Der Geburtstag eines Umstrittenen

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29. März; heute ist der 125e Geburtstag von Ernst Jünger.  Vor über 20 Jahren verstarb der Schriftsteller, als Zeuge des letzten Jahrhunderts ist er aber noch so präsent, daß er medial immer wieder zum Thema wird , die Person beinahe mehr als ihr Werk.

Hier eine kleine Fundstelle aus seinem Tagebuch vom 6.März 1942 in Paris. Ein historischer Moment.

“ Mittags mit Mossakowski . . . . Wenn ich ihm Glauben schenken soll, so gibt es in den großen Schinderhütten, die in den östlichen Randstaaten errichtet worden sind, einzelne Schlächter, die so viel Menschen mit eigener Hand getötet haben, wie eine mittlere Stadt Einwohner zählt. Solche Nachrichten löschen die Farben eines Tages aus. Man möchte die Augen vor ihnen schließen, doch es ist wichtig,  daß man sie mit dem Blick eines Arztes betrachtet, der eine Wunde prüft. Sie sind Symptome eines ungeheuren Krankheitsherdes, den es zu heilen gilt – von dem ich glaube, daß er heilbar ist .“

Erkenntnis und Methode.  Wenn nicht alles täuscht, sind wir immer noch/wieder mit der Heilung beschäftigt.

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Mit Fafnir im Hochgebirge – 1 Plagiat

as92Wenn wir in Anbetracht der Tatsache, daß mit dem Frühlingsbeginn die Tage länger werden schon früh in den Wald und also an den Berg fahren um ihn zu bezwingen, nehmen wir uns im Hinblick darauf, daß Rennradfahren wieder länger möglich ist immer noch zu weite Fahrten vor, die über den Tag hinausdauern, die wir in den seltensten Fällen zur Gänze, so wie wir es geplant haben, ausfahren können, und müssen in eine Tankstelle hinein oder auch in ein Haus, das keine Tankstelle ist hinein, weil wir keine Tankstelle erreichen können . . . . .

DSCF9442Sind wir unfähig eine Tankstelle zu suchen, nach einer Tankstelle zu fragen, obwohl es gerade in der Schlucht merkwürdigerweise so viele Tankstellen gibt, daß man ohne weiteres sagen könnte, jedes zweite oder dritte Haus ist eine Tankstelle. Viele dieser Tankstellen sind mir bekannt, aber es gibt noch eine Reihe mir vollkommen  unbekannter, von denen ich bis jetzt nur gehört, die ich aber noch niemals gesehen, geschweige denn aufgesucht habe

as3Allein suche ich aus bekannten Gründen keine Tankstelle auf, aber zu zweien macht mir das Aufsuchen einer Tankstelle unter Umständen immer noch Vergnügen , und das Aufsuchen einer Tankstelle ist oft die einzige Rettung vor dem Zusammenbruch. Es gibt hier so viele Tankstellen, sage ich, weil es so finster ist. Viel Finsternis, viele Tankstellen. Zweifellos sind wir erschöpft, haben uns auch heute wieder zu viel vorgenommen, schuld an der Erschöpfung sein unser rasches ,rücksichtsloses, vor allem gegen uns selber rücksichtsloses Fahren.

as4Wir haben der Ökonomie unseres Fahrens zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt.  Wir Fahren und denken, aber denken nicht, wie wir fahren. Vor allem, daß wir zu schnell fahren , während wir denken, wir denken und beobachten unser Fahren nicht. Wir fahren, denken aber nicht, wie in einer immer größeren Erschöpfung. Wir glauben, immer rascher und rascher fahren zu können und immer intensiver phantasieren und denken zu können, philosophieren zu können; ohne zu denken, daß wir nicht rasch sondern langsam zu fahren hätten, fahren wir viel zu schnell und sind dadurch bald Opfer unserer jetzt katastrophalen Erschöpfung.

as7Unser Erschöpfung, sage ich, ich durchaus eine solche katastrophale, wie wir sie fürchten. Wir haben unsere Körperkräfte überschätzt. Angehalten sage ich zu Fafnir: obwohl es in der Schlucht so viele Tankstellen gibt, sind wir im Augenblick weit von der nächsten Tankstelle entfernt, ich glaube nicht, daß wir die Kraft haben zur nächsten Tankstelle zu kommen. Die Natur irritiert uns. Wir waren Stunden in ihr glücklich gewesen, jetzt bedrückt sie uns.

as5Dann ist es auf einmal, als hielte man das Gedröhn des Wassers, hielte die Luft nicht mehr aus, das Gestein, sage ich. Man meint, die Vögel wie Gestein zu Boden fallen zu hören. Gleichgültig in was für ein Haus, ins nächste Haus hinein, sage ich. Alle Häuser sind leer. Der Corona Virus hat sie geleert, die Menschen sind geflohen vor dem Virus, haben sich in die Hütten dort oben zurückgezogen vor dem Virus, sind zum Vieh und zu den Schafen zurück, die sie geborgen halten.  Nicht alle, sagte Fafnir. Die ausgestorbenen Tankstellen verfallen , niemand in der Schlucht interessiert sich dafür. Einmal, vor Jahrzehnten, waren alle diese Häuser Tankstellen. . . . .

as11Es geht keine Eisenbahn mehr auf der Strecke. Morsche Mühlräder, sage ich. In dem ganzen Wahnsinn zurückgebliebene. Nur zweimal im Jahr fällt das Sonnenlicht auf den Boden der Schlucht.  Hier ist es am finstersten, aber nicht, weil es tatsächlich am finstersten in der Schlucht ist, weil diese Schlucht die kälteste ist. Mit dieser Bemerkung hatten wir ein zur Hälfte in den Felsen hineingebautes Mühlengebäude erreicht . . . .

as6Kurze Zeit nach meinem Klopfen wurde uns aufgemacht.

