbutler,  denn bei diesem Hersteller scheint das Finderglück am offensichtlichsten geweseen zu sein. Mehrere komplette Maschinen der Marke hingen an der Wand oder standen in Reihen aufgebaut. Wie man auch bei  Kimura lesen kann,  schloß ClaudButler seine Werkstatt 1956. Die Räder, die ich hier bestaune, ein Jubilee, ein GrandSport und die anderen sind also alle älter als 60 Jahre.  Es ist nicht unbedingt (nur) Anglophilie die englische Räder interessant macht .

Der Historiker Hobsbawm beschreibt, wie er nach dem Krieg ein 3Gang Rudge in Raten abzahlt. Für einen Mann, der in Cambridge promoviert hatte und eine Geschichte der Arbeiterklasse schrieb, war ein Autonicht nur ideell sondern auch finanziell keine Option und so zitiert er in seinen memoiren den Werbespruch : „…egal wieviele Fahrscheine du kaufst, der Bus wird dir nie gehören . . .“;  so, wie Hobsbawm sich ein Rudge leistete, kauften andere ihr Claud Butler.

Diese Räder erfüllten oft mehrfache Zwecke: Hauptsächlich fuhr man darauf zur Arbeit,  Einkaufen und zum Zelten (damalige Pauschalreise) . Doch oft waren Räder mit 4Gang Schaltungen an Wochenenden Rennräder. Dann wurden Schutzbleche entfernt und die Ausfahrt im Club oder das Zeitfahren begannen.

claud jubileeWegen dieser historisch-geographischen Besonderheit entstehen auf der Britischen Insel etliche Rahmenschmieden und  kleine Hersteller. Das heimische Reynoldsrohr gab es in vielen Varianten und je nach Vorliebe und Können wurde es gemufft oder fillet brazed,  also muffenlos gelötet. Den Kundenwünschen für Anbauteile und sonstige Bremskabelführungen konnte entsprochen werden, desgleichen Lackierungen und Sonderausstattungen.

coll jtNicht nur bei den Rahmen gab es viele Alternativen sondern auch bei den Anbauteilen. Da gab es ein halbes dutzend Nabenhersteller…. im Unterschied also zu den eher standardisierten Gebrauchsrädern des Kontinents ist leicht zu verstehen, welcher Reiz für einen Sammler von britischen Rädern ausgeht. Vor allem entdeckt man eine Vielzahl an technischen Lösungen, die damals am Anfang ihrer Entwicklung stehen.

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Eine Sammlung ist immer ein Ort, an dem die Zeit zurückgestellt wird. Wie auf der alten Trainingsstrecke werden dabei  Fortschritte bewußt oder schonmal relativiert.  Vieles ist schon dagewesen denke ich mir, vor allem wurde verfeinert . Und die Produktion wurde verlagert – aber das wissen die Menschen um den Mierendorff-Platz besser.

c 01Am Fahrrad ändert sich fast so wenig wie an den Jahreszeiten, das Hauptmaß technischen Fortschritts,  Moores Gesetz , ist außer Kraft. Fahrräder sind Mechanik 1.0:  auch bei neuen Werkstoffen und noch neueren Wattmetern, ein ClaudButler läuft auch im 21Jhdt, (anders als ein commodore 64 ) auf einem volltauglichen Betriebssystem.  Die einzigen updates dürften Reifen und Schläuche sein und vielleicht ein LED Birnchen. Man darf einmal gesetzten  – englischen –  Standards für Ketten, Laufräder und Gewinden heute dankbar sein. Sie haben sich global ausgebreitet und bilden fast eine Garantie für die Unbegrenztheit unmotorisierter Fortbewegung.

Exif_JPEG_PICTUREBei genau solchen Ausfahrten werden sie gebraucht.

Es wäre an dieser Stelle leicht, sogenanntem Retro das Wort zu reden. Was mich hier beeindruckt, ist eine (eher zufällige) Beständigkeit. Mehr als 100 jahre gibt es einen Standard, der die wichtigen Verschleißteile auf Rädern austauschbar macht. Hier ein Satz Reifen, dort eine andere Kurbel, schon ließen sich mit den alten Rädern alle Brevets dieser Welt meistern.

a5Gestern noch sah ich die Schwalben im Tiefflug über den Wiesen letzte Beute machen. Heute bringen Traktoren die ersten dz Kartoffeln ein.  Landmaschinen zeigen uns die Jahreszeiten an.

b 1Den Schwalben folgen die Krähen. Auf der Krume der Felder breiten sie sich aus,  dunkle Boten der nächsten Jahreszeit.

Aber trotz Wind geht es noch in kurzem Trikot über die Höhen hinunter in die Täler und wieder aufwärts. Katzenelnbogen, Laurenburg /Lahn, Langenscheid, früher (2013) war eben nicht alles besser. Doch die Zeit läßt sich nicht zurückstellen – man kann sie nur genießen

b rog wilUnd ein gutes Buch zur Hand nehmen. Mit dank ans Café Kommödchen in Katzenelnbogen.

„Am Ende wurde es Gesamtrang 47 von über 1111 Startern und in der Altersklasse Platz 13 mit einem Schnitt von 41,84km/h –  Sekunden nach dem Sieger im Ziel“ (aus einem Interview)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Heumachen (la fenaison)

Die Bauern nutzen die letzten warmen Tage. Mähwerke rotieren, das Heu wird gemacht. Die französischen Sommerferien enden erst heute. Es gibt einen historischen Grund  für diese langen Ferien: um 1950 half jeder zweite Franzose im Sommer auf dem Land aus, viele Familien verbrachten ihre Ferien (auch) als Erntehelfer.

a22a3a1a4Bernard Thevenet schreibt, seine Eltern hätten ihn noch 1973  gebeten, beim Heumachen zu helfen. 40 Tage dauerte es, das Winterfutter für die Kühe unter Dach und Fach zu bringen. 12 Stunden täglich. Da war Thevenet schon Profi . . . und als Radprofi mußte er sich weniger schinden als seine Eltern – hat er mehrfach wiederholt, der Thevenet . . . ..

 

 

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Ferien Dividenden in Ober-Mörlen

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Die Sommerferien sind vorbei liebe Kinder – zumindest in den meisten Bundesländern. Schön ist es dann, wenn der Sommer nach den Ferien noch einmal durchstartet, was vielleicht auch den Zuspruch erklärt, den die Rundfahrt  im  beschaulichen Ober-Mörlen immer erfährt. Hinter dem Frühnebel wartet die Sonne.

a05Vereine aus der ganzen Region treten in Mannschaftsstärke an . Die ersten grauen Wölfe sind schon vor 7 auf der Piste. Als hätten wir uns verabredet, treffe ich in (täuschend) herbstlicher Morgenstunde den Randonneur-Haudegen Werner. Auf gehts.

a011Er gab mir vor drei Jahren auf dieser Taunusstrecke erste Tips für langes Durchhalten im Sattel – Paris Brest ließ grüßen –  und ist schon um 4h30 aus Frankfurt gestartet. Wir setzen seine Runde gemeinsam fort. Ein Jahr voller Radkilometer passiert auf den einsamen Feldwegen und Landstraßen Revue. a2

Da war der 400er im Hessener Norden: erst kalt, dann verregnet; dann die Flèche Allemagne mit der Nacht unter 0 und dem Schluck Whisky im Ziel. Sein 1000er von Saarbrücken an die Küste der Normandie und zurück: 500km Gegenwind. Und schließlich geht es für Werner am 10. September mit dem Flixbus zum Start nach Paris. Da wartet der  neugeschaffene Ultrabrevet Paris Hamburg: 1200+km auf Erprobung.  Und heute eine kleine Runde zur Einstimmung .

