Batavia

Etymologie :  seinerzeit nannten Römer die Stämme auf niederländischem Gebiet Bataven.  Die Niederländer (die wir auch Holländer nennen) übernahmen diese Bezeichnung für die Hauptstadt ihrer niederländisch-indischen Handelgesellschaft auf Java, Batavia. Genauso wurden aber auch Salatsorten oder Schiffe getauft .

DSCF4822Batavus schließlich nannte und nennt sich seit 1904 eine traditionsbewußte Fahrradmarke, deren Hauptgeschäft naheliegenderweise Hollandräder waren. Die Stadt Batavia ging nach dem Krieg verloren und heißt seitdem Djakarta.

Batavus aber lebte weiter und war neben Gazelle und Sparta der dritte große Name,  dessen Verbreitung in den flachen Teilen Deutschlands – besonders im Münsterland – mit dem langsamen Siechtum der Deutschen Radmarken anwuchs.  Gegen die robusten, wartungsarmen Stahlrösser mit den vollverkleideten Kettenkästen und dem integrierten Schloß  gab es kaum Konkurrenz.

Weniger Ruhm erntete Holland in unserem Land mit seinen Rennrädern. Wenn ich mich recht erinnere, hatte der großversender Brügelmann lediglich Gazelle anfangs in seinem umfangreichen Programm, und das nie an prominenter Stelle. Vielleicht ist das auch heute noch ein Grund, weshalb niemand mir diesen eher günstigen Rahmen wegschnappte. Ein italienischer Name dagegen . .  .

aa6Für alle, die also die Gelegenheit verpasst haben ein batavus Professional zu erwerben, unterbreche ich einmal meine Reiseberichte und  stelle ausführlich das perlmuttfarbene Stück vor. So schnell wird kaum eins wieder auftauchen. Einer der Gründe für diesen irrationalen Kauf war sicher die silberne Gazelle in exakt gleicher Größe RH60, die ich mit sehr viel Genuß bewege. Ein Vergleich wird folgen und es wird sicher interessant zu ermitteln, ob einer dieser zweieiigen Zwillinge den anderen überflüssig macht. Aber zunächst zum Batavus, Modell professional aus R 531, alle Rohre konifiziert.

aabatavus serialWas haben wir vor uns? ein absolut klassisches Rennrad, wahrscheinlich der frühen 80er jahre. An den Ausfallenden messen wir 126mm Achsabstand: das Maß für  6/7fachen Ritzelpakete, ein Standard der zwischen 1976 und 1988 vorhält, bevor für 8fach schaltungen der Hinterbau auf 130mm anwächst.

aa8Die aufgelöteten Ösen am Oberrohr weisen auf die frühen 1980er hin, bevor Bremszüge aus angeblich aerodynamischen Gründen ins Oberrohr verlegt wurden.

aa5Die Bohrungen für die Bremsen sind schon für Inbusbefestigung vorgesehen, was nicht nur die Auswahl an Bremsen erweitert  sondern auch auf knappe bis mittelhohe Durchläufe hindeutet. Rennräder bei denen Bremsen mit Muttern gekontert werden haben fast immer die hohen Brücken, die auch 35er Reifenbreiten problemlos zulassen.

Hier plane ich nicht ganz so üppig und die SilberGazelle, die über eine identische Vitusgabel verfügt, gibt da  Hinweise. Es macht Spaß, ein scheinbar identisches Rad zu variieren: denn damit Fahren ist immer noch etwas völlig anderes.

aa10Perlmuttweiß ist eine sehr schöne grundfarbe auf schlanken Rohren – solange niht allzubeschädigt und vom Rost durchsetzt. Hier habe ich  Glück gehabt, auch wenn der (oder die) Vorbesitzer das Rad mit großer Gründlichkeit geputzt haben müssen: an fast allen Kanten und Übergängen ist der Lack geradezu runterpoliert.

a3Nun kommt die Frage nach den passenden Komponenten und langsam habe ich eine Idee, was ich für ein Ergebnis will. ich stelle mir nun vor, was ein sparsamer batavischer Amateurfahrer sich an diesem Rahmen montiert hätte.

aa7Eins weiß er seitdem er Räder aufbaut: die teuersten und seltensten Teile mögen Prestige haben, Freunde zu Neidern werden lassen, von der Funktion bringen sie keine Vorteile. Jedem, der sich ein wenig mit klassischen Rädern auskennt ahnt: der Batave braucht keine Gruppe von Campagnolo. Konsequent hätte er es so gemacht: Das Rad komplett gekauft, die werksmäßige Record (oder Super Record) runter und sofort NOS gewinnbringend verkauft. Teile, die in der Summe mehr einbringen als Gesamtpakete. Dann mit dem Geld eine andere Gruppe suchen und den Überschuß ins Verbrauchsmaterial investieren. Reifen und Ketten, trikots Schuhe und Shorts.

a4Und ich finde meine kleinen Teile. Aus den unendlichen Welten der Galaxie Shimano nehme ich die frühe „105“, Werkscode 1050. Sie hat alles was die großen Geschwister 600 und Dura Ace haben: Schrägparallelogramm am schaltwerk – indexfähig! – schrägführung des Umwerfers, Bremsen mit Rückholfeder (SLR genannt) und und und.

aa2Bei einigen vitalen Teilen nehme ich allerdings doch lieber die 600. Die Bremsen sind einen Hauch straffer und robuster einzustellen. Und bei den Laufrädern gilt sie als noch etwas langlebiger. Laufräder sind wichtig, sehr wichtig.

DSCF4816Für den preisbewußten Bataven ist es gut, daß die Franzosen sich zu lange auf ihren Lorbeeren ausgeruht haben. Auch wenn Hinault die Tour 1981 auf rein französischem Material gewinnt: Rennräder anderer Länder sind weder mit Simplex noch Spidel unterwegs. Das drückt die Preise und so kann ich als kluger Rechner zwei wunderbare französische Komponenten billig erwerben: den Steuersatz D9 von Stronglight, ein sehr leichtes und gutes Modell mit Nadellagern, und den sagenhaft geschmeidigen Simplex retrofriction Schalthebel mit der eingbauten Spannfeder. Nadellager und Spannfeder gibts anderswo weder für Geld noch gute Worte. Vive la France.

aa4Voilà, und jetzt, um die italienischen Freunde nicht zu vergraulen noch eine klassische Lenkkerkombination: Giro d’Italia in 44cm Breite mit 11cm Vorbau. Beinahe hätte ich die Sattelstütze vergessen: ein schön langes und leichtes modell von Selcof, da kommt dieser Italia Sattel drauf, den Eddy le Merckx signiert hat. So sind alle zufrieden und ich kann die Saison mit ein paar Reserven angehen. Von Campagnolo habe ich jetzt virtuell noch 1000 Gulden übrig und ein wettbewerbsfähiges Rad für die Saisons 1983-1987.

aa11Die Probefahrt erfüllt alle Erwartungen. Die 105 schaltet supergeschmeidig und retrofriction braucht erheblich weniger Kraft als ein indexierter Schalthebel von Shimano (oder Suntour) . Und anders als bei Campamodellen muß die Spannung auch nicht über eine Bügelmutter dauernd nachgestellt werden, weil der Schaltzug zerrt.  Parfait und absolut klassisch.

DSCF4847.JPGIch erklimme die knackige Steigung am Molsberger Schloß: nichts wackelt, nichts knackt, kein Gang springt heraus. Dann wieder hinunter: null Vibration. Top.

aa1Gerade Bataven sind religiös tolerant: In der Niederländischen Provinz Limburg stehen solche Marienbilder an jeder Ecke. Und auch hier ist Limburg nicht weit und der König den die Nassauer uns vor 300 Jahren stellen, stammt auch von hier. Ein Kreis schließt sich.

aa12So fahre ich in seinen Farben weiter. Blau, weiß und Orange/Rot.

 

Ich füge einmal ein paar Verwandte aus dem Netz hinzu:

BatavusProfessionalFrameset20130824-18BatavusProfessionalFrameset20130824-5

Dieser hier ist verkauft. Bis auf die Zugführung am Tretlager (und eine verchromte Gabel) scheint er identisch. Das Blau ist ebenfalls gleich. Der name Piet Nizet klingt in meinen Ohren nach: dort kaufte mein Vater vor 40 Jahren einen Jugendkranz, Regina Extra, den ich vor der Montage hunderte mal an meinem Daumen kreisen ließ.

Aus der Zahl links vermute ich die die Datierung : also 2 für 1982, 3 (s.o.) für 1983. In der Mitte (das ist einfach) steht die Rahmenhöhe -59, 60 etc – also in 1cm Schritten. Rechts dann die Seriennummer. Nur die Initialien sind noch rätselhaft – sehr schön.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Das Gras ist Grüner dort

Es beginnt mit einem kleinen, leuchtender Punkt hinten richtung Kirche.

7Urt am Nachmittag. Wenn man von der weiten Ebene der Adour kommt, liegt das Dorf einige Serpentinen höher auf einem kleinen Vorsprung. Die Wände der Häuser sind weiß gekalkt, die Dachfirste und Läden häufig dunkelrot. Hier beginnt das Baskenland mit seinen grünen Wellen , die sich langsam zu immer höheren Hügeln steigern, bis die letzten Ausläufer der Pyrenäenkette sichtbar werden.

9Gleich nach der Kirche, die gerade vier Uhr zeigt hole ich den Kollegen ein. er fährt einen gesunden Tritt, spult routiniert das mittlere Blatt ab.

Ein schönes Exemplar habe ich da erwischt, ein sehr später Stahlrahmen, erkennbar an den verschliffenen, also muffenlosen Rohren in Übergröße. Individuelle Lackierung in makellosem Zustand.

8Ich mache dem Mann in lokalen Shorts meine Komplimente , Shorts von einem aufgelösten baskischen Radsportteam: die Geldgeber, die heimische Mobiltelefonfirma Euskatel sind ebenfalls Geschichte. manchmal erzählt der Radsport auch Wirtschaftsgeschichte. Der Rahmen stammt aus der Gegend um Orleans, so viel erfahre ich noch und wünsche dann gute Fahrt.

An der Kreuzung zur Straße nach Bayonne stehen die Gendarmen in einem Hohlweg und warten. Jetzt, wo so viele Radarfallen „neutralisiert“ wurden, ist für die Blauen vermehrt Handarbeit angesagt. Diese schrecklichen Gelbwesten .

a1Es wird immer grüner, so viele Grüns gibt es gar nicht. Aber das ist  nur mein winterliches Auge auf dem Weg in den Frühling. Ich folge dem Bachtal nach Labastide, die Pappeln wogen im Wind der seitlich kommt. Kurz gehts in eine Senke, ich richte mich auf für einen 360Grad Rundblick. Da sieht mein Augenwinkel ihn wieder.

Den kleinen orangenen Punkt, der wie eine vergessene Boje im Grün schwimmt. Dabei müßte er gefühlt etwas weiter weg sein; ist er aber nicht und es ist klar warum: ich bin im Fadenkreuz.

les ames fortes

Jean Giono gilt schon länger als ein wenig altbacken. Ein provenzalischer Schriftsteller der seine (tragischen) Gestalten über die vormodernen kleinen Dörfer schickt. Viel Natur, viel Klima in einer dichten, sinnlichen Sprache. Viel Archaik, seine „Phase“ waren 30 jahre zwischen 30 und 60. In den beiden Büchern, die ich gerade vollende, geht es immer wieder um umherstreifende Menschen, Vaganten, tragische Schicksale. Dreimal wird das Motiv der Jagd und der Verfolgung an unterschiedlicher Stelle neu erzählt. Zweimal wird einem Menschen nachgestellt, den Mörder in der Wildnis zu finden. Die erregendste aller Jagden, ist die auf den menschen stellt Giono lakonisch fest.

Etwas von diesem Jäger steckt in jedem Radfahrer, jedenfalls wenn er auf einem Rennrad sitzt.  Es prickelt also und das Tempo bleibt stetig. Gleich die  Durchfahrt von Labastide – mit ihren 9 Prozent. In der Ebene forciere ich nicht aber am Fuß der Steigung, gleich in der ersten Kurve zum Marktplatz hole ich Schwung.

07Heute halte ich nicht amCafé, andere Räder haben meinen Platz eingenommen. Ums Eck und Schulterblick: er ist am Anfang der Steigung.  Banane ausgepackt, Schale in den nächsten Bach, erster Anstieg Richtung Hasparren auf dem großen Blatt. Die Form stimmt, das Gras duftet frisch und sattder Griff ans Stoffband ist straff . Nach einer Partie Unterlenker brauche ich mich nicht mehr umzusehen . Ich bin aus dem Blickfeld des Orangenen,  oder er hat schon längst neben anderen Radfahrern im Café Platz genommen.

Die Jagd ist vorüber, der Rest Tourismus. Hasparren, Cambo – die kleine Kurstadt mit den dicken Palmen. ich umfahre sie über die nationale, dann halbrechts um über Itxassou zu fahren. Eine Passage des  Raid Pyrénéen, eine Nebenstrecke, die man vor der  Kontrolle in Espelette genießt, weil es dann so gut wie vorbei ist.

14Der Weg durchs Tal von Itxassou muß aber auch auf allen (spanischen) Reiseführern eingetragen sein, denn es ist mehr los als auf den 20km zuvor –  und das ist kein lokaler Verkehr

01Durchs Tal der Geflügelzüchter und Schinkenlieferanten, die den kräftigen Jambon de bayonne ergeben. Da sind sie, alle im Schlamm vereint. Nachdem viele kleine Augen sich nach meinem Rad umgedreht haben pendeln die Rüssel wieder durch den Schlamm. Ständige Bewegung mit freundschaftlichem Rempeln und Grunz-Stenogrammen. Die knappen Bewegungen der Stummelschwänze. Du schmeckst so gut.

1Espelette streifen. Die runden grünlichen Hügel werden jetzt häufiger von zackigen Linien abgelöst. Abzweig: nach Sare über den kleinen Pass von Pinodieta, den die Tour 2018 im Abschlußzeitfahren nahm. Wieder durch blühende Robinien. Überall an den Hängen die doldenartigen weißen Blütenstände, die sich in Teig schön einbacken lassen und dabei ihr feines Aroma abgeben. Eine Million Shampoos riechen wie plumpe Fälschungen.

11In Sare das kleine Café am markt- French spoken. Einmal L’Equipe durchfliegen, ein Schluck Wasser und das Croissant aus der Trikottasche. Karfreitag, sechs Uhr, die Kirche läutet. Ich werde die gebote achten und träume schon von Anchovies Pizza am Meer.  . . . . .

10Kleine Werbeeinblendung: diealten Mischgewebe (hier 50/50 Baumwolle/Poly) halten gut etwas aus, ihre toxischen Faben bleichen bei der Wäsche nicht, sie sind nur etwas schwerer.

15Und als Dessert das letzte, Robinienüberwucherte Hindernis zum Meer – (den heiligen Ignatz) bei der nur der erste Kilometer Paßcharakter hat. Sare verschwindet hinter einer Blütenwand. Es ist grüner dort.

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Und dann kommt das Meer.

13

19 April 2019

 

 

 

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Frankofilie

a1Mancher fühlt sich als Wahl-Italiener, andere sind noch nach 40 Jahren verurteilt, den Italiener zu mimen, auch wenn das Eiscafé schon in dritter Generation fest in der schwäbischen Kreisstadt verankert ist. Über 40 jahre ists her, seit ein Duisburger Fernsehkommissar in die  Mysterien der türkischen Küche eingeweiht wurde. Weitere Küchen der Welt folgten und wurden in Deutschlands Mittagspausen integriert. dennoch:  Trotz Multikulturell Informierter Praxis bleibt Italien in der Hitparade der germanischen Sehnsüchte und Sehnsuchtsorte weiter vorn.

a3Dabei liegt ein größeres (und schöneres) Land gleich um die Ecke, man muß nicht einmal  Gebirge überwinden. La douce France. Es ist ein überprüftes und bestätigtes Vorurteil: Der Nachbar im Westen hat alles, was ein gelobtes Land braucht. Klimatisch, Kulinarisch, kulturell. Italien wir mögen Dich gern, aber wenn es um wirklich gutes Essen, wirklich schöne Räder und wirklich grandiose Kathedralen geht . . .

a5Kaum war ich wieder angekommen, ging die Nachricht durch die Welt. Notre Dame brennt.  Katastrophen sollen nicht verglichen werden, die Reaktion darauf schon. Ich war doch überrascht, wie tief der drohende Verlust einer Kathedrale das laizisitische Frankreich erschütterte, am betroffensten aber klang unser nationaler Cineast Wenders, der erschüttert vom Dach des Centre Beaubourg den brand ansehen mußte.

Es ist wohl die alte Wahrheit von zwei Seiten einer Medaille. Vorn die rationale Zahl, auf der Rückseite das Bild. Dazu die Idee vom Zentrum mit einer Verbindung zur Vergangenheit, die Achse der eigenen Geschichte.

a6Das Frankreich der Könige entsteht im kern 1215, da ist Notre Dame beinahe fertig. Ihr Vorläufer, die Basilika von Saint Denis (nur 10km nördlich)   nimmt die Gebeine der Könige auf, Notre Dame wird eine Kathedrale für die Stadt. Erst mit dem 20 jahrhundert, dem Jahrhundert des Tourismus, kann man aber von einer singulären Stellung, einem nationalen Symbol ausgehen. Es muß Millarden von Postkarten und Bilddateien geben.

a22Die Eiche vor der Küche läßt das erste Sonnenlicht durch die jungen Blätter, während aus dem Radio Meldungen zur Lage kommen und die erste Alarmstimmung in praktische Fragen übergeht, die sich mit der Rekonstruktion beschäftigen. Über Nacht waren Spenden zur Reparatur Notre Dames angekündigt , die dem hart verhandelten Versicherungswert des World Trade Center gleichkamen. Das SNEL wartet im Flur, 23mm Reifen mit blauer Banderole halten seit 15 Jahren die Luft.

a11Einige Stunden später stehe ich im kleinen Café unter den Arkaden von La Bastide Clairence. Das SNEL brachte mich wie im Flug die Adour hinunter, hier sind die ersten Hügel rund um die Abtei von Belloc. Der Wind steht gut für die erste Fahrt ans Meer.  . Der Körper hat kaum Zeit, sich über den Temperaturschub zu wundern.

a8Die Bauern machen hier schon das erste Heu, es ist Mitte April. Die Straßenmarkierungen der Tour de France vom letzten Jahr verblassen allmählich unter den Reifen meiner Strecke nach St Jean de Luz.

a9Dann mein erstes belgisches Bier und dann der Blick aufs Meer. Mit allem Glück gehabt .

a31Vor etwa 50km machte es einen Knall am Hinterrad –  Speiche gerissen. Immer am Kopfende und immer an der Seite zum Zahnkranz. Nur noch 35. was macht man an einem alten Rad: Bremse auf und weiterfahren, denn Alternativen gibt es nicht. Kein Wiegetritt. Und es dreht sich doch.

a91Es eiert, aber es hält. Morgen werde ich das Rad zum kleinen Laden bringen, der seit über 30 jahren die Räder der Sportvereine, der Kinder und der Großmütter repariert. Keine Werbung, kein Franchising aber immer Kunden. Einen Laden, den es eigentlich gar nicht mehr geben dürfte – meine kleine Kapelle, der ich regelmäßig spende.

 

 

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Una mas

Kenny Dorham war einer der besten Jazz-Trompeter seiner Zeit, der Ära des frühen und späten Bop, die große Zeit der kleinen Labels, der Clubs, des Birdland.  Er begann mit niemand geringerem als dem Saxophonisten Charlie Parker : 1949. Hier und dort tritt er als leader oder Sideman auf. Nie ganz oben aber immer in der top-liga, unter den vielleicht 20 Männern die mit kleinen Ensembles die Entwicklung des Jazz vorantrieben.

Auf una mas – eins mehr – vereint er 1963 eine Truppe junger Jazzboys, die sich in lateinamerikanisch inspirierte Gefilde wagen. a1Für Dorham war es eines der letzten Soloalben, die Zahl der Stühle, auf denen man im Jazz sein Geld verdienen konnte war sehr klein.  Eine handgeschriebene Notiz im booklet zeigt, wie groß der Wertverlust einer CD in den vergangenen 14 Jahren war. Kleiner als ich dachte: aber wenn Versandkosten in etwa dem Wrenwert entsprechen  -was soll dann noch kommen.

a2Das liegt eher am Medium, das in digitale Ungnade gefallen ist, wie es einst der Schallplatte widerfuhr. Ein Wert wird hier aber stabil bleiben Die musikalischen und klangliche Qualität der Scheibe wird sich dagegen in den nächsten Jahrzehnten nicht mehr steigern lassen Besser haben diese Stücke nur im Studio geklungen.

Jazz ist immer noch eine brutal unterfinanzierte Musiksparte –  von Stars und Epochen reden wir schon lange nicht mehr. Bop, die amerikanische Nachkriegs-Avantgarde, war Weltklasse, die Blüte einer Kunst und zum Glück, nach wie vor eine gut dokumentiert.

Una mas, einer mehr,  nenne ich dagegen  das nächste Rad in meinem Garten, meine neueste Etüde in Stahl. Sie stammt aus der Blütezeit des Rahmenbaus…

a3

Hier entsteht nach Ostern der zweieiige Zwilling zur silbernen Gazelle Champion Mondial. Ein Rahmen der gleichen Größe aus der gleichen Zeit (6-7fach). Die Muffen haben dieselbe Prägung . Nur ein paar Details sind konstruktiv verschieden. Wir werden sehen, wieviel s am Ende wiegt und wie es sich fährt.

Eine rationale Erklärungkann ich nicht abgeben. Headbadge möglicherweise.

 

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Riffin‘

„Ich bin als Junge oft 15, 25km zu irgendwelchen Steinbrüchen geradelt, meistens, um nach Fossilien zu suchen.“ D. Attenborough, Naturkundler, Tierfilmer.

a03Zweirädrige Fossilien, gut erhalten: nochmal Merckx, nochmal in den Frühling. Frischer Dunst in der Luft, sehr frische Pastellfarben. Ab in die Hügel.

a04Irgendwas in mir will heute keine Heldentaten, lieber kurze Wege, Abwechslung und auch mal Abstecher. Der Vorteil unserer faltigen Gegend sind kleine Orte, die entdeckt werden müssen, die sich verbergen und keiner mehr kennt, auch nicht jede Landkarte. Ab Maßstab 50tausend gibt die Erde ihr Wissen preis .

a07Die Basalthügel liegen hinter mir. Ein Blick auf den Stausee zeigt, daß die Reserven noch nicht wieder aufgetankt sind, Viele glitzernde Splitter geborstener Flaschen glänzen wie Perlen auf dem Schlamm.

a06Abtauchen in die Hügellandschaften. Als Wellenschaum stehen die aufblühenden Büsche am Straßenrand, bald lösen sich ihre Schaumkronen auf und gehen als weißer Regen über dem Asphalt nieder.

Heute beginnt meine Suche nach dem Riff, das irgendwo in dieser  Gegend  seine Sedimente als Marmor freigibt. und nun in einem Waldstück vor sich hinschlummert.

a0523In diesem Ort soll es irgendwo sein. Mein Merckx lehnt sicher an einem 523 international, (mit Originalbereifung),  während ich den Besitzer um Rat frage. Er baut sich gerade eine Steinmauer –  brusthoch  – um einen kleinen Vorhof. Die Eckpfeiler sind aus Fertigteilen, das ganze soll einen Meter hoch werden.

„Ist Marmor dabei?“

„Nein, das sind Bruchsteine.“

“ Hier  gab es doch einmal einen Marmorsteinbruch?“

„Ja, schon lange her.“

„Und keine Säule oder ein Denkmal im Dorf  zu sehen?“

„Nein.“

a01Ortskundig ist er und beschreibt mir kurz den Weg, keine 250m Luftlinie von seiner kleinen Hausecke. Als ich mich bedanke und aufschwinge höre ich noch: „wofür manche Leute Zeit haben . . . “

b1Es ist etwas milder, hier im Tal kommen die Frühlingsböen nicht so durch; der Weg verliert seinen Asphalt und dann sehe ich ein Transformatorenhaus. Indiz: hier wurde einmal viel Strom angefordert. Privatgelände, Betreten verboten, ein Zaun säumt den Weg.

b2Wo er endet, stelle ich das Rad ab, einige Meter abseits, damit es nicht gleich auffällt. Dann kämpfe ich mich durch junge Bäume, die auf einem Hang wachsen: Eine Geröllhalde, die wie ein Schutzwall den Steinbruch abschirmt. Dahinter liegt der Steinbruch, das aufgelaufenen Grundwasser hat einen kleinen See gebildet.

b5Als ich mich dem nähere, erkenne ich neben den Stahltrossen und rostigen baugeräten die steil abfallenden Wände. Verwitterte Wände, die auf den ersten Blick unscheinbar wirken. Jetzt ist es noch ruhiger.

a09Wo einen Marmorsplitter finden? Ich muß mich nur bücken und ein wenig an den Steinkanten kratzen, schon treten Adern und Farbwechsel hervor. Ein grünliches Grau, das dann ockerfarben wird und streifenweise in dunkles Lachsrot wechselt.

b3Um ein schönes handliches Exemplar zu finden, kehre ich auf den Geröllberg zurück.

a11Der Marmor aus Gaudernbach, mein erstes Riff heute. Im Reichsluftfahrtsministerium soll er verbaut worden sein, auch in der Reichskanzlei  –   vor allem aber spricht Wikipedia vom  Empire State – in der Liste prominenter Abnehmer nach diversen Barockresidenzen, Kirchen und Dome. Der Steinbruch ist nicht erschöpft, es ist nur nicht seine Zeit. Jetzt liegt die Grube im Dornröschenschlaf , die Fossilien träumen weiter, nachdem man sie 300, 400 Millionen jahre schlafen ließ.  – Vielleicht wartet sie auf eine Marmor Mode, den Spleen eines indischen Milliardärs, der das nächste Taj Mahal ausstatten will . . . .

a08Ich überlasse den träumenden Steinbruch sich selbst und schottere zurück auf die Straße, auf zum zweiten Ziel. Denn das nächste  Vorkommen ist kaum einen Kilometer entfernt, das Rückriff liegt am nächsten Bachtal . Die Piste ist gut und auch schmale Contis reichen völlig, solange der Untergrund fest und trocken ist. Am Rückriff absteigen.

a12Der Steinbruch liegt direkt an der Piste, ganz offen. Hier stehen wir vor Schupbach- schwarz (und Schupbach violett) , dessen Spur ich schon vor über einem Jahr aufnahm. Es liegen überall noch massive Blöcke herum, bei manchen sieht man, wie das dunkelgraue Material, das beim Polieren dunkel bis schwarz wird, von weißen Calcitblitzen durchzogen ist.

Danach den Kerkerbach hinunter, Richtung Lahn.

a13Ein kleiner Verein in Villmar historisiert und archiviert all diese Vorkommen  – sofern nach Aktenlage der kleinen Unternehmen möglich. In Villmar an der Lahn wurden die Stücke bearbeitet und konnten verschifft werden. Geblieben ist ein kleiner Verein der Museum und Archive pflegt.

Marmor als Material bildet sein eigenes Archiv, Marmorsorten sind fast so individuell wie Fingerabdrücke. Ein Experte kann sehr gut Ort und Zeit zuordnen: die kleinen Riffsteinbrüche sind übersichtlich, ihre zahl bekannt. Der nächste Frühling zieht über sie hinweg. Sie können warten

a14

„Es ist magisch, wenn Sie sich vorstellen, daß dieses versteinerte Lebewesen zum ersten mal nach hunderten Millionen Jahren wieder das Licht der Sonne erblickt.“

D.  Attenborough op cit Der SPIEGEL.

 

 

 

 

 

 

 

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Mit Merckx auf den Taunus-Olymp

c2An klaren Tagen ist er gut sichtbar, der Oktogon vom Feldberg. Aber wie weit ist er wirklich entfernt? Im Mittelgebirge ist die Luftlinie kein guter Anhaltspunkt, eher ein Wunschpunkt. Der Taunus-Olymp ist allgegenwärtig, von allen Seiten zieht er die Blicke der Menschen auf sich, die nur auf einen Wink der Sonne warten.

am1Die Blüten öffnen sich, es ist ein Frühlingstag in voller Sonne, der Tag, an dem alle hinauswollen: Vögel, Hummeln, Blüten – ich nehme das farblich passende Rad.

Ein Tag für mein Eddy. Das Eddy ist ein spezielles Rad, nicht nur, weil es den klangvollen Namen trägt. Sein Sattelrohr ist eher flach gewinkelt, das Lenkrohr dagegen steil. Der 60er Rahmen hat mit 58cm eine normale Oberrohrlänge, aber schon ein 10,5er Vorbau macht es so lang, wie andere Rädern der 12er.

Das ist die Welt des corsa extra von 1989.

am05Eine Welt,  die mich in gestreckte Position zwingt, gestreckter als sonst gewohnt, mein Alter eingerechnet. Dafür liege ich dann etwas schnittiger im Wind – so der Gedanke, der auf Dauer Kraft sparen soll. Die ersten Wellen sind genommen, ich habe Kurs Süd gesetzt Richtung Taunus, grobe Richtung Weilburg.

am2Ein steter Windzug kommt entgegen, warme Luft. Wilde Kirschen haben in diesen Tagen ihren Soloauftritt: Queen for a day. Die dreiviertel Hosen (discounter (psssstt)) verschaffen ein monatelang ungekanntes Freiheitsgefühl: Frühling. Die Sonne blendet ungewohnt, alles steht eine Blende heller als bisher.

am3Ganz kurze Schnellstraßenabschnitte – sie ersparen viele Kilometer – helfen weiter. Not kennt kein Gebot. Nach der Abfahrt: Weilburg,  stolze Barockstadt in der Lahnschleife. Hier beginnt eine der schönsten Radstrecken in den Taunus, das Weiltal. Kurvenreich geht es die glitzernde Weil entlang, ganz schwach steigt es hier und da an –  das große Blatt bleibt drauf und macht Mut, Tagesziele weiter zu stecken. Denn ich wußte gar nicht, daß es zum Feldberg ging.

am4Und das ist jetzt der Plan: das Weiltal hinunter bis ans Ende bei Schmittten, von dort auf den Feldberg und über die andere Seite zurück wieder nach Norden. Verpflegung und Vorräte in Weilmünster.

Weilmünster liegt auf etwas weniger als der halben Strecke zum Olymp des Taunus. Hat den Vorteil einer bestens ausgestatteten Total „bonjour“ an der strategischen Kreuzung. Bestens ausgestattet bedeutet: viele Baguettes, diverse Croissants und  Premium  Lavazza Café – was auch immer das ist.

am6Seit dem schicken späten 300er (Gießen 2018) sind wir gute Bekannte. Da grüßt mich ein neues Total testimonial girl, daß möglicherweise gallisch frech über den Milchschaum blickt. Ganz ähnlich tut es seit Jahren eine (mutmaßliche) Italienerin bei der Agip. Nur haben sie hier die besseren Baguette. Was ich jetzt esse, sollte in einer Stunde, also genau am großen Feldberg im Blut sein.

am7Radfahrer kommen grüßend entgegen, Motorradfahrer schwirren in beide Richtungen, noch in erträglicher Zahl. Man mottet aus und fährt die Maschine ein. Die meisten lassen erst am ersten April zu. Das Tal wird langsam enger, die Wellen häufen sich. Gegen den Wind bleibe ich auf Kurs.

Zwei Tage hat es gedauert, bis ich vom 300er Flanderns erholt war. Es heißt:“ wenn Du Dich richtig leer fährst, bist Du ein paar Tage später im Plus.“ Also bin ich heute aufs Rad gestiegen, um da mal reinzuhören. Es ist Frühling – außer um die eigene Form muß man sich um nichts mehr sorgen . . .

am9Die Form, genau. Der Wald, den man vor lauter Bäumen nicht sieht.

In die Welt des Trainings  (der Teil für Nerds)

Auf dem Rad fängt es immer wieder von vorn an. Der Körper zieht sich im Winter zurück, das ist das Gesetz der Natur. Dann will er mehr Kilometer – er braucht sie, um wieder in die Spur zu finden, um das alte Selbstvertrauen herzustellen. Erst das eigene Tempo finden, nicht gleich schneller sein wollen. Schön ist, wenn derselbe Gang sich heute leichter treten läßt als vor 14 Tagen. Jedes Jahr richten die Radsportler die gleichen Fragen an sich. Ich suche eine Antwort.

Es gibt Experten, was Training angeht, Joe Friel ist einer –  dazu aktiver Leistungssportler meines Alters. Seine Bücher sind sehr dick. Mit Neugier überflogen habe ich “ Fit ab 50″. denn seit einigen Jahren gehöre ich genau zur Zielgruppe.

Dank der einer fast obszönen Messbarkeit unserer Bewegungen,  Herzschläge, der Wattzahl und Umdrehungen ist Vergleichbarkeit in ungeahnte Regionen vorgedrungen. Was heißt heute schon intim? Durch strava et al  ist die Kampfzone ausgeweitet worden, Instrumente sozialer Kontrolle im Namen individueller Freiheit. Sicher:  solange man Souveränität darüber wahrt, kann man Daten zum eigenen Wohl einsetzen. Beispielsweise, um den  Erhalt der Leistungsfähigkeit zu verstehen, dem zentralen Anliegen von Friel. Sein Buch erklärt die Mechanismen des unweigerlichen Alterns und Prozesse, die man dabei aufhalten kann. Die Basis ist einfach : gesund leben.

Die Notwendigkeit einer gesunden Lebensführung kann man als trivial abtun – also Schlaf, feste Tagesstruktur, kontrollierte Ernährung ; wenn man seine Zeit an Supermarktkassen sinnvoll nutzt, ist aber letzters ein häufiges Problem meiner Umgebung.

Und diese ist doch eher repräsentativ: regelmäßige Einkommen, Wohneigentum, mindestens ein Fahrzeug, geregelte 40h-Wochen. Die Mitte der Mitte. Menschen, die eine gewisse Freizeit haben, vor allem aber eine Wahl treffen können. Eine Auswahl , die auch da ist. Noch nie gab es so viel gute frische Ware (Obst, Gemüse, Biofleisch und Fisch) für so wenig Geld. Gilt leider auch für die Türme von Süßwaren, Hasen, Bären, Weihnachtsmännern. Die beste Schokolade (81% Kakao) ist eine der Billigsten.

Seht auf eure Kassenbänder: die von Joe Friel gepriesenen wertvollen Proteine finden sich in der Minderzahl. Es gibt sehr gutes Brot in Deutschland: sie nehmen Aufbackware. Es gibt Biolachs – wir wählen Fischstäbchen. Der Metzger verkauft frische Leber aus eigener Schlachtung: da tuts auch das Minutenschnitzel paniert usw usw. Wir wissen es eigentlich.

Der andere Aspekt ist Training mit hoher Intensität. Hohe Intensität ist, je nach Individuum, eine knifflige Variable. Für den Ex Wettkampfsportler eine völlig andere Größe als einen Hobbysportler, sie beginnt aber irgendwo um 80% der Puls- Maximalfrequenz. Seit Erscheinen des Buchs (2015)  gibts immer günstiger werdender Pulsuhren. Der Puls ist die Kennzahl, die am schnellsten, leichtesten und billigsten ermittelt werden kann. Damit läßt sich gut arbeiten, denn Ruhepuls und Maximalfrequenz sind schnell ermittelt. In welchem Trainingsbereich man sich bewegt ebenfalls. 312 Seiten, Covadonga Verlag  –

Ende des Seminars – ich muß noch weiter.

Bei 120bpm begegne ich den Wegmarken meiner letzten Fahrten. Es gibt viele Möglichkeiten, sich dem Olymp zu nähern, diese hat die wenigsten Hindernisse.  Jetzt versuche ich mich an den Gang zu erinnern, mit dem ich den Feldberg anging.

am8Kaum bin unter der kleinen Kirchturmuhr durch, finde ich mein Ritzel  – hinein in den Tann. Die Prüfung beginnt.

Von dieser Seite sind es noch 450 Höhenmeter, der (eher flache ) Gipfel liegt auf 870m. Kein Alpenpaß, aber ein ordentliches Stück Gefälle, weit und breit das längste, fürs Bergtraining fahren einige ihn auch zweimal. Auf große Pässe trainieren. . . . lange war dieser Berg Teil des Rennens Rund um den Henninger Turm, das auch Merckx einmal, 1971 gewann.

b1Heute fährt mein persönliches Eddy hinauf und ich und koste die gleichmäßige Belastung am Berg aus. Bergfahren ist auch Genuß, man sitzt aufrechter, muß sich nicht mehr in den Wind krümmen, ein gleichmäßiger Rhythmus von Tritt und Atem ist alles . Ein flanierendes Ehepaar wird eingerollt ;  gleichmäßig weiter durch frische Tannen zum Sandplacken, dieAbzweigung zum letzten Teilstück.

Es geht 90Grad rechts ab, der wird Weg schmaler, der Verkehr dichter. Oldtimer, Reisebusse und mehr Motorräder. Motorräder, die sich in der Abfahrt schonmal verschätzen und dem Bus nur noch in den Graben ausweichen können. Geht sehr schnell.

b2Wanderer mit Stöcken und Rucksack (samt schlurfend folgenden Kindern). Es gibt einen Taunusklub, ich habe schöne Landkarten.  Mountainbikes schießen durch die Nebenpfade, Busse drängeln: und glückliche Radler schießen vorbei.

b3Der letzte Teil fordert, aber bald kommt in einem letzten großen Schwung die Rampe zum festungsartigen Gebäudekomplex auf dem Gipfel. Ein Photograph mit zwei Assistentinnen packt den Reflektorschirm in den alten PostVWBus ein, andere parken servojaulend glänzende, schwarze Wagen aus. Wie eine Herde dunkler Ameisen reihen sich die Tanks der Motorräder aneinander, ihre Piloten in Lederkluft hocken beeinander, grüßen sich, smartphonen und sprechen ins Unsichtbare.

b4Durch kleine Schlitze im Tann sehe ich die dieseige Ebene, aus der blauen Milch mit zartem grün ragen ein paar weiße Rotoren.  Ein ganz normaler Tag auf dem Feldberg.

In der Abfahrt kleinmachen, die Kälte kriecht Ende März schnell durch. Dann muß ich falsch abgebogen sein und finde mich in einem völlig unbekannten Dorf wieder. eine Glocke läutet die volle Stunde.