 

 

 

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Two is Company

Frühlingsbeginn,  – Tag 4 : „Two is company – three a crowd . . „ .

Dazu ein Virologe

„Auf Dinge, die schön sind, aber nicht systemrelevant, wird man lange verzichten“.

Das muß nicht sein, denn die systemirrelevante Variante des Radwanderns zu zweit trifft genau in die pandemische Lücke. Auch wenn Menschen, die ihr Rad mittlerweile als sytemrelevant empfinden, immer  häufiger werden.

ab1Es ist angebracht, den Beistand des heiligen Blasius zu erbeten. er ist für die Atemwege zuständig. Genauso haben ein Mannheimer und ich das heute mit den großen , firmamentblauen Rahmen gemacht. Pilgern und Segen einholen. Und an der Luft sein.

Wir bewegen uns unter dem Radar der öffentlichen Beobachtung. Das große AA-Gazelle Stück (RH66) hat ein brüsselblouwes Kleid, eine Farbe die an das dunkle Blau Delfter Kacheln erinnert, mein großes (RH63) Koga trägt die Hausfarbe, bei der ich einen guten Schuß Lapislazulipigmente vermute. Farben, die der Sonne gefallen.

ab15In der Öffentlichkeit schränken wir uns auf Paare und Familien ein, wobei es mit Patchworkfamilien zu interessanten Zwischenmodellen plus Erklärungsbedarf kommen könnte.  Eine wirkliche Ausgangssperre gibt es aber für die erste Frühlingswoche vom 22. März nicht, eben nur eine deutliche Reduktion der Klumpenrisiken die gemäß einem alten englischen Sprichwort  mit „three is a crowd“ definiert sind.

Er beginnt  fulminant,der Frühling 2020; und da alle Klassiker abgesagt sind, sollte man seine eigenen Klassiker fahren. Die Hachenburger Hausrunde beispielsweise.

Diese Runde ist eine Werbefahrt für den tieferen Westerwald, eine Fahrt die  uns Möglichkeiten jenseits von Lusthansa noch DumpingAir zeigt. Solche Ausflüge ins nahe Grün galten lange als nicht ganz zeitgemäß, das kann sich schnell ändern. Über die Festung Westerburg geht es nördwärts bis Hachenburg.

ab4Westerburg erwartet uns mit seinem Viadukt , den die Sonne dunkelrosten leuchten läßt –  so überspannt er das Stadtpanorama. Wir inspizieren die Möglichkeiten der Verkehrswende und von hier, kann ich alle Stadtteile zeigen. Interessieren wird uns heute besonders der ehemalige Bundeswehr Standort. Kamerad mark793 hat hier jede menge glückliche Stunden in der Nähe von Raketen verbracht.

Die Sonne senkt den blick auf die Schwellen. Da sind Zeichen.

ab2 Das Licht bringt uralte Reliefs an den Tag. Ungewollt ist man Industriearchäologe und entdeckt Schriften, die beweisen , daß Gußstahl 100 jahre hält. Stahlwerke sind auf den Schwellen gemarkt, die meisten aus Dortmund oder Bochum.

Jetzt nicht mehr. Was man an Stahlwerken nicht verschrottet hat, wurde demontiert und mit Kokerei in China wieder aufgebaut. Chinesische Kohle oder Pakistanische ist dort eben viel leichter zu verfeuern als hier.  So sind die Sitten.

ab5Dann ein kleiner Blick weiter hinten ins Tal. Auf der Suche nach dem alten Bundeswehrstandort ,von dem man hinter dem Gehölz nur noch Fahrzeughallen und ehemalige Heizgebäude sieht. Die Unterkünfte sind geblieben – der Sperrmüll davor ist wirklicher Sperrmüll.

Kurz salutieren wir im Andenken an den Wahl-Westerburger und ziehen zur Stadt hinaus.

ab6Die Sonne steigt immer noch und der stetige Ost läßt den Aufstieg auf die Kuppen leichter scheinen. Verkehr wie vor 50 Jahren. Jetzt erleben wir das Gefühl eines ruhigen Sonntags noch intensiver – um uns nichts, über uns nichts, der Himmel bleibt ungestört blau, es sind nur die Schaltrollen und das Surren der Kette zu hören

Nur das Zwitschern einer Aluminium-Schaltrolle stört überlaut. Es verlangt nach Öl.  , – Dort hinter der Kurve kommt ein Trödler, