Neue Wege zum Ruhm

aa4Um auf dem Rennrad berühmt, reich, oder vielleicht beides  zu werden, sind Extremdistanzrennen eher ungeeignet. Diese Menschen sind zu unsichtbar, zu selten und verstreut. Man wird sie kaum wahrnehmen, vor allem kaum darstellen können.

Genau das war irgendwann auch das Problem der Tour de France. In den ersten 20-30 Jahren fanden Etappenstarts gegen 3h30 morgens statt, damit die Strecke von 300 bis 400km an einem Tag bewältigt werden konnten. Die Reporter warteten an den Kontrollstellen, einige folgten den versprengten Fahrern per Auto.

aa5Solange ein Bericht zum nächsten Morgen in der Zeitung stand (die ja die Tour de France organisierte), war das kein Problem. Als dann Radio und Fernsehen folgten, schrumpften die Etappen, die Liveübertragung begann am frühen Nachmittag. Das eigentliche Rennen richtet sich inzwischen nach den Sendezeiten, Starts finden in voller Mittagshitze statt. . .

Fahrten oder Rennen über extreme Distanzen sind ein Gegenentwurf.  Es beginnt bei den Randonneuren, die zwar keine Rennen fahren, aber doch Strecken und Zeiten vergleichen und geht bis zu den Ultradistanzrennen, den Kindern des GPS Zeitalters. Beide verbindet sie der Glaube an die große Distanz, weil erst dort individuelle Leistung richtig zur Geltung kommt.

Die Möglichkeit dieser Rennformen sind bekannt: sie stammen aus den Anfängen : vor 1890!

Nun fand das TCR zum siebten male statt, diverse Länderdurchquerungen schon seit Jahren. Zeitungen geschweige denn Teams von Fernsehkanälen  sind nicht dabei. Was wissen wir von ihnen? Wenn man es genau untersucht erstaunlich viel. Die Teilnehmer führen Buch. Über twitter, über strava über spezielle Plattformen, mache über Blogs.

DSCF0939Es ist kaum Geld in die Veranstaltung involviert, Preisgelder schon gar nicht. Es ist eher so, daß es um das Minimum an Support und Struktur geht und reiner Selbstversorgung. Die mediale Struktur, die nicht mehr als Folge sondern (pervertiert) Voraussetzung für Ruhm, Aufmerksamkeit und Geld ist, fehlt darum.

Das Verhältnis Anstrengung zu Aufmerksamkeit kehrt sich um: Die Leistungen der Mitstreiter sind gewaltig, ihr Mediengewicht winzig. Es muß einem dazu nur klar sein, daß auch der 150te Teilnehmer des Transcontinental Race mehr Kilometer und mehr Höhenmeter in kürzerer Zeit bewältigt hat, als ein Sieger der Tour de France. Als jeder Sieger der Tour de France – ohne dessen athletische Fähigkeit in Frage zu stellen.

aa2Dennoch verschwinden diese Rennen und Sportler nicht im nichts – es gibt neue Wege zum Ruhm. Es gibt neue Formen der medialen Erzählung, feinere, klügere, direktere.

So wird immer mehr sichtbar vom Everest des Sports, der sich zum Beispiel transconrace nennt.  Tracker,  GPS-navigation, microcameras,  die Smartphones von Freunden, Zuschauern und Teilnehmer, die Kameras einer Handvoll Fans an den Kontrollpunkten . Wir bekommen von ihnen Bilder aus verschiedensten Quellen.  Wir sehen die Schnitzeljagd von strava, sogar die Wattmessung in Echtzeit.

aa3Da entstehen wirklich neue Formen des Erzählens,  ohne Embedding oder Medienpläne. Ohne Pressestäbe und Wortbausteine. Wozu auch. Niemand fährt von Paris nach Brest, um ein Produkt zu preisen. Es sind beinahe private Formen, die mir eine ganz andere Art der Identifikation ermöglichen, eine viel persönlichere Art von Ruhm. Der Ruhm des Kristof Allegaert, der Ruhm der vielen anderen Starter und Abenteure und Sportler, denen wir ein Gesicht und unsere Sympathie geben können. Uneingeschränkt.

Je lauter und gleichgeschalteter die „alten“ Medien sich mühen, das Podium in unseren Köpfen zu besetzen, desto interessanter werden dotwatcher und freie Beobachter. Erst so wird das Potential unserer neuen digitalen Welt ausgeschöpgft. Als frische, neue Quelle für die Abenteuergeschichten unserer Zeit. Für einen Ruhm der mit dem , den wir sonst verkauft bekommen wenig zu tun hat.

 

 

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Der späte Sommer ist groß

a01Die Sonne kommt einen Baum später um die Ecke, die Simse werden langsamer bunt –  rosa, orange, sonnengelb. Es ist die rechte Zeit, die Brevets sind vorbei, doch der späte Sommer erlaubt noch ausgedehnte Abenteuer. Die Fahrt nach Schwaben soll als Ernte dienen.