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Jenseits von Training

Ich muß falsch abgebogen sein,  aber der Traktor kennt den Weg aus dem unbekannten Tal, –  grobe Richtung Bad Camberg. Hinter mir prangt der Feldberg von ungekannter Seite   – es geht wieder hinauf und dann nochmals heftig abwärts – Oberems, Wüstems . . Dörfer an den grünen Hängen des Olymp. ich bin jenseits vom Training.

b8Ich segle hinab, andere schießen an der Winde in den Himmel. Die Frühlingswärme ist wieder da. Gleich ist die B8 erreicht, der Wind kommt von der richtigen Seite und die Schleier, die er vor die Sonne treibt zeigen: das war der richtige Tag. Einige genießen schon ein Eis .

b9Ich nehme noch einige Höhenmeter mit und erreiche die Gegend, die sie hier den Goldenen Grund nennen, ein sanftes Terrain . Ich durchquere die Dörfer in ihrer Samstags-Nachmittags-Einsamkeit. Die Stunde nach den Rasenmähern. Stille.

Diese als  Extrameilen, weil ich einem Hungerimpuls nachgegeben habe und ein anderer Ort auf mich wartet. In Villmar/Lahn ist die Marmorgrube, ein Ziel, das seit Monaten auf mich wartet.

Devon, das war vor 400 Millionen Jahren, ein Erdzeitalter vor den Wäldern, die heute als Steinkohle verbrannt werden. Hier in der Grube herrscht absolute Ruhe, Das Eddy lehnt an der Wand, die ein Querschnitt durch ein altes Riff ist. Die sedimentierten Organismen sind dunkelrosan oxidiert, komprimiert, transformiert. Stromatoporen, Foraminiferen,Dinoflagellaten, Korallen, Goniatiten und wie sie alle hießen.

c3Die Stelle in der Gegenwand ist angeschliffen, aus dem eher unscheinbar stumpfen Stein wird Marmor. Die Stille ist auf einmal sehr tief, die Wipfel der Bäume schweben hoch über mir im Blau. Zwei kleine Bruchstücke stecke ich ein. 400 Millionen jahre tiefe Ruhe.

 

 

 

 

 

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Die Ebenen Flanderns – 300

a001„Die Flachheit der Gegend erlaubt keine Ausflüchte. Von Limburg bis Brabant liefert sie ihre Böden dem göttlichen Urteilsspruch aus und akzeptiert ihn. Die Bäume bleiben nach dem Sturm stehen. . . Radfahrer entschlüpfen Häusern, die allein Kamin und Wintergarten behaglich machen. Sie treffen sich morgens – trotz des Regens  – und pedalieren bis zum Abend. Es sind gepanzerte Horden, die von Kälte durchdrungen sind. Grau vor Anstrengung durchfahren sie die Siedlungen ohne einen Laut .

So sind die Flamen.“ (Philppe Bordas)

d10Namur liegt unter mir. Das Bistro „le 500“  auf der anderen Seite der Maas wird immer kleiner, während die Pflastersteine zur Zitadelle unter meinen 25ern durchrollen . Der Café hat geschmeckt und gewirkt wie Dynamit.

d2 Immer neue Randonneure drängten in die Wärme des „500“, um ihre Karten stempeln zu lassen. Vorher sah ich noch den  Benotto Mann davonziehen –  er wird sich nicht lang aufgehalten haben. Zwei Quiche (plus baguette) als Wegzehrung aus der Einkaufsstraße. Die Flasche ist gefüllt. Der Himmel bleibt grau, nachdem die Sonne ganz kurz über Lüttich aufging.

d11

Zweiter Teil des Brevets in dem die Zitadelle nur eine kleine, hübsche Arabesque war, denn es geht gleich wieder hinunter zur Maas und zur Stadt hinaus – genau wie 2014, als es mich den Ravel nach Norden blies. Flandern zeigt sich in seinem kargen Kleid.

Der Ravel ist eine gerade Linie, die langsam aufwärts führt, ohne daß es gleich zu spüren ist. Ein ‚Olländer mit einem Rad in dark purple und bunten geometrischen Mustern auf dem Trikot begleitet mich erst – und dann zieht ein Zug vorbei. Ich passe; mein Magen ist schwer, die erste Quiche liegt quer wie ein Stein und saugt das Blut aus den Muskeln.

d12Ich lasse also ziehen, denke, sie wieder einzuholen, wenn die Beine wieder wollen. Nur die lächerliche Steigung verweigert mir den Gehorsam, denn sie erlaubt kein Tempo. Weiter in der Hoffnung irgendwann wieder, ganz hinten, wenn die Asphaltlinie 500m lang ist, einen bunten Punkt am Horizont zu sehen.

Ein leiser Fluch liegt über der Strecke, dieser Wind bläst von vorn, ganz unmerklich und bösartig zwingt er mich in den Unterlenker. Ich lege einen Zahn zu und bereue sehr bald.

Alles ist grau, die Schlehen, Pflaumen und wilden Kirschen  tragen noch nicht ihre weißen Punkte, kein Duft dringt aus den Hecken. Alles ist grau und ich bin grau. Es ist dumm, einen Zug zu verpassen. Doppelt so dumm, wenn man sich stark wähnt.

Irgendwann sehe ich den bunten Punkt. Mal kommter er näher, mal zieht er fort. Immer wieder Kreuzungen, immer wieder bremsen, schauen, antreten. Dann sind es mehrere Punkte, ganz nah.

d16Um die Ecke und weg – und ein Schild: deviation – Folgen oder nicht?. Ich folge den sieben,acht feuchten Spuren , aber niemand zu sehen. Dieses kleine Rennen habe ich verloren – jetzt navigiere ich auf Sicht –  habe noch meinen magentafarbenen Track, aber seit Lüttich Süd liegt darunter nur eine bernsteinfarbene Fläche, die Basiskarte von Garmin mit ihren zwei drei Strichen. Die Erde ist nackt und namenlos.

d13Dann aber der bunte Holländer mit schwarzen Begleitern von hinten. Sie sind flott, aber kennen Sie den Weg? Keine Zeit für Fragen, ich gebe mich den Hinterrädern und den verschiedenen Waschmitteln hin, die die karge Ebene mit synthetischen Molekülen überziehen.