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Tous les matins du monde ziehen vorbei mit den violaklängen Marin Marais,  oder  einfach nice and cool.  Wie soll man es sonst sagen, wenn es sanft auf und ab, noch leicht nebelverhangen, Sonne unzweideutig ansteigend, über die Dörfer geht. Für einen Augenblick scheint die Welt vollkommen. a3Kurze Ruhe am Findling und schon geht es weiter, die erste Kontrolle ist für die einen nur kurze Unterbrechung, für andere vielleicht ein Frühstück mehr .

Für alle Teilnehmer ist es ein Ferientag mehr –  nicht wenige hier haben diesen Sommer als „integrierten Urlaub verbracht. Schließt man von Häufigkeit und Vielfalt entsprechender Trikots zurück, so steigt die Beliebtheit des allinclusive Radreisens. Neben den jährlich neuen heißen Aerorahmen dürfte dies die adäquateste Form sein, einer kaufkräftigen Generation von Middle Agern Radsport als ihr neues Golfen zu vermitteln. Ferien-Dividende garantiert.

Natürlich fahren hie und da noch die einsamen grauen Wölfe los, die alten Vereinsfahrer und  Urväter der deutschen Radsportbegeisterung. Früh und unverdrossen ziehen sie ihre Runde und grüßen freundlich zurück. a031

Für sie ist die zeit des Wettrüstens vorbei, das Rad ist ihnen kein neues Spielzeug, es ist weniger showtime als lifetime,  um die es an solchen frühen Sonntagen geht. Dieser hier vom RSC Grünberg fuhr ebenfalls an gleicher Stelle vor einem Jahr – und zieht  davon.

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Irgendwo bei Lich, vielleicht auch dahinter. Wir haben die größere Landstraße auf einem Kreisverkehr verlassen und streifen die Pendlersiedlungen, bevor es ins nächste einsame Tal und den nächsten grünen Hang geht. Die Wahlkämpfer stehen Spalier und nehmen uns kaum wahr. Sie warten auf  menschen, die in ihre Eigenheime zurückkehren und nicht wissen, ob die Lebensrechnung aufgeht. Von ihren wirklichen Absichten verraten sie wenig.

b 41Bis auf unsichtbare Details ist das Land durch das ich hier fahre seit Jahren gleich. Hier einmal besserer Asphalt, dort eine kleine neue Umleitung, Dörfer feiern ihre Jahrestage, Wiesen sind gemäht, die Stick- und Feinstaubdiskussion findet an anderen Orten statt. In einem agrarisch geprägten Umfeld mit sehr nachhaltigen und dreckigen Aggregaten ist sie in der Tat blanker Irrsinn. . . schonmal eine Stunde die Sense geschwungen?

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Die Gastgeber meinen es gut mit uns Werner wird von einem als alter bekannter begrüßt. Es ist unsere letze gemeinsame Kontrolle, denn er wird gegen 14h in bad Vilbel erwartet, weshalb er mich b1

allein auf die Extraschleife des 151km Kurses schickt. Jetzt, ab km 80 kommen die wirklichen Hügel und ich liebe sie. Immer wieder geht es so 100/150 höhenmeter hinauf, manchmal, wie hinter Weilmünster, mit starken Prozenten, dann wieder  mit dem Gehalt eines anständigen Pils, auf Dauer kostet es Körner.

b2Allein pirsche ich durch frische Wälder und sehe mich auf den Kämmen um, ob nicht doch jemand hier Rad fährt . .  Der Zacken hinter Weilmünster ist gut geschafft, das „moderne“ läuft süffig. Nur der tote Marder eben hat mich kurz verstimmt.

Dann, : nach Edelsberg, am Ende eines längeren faux-plats, nicht weit vom Weilburger Wildgehege hüpft er aus dem Busch: ein roter Silberrücken RTF-ler. Er sieht mich kommen und schwingt sich auf sein gleichfalls rot leuchtendes Gerät. Was nun geschieht ist jedem, der in den Grundzügen der Psychologie des Radtourismus eingeführt wurde, bekannt. Km 103.

b3Er wird versuchen, sich abzusetzen und ich werde ihn „beobachten“. Denn ist ein Fahrer  ersteinmal in Sichtweite, so übt er einen unerklärlichen Magnetismus aus. An der Zahl der Baken, die unseren Abstand anzeigen, fällt dieser Magnetismus mal stärker, mal schwächer aus. Bergab sind es mehr, bergauf weniger. Ich halte mein Tempo, er also weniger. Er hat mich gesehen, ich sehe ihn, aber er dreht sich nicht um. Das ist das Gesetz – denn wenn er sich umdreht, zeigt er offen, daß er mich fordert – oder aufgibt. Solange er sich nicht umdreht, ist es kein Rennen, nur eine RTF.  . .

braunfelsHinunter nach Braunfels über die schöne Allee, die der immense Kasten, für den Disney eigentlich heute noch Lizenzgeühren zahlen müßte, kurz überragt. Das rote Kombi-Auto gibt mir einen stattlichen Windschatten . Gleich geht es in den Anstieg, vorbei an der Burg und dort werde ich aufschließen zum Mann in rot.

b43Wenige Minuten später erreichen wir gemeinsam  die Kontrolle in Bonbaden zum zweiten mal (es ist eine Schleife). Immer noch kommen Fahrer an, aber es bleibt noch ausreichend Banane sowie 2xHarieBonns,  während ich mich langsam dehne. Auf gehts in die letzte Stunde des spätsommerlichen Festivals .

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Von meinem Sitzplatz aus kann ich die wichtigsten Akteure entspannt betrachten.  vornb links der rote Baron und im Hintergrund mit Brille 1 Movistar.

Eigentlich fahren wir hier eine gemütliche Runde. Immer am Solmsbach führt nun die Landstraße, die Mittagssonne läßt es warm werden. Die nächsten 20km sind anfangs wirklich gemütlich , doch irgendwann läßt sich nicht mehr leugnen, daß es ansteigt. Das  Solmstal ist wie ein langer faux-plat, –  ab und zu ein kleiner Abschwung – nur irgendwann läßt sich das kleine Blatt nicht mehr ignorieren.

Kurz habe ich mich ziehen lassen von einem Trikot namens bike-coach („Servus“!) . Dann erreichen wir ein plauderndes Gespann. Movistar und Campagnolo (das steht auf dem anderen trikot) fahren so wie eben noch werner und ich nebeneinander und reden.  Hier, so dachte ich, will ich mich gern einreihen und in aller Ruhe diese RTF zuende fahren. Der bike coach trat weiter seinen dicken Gang, entfernte sich, blieb im Solmstal aber sichtbar. Nun fahren wir nicht mehr nebeneinander, wie gerade noch sondern versetzt. Dann in Reihe.

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Oha! den kenne ich doch: der rote Baron hat aufgeschlossen und plötzlich sind wir zu viert, –  ganz mählich wurde das Tempo verändert. Der Mann im -kompletten- movistar dress (eine spanische Profimannschaft) und den grün verspiegelten Sonnengläsern gibt Gas. Was will er?