Vor der Fahrt nach Süden noch das Rad präparieren. Reifen, (also Mäntel) beim Profi bestellen. Rolf Gölz führt einen Palast für Räder, ich besorge mir darin zwei 25mm Grand Prix, nicht die Über-Grandprix, aber immer noch hergestellt in Korbach. Damit rollt das filigrane aber knochige Raleigh record ace eine deutliche Spur elastischer. Dann den legendären Sattel drauf: der Flite. Für alle Menschen,  die sich in Sattelkunde üben, brauche ich dieses Moell nicht vorzustellen. Für die übrigen sei erwähnt, das der „Selle Italia flite“ der erste „magere“ Rennsattel war, bei dem man die Führungen seitlich erkennen konnte. Heute sehen alle Sättel mager aus, ganz wie die Profis.

Ein, zwei Einstellungen, Proberunde inklusive Schotterpiste. Dann ist das Schutzwachs von den Reifen gerollt und die Position gefunden. Alsdann für 250km plus Übernachtung und Rückkehr noch die Apidura angeschnallt. Kleine Tasche vorn für wertvollere Sachen.

a11Die Fahrt

ist bekannt und beschrieben, sie steht seit 2014 im Kalender. A- Wiesbaden – Worms- Speyer – Rot – Ubstadt- Illingen-Z.

Nach wie vor gibt es mögliche Varianten der Route, die Hügel der ersten 70km erlauben Alternativen. Mit Zeit kommt vielleicht Weisheit. So flach wie möglich bis Wiesbaden. Grund ist einerseits Gepäck, andererseits Erfahrung: bis der körperliche Motor richtig rundläuft dauert es eine gute Stunde, das muß ich akzeptieren. Eine gleichmäßige Steigung schont die Kraft mehr als eine kurze heftige usw.

a2Die eigentliche Schwierigkeit sind immer die letzten 50km. Vor allem: die 200km davor so zu fahren, daß einen noch das Gefühl von Frische, Lust und Unbeschwertheit umweht. Solche morgendliche Frische konservieren.

Die Hochdruckbrücke

liegt als Band von Nordfrankreich bis Moskau über uns. Eine sehr stabile Lage, der späte Sommer ist groß. Leichter Ostwind vorgegeben, Temperaturen von 10 bis 30 Grad, wobei die Morgenkühle das kleinere Übel ist. Lösung: zwei kurze Trikots übereinander, das dünnste  drunter, das dunova (TM) kommt später beim Stop in Mainz in die apidura Tüte. Gut essen, gut ausruhen – kurz nach 6 wache ich von allein auf.

a10Eine halbe Stunde danach genieße ich grünen Tee und denke an nichts. Eine handvoll Spatzen durchkämmt die Büsche.

a3Eine Stunde später rolle ich durch den goldenen Grund. Schwalben üben schon.

a4Zwei Stunden später nehme ich den letzten schärferen Anstieg hinter Niedernhausen und sehe einem kleinen, schmalen Cabrio hinterher. Fast so schmal wie ein Rad.

a5In Mainz biege ich auf die Nord SüdStrecke, die B9. Ballons grüßen unter der massiven Bahnbrücke.

a6Erster Kaffee und Vorräte in der beliebten  Tankstelle. Weiße Flugzeugbäuche von unten – auch schön. Dann in Sommerkluft weiter mit 1 Putenbaguette auf der Hinterbank und dem fetten Croissant im Bauch. Meine Zeit ist gut, das Körpergefühl auch. Es geht am Rhein entlang, der Sonne entgegen.a7

Nennt es flach und eintönig, ich mag diese lange Allee durch die Weinfelder. Richtung Pfalz grüßen sehr träge ein paar Windräder, links von mir schimmert manchmal der Rhein. Im guten Rhythmus nach Süden. Ich weiß inzwischen, wie ich durch Worms komme und Frankental (ohne an einem Autobahnschild zu scheitern).  Aber.

a9Aber immer noch nicht, wie es geschmeidig an Ludwigshafen vorbei geht,-  mittlerweile gibt es hinter Oggersheim einee Idee.  Felder! a91

Ein Mann hockt hinter dem Anhänger im Schatten und sieht auf sein Smartphone. Die 30 Grad sind überschritten, hinter den Wassersprengern sehe ich eine Menschenkette auf dem Feld. Sie bücken sich nach Radieschen (40cent der Bund) und rufen einander mit Worten, die ich nicht verstehe.

DSCF2644Hinter dem Wald geht es zurück in die Siedlungen: Maudach, der Sonne nach  – bis an eine Kreuzung, die mir bekannt vorkommt: von weitem Zypressen und eine Reihe Pinien. Am Rand des Gewerbegebiets hat sich ein Unternehmer einen Pinienhain geschaffen, direkt an einer Umgehungsstraße.

Mittlerweile bin ich ortskundig:  den Kirchturm von Rheingönnheim erkenne ich wieder. Mit Freuden, denn genau dort endet das Ludwigshafen Syndrom. Alles umgangen: Bahnlinien, Zubringertrassen, Fußgängerzonen, Kriegerdenkmäler, TediShops, Kioske, Dönerproduktion, Hochbunker in Pastell . fort, fort fort.