Es bleibt oben hellgrau und irgendwann stehen wir an einer Dorfkreuzung. Verfahren. Der Kurs liegt irgendwo westlich. Eine baumlose Landstraße steigert des flandrische Gefühl. „Die Flamen rollen im endlosen Verschleiß voran, zwischen Kanälen und Gehöften voller Mélancholie…“.

d15+Wir sind wieder auf dem track, 7 oder 8km Umleitung. In Tienen verabschiede ich mich vom Trio. Für ein Bild: Brauerei und Abtei reimen sich oft in Flandern.

d14Auch die erhoffte Pause ist nicht mehr weit, Oplinter, Neerlinter, Drieslinter heißt der kleine Dreisprung zur Oase: einer friture mit Bier

d18Geschlossen, Aber nebenan bei Robby kann eingekehrt werden – er hat eine Küche, aber keine Friture und auf dem großen Bildschirm läuft kein Sport sondern Flamen singen deutsche Schlager nach.

d17Bei Quiche und gezapften Leffe geht das in Ordnung. Ein volles dutzend Randonneure aus Deutschland wartet auf Kalorien. Manche sehen verstohlen auf mein Bier. Es schmeckt süffig.  Ich entdecke eine andere Flasche im Kühlregal mit unbekanntem Namen; diese Trophähe landet im zweiten Flaschenhalter. In der ersten Flasche ist jetzt frisches Wasser und der Teebeutel aus dem Bistro, der die nächsten Stunden weiterziehen darf. Draußen blüht eine Allee von Zierkirschen.

d15Ganz feiner Regen setzt ein: regenjacke und Leuchtweste in einem. Zwei Stunden bis Sonnenuntergang, noch 120km. Die Kalorien tun ihre Wirkung, diesmal ohne Bauchschmerzen. Langsam verdichtet sich das Land wieder.

d19Noch eine Ansichtskarte von schlüsselfertigen Wohneinheiten. Holland ist auf einmal nicht mehr weit, der Gedanke an Lüttichs Vorstädte erfüllt mich mit paradoxer Nostalgie. Dann gehen die Xenondampflampen an. Die merkwürdige Ähnlichkeit mit der untergehenden Sonne – ein Farbschauspiel das ebenfalls nur einige Minuten dauert, bevor sie in fahlem Orange die nacht durchleuchten.

d20Zwei Randonneure beim Pannendienst: alles ok, der mantel ist entfaltet. Vorsicht also, Nässe und Split sind keine Freunde des Gummis. Hinten 25, vorne ein uralter Blizzard in 23mm – etwas dünn für die Betonfugen und gepflasterten Randstreifen, durch die sich Radfahrer in Flandern und Holland bewegen dürfen. Ihr Reservat sind mediokre Randstreifen, auf denen sich alles sammelt, der Split,die geborstenen Rückspiegel und zermahlene Reste von Radzuierblenden; manchmal auch Bierflaschen.

d21Es ist dunkel und Beringen erreicht. Der  kleine Tankstellencontainer nennt sich popup store, die Auswahl an guten Kalorien ist gering, dafür wird mein Snickers mit einem schönen Lächeln quittiert. Die Straße glänzt, Autos rauschen vorbei.

d22In der nacht sehe ich zwei Fördertürme im Scheinwerferlicht. Dann gehts es wieder über einen Ravel – weiter vorne tanzt ein rotes Lämpchen ohne näherzukommen. Hier und da ein kleiner Schlenker zuviel: ich muß an Kreuzungen besser aufpassen. Alles sehr odentlich hier. Bin ich  wieder in Holland? Die Nummernschilder sind belgisch und wieder regnet es und hinter mir kommt ein Licht näher. Gut.  Das kleine Navi hat wieder eine vollwertige Karte – Deutschland nur 50km Luftlinie entfernt.

Wir schließen uns zusammen  kurz bevor es durch einen dichten Wald geht. Das gibt mir einen Ruck und zwei Lichter sehen mehr als eines. Der Mitfahrer ist jung, wir unterhalten uns auf englisch und ich verstehe: er hat einen Schleicher und ich habe eine Pumpe, eine kleine goldene Pumpe. Sie funktioniert. Weiter zu zweit. Dann eine ganze Gruppe hinter uns sie saugt uns auf, die Wärme tut gut , alles geht plötzlich wunderbar leicht in unserem Laternenzug. KM 271. Wieder der Schleicher, die Gruppe zieht weiter. …

campin8

Kurz vor der großen Autobahnbrücke über die Maas habe ich ihm meinen Ersatzschlauch gegeben. Ich will nicht mehr stehenbleiben und frieren, auf dem Deich bläst der Wind und ich muß nach Hause. Der Zuckerspiegel sinkt. Da, wo dieser Kurs auf den Kurs des 200ers trifft, gleich am Maaskanal ist es laut Kirchturm 22 Uhr. Ich muß an die Gummibärchen vom letzten mal denken und daran, daß eine schöne volle Tüte tropischen Fruchtzuckers sicher im Auto liegt. jetzt ist es nicht mehr grau, sondern schwarz. Keine Englein,die da von den Lichtmasten singen.

campin3

Die letzte Stunde auf dem Rad ist namenlos. Die Schmerzen sind da – nicht in den Beinen: in den Handgelenken, dem Nacken, den Schultern. Beim Schalten blitzt es vom Hals hinunter in den Rücken. Bergab lasse ich freihändig rollen und richte mich auf. Dehnübungen, Lockerungen, Drehungen. Der Tritt ist leer. Immer wieder zwinge ich mir den guten Rhythmus auf. Jetzt kommen die schwarzen Erinnerungen. Auch an Paris Brest, als die Hände langsam taub wurden. Dinge, die man verdrängt, Erlebnisse, die von anderen Erlebnissen überschrieben wurden, in den Keller des Bewußtseins verschoben.

Dies ist ein kleiner 300er, aber gefeit ist man nie. Fringale, Hungerast, das schwarze Loch. Ich schreibe das, weil es so gern vergessen wird und weil ich es bald vergessen muß. Distanz und Befinden sind nicht miteinander verbunden, es kann einen immer erwischen. Bei einem Brevet spielt man auch mit dem eigenen Abgrund.

Es geht um nichts, keine Gefahr im Verzug. Nichts steht auf dem Spiel – eigentlich ist es ein Spiel. Aber verlieren tut weh. Ich steige nicht ab, auch nicht am letzten Anstieg, dem Wilhelminaberg, dem Anstieg, an dem zum ersten mal heute das 28er Ritzel meines frischen Schraubkranzes aufliegt. Flandern hat mich gestraft.

d23Wie fürs Weihnachtsfest sind die Bäume illuminiert, drinnen in der Halle warten abgestellte Räder auf den Nächsten, der von der Strecke kommt. Es sind noch einige.

23.März 2019

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