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Bald habe ich kapiert was Movistar treibt: zum einen der Vorfahrer , zum anderen die beiden Eindringlinge, erst mich, dann den roten Baron von Oberstedten.  Das war zuviel – movistar erhöht die Schlagzahl. Diese kleinen Zufallsgruppen wollen gelesen werden. Der rote Baron will Anschluß, weil er weiß, daß ich ihn eben schon eingerollt hatte. Movistar  will mich testen, bewußt oder unbewußt. Da mache ich Platz und lade seinen Genossen Campagnolo ein, die kleine Lücke zu schließen. Campagnolo übernimmt, läßt seine Elektrik einen neuen Gang einlegen. Anders als Movistar bleibt er gleichmäßig und abwartend. Schon besser.

Was ich noch nicht weiß: die Strecke wird nicht gleich abbiegen und eine letzte unangenehme Steigung nehmen, für die ich mir gerne ein paar Körner sparen wollte. Nein, diesmal folgen wir dem Solmstal bis zur Kuppe auf  400 m. Es dauert ein paar Dörfer, bis ich das verstanden habe. Die kleine Gruppe ist längst wieder beisammen, und wenn nicht alles täuscht , ist der Vorsprung von „bike-coach auf uns geschmolzen. Es steigt immer noch, sanft aber nachhaltig.

Es artet langsam in Arbeit aus, aber inzwischen hat sich ein Schalter umgelegt. Das leichte Völlegefühl ist fort, die Flasche mit dem Magnesium- Vitaminpulver wird noch ins Ziel reichen:  ich ziehe im eingeschlagenen Rhythmus durch und kümmre mich weder um campagnolo noch den roten Baron noch um Movistar – jetzt wird meine Ferien-Dividende ausgeschüttet. Gleich ist die Kuppe 400m+  erreicht und kurz vorher bikecoach.

Fahrradpsychologie3

Es geht abwärts und schnell merke ich, daß sogar mein kleines 13er zu treten  ist. 52×13 und Unterlenker!  Es ist warm, ich fühle mich gut, die Muskeln machen keine Verweigerungszeichen.  Bikecoach ist hinter mir. Nach zwei, drei Minuten mache ich ihm Zeichen, zu übernehmen. Er kommt auf meine Höhe, lobt mein Rad und geht aus dem Sattel. So haben wir nicht gewettet, diesmal kenne ich meinen Kunden; abwärts jemandem auf 52×13 wegfahren zu wollen ist schon frech. Denn eins weiß er doch: wenn er es nicht schafft auf 15km wegzukommen, wird es abwärts nicht leichter werden. Aber vielleicht weiß er es nicht. Raleigh kennt den Weg.

b5Bis zur letzten Geraden bleiben wir zusammen und wechseln; dann, als ich OberMörlen city erkenne (wir sind wieder auf der alten Strecke) nehme ich raus, denn nach dem letzten Schluck aus der Pulle hat etwas gezuckt. Ganz locker die Beine ausstrampeln.

Im Ziel ist kaum mehr ein Platz auf den Bänken frei. Auf den zweiten Blick entdecke ich Hefeweiße mit Alkohol. Dazu diese wunderbare Sahnetorte mit Blaubeeren. Die kleinen Früchte  zerplatzen Stück für Stück in meinem Gaumen. Um mich herum ist die Rede von den Anstrengungen der 110er Runde . . .. . . Ober Mörlenist ein Genuß.

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und falls jemand Lust auf Radferien verspürt . . .

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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WahlkampfRunde – Samstags im August

a frucht2Die Luft hat noch einen warmen Unterton, eine Leinwand, weiß grundiert mit einem Schuß Neapelgelb. Es ist Mitte August, Nachsommer. Der Wind bläst, schneidet aber noch nicht. Die Sonne hebt sich schon ein wenig träger empor, das Gras bleibt taufeucht bis weit in den morgen und ich rolle durch das kleine Gartentor.

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Der strahlende Himmel hat graue Tupfer, der Wind schiebt von West. Die Disteln am Straßenrand haben ihre Blüten verloren, in den schwingenden Kolben machen sich bunte Finken zu schaffen.  Um es mir leicht zu machen, fahre ich einmal Nordost – mal sehen wie weit das Wetter es zuläßt. Vielleicht bis Marburg . . . . Ohne Regenhaut gestartet , nur das mischgewebte Unterstück, doppelt kurz, –  den Wettergott fordern. Ich will keinen Herbst, also gebe ich mich sommerlich.

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Auf welcher Strategie fahren wir heute ? Gute Landkarten sind mittlerweile selten. Da gibts hübsche wasserfeste in merkwürdigen Maßstäben (70k, 110k), auf denen vieles wegfällt und die sehr detaillierten, aber  „bemalten“ 50k , bei denen man vor lauter Bäumen den Wald nicht sieht. Alles unter Bundesstraße hat Wirschaftswege-maß, dazu viele bunt überkleckerte Routen. So ist in der Übersicht kaum eine Strecke auszumachen. Mit feinen, leuchtenden Stabilos geht dennoch etwas und die Blickführung wird erleichtert . . . .b karte

Auf einer 50k ist jede Menge drauf , etwas bessres fällt nicht vom Himmel. Denn die Zahl der Kartenleser wird in einer Nation von Smart-navi- App Prosumern nicht zunehmen. Aber bitte: gedenken wir der Bundeswehr Meßtischblätter, als das Wandern noch geholfen hat . . . achja.

Die Karte bleibt zuhause, die Strecke ist im Kopf, diesmal merke ich mir  7 bis 8 wichtige Orte. Auf,  an den Rand des Westerwaldes, vielleicht bis Marburg.

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Es wird ein Tag nördlich der Lahn. Die Lahn ist eine sehr gute Hilfsline, sie teilt  die tausend Höhenzüge zwischen Nord und Süd und ihre östliche Krümmung bildet ebenfalls eine Grenze. Alles nordwestlich ist der Westerwald . Der wiederum geht über in Sieben -, Rothhaar- und andere „gebirge“,  keine Berge, sondern endlos viele Erhebungen ähnlicher Qualität, die man irgendwann administrativ verteilen mußte.

b koga63Mein Gardemaß-Koga (63) surrt fast lautlos, die Pasela Reifen sind immer wieder für ein plus an Komfort verantwortlich – auch wenn man es auf unseren Landstraßen prima mit Rennreifen aushält. Allmählich überschreite ich die 400m Marke, die Wolken verdichten sich, ihre Tönung jedoch bleibt hell. Für die nächsten Stunden habe ich nichts zu befürchten und folge weiter der klugen Straßenführung, die mich ohne böse Steigung von Tal zu Tal trägt.

a bildstockWas sich zwei Höhenzüge weiter zur Dill hin ändert ist die Konfession. Keine auffälligen Kirchtürme der historistischen Bauwelle des 19. mehr, keine Bildstöcke oder primitive Kreuze mit Blumenschmuck. Schlichte und ruhige Dörfer,  tiefer Frieden mit Heckenschere und Holzspaltern.

DSCF6163Ein letztes mal noch kann ich den Höhenzug des Taunus genießen. Die Straße ist angenehm breit und so gut wie unbefahren. Fernab kreuzen Motorradgruppen den Weg  hinunter zur Lahn, in einer Kurve  bunter Sand, mit dem Feuerwehren bei Unfällen ausgelaufenes Öl abbinden. Immer ein Auge auf den Belag, : kein Splitter ist vom Ereignis geblieben.

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Wind streichelt die Blätter und läßt die Erlen silbern schimmern. Ich folge dem Tal der Dill, weiter hinten die Brückenpfeiler einer Autobahn- sie hält die Straße frei und  Dörfer ruhig. Ereignisse aber werfen ihre Bilder voraus:

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Sie sind die Ersten auf dem schwarzen Brett von Dillheim.  Was Tolstoi zu dieser kleinen Werbung gesagt hätte? Ganz gleich: Die hotspots unseres Planeten sind nunmal wirklich weit weg. An dieser Stelle für Ordnung, Sicherheit oder Frieden zu werben muß ironisch gemeint sein –  2017. Auch das Thema Flüchtlinge hinterläßt  hier kaum Spuren: wer hier kein Fahrzeug  besitzt, wird es schwer haben mit dem Lebensunterhalt.

Es ist Wahljahr, aber seltsam lustlos wird das oberste politische Ereignis in etwas mehr als einem Monat angegangen. Eigentlich wollen ja alle nur das eine: gewählt werden. Für Sicherheit, für Ordnung, für sauberes Wasser und glückliche Kinder. Die einen reden vom Klima, alle machen schön Wetter. Lieb Wählvolk magst ruhig sein, denn auch Dir ist die Rente sicher. Gemeint sind zuvörderst die Gewählten – the happy few.

Wie sagte Janosch einst:  fast alles ist prima  und die Pille wirkt.

Meine erste (echte) Orientierungspause findet in einer gelbroten Tankstelle statt. Diesel kostet ungefähr 1Euro 13, das billigste Benzin 20 cent mehr. Der Cappucino mittel (es gibt keine Maßangaben)  ist für 2 Euro 30 zu haben.

a3Nach dringend erforderlicher Aktualisierung meiner Sportkenntnisse bewege ich mich weiter Nordnordost. Grobe Richtung : immer noch Marburg. Kölschhausen, Lemp, Bermoll die neuen Namen  in einem neuen Tal.

Die Zahl der Anstiege, der Irrwege, die  Windrichtung, – das alles läßt sich nur auf einer Erkundungsfahrt prüfen. Für ein spätes  Mittagessen in Marburg wäre noch eine Möglichkeit. Auch die beste karte, das schönste Routenplanungsprogramm sind nur grobe Orakel. Die Wahrheit liegt auf dem Tarmac.

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Zwischen beiden Orten ist  noch reichlich Platz. Aus dem Tal ging es sanft hinaus, einige Radfahrer grüßten mich entgegenkommend –  ein gutes Zeichen für die Streckenwahl. Die Hügel sind flacher geworden, die Zahl der Wirtschaftsflächen nimmt zu, bis Marburg sind es kaum über 20km . . .

Kurz vor Erda kreuzt ein  Höhenweg, der von einer Trutzburg betrachtet wird. Sie nennt sich Hohensolms, wie ich gleich erfahren werde

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denn eine Sportgruppe mit Weltmeister hat mich gerade eingerollt und ich wage den Anschluß. Vornweg der Mann mit dem Navi, vier weitere folgen ihm, sie fahren ihre Samstagsrunde. Dieser kleine Fernsehturm am Horizont , gleich über dem blauen Streifen im Trikot –  da wollen sie hin. Und dahinter  liegt Gießen.

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Das ist der Moment, an dem Marburg vergessen ist: es geht jetzt über die Dörfer. An den Anstiegen wird erst geheizt, dann gewartet. Bald ist mein Koga akzeptiert. Der Navigator hat sich hübsche Wellen auf versteckten Strecken ausgesucht – so ein Bergführer ist ein Genuß und ich knipse Dorfschilder, wie ich kann.

Den Horizont erweitern, den Mikrokosmos vergrößern. Die Form genießen und das milde Klima, die Fachwerkhäuser und Blickpunkte.

Nach einer guten Stunde verabschieden wir uns nördlich von Gießen. Der Marburger Landstraße folgend rolle ich stadteinwärts: Zeit, ein Mittagessen zu nehmen.

Hier ist es noch zu früh – also wie immer bei Gutburgerlich einkehren . 30min später.

Sitzplatz  am offenen Fenster. Ein steter Strom von Fußgängern kreuzt die Straße, an Unterhaltung mangelt es also nicht und lenkt mich davon ab, im Antiquariat nebenan keinen Erfolg gehabt zu haben. Drei Bände Kipling im Dünndruck, von denen ich nur einen hätte in die Trikottasche stecken können. „Tut mir leid, die gehören zusammen“.

Kipling ist kein Autor, den man als zeitgenössich einstufen würde, selbst wenn sein Dschungelbuch dem Disney-Imperium mehr einbringt, als das nicht erfolglose Schriftsteller- Dasein. Kipling als viktorianischen Engländer einzustufen ist ein halber Irrtum. Kipling ist Inder englischer Nationalität, Reporter einer Zeitung in Indien, der tief in die Geheimnisse des Subkontinent eintaucht und England zur allgemeinen Schulbildung besuchte. Beides prägt: die Kadettenanstalt und die Kenntnisse der Slums.

Seine Perspektive ist die des kolonialen Briten, doch seine Umgebung  beschreibt er als Kenner. Auch wenn seine imperialistische Perspektive (Untertreibung) nicht mehr zu teilen ist,  sind die Spannungsverhältnisse zwischen Kasten und Religionsgemeinschaften, die er immer wieder variiert immer noch die Wurzel der Konflikte, die eine mittlere Stadt wie Gießen zum Verwaltungszentrum für  Flüchtlinge werden lässt.

Vielleicht ist es nicht ganz unwichtig, sich mit ethnischen und religiösen Minderheiten, mit Bürgerkriegen und Folgekriegen  im Pandschab, Afghanistan, Ostafrika oder der arabischen Halbinsel zu beschäftigen – oder ein Grundwissen nachzuholen, daß in  unkolonialen Land nicht auf dem Lehrplan steht .

Rückweg

Kandidaten sehen dich an. Noch sind die Gesichter auf den Plakaten eine Überraschung, in einem Monat werden wir uns sehr daran gewöhnt haben .  An der Lahn reiht sich eine Versuchung an die Nächste, der Radweg ist gut besucht und irgendwann gebe ich dem Ruf der Imbißbude nach. Ein Licher Pils später :

kreuzt ein Paar auf perfekt restaurierten Kogas den Weg. Er hat verchromen und lackieren lassen und decals neu aufgetragen. Die Speichen glitzern, die Ritzel surren. Allein weiter durchs Lahntal, Kurs Wetzlar.

und an den Zeugen der vergangenen Ernte vorbei.

Ich streife Wetzlar kurz. Durch die schwerindustrielle Nordstadt weht noch eine Atmosphäre, die an den Wiederaufbau erinnert. Es herrscht eine Stimmung, wie in den Novellen Hans-Erich Nossacks. Oder Andersch „Alte Peripherie“ fällt mir noch ein . Über einem Fenster noch der Schmauch eines Zimmerbrands. Hinaus ins Freie

Altenberg: unten am Kloster vorbei

Leun: noch einen Espresso beim Italiener

Biskirchen: mit 18Z

Löhnberg : hinauf zur Sky Ranch

Merenberg: das 21er geht noch,  dann die Wetterwand

Nur noch eine letzte Stufe aufwärts und ich bin wieder am 400m Punkt . Hinter Merenberg (hi.)  ruht das gute Rad , Vor mir ein Schauer, der gerade abzieht, Traktoren wenden ein letztes mal Heu.

Der abziehende Regen legt einen zarten Schleier über den Horizont und dann kommt die Sonne wieder durch. Die Brombeeren sind noch zu rot, der Sommer noch nicht vorbei. 

21. August 2017

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Face Value !!

face value2Meine (älteste) Tochter warnt: die Plakate von der FDP sehen am Besten aus. Meine Tochter ist noch nicht wahlberechtigt,  hat aber mit 15 jahren genau das, was öffentlichen Organisationen abgeht- ein Gespür.

Sie ist ein junges Licht und will überhaupt nicht wissen, wer da wofür steht und welches Programm nun zu bevorzugen ist. Es geht ihr  genau wie der Mehrheit.

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Pyrenäen 3 – das Rauschen der Biskaya

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Es summt und ich summe mit :  – eine Melodie von LanadelRey,  die mich seit dem kleinen Café in Azun begleitet. Die Bienen summen im Chor einen slow tango, genau meine Trittfrequenz hinauf auf den Soulor . . . .

a azunDieses kleine Café in Azun liegt direkt am Weg zum Col de Soulor, ein paar Kilometer hinter Argelès, wenn die ersten Höhenmeter schon gemacht sind.  Der Soulor hat mehrere Seiten, hier ist die Ostseite und dies ist mein erster Café seit heute morgen 6h20, dementsprechend irrwitzig seine Wirkung.DSCF5526

In den Bergen lohnt ein früher Aufbruch doppelt: man hat die Welt für sich, die Luft ist vollgepumpt mit Sauerstoff und superblau. Unterwegs begegne ich nur Menschen, die gerade vom Bäcker kommen oder auf dem Weg zu ihm sind.

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Er war eine der wenigen Ausnahmen  –  zweifellos hat er den Tourmalet zum Ziel und fährt auf der gleichen Strategie: früh los, früh oben. Unser Schnittpunkt ist die Landstraße zwischen Luz und Argelès. Dort hinten , wo die Sonne den Berg berührt geht es links hoch.

Azun (s.o) liegt auf halbem Weg zum Paß. Es ist die „zivile“ Seite des Soulor, die Hälfte des Anstiegs führt durch Gehöfte und kleine Dörfer, die auf einem kleine Plateau liegen. Gleich hinter Azun wird es dann grün und stetig steigend . Ein Schild erinnert an die Erstbefahrung durch die Tour de France und die bekannten Kilometertafeln trösten den Radler mit Prozentangaben zwischen 6 und 9. Alles im grünen Bereich, auch weil die Straße bis kurz vorm Gipfel unter Bäumen entlangführt. Ich fühle keinen Schmerz, nur ein Staunen.

DSCF5533Meine herrliche Einsamkeit wird  drei Kilometer vor dem Paß von einem „ufolep-limousin“ Amateur unterbrochen, der den Soulor zum Intervalltraining nutzt. Schwupp, ist er davon.

a soulor3Fliegenbewölkt galoppieren mir die wilden Pferde am Paß entgegen. Die Hütte ist noch geschlossen und so genieße ich nur kurz mein mandelcroissant aus der Boulangerie von Argelès. Ein mandelcroissant mit crème patissière, fast ein Kuchen. Fünf Sterne für die Adresse am Kirchplatz von Argelès. Auf in den Aubisque!

a soulor5Nur das Geräusch von Schafglocken ist an dem windstillen morgen zu hören. Auf der kleinen Abfahrt entspannen sich die Muskeln für den letzten Giganten.

Ich summe weiter den Tango und freue mich über den festen Schlaf der Wohnmobilisten, Motorradler und anderer Hindernisse auf dem Weg zum Gipfel. Zwei Motorradfahrer haben auf einem kleinen Grasdreieck biwakiert und knien auf ihren Schlafmatten, die sie wie Gebetsteppiche zusammenrollen. Tief unter mir nimmt der weiße Lieferwagen die Kurve zum Bergcafé.

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Englische Rentner, die mich eben in ihrem MG-R überholt haben, bestätigen 10 sharp meine Anwesenheit.  Stempel abgeholt, eintreffende Radfahrer (kamen alle von der Gegenseite)  zu ihren Plazierungen gratuliert. Auf mich wartet jetzt eine der schönsten Abfahrten der Welt hinunter nach Laruns. Immer mehr Aspiranten in geöffneten Trikots kommen mir entgegen. Sie sind eindeutig auf der härteren Seite unterwegs.  . . . . ein andermal.

(…die Abfahrt des Aubisque beginnt mit einigen harmonischen Schleifen auf der Alm, in einer letzten Geraden rast man dann sehr schnell auf ein Hotel zu, daß auf dem Bergvorsprung  liegt. Die Kehre davor  hat eine Auslaufzone. Dann geht es unübersichtlich schlängelnd am Hang hinab, die Straße ist schmal und taucht plötzlich weiter slalomierend  in eine Baumpassage ein, die man mit hoher Geschwindigkeit erst am Ortsschild von Gourette verläßt. Dort wird die Straße plötzlich sehr breit, in einem großen Schwung führt sie mitten durch die station de ski und verläßt sie mit doppelter Prozentzahl . Es folgt der Abschnitt mit den zwei überdachten  Teilstücken, eine lange Gerade,deren Anstieg sehr  viel Kräfte zehrt. In mehreren engen Kehren geht es hinüber auf die andere Talseite, die so gut wie immer im Schatten liegt. Sehr malerisch geht es dann im Wald neben einer rauschenden  Klamm hinunter , wieder den Hang wechselnd auf eine letzte Gerade, die mit einem scharfen linken Haken urplötzlich auf dem Marktplatz von „Les eaux bonnes“ endet. Die Autos , die man an den überdachten Passagen oben überholt hat holen ein nicht mehr ein . . . . ein letztes mal genieße ich die schlafwandlerische Stabilität meines Snel . . .)

 

b mammutlarunsAn den Mammutbäumen über Laruns endet der Rodeo. Wer genug Zeit hat,  kann sich in Laruns, Hauptstadt der Vallee d’Ossau, mit Spezialitäten der Region eindecken, darunter sehr gute Wildpasteten und den berühmten Schafskäse. Ich speise ganz bescheiden am Ortsausgang am Intermarché. Auch hier gibt es ein Chimay blau, 2017.

Neben mir scharren frischgesalbt Herren in Vereinstrikots mit den Cleats. Sie sprechen flämisch und immer wieder höre ich „de Soulor“. Ich kaue weiter und schütte Bier nach.

You this way, me that way – so um die 150km bleiben noch : es ist nicht einmal Mittag und es wird warm. Am liebsten würde ich jetzt in den Liegestuhl wechseln, der neben dem Eingang steht. Besser nicht – Sonnencreme und kurzes Trikot, und den Rest zurück in die Satteltüte knautschen.  „Kommt Kinder, wir fahren ans Meer“.

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Die Strecke zieht sich jetzt am Rand der Pyrenäen entlang. Wer will, kann über den Col de Marie-Blanque variieren, ich ziehe die sanfte Kühle des Bois du Bager vor. Ein ausgeblichener Kilometerstein am Rand. Dieses Relikt kluger Straßeningenieure ist wie von Geisterhand von  Frankreichs Straßenrändern verschwunden – dieser ist gemeißelt und auf ihm steht: Tardets 54km. Die nächste Kontrolle. In 2 Stunden?

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Knapp umfahre ich das Weibchen des Hirschkäfers, das auf dieser kaum befahrenen Nebenstraße wenig zu fürchten hat. Der bois du bager verbindet das Tal von Ossau mit dem Tal des Gave d’Oloron. Dann kommt kreuzt die Route die Landstraße nach Spanien, gleichzeitig  Pilgerroute von Compostela. Schnell übergesetzt und durch das Gebiet der Musketiere (Aramits) bis Tardets weiter, es wird warm, der Belag des schmalen grauen Bandes ist rauh – aber Tardets kommt.

b tardetsIn seiner Gestalt ist der Marktplatz völlig unverändert und das Restaurant „Pyrenées“, in dem ich die Vergrößerung dieser Postkarte hängen sehe, ist das haus mit den Arkaden links. nachdem das Mittagsbaguette mit Schinken und Käse von einem Leffe verrflüssigt wurde kommt der Patron noch auf mich zu – „Früher hatten wir noch das kleine Emailleschild des CycloClub.“

b tardetslespyEr meint ein Schild,  das den Teilnehmern des Raid Pyrénéen eine Herberge anzeigt. „Wir haben es aber demontiert, nachdem Jugendliche versucht haben, es zu stehlen . . “ aNch einem Blick in die Tageszeitung (das Wetter bleibt gut, maximal 26celsius quelle aubaine) noch den Stempel und weiter, mit dem Osquich wartet das letzte nennenswerte Hindernis. Tardets bleibt eine Perle.

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Kurz darauf die magische Zahl.  Liebe D 918/618, verschone mich von Pannen, Speichenbrüchen und Wegelagerern, dann sehe ich in 6 Stunden den Atlantik. Der eigentliche Kampf beginnt, wenn die geographischen Herausforderungen überwunden sind. Keine Hochgebirgsdramen mehr, keine grandiosen Naturschauspiele, nur kleine, unangenehme Steigungen, zunehmender Verkehr und Asphaltflirren – eine mentale Geschichte. Die letzte Fruchtpaste wandert in meinen Mund – Kirschgeschmack! Osquich, ich sehe Dich.

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Zunächst einen Blick zurück auf die hohen Pyrenäen, dann noch ein schöner Kilometerstein, ein Café und ein kühles Glas Wasser am Pass. Die rote Steinkappe bedeutet, daß diese Straße ursprünglich eine „Nationale“ war. Wie viele mittlerweile zweitrangige Strecken wurde sie zur gelben Departementale abgestuft, was mit alten Michelin Karten schön nachverfolgt werden kann .

Der Weg führt durch die baskischen Pyrenäen, besser gesagt deren Ausläufer. Auffällig sind die häufig kahlen grünen Bergkuppen (mit heftigen Direktanstiegen), auf denen verstreut in ochsenblut und weiß gehaltenen Höfe liegen. Ein Weideland und dazwischen kleine  Wälder. Der letzte Abschnitt der Pyrenäen. Eine Stunde bis St Jean Pied de Port , einer idyllischen Festungsstadt, die ich von Touristikbussen umlagert finde. Die Straße folgt einem weiteren Fluß sanft bergab, was den Gegenwind kompensiert . Zwei tragen ihr Kanu.  Ich habe ausreichend zu trinken, aber wie ich jetzt merke, nicht ausreichend Sitzcreme angewandt. Ignore button on.

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Vorletzter Stempel, ich feiere ihn mit einem Sorbet des Hauses. Nun kommen die sattsam bekannten Trainingskilometer zwischen Cambo und St. Jean de Luz, die ich so sachte und schonend wie möglich hinter mich bringe. Mit der Einsamkeit des Langstreckenfahrers ist es ab jetzt vorbei.

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Diese Ruderer trainieren für einen lokalen Wettbewerb auf der Nivelle, die ins Hafenbecken von St. Jean de Luz  mündet. Rhythmisch atmen die Ruderer aus. Sie klingen wie isländische Fußballfans, es sollten aber Basken sein.

c stjeanmadoneDann die Marienstatue, die mit ihrem Kind die Fischer grüßt – noch 12km. Die Sonne verschleiert sich, verschwindet aber nicht. Touristen promenieren auf den Klippen und grüßen die Biskaya. Dort hinten ist schon Spanien. La Corniche – Lorbeerduft.

c lacoteDie Sonne bescheint durch ein Loch in der Wolkendecke die spanische Küste Richtung Bilbao . Soweit muß ich nicht mehr, nur noch bis zur Strandpromenade von Hendaye, eine 1 km lange Gerade, direkt hinter dem schönen breiten Strand, der sehr gern von Spaniern besucht wurde. Noch eine Steigung, noch ein Kreisverkehr inmitten von Palmenbüschen und dann der letze Hang zum Meer hinunter. .  . .

c finisher2Die Sonne reißt auf, ein letzter Surfer kippt um , Passanten haben sich fürs Abendessen feingemacht. Im Café scheitere ich, aber der Surfshop hat noch einen, ein Relikt der analogen Epoche: einen Geschäftsstempel.

c carnetde routeDen habe ich jetzt gebraucht.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Pyrenäen 2 – fünf an meiner Hand

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Fünf ist die Zahl der Weltzonen, fünf Finger habe ich an der Hand und fünf Pässe sollte ich an diesem zweiten Tag des Raid schaffen. Es ist möglich, denn ich habe Zeit gewonnen – sicher ist nichts.

Ich schlafe in Massat, Hotel du Globe, ein kleines Hotel am Kirchplatz. Die sämige Kartoffelsuppe und das Kronenbourg  taten mir gut, während die Alten des Dorfes dem Patron ihre Gutenacht- Geschichten erzählten. Mein Rad steht in der Halle des Hotels neben einem Motorrad aus Klagenfurt. das Paar am Nebentisch beugt sich über Michelinkarten, Deutsche Ausgabe – aha : wir sind auf der gleichen Route, quer durch die Pyrenäen .

Wir gehen die fünf Pässe durch:

Portet d’Aspet

Menté

Peyresourde

Aspin

Tourmalet

und wünschen uns eine ruhige Nacht

Im Treppenaufgang hängt eine große Reliefkarte der Pyrenäen: Mittelteil. Mit den Fingern gehe ich über die Straßenlinie und folge den Bergen. Dann schaltet die Zeitschaltuhr das Licht ab. klack.

Fünf Finger meiner Hand für fünf Pässe. Eine typische Tour de France Etappe: St Girons – Tourmalet. Variante des Raid Pyréneéen, der eigentlich über den „kleinen“ Col des Ares führt und den Menté nördlich umfährt. Aber es gibt auf dem Planeten des Radsports eine Stelle, die ich unbedingt sehen muß. Die Stelle, an der Luis Ocana 1971 die Tour durch einen Sturz verlor. An dieser Stelle werde ich absteigen.

a mssatKlack. das Licht geht wieder an.

Das kleine Massat schlummert noch, die Häuserfassaden, deren Inschriften nichts mehr bedeuten  grüßen herüber. Einen Käsegroßhändler habe ich entdecken können im ehemaligen Marktflecken  für  Agrarprodukte der umliegenden Berge. Jetzt bleibt noch ein wenig Tourismus, aber auch der zieht sich lieber in  AllInclusive Regionen an die Küsten zurück. Auch die Alten bleiben fort, nur die Alten des Dorfes bleiben dem Tresen des Globe treu.  Der Maître stellt mir handschriftlich seine Quittung aus.

Morgendämmerung ;

Ganz sanft abwärts rollt die Straße aus Massat hinaus Ich kreuze den Kühlwagen, der den Supermarkt versorgt und die Lichter der 24h Tankstelle grüßen mich. Schon fliegt das kleine Radfahrerhotel lesdeuxvélos am „lieu dit Roquefort“ vorbei, das einst von einem gewissen Nick Flanagan gegründet wurde.

a massat saison2Locker und leicht fliegt  das Rad  durchs dichte  Grün, immer entlang am Fluß. Ein Fuchs jagt eine Katze, die auf ein Mäuerchen flüchtet. Als beide mich wahrnehmen verschwindet der Fuchs,  die Katze sieht mich an.

Einsame Straßen, auf minutenlang  freihändig rollen ist, während die Schokolade im Mund schmilzt. St. Girons kündigt sich durch ein Papierwerk an – merkwürdiger Geruch, Lärm, alte Maschinen.  Gleich kommt der nächste Stempel auf die Karte und es gibt ein Frühstück in der Bäckerei meiner Wahl.

a flammgironsDa ist die Flamme Rouge, die Bäckerei ist nicht mehr weit. Hier zähle ich meinen Vorsprung gegenüber dem letzten Jahr:  Es ist gleich halb acht, im vorigen Jahr gab mir  der Radhändler um 9  Luft. Ziemlich genau diese 90 Minuten werde ich am Ende, am Tourmalet brauchen, wenn ich in Ste Marie de Campan Proviant fasse.

a ariegeAber hier geht es weiter durch die grüne Ariege, dieses  halbwilde Land voller Dörfer und kleiner Bäche.  Wolken hängen in den runden Gipfeln, nicht zu fest, der Wind bewegt sie leicht, der Himmelsgrund ist blau, die Luft herrlich frisch. 30km bis zum „Daumen“, dem Portet d’Aspet. Als ich einen kleinen Dorfladen sehe greife ich zu  – für die nächsten 60km dürfte das der einzige Ort sein, an dem ich einkaufen kann.

a ariege2Die Österreicher überholen mich auf der Triumph und winken, zwei Radfahrer kommen mir in den ersten Wellen des Passes entgegen. Sonst nichts und niemand .a ariegefontaine

Im Brunnen schwimmen Goldfische , die im letzten Jahr noch nicht hier wohnten.  Bestätigung ohne Worte: es ist Trinkwasser. Die ersten langen Waldsteigungen kündigen den Paß an, doch erst nach dem Döfchen Portet d’aspet bekommt er durch Serpentinen „alpinen“ Charakter.

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So malerisch alles wirkt: allein auf der Hauptstraße des Ortes stehen fünf einwandfreie Häuser zum Verkauf. Nicht einmal Kondensstreifen sind zu sehen, und ich denke darüber nach, wieviele Quadratmeter Eigentum es in Frankfurt wären . .  .

Noch drei Serpentinen und ich kann den Daumen hochhalten. Es ging, aber spielerisch leicht war es nicht. Die Abfahrt des Passes ist berüchtigt, die Straße ist sehr eng und kurvig, manche Rampen haben über 15%.  Der große Poulidor stürzte hier und Fabio Casartelli ließ 1995 sein Leben. Die Karawane zieht weiter.

Der Zeigefinger.

In der letzten Kurve der Abfahrt geht es gleich links ab in den Menté. Der Menté ist zweigeteilt, wie ich seit der Fernsehübertragung von der 12ten Etappe weiß. Zuerst leicht bergauf nach der Kurve, die ich gerade verlassen habe und irgendwann nach einem Dorf rechts über die Brücke und dann erst richtig los: hier wurden die Ausreißer gestellt und hier griff Merckx 1971 an – mit 23 Zähnen im Heck. Hier gibt es keine Ausreißer und ich habe jeden meiner 28 Zähne bitter nötig , denn schon im „Vorspiel“ verstecken sich heftige Rampen.

a mentéole Eine Fernsehkamera täuscht eben.  Viele priapische Symbole kann ich auf der Straße entdecken. Die meisten wurden  allerdings vermalt. besonders einem gewissen Barguil wird reichlich Potenz gewünscht

a menténeedleDas erwähnte Dorf kommt spät und dann geht es über 6km ohne Pausen in Serpentinen den grünen Hang hinauf. Alles ist heute Bilderbuch und die Aussicht wechselt mit jeder Biegung. In regelmäßigem Abstand rauschen mir jetzt Carbonrahmen entgegen, die Hand wird lässig zum Gruß gehoben.  hui . . . der da war über 60 – das macht Mut. Die Luft klar, die Wiesen gepflegt, auch die Häuser, hier wirken die Pyrenäen wie die Schweiz.

a menté1Ich kämpfe und  halte durch. Die letzte Haarnadel ist erreicht, dann beginnt wieder der Wald: links steht ein alter amerikanischer Schulbus dessen Zweck ich nicht erschließe. ; Puls 140 – ein wenig Geduld noch, mit einer 400m langen, zähen Geraden  endet dieser unübersichtliche Paß. Puh!, und das war nur erster Kategorie.

a mente2Vor mir liegen jetzt die hohen Pyrenäen mit dem Gipfel des Pic du Midi d’Ossau. Sie beginnen nach dem Tal von Luchon, dem Mittagsziel. Nach dem Menté ist die Ariège überwunden. In der Sonne schmeckt mir die kleine Scheibe Wurst von dort, die mir im Dorfladen fast geschenkt wurde. Ein paar Kurven weiter statte ich der Geschichte (von 1971)  meinen Besuch ab:

a ocan1Tatsächlich: die Kehre ist bezeichnet. Sie folgt auf eine recht lange Gerade, also hatten die Sturzkandidaten 1971 im Regen reichlich Fahrt aufgenommen. Ich stelle mein Snel da ab, wo Knappe Zoetemelk Don Luis Träume zerschmetterte. Der Rest steht in jedem Werk über die großen des Radsports. Die Abfahrt des Menté (auch auf dieser Seite) eine wunderschöne Entdeckung und viele, viele pilgern mir jetzt im Schweiße ihrer Lycrawamse entgegen. Sie kommen von St. Béat hinauf, einem Städtchen von vielleicht 2000 Einwohnern, davon heute ein viertel Radsportler.  Dann Luchon (Bagnères de).

a luchoncyclingLuchon Cycles ist geöffnet, mein Luftdruck stimmt und ich lasse mich im Schatten des alten Tankstellendachs zur Mittagsrast nieder. Der Bäcker, der die Nachfolge der Tankstelle angetreten hat, macht auch einen sehr guten Café. Also zwei davon.

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Ein wahrer drive-in Bäcker, Auto um Auto hält und mit Broten beladen fahren sie davon. Noch 75km bis zum Tourmalet: drei Finger noch, Peyresourde, Aspin und Tourmalet.

Der Mittelfinger

Ein eindeutiges Zeichen, aber auch ein Zeichen des Aufbegehrens. Der Peyresourde verlangt mein Aufbegehren. Sein Hang liegt in der Sonne und die ist jetzt im Zenit. Irgendwann muß man Essen und irgendwann trinken. Und weiterfahren. Der Peyresourde ist auch deshalb so mühsam, weil er kaum Kurven kennt. Drei am Anfang und drei am Ende. Auf 15km ist das nicht viel. Kurven sind hilfreich, man kann die Steigung der Straße an ihnen ablesen. Der Anfang des Peyresourde ist steil, es geht unablässig den Hang entlang. Räder, die mir entgegenkommen sind absurd schnell, die Dörfer stumm: siesta.

b garin„La Vache!“ sagt der Franzose, wenn er eine böse Überraschung erlebt, aber  in Garin ist die Überraschung durch. Ich schnappe Luft. Der Peyresourde macht eine kleine Pause um am Ortsausgang die Zivilisation zu verlassen. nach der Gabelung begleiten Akazien malerisch den Weg, die Steigung aber bleibt mehr oder minder bis zum Ende des Passes.

b peyresourde1Hier nehme ich ihn das erste mal ins Visier. Ich hätte schon Lust auf eine Pause, aber die Entdeckung zweier Verfolger stimuliert mehr als alle törichten Wünsche. Der eine muß mich gesehen haben und sprintet voran.  Sie sollen mich nicht haben, sie werden mich nicht haben.

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Ich blicke auf die erste Halbzeit zurück. Einer der schönsten Kilometersteine der Welt. Auch auf der anderen Seite ist das Wetter gut (man weiß das hier nie) und in 17,5km werde ich ein deftiges braunes Affligem vom Faß genießen. einige km tiefer: die Kneipe in Arreau ist geöffnet, das Affligem kühl und malzig und  ich bereite mich mit der Lektüre von Equipe Magazine auf den Aspin vor.

Der Aspin ist der Ring an meinem Finger.

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Dieses Bild entsteht nach ungefähr 6km, der Blick geht zurück Richtung Arreau und die berge zuvor, irgendwo hinter dem wolligen Hügel steckt der Peyresourde. Am Aspin fühle ich mich genauso wohl wie im letzten Jahr. Die Straße ist schön, überall gibt es Bäume und herrliche Blickpunkte. Manchmal hat die Straße nur noch 5% Steigung  – fast nichts. genüßlich lasse ich dann die Schaltwerk aufs 24er Ritzel flutschen. Kette und Schaltseile sind frisch geölt, beides war nötig.

Dann überholt mich eine kleine Trainingsgruppe mit geölten Beinen. Auf den letzten drei Kilometern nehmen sie mir zehn Minuten ab. Ich denke an meinen kleinen Finger und den Tourmalet.

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Am Aspin herrscht das große Stelldichein . Alle Minuten kommen neue und fahren wieder los, manche locker, manche erschöpft. Eine gute Gelegenheit, mein Lachssandwich vom drive in boulanger in Luchon zu genießen – es schmeckt.

Was ich endlich weiß: von der Zeit wird es reichen für den Fünften. Ich sollte um kurz nach fünf unten in Campan sein.

(Wieviel Saft noch im System ist, weiß ich nicht,  es ist eigentlich nie klar, solange es keine eindeutigen Zeichen wie Krämpfe, extremen Durst oder Halluzinationen gibt. In meinen Flaschen löse ich immer wieder overstims, ein Maltodextrinpulver mit diversen Zusätzen. Gerne verlängere ich es mit Perrier. Zwischendurch nehme ich die Magnesium-vitamintabletten, die nach Limonade schmecken und schön prickeln. Nie zuviel auf einmal )

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Kurz nach Fünf am Carrefour von Ste Marie de Campan, eine der berühmten Kreuzungen in der Welt des Radsports. Die Heimkehrer von Tourmalet und Aspin kehren nun ein, von Windwesten geschützt.  Um die Ecke liegt das kleine Hotel, in dem wir 1975 übernachteten und damals sah ich den roten, grünen, silbernen Maschinen hinterher, die surrend vom Paß kamen um, genau wie jetzt, im kleinen Café einzukehren. Ein Traum, damals. Und jetzt fasse ich im kleinen Supermarkt nochmals nach und bereite mich für den letzten Berg des Tages vor. Blick übers Tal – das Wetter bleibt mild und klar. Ein fantastischer Tag in den Pyrenäen, der einen würdigen Abschluß braucht.

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Als erstes kommt Gripp, der Ort, in dem es im letzten Jahr keine Unterkunft gab. Erste Höhenmeter. Dort hinten zieht sich das Tal der kleinen Adour zu, die Sonne wärmt noch. Die Urlauber kehren in ihre Unterkünfte ein, es riecht nach Heu entlang der Straße.

c selfBis zur Brücke über die Adour geht es ganz gut, danach beginnt das Leiden. Mit ganz regelmäßiger Steigung geht es nun durch den Tann. Tief einatmen und einfach weitermachen. In der großen Kehre mit der die Straße sich Richtung La Mongie wendet, werde ich aus Wohnmobilen ermuntert. ich sehe den Bergbach.

Dann kommt das Christophe-Denkmal in Sicht, die Legende, der Urahn aller  Motivatoren. Ein paar letzte Genossen kehren vom Paß heim. Ein Vater und sein Sohn schießen mir entgegen, die zu große Windjacke des Jungen flattert, er ist höchstens 12. Mit einem Lächeln übers ganze Gesicht sieht er stolz zu mir herüber. Mein Traum von 1975 ist mir begegnet – endlich hat er sich erfüllt.

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Und so sieht es aus, auf dem Weg nach La Mongie, den ich immer langsamer hinaufrolle. Ich nehme zwei Fruchtpasteten, Aprikose-Birne und Heidelbeere. Es hilft, nicht abzusteigen. Wiegetritt, hinsetzen, Wiegetritt: auf die Tunnel folgen erste Exemplare brutistischer Architektur. ich finde sie , warum auch immer, irgendwie ok.

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Vielleicht weil ich an Neo Rauch und den sozialistischen Realismus denken muß? Die Sonne strahlt gnädig über die Ski_Station und der kleine Supermarkt kommt in Sicht: den ich mir als Rettungsanker erwählt habe.

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Ein Liter Perrier, ein Baguette, gesalzene Cashews und Feta. Dafür gibt es den ersehnten Stempel. In Ruhe genieße ich die frischen Mineralien und die letzte Sonne in la Mongie .

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Dann mache ich mich im Gefolge einiger  katalanischer Mopedisten auf .

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Kühe ziehen vorbei wie indische Gottheiten und ich transzendiere in die letzten Kilometer. Der Paß ist frei und immer noch steht vor den letzten Kurven seinen Name: Ulle. Ich gehe aus dem Sattel und bei jedem ausatmen, rufe ich ihn an – Kraft und Glück soll er mir bringen.

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Die Kühe drehen sich nicht um –  da endlich ist der Paß!

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Darauf einen Apfel,  mein alter Zossen. 5 Finger – mehr braucht es nicht.  Die Abfahrt wird eine große Belohnung

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Luz St Sauveur -Heilsbringer des Lichts! –  heißt das Ziel, Terminus das Hotel. Der winzige Punkt dort unten werde gleich ich sein.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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