Waldsee! Die Wespen umsummen den Mülleimer vor dem Eiscafé. Ich genieße drinnen, im Schatten und stehend.

a93Eis doppelt, espressso doppelt

Pistazie (4ier Euro das Pfund ächt!) und Limonello. Neues Wasser in den Bidon „nix ausse die Kran, die Flasche verde!“  – grazie mille und hop. Sonnige Seite.

a95Speyer mischt in der Bodenspekulation mit. Das deprimierende Ergebnis sollte knapp vor der Hochwasserzone liegen.  Sie sprechen dan ganzen Sommer schon von Angeboten an bezahlbaren Mietraum. Sagt einer, wir schaffen das? Dahinter das lange Schiff des Doms.

a96Ein Mittelalterfest lockt Unmengen von Verkleideten an. Der Schweiß fließt unter den Ritterkostümen in Strömen. Schwebt vorbei eine luftige Fantasiegestalt auf Spezialschuhen. Das Mittelalter ist ein Airbrushgirl auf einem Bike-tank. Die Langeweile treibt uns jedes Wochenende vor sich her, der Rhein fließt ruhig vorbei.

ich rufe: „um 14h ist Hexenverbrennung“ Es würden abertausende kommen – wie damals.

Jetzt der schärfere Teil: auf der anderen Seite vom Rhein ostwärts.

b1Dem Wind entgegen. Vorteil heute : nicht im roten Bereich gefahren; jetzt in der heißen, öden Ebene werden die Reserven gegen den Wind gebraucht. Vor allem gestreckt sitzt sich der schmale flite gut. Kurz hinter Rot /St Leon kenne ich noch einen dm-markt. Zeit für mein handwarmes Putenbaguette, neues Wasser und Fruchtzucker.

Es sind hier noch nicht ganz 200. Dort hinten die B3, das Kraichgau, seine Abfolge kleiner Wellen, rosiger Kirchtürme mit exakt eingestellten Uhren und solidem Straßenbelag.

Samstagnachmittag. Unentwegt überholen Automobile mit Explosionsmotoren. Eine Kolonne in Frankfurt zugelassener Cabrioletts zeigt, daß auch andere hier zu ihrem Vergnügen unterwegs sind. Bald müßt ihr zurück auf eure Mietstellplätze dicht am RheinMain Airport.

b2Ich sehe mir die Obstbäume an, kein gutes Jahr hier – da hängt nicht allzuviel. In meinem Gepäck waren einstmals zwei saftige Pflaumen, die im trikot wunderbar nachgereift sind, alle hundert Kilometer eine. Jetzt ist nur noch MagnesiumVitaminpulver übrig. Ein Scheißzeug, das selbst dann bläht, wenn ich es in der Trinkflasche ausperlen lasse. Trink weiter Genosse, solange das große Blatt drauf ist, hast Du kein echtes Problem.

 

b3b4Öwisheim, Gochsheim, Flehingen, Derdingen: die alten Strecken rücken näher. Die Felder und Kirchtürme im Wechsel, dazwischen Flagschiffe lokaler champions.

Trockenes grün, nicht verdorrt. Der Sommer war gut, der Spätsommer noch besser. Beethovens 7te mit Michael Gielen. Beethoven ist immer draußen dabei.

Dann die Schwierigkeit des Tages, die Rampe nach Sternenfels. Lieber im 26er modus. Das Kraut hier riecht satt anders, und es gibt Grillen, die mich mit ihren Rufen anfeuern und den Schmerz erträglich machen. Ich bleibe sitzen, der 653er Rahmen mag es nicht, wenn ich aus dem Sattel gehe, achtern wirds dann unpräzise.

Das schöne an dieser Wiederholungsstrecke ist nicht nur die Zeit, die schneller vergeht – bei den Bäumen grüßt man alte Bekannte. Es sind auch die Vergleiche. Da läßt sich die eigene Form ganz gut „lesen“. Selbt wenn das Kapitel Paris Brest im eigenen Jahrbuch fehlt, war das heute eine schöne Fortsetzung. Die Form hätte gereicht.

b6Geschafft : Weinberge, gepflegte Kleintraktoren, versprengte E-Radler, viel Grün vor satter Krume. Die Freunde warten -es wird ein schöner Abend.

b7Die glocke läutet ihr helles As.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Also im kleinen

 

 

 

 

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Paris-Brest 2019 – Zieleinlauf

Die Blitzkuriere sind schon seit einem Tag dort, nun kommen Stück für Stück, Ort für Ort  die Nachrichten der regulären Truppen über den Tracker.

bpb finaleFür alle, die sich seit mindestens zwei Jahren auf das große Ereignis vorbereitet haben, ist es nun vollbracht. Was den Einen eine Pflicht(plus gutem Ergebnis) ist, wird für andere zur Kür, zur Reise ins Unbekannte, unter die 90 Stundenmauer hindurch. Manche nehmen die Zeitgrenze sehr wörtlich. Aber dazu später, mein lieber Roy.

In der Kurvendiskussion gibt sich auf der Rückreise ein fast schon chaotisches Diagramm. Wenn die Kurve steil abwärts geht ist das immer Zeichen für einen Stop am Ausgangspunkt oder eben dazwischen. Das Schlafbedürfnis nimmt zu und wechselt je nach Strategie. Bei Jan Heine, der mittleren blauen Linie c091, sehen wir noch die höchste Gleichmäßigkeit, mit einer zum Ende hin abfallenden Geschwindigkeit . Relativ konstantes Tempo, kurze Ruhepausen, hohes Grundtempo ist meine Erklärung.

bpb finaleNun die kandidaten mit dem 84h Limit. Die Goderian U 060 Strategie ist nicht bekannt. Nach recht flottem Start mit 20plus Mitteln bis Brest, ist die Geschwindigkeit um die 17kmH bis Tinteniac2 geblieben. Dort ganz offensichtlich Erholungspause und dann wieder an das 20kmH niveau zwischen km 900 und 1100. Möglicherweise Pause in Dreux, kurz vor dem Ziel, danach Austrudeln.

Bei fast allen übrigen teilnehmern geht die Geschwindigkeit auf diesen letzten 50km zwischen Dreux und Rambouillet deutlich aufwärts. ob aus Zeitnot, oder weil noch Reserven übrig sind. Der Stalldrang.

bpb finale b

Bei X146 würde ich von Reserven ausgehen: die gesamte Route war mit festen Übernachtungen eingeplant, kein Biwakieren am Straßenrand, wie es immer weider in bildberichten über PBP zu sehen ist. Das zahlt sich aus, wie man sieht. Trotz eines Vorderradwechsels geht der Plan mit etwas über 75 Stunden auf.

Nachdem die gelbe Linie von Randonneurdidier seit Carhaix 2 nicht mehr fortgeschrieben wird, ist j316 – eine Felbezeichnung für Roy, der in Wahrheit J317 heißt, mit gemächlichem aber stetem Tempo im Plan. Hinter Tinteniac geht es auf fulminante 17,5 kmH Duchschnitt – vielleicht weil das Zeitlimit für die einzelkontrolle erreicht werden muß, vielleicht weil er deas Hinterrad von X146 gefunden hat, vielleicht weil er  Zeit gut machen muß, die er bei erster Hilfe an der Strecke verloren hat.

Umso schöner, daß er (Roy) mit 90h00min 02sec eine Punktlandung hingelegt hat. Davon wird sein Meral noch lange erzählen.

 

 

 

 

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Paris-Brest 2019 – der Weg zurück

Der Weg zurück. Auch der trainierteste ExtremUltradistance Radsportler fährt nach 600km langsamer als zu Beginn, da gibt es zwischen den Teilnehmern keinen Unterschied.

Das Profil von Paris Brest ist wellig, sprich, es gibt kaum wirklich lange, gerade Flachstücke wie in der norddeutschen Tiefebene. Der Rhythmus des Auf- und Ab wechselt, manchmal, wie hinter Tinteniac oder Loudéac geht es auch für ein paar Kilometer bergauf (oder auf den Roc’Trevezel). Nicht unbedingt leicht, da einen guten Rhythmus zu finden, auch die Gruppen zerfasern allmählich, der einzelne ist immer mehr auf sich und den kampf mit der Ermüdung gestellt. Hier kommt es zu Varianten.

 

bpb0

 

Ein wirklich schneller Fahrer wird auf der großen Fahrt irgendwann recht konstant zwischen 22 und 26 kmH Durchschnitt fahren, der großteil des Feldes bewegt sich auf den letzten 500 Kilometern kaum über 20 Durchschnittskilometer.

Das richtige Verhältnis von Auslastung und Erholung ist ganz entscheidend und sehr individuell. Offenbar kann ein sehr willensstarker Fahrer auch übermüdet kaum viel schneller als 15kmH sein. Da „lohnt“ sich der richtige Erholungsschlaf schon nach weiteren 100km.

bpb01Im gemischten Diagramm der übrigen Rückkehrer sieht man die Wirkung der Erholung sehr schön bei X146, Christoph Marner. Nach seiner Übernachtung in Loudeac fährt er an die 20kmH, was den anderen Normalsterblichen nicht mehr gelingt.  Ganz anders liegt der Fall Kolbinger/Lenhard . Für ihre Verhältnisse nur mittelschnell gestartet, scheinen sie es gemeinsam gemütlich oder unterhaltsam angehen zu lassen und sich auch entsprechende Pausen zu gönnen, der Preis des Ruhms.

Ihre Kurven sind nicht repräsentativ sondern rein anekdotisch.

Hinweise kann man aus den anderen Graphen gewinnen. Die superfitten kommen bis Brest ohne Schlaf aus, manche sogar länger.  Eine Mütze Schlaf nehmen oder ein paar power naps. Andere haben Hotels gebucht und Schlafen nachts gleich 5 Stunden. Jeder nach seinem Gefühl.

bpb02Ich habe einmal drei schnelle Fahrer zusammengefaßt, wobei A085 und C149 auf gleichem Niveau fahren und in einer schnellen Gruppe gestartet sind. Z022 ist schon mehrfach PBP gefahren und startet einzeln in einem langsameren Block, das heißt er wird nicht von den 40plus geschwindigkeiten profitieren haben, die in den ersten drei vier Sartblocks über hundert km gehalten werden.

Wissenschaftlich interessant ist, wie dennoch die leistungskurven von Z022 und C149 parallel zueinander verlaufen – möglicherweise ein Alterseffekt, der gute Rückschlüsse erlaubt: bei sehr guten und konstanten Fahrern wird sich recht genau berechnen lassen, um wieviel ihre Geschwindigkeit über die Distanz hin sinkt, wieviel Zeit sie also brauchen werden.

bpb02A085 ist die Ausnahme, die möglicherweise die Regel bestätigt. Auch hier handelt es sich um einen austrainierten, erfahrenen Sportler, der zu den schnellsten seiner Zunft gehört. Berlin-Wien-berlin oder die Transcimbrica Ergebnisse sprechen für sich.

Defekte einmal ausgeschlossen überrascht mich die (sehr relative!) Ungleichmäßigkeit. Möglicherweise ein streckenweise zu hohes Tempo? Möglicherweise nicht völlig erholt begonnen ? Beides Dinge, die sich unweigerlich niederschlagen. Jedenfalls ist die Temposteigerung auf den letzten 300km ist sehr auffällig und deutet auf eine gelungene – und vielleicht notwendige –  Erholung hin. Wir werden es erfahren.

Heute (210819) beginnt für alle der letzte lange Tag auf dem Weg nach Rambouillet.

 

 

 

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Halbzeit in Brest – PBP 2019

Es ist ein milder Spätsommer, die Wolkenbänke ziehen vorüber, manchmal gibt es einen guten Schauer, die Sonne wärmt, aber sie brennt nicht mehr. Sehr gut für alle, die bei diesem Wetter nach Brest unterwegs sind. Ein milder Gegenwind, frische Nächte und sattes Grün in der Bretagne.

a pbp 1Den lieben Zuschauern daheim bleibt nur das auffrischen der Homepage um aus der Ferne dem Geschehen zu folgen. Seit der letzten Ausgabe gibt es ein Zeitnahmesystem, bei der jeder Teilnehmer von Paris-Brest-Paris einen eigenen transponder mitführt. An jeder Kontrollstelle wird die Lichtschranke durchschritten. So verfolge ich ein ganzes Panel bekannter Namen.

Da ist der schnellste Mann von 2015, Björn Lenhard. Dann die TCR Gewinnerin Fiona Kolbinger. Der Randonneurs-Apostel Jan Heine, der in Seattle unermüdlich die Lehre vom breiten reifen verkündet. Und die Freunde aus dem Rennrad Forum, Leute, die man auf den diversen Brevets als feine Menschen kennen und schätzen glernt hat.

a pbp2So habe ich mir wie ein Grundschüler ein kleines Diagramm gebastelt  (mit Fehlern), in denen ich die Entwicklung der Durchschnittsgeschwindigkeit nach Brest festhalte. Die Schnellen und die weniger schnellen auf einem Diagramm – einfach, damit klar ist, mit welcher Leistungsbreite die über 6000 Teilnehmer unterwegs sind.

Drei Strategien lassen sich gut unterscheiden:

Nehmen wir als erstes Beispiel den Franzosen Denis Moran. Er behält über 300km bis Fougéres einen Schnitt von über 30kmH. Vergessen wir nicht, daß er sehr wahrscheinlich in einer sehr guten Gruppe unterwegs ist, die von einer kleinen Gruppe von betreuern begleitet wird –  schenken wir also 2, 3 kmchen. Aber in 20h43min brest erreichen zeigt, wo die Decke ist. Geschlafen hat der Mann sicher nicht, gegessen nur auf dem Rad..

a pbp2Bei allen übrigen könnte es anders sein. Die Kurvenknicke zwischen Carhaix und Loudeac deuten auf ein allgemeines Pausenbedürfnis: wen wunderts. Hier reden wir vom ebenfalls schnellen Jan Heine, der nach 25h Brest passiert hat, die von 30 auf unter 25 gesunkenen Durchschnitte  markieren auch eine Grenze: die zwischen den Allerschnellsten,in der Spitzengruppe mit Betreuung und den Schnellen, die auf sich allein getellt fahren..

Flott sind alle, die bis Brest einen schnitt von knapp 22-25 halten können, so wie Chris Marner oder Mario Kaden -X146 , U060 – trainierte Fahrer klassischer Rennräder.

Schließlich sehen wir in Roy D. und Dietmar Clever (randonneurdidier) das Beispiel routinierter , gleichmäßiger Fahrer, die unterwegs schlafen und auch mal in einem Café Mittag machen.Value for money.

Eine ganz andere Strategie zeigt die dünne Bleistiftlinie des Routiniers Ivo Miesen, der in einem Tempo, wahrscheinlich mit vielen Gesprächen und regulären Pausen sein n-tes PBP abspult. Sicher trägt er mindestens 3 Kg Kameraausrüstung beis sich und fährt mit 4 Taschen.

a pbp 3Ziel ist : Rambouillet in 90h schaffen, die Sache meistern, der Rückweg ist lang.

 

 

 

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200 und die Folgen

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Bild: Roy D.  J317

Wenn man so die Eckdaten hört 1200, 4000 km auf dem Rad, ohne größere Pausen, dann ragt man sich doch nur: wie machen die das eigentlich? Gehts mit rechten Dingen zu? Aus der Sicht des rechtschaffenen Radlers, der so in der Woche seine 30km rollt (wenn es hoch kommt) sind das berechtigte Fragen. Die schiere Größe der Zahl läßt Teilnehmer des transcontionantal race als bewohner einer anderen Galaxie erscheinen.

Es geht über die Vorstellungskraft hinaus, weil der Alltag eines homo faber dafür so wenig Anhaltspunkte gibt. Das liegt aber vor allem daran, daß der Alltag der Allermeisten ein Rad nur als Nebensache, als Wochenendheroismus zuläßt. Das kann jeder für sich entscheiden. Schon ein Pendelpensum von 30km täglich würde diese Sicht modifizieren.

Paris Brest steht vor der Tür. Diesmal bin ich nicht dabei, auch wenn die Qualifikation möglich war: ich habe nicht gemeldet. Ohne weit in diesem Logbuch nachzuforschen, (was ohnehin kaum vorkommt), kann ich mich doch sehr genau an sehr vieles erinnern. Paris Brest 2015 ist wie ein großer Film auf der internen Festplatte abgelegt, den ich nicht überspielen will.

Was auch dort eingeschrieben steht, ist der Weg nach Brest. Der beginnt Jahre vorher, dutzende Brevets und Radmarathons früher. Die ausschlaggebende Zahl ist die 200. Für einen auch nur durchschnittlich begabten Radsportler sind 200km bei einem Stundenschnitt von 20kmh eben 10 Stunden – ein schöner (langer) Sommertag auf dem Rad. Diese 200km sind eigentlich die Landmarke, mit der die lange Fahrt, die große Distanz beginnt.

Zwei Dinge sind entscheidend: Muskulatur und Stoffwechsel. Unser Vorrat an „schneller“ Energie steckt in den Kohlehydraten, den Zuckerkombinationen. Mit vollen Speichern fühlen wir uns stark und schnell, nehmen eine Welle nach der anderen und sprinten um die Ecken. Nach 90 Minuten allerdings ist damit Schluß, und wer es auf die Spitze treibt und jegliche Form von Kalorienzufuhr verweigert, der wird schon nach 2 Stunden keinen Maulwurfshügel mehr bewältigen. Der Hungerast hat gesprochen.

Wahrscheinlich gibt es grobe Anhaltspunkte, Trainingspläne und Eckdaten, die den Fortschritt markieren. Nur läßt sich das so schlecht verallgemeinern . Jeder beschreitet seinen eigenen Weg, umso mehr, wenn es um die Bewältigung der längeren Strecken geht. Daher kann ich hier nur in der ersten Person sprechen,  an mir selbst klar machen, was die  benchmarks waren, die Momente, in denen Erkenntnisse wuchsen.

Denn Kalorien nachführen ist längst nicht alles. Bei mir als spätem Neu-Anfänger hat es ein, zwei  Jahre gedauert, dann erst war die Muskulatur da, um  50km nicht zur Folter  für Hände , Rücken und Nacken zu machen – ganz unabhängig vom Tempo. Reden wir gar nicht über 200, sondern darüber, daß nicht nur Beine lernen, sondern  der ganze Körper. 150km in Weinstadt/Schwaben, ca. AD 2011. Eine feine Radtouristik, viele Leute, ich habe das Gefühl, gut mitzuschwimmen. 100km geht alles gut, dank des kleinen dritten Kettenblatts kann ich auf 30×23 zurückgreifen, nach 120km ist mir noch warm; doch nur einen kleinen Anstieg später klebe ich wie Kaugummi an einem Hang und versuche, einen simultanen Krampf in beiden Oberschenkeln wegzudehnen – ich bin gerade noch vom Rad geklickt.

Der Krampf verzieht sich, aber die Beine sind auf einmal weich wie Pudding, da konnte ich herunterschalten wie ich wollte. Ein rettender Engel kam vorüber, eine Dame vom Werksteam Festo muß meinen hilflosen Schlingerkurs bemerkt haben – ich erinnere genau das Trikot des schwäbischen Mittelständlers. Sie gab mir ein Gel und fortan folgte ich lammfromm ihrem Hinterrad. Nach zehn Minuten fühlte ich mich wie neu geboren.

Eine kleine Urkunde erinnert an diese Fahrt, als bleibende Lehre: ein Amateur mit unzureichend trainierter Beinmuskulatur und schlechtem Fettstoffwechsel hat sich brutal übernommen. Er wird langsam lernen.

Ähnlich die Premiere über 200km. Oktober 2013,  Zeitfahren Hamburg-Berlin. Ein Regentief mit Gegenwind aus Nordost war die segensreiche Herbstkombination. Das SNEL mt Schutzblechen ist meine Wahl. Kurz vor Halbzeit, bei Wittenberge, gingen mir wieder die Lichter aus inklusive Krampf. Mein Wille, so lange im Windschatten meiner Gruppe zu bleiben wie möglich, hatte mich letzte Körner gekostet. Der Regen hatte aufgehört, das Wasser stand in den Winterstiefeln und ich kullerte auf dem kleinen Blatt die Kilometer Richtung Wittenberge. Eine Truppe gutgelaunter Leute rollte mich auf, denen das Tempo um die 25 kmh nicht die geringste Mühe zu machen schien. Komm mit rief mir der weißhaarige Häuptling zu, ein etwas älterer, lustiger Knabe. ich aberkonnte einfach nicht folgen, nichtmal geborgen im Pulk. Geduldig kaute ich Nüsse, Rosinen, Schwarzbrot und wartete auf ein Wunder. Und das Wunder,( das keines war)  trat ein. nach ungefähr 40 Minuten waren die neuen Kalorien angekommen und erkannt worden. Irgendwann ging der Umwerfer ganz von allein aufs große Blatt. Bei km 200  – recht genau bei Stölln –  gab es noch einen GelBooster und das Ziel war kein Traum mehr.

b1Und das sind diese 200km, die der Auslöser sind, der Grundbaustein, auf dem alles weitere aufbaut, wie früher in den Fischer-Technik Kästen. Eine Art Tagesschicht des Brevets, die den Körper zum Fettverbrenner domestiziert und ihm die natürlichen Schranken zeigt. Dabei wird klar, mit welchen Dauergeschwindigkeiten zu rechnen ist. Wer über 25/kmh im Schnitt schafft, ist schon schnell, wer es in 10 Stunden schafft, ohne die Stempelkarte auf dem Zahnfleisch abzugeben, kann auch die doppelte Distanz bewältigen . Der Körper hat gelernt.

Wer jetzt an die erheblich höheren Geschwindigkeiten von Amateurrennen denkt, muß im Hinterkopf haben, daß dort im Pulk  – also Windschatten –  über kürzere Distanzen von Athleten im Höhepunkt ihrer Lebensfitness gefahren wird. Kein ganz brauchbarer vergleich,  wenn es um Soloabenteuer über 200km geht.

Nicht daß man nun wie von selbst zum Paris-Brest Finisher würde. Klugerweise haben die Organisatoren eine entsprechende Qualifikations-Serie eingeführt. Das Muster ist vorgegeben: 200, 300, 400, 600 –  die wachsenden  Hürden sind Nachtfahrten und der Umgang mit Schlafmangel.

Da ist wirklich nur noch die individuelle Erfahrung, der eigene Biorhythmus und vielleicht die Tagesform entscheidend. Müdigkeit läßt sich nicht wirklich messen, allenfalls vermeiden.

a pbp royyDie Finisher von Paris Brest, die Abenteurer des Transcontinental Race sind keine Übermenschen, keine Außerirdischen – irgendwo Extremsportler, doch nicht im gesundheitsgefährdenden Sinne. Sie gehen an körperliche Grenzen, aber eher konstruktiv. Es das Ergebnis von Übung und Erfahrung, das Ergebnis tausender Kilometer: gnothi se auton sagt der Grieche.

Und : G288, J117, J126, J317, U060, X146 – das sind die Nummern denen wir folgen.

 

 

 

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Der grüne Himmel

Der Lindwurm wälzt sich durchs Tal: Val dAzun, Juli 2019, die Tour der France stürmt auf den Col de Soulor zu. Auf dem Bildschirm verfolge ich, wie die bekannten kleinen Orte Asson,  Arthez d’Asson und Ferrières im Zeitraffer durchrollt werden.

Unten rechts im Bild erkenne ich den kleinen Hof, in dem ich Schafskäse kaufte. Das Team Movistar reitet seine scharfe Attacke und testet nach Ferrières die Gegner am Soulor. Wartet nur. Wenn sich die Karawane verzogen hat, wenn der Müll eingesammelt ist und die majestätische Ruhe der Berge wieder einkehrt,  werde ich kommen.

Im Frühjahr gab es einen ersten Vorgeschmack auf das Kleinod neben dem Soulor. Einige Serpentinen, die schon einen bleibenden Eindruck machten.

Drei Kilometer vor dem Tour de France  Anstieg hinter Ferrières geht eine kleine unscheinbare Straße links ab,  die man für einen Versorgungsweg halten könnte, der die letzte Höfe erreicht. Es ist die Paßstraße.

Das kleine Schild „col de spandelles“ beweist es. Mitten in einem Grün, das die Sommerglut über dem europäischen (Rest)Kontinent verleugnet,  beginnt einer der Pässe, die alles bietet, was  den Himmel des Radfahrers ausmacht.

Es gibt längere, steilere, höhere Pässe in den Pyrenäen. Dieser ist schwer, vor allem aber abwechslungsreich und schön. Und nur wenige liegen so günstig , doch gleichzeitig so verborgen. nach wenigen Metern scheint die Welt weit, weit weg und die Zeit wie angehalten.

 

Noch in den 1990ern war diese schmale Weg auf Karten als „nicht befestigt“ bezeichnet. Der große Tourmalet war es auf seinen letzten Kilometern bis ca 1983 auch nicht, allein, der Spandelles ist  kein durchgehender Paß gewesen. Noch heute ist er eine Privatstraße, die vor allem von Hirten, Eremiten und der Post genutzt wird. Und von Schafen, aber die kommen erst später.

Erst einmal den richtigen Rhythmus finden,  in den Berg kommen, jedesmal von neuem. Nie ist sicher, ob es Himmel oder Hölle wird. Auf jeden Fall aber wird der kleine Paß in den Pyrenäen eine Erlösung für alle, die ihre Tage in Dagenham, Poissy oder Niehl fristen müssen. „Freiheit, “ sagte ein wallisischer Radfahrer, “ ist für mich, allein auf einem Pyrenäenpaß unterwegs sein. “

Das erste Geräusch, das ich außer dem Bach höre ist ein eher klagendes Quietschen, das Jammern von geschundenem Metall – ich denke kurz an einen Lieferwagen der mit dem Fading kämpft. Ja, der Spandelles ist schmal, bucklig und steil: gerade am Anfang. Der Teer scheint ein patchwork aus  Generationen privater Initiativen zu sein, die Regen- und Frostschäden von Jahrzehnten ausbessern mußten.

Da kommt das Quietschen näher:  zwei Kollegen, die ihre Scheibenbremsen zur Weißglut bringen. Es ist in der Tat sehr unangenehm, hier schneller als 30 bergab zu fahren (oder mit mehr als 10 hinauf) . Das sehen Fahrer der Movistar heute vielleicht anders, nicht aber in 25 Jahren.

Prozentangaben am Weg gibt es nicht: der Staat betreut nur eigene Straßen. Aber Prozentangaben bedeuten nichts, wichtiger ist, ein Auge für den Anstieg zu entwickeln. Mittelsteil, steil, unerwartet steil. Die Geraden an der grünen Bergflanke haben es in sich, hier nicht mehr tun als nötig. Ein Renault in ausgeblichenem Gelb überholt mich – die Post will hinauf.

Die Strecke ist seit dem Frühjahr üppig zugewachsen: alles ist rundum grün überwuchert, Farn, Gestrüpp und Bäume. Dann hinter der Kurve

wird der Blick doch einmal frei auf einen kleinen Talkessel, an den sich Gehöfte schmiegen. Der erste Teil ist geschafft. Die Schafe weiden direkt an der Straße, der Hirte sitzt in seinem Wagen und blickt mir hinterher. Ich durchquere eine ersten Teppich brauner Bällchen. Der Weg beschreibt einen weiten Halbkreis und setzt den Anstieg in kleinen Serpentinen fort, durch die weder ein Laster noch die Tour-Karawane hindurch können. Und das ist doch gut so.

Links und rechts verstreut weitere kleine Hütten. Eremitagen, Sommerhäuser. Giftige Abschnitte, einfach so. Und plötzlich der erste Blick auf ein Straßenstück hoch oben, weit oben am Gegenhang. Es ist heute ideal: leichte Wolkendecke, allemal 25 Grad. Die Luft ist leicht, kein bisschen schwül; das erspart mir die zweiflügeligen Bremsen, deretwegen ich Shirts übereinander trage. Die 29 ist mein größtes Ritzel, rechts unter mir verschwindet das schmale Tal, in das der Bach unten eine Kerbe gesägt hat. Viele tausend Jahre lang.

Ich greife zur Flasche und als ich sie hochreiße, zerschmettere ich damit das kostbare Plastikschild des Raid Pyrénéen. Die Reste sammle ich ein und stecke sie in die kleine Lenkertasche –  Jetzt aber der Linie folgen, nicht aus dem Tritt kommen.

Alle Kraft geht in die Kehren die eng sind und scharf ansteigen , der Spandelles erlaubt nicht den Rhythmus sorgfältig geplanter Paßstraßen. Er ist ungleichmäßig, wild und völlig unübersichtlich. Nur noch fettes, krautiges Grün mit einem ganz bestimmten Aroma aus Farn, Minze und Heu. Hier, wo die Berghänge zusammenrücken nimmt die Steigung ab – ich kann einen Zahn runter.

Links eine Hütte mit rudimentären Stallungen – dorthin werden die Schafe getrieben und gemolken.  Die Straße geht in den Gegenhang, ich kann den Kopf hochnehmen mich umsehen. Die große Erleichterung – tief Luft holen, aus dem Sattel gehen, die Sekunde genießen.

Der Körper vergißt augenblicklich die Pein der letzten Minuten.

Das Wasser kommt direkt aus dem Berg in die Zinkwannen, Tränken für Schafe, die von weiter oben her blöken. Bergwiese und Tannen: alle Gerüche zählen doppelt.  Längst schon kommt der Lohn der Mühe näher, erkenne ich die Schafherde an dem letzten, freiliegenden Abschnitt über mir.

Das ist der Moment, an dem das Ende des Passes erahnt, das Rätsel der Serpentinen entziffert, der Moment an dem klar wird, daß das härteste geschafft ist und noch genug Körner bleiben, um über den Soulor zurückzukommen . . . .

Die Schafe läuten meinen letzten Kilometer ein. Hinter dem Knick wartet die Herde auf mich .

Jetzt trabt sie mir bimmelnd entgegen, lässig passieren die Tiere mich im zentimeterabstand, die Hunde haben die Situation im Griff und traben locker hintendrein . Meine schönen blauen 23mm reifen pflügen durch die nachgelassenen Bollen. Wieder jaulen Scheibenbremsen von vorn. Auf Zehenspitzen beginnen sie die Abfahrt.

Noch eine letzte Kehre – das Ende des Passes ist gnädig. Eine angenehm flache Gerade führt zum Schild. Eine Gruppe Motorradfahrer trifft ein, hier und da Automobilisten, Wanderer und  Radfahrer . Ein Paß gerade unter der Baumgrenze, auf der anderen Seite nichts als Tannen.  Die Pyrenäen schenken nichts, doch sie geben viel mehr.

Schön, wenn der Spandelles bleibt wie er ist. Die Hunde bellen, die Tourkarawane möge über andere Pässe weiterziehen . Mit eingelenkigen 600er Bremsen (gut eingestellt) schieße ich 14km ins Tal –  nichts quietscht, das Snel bügelt härtesten Rüttelasphalt weg. Der Soulor ist daneben ein Boulevard.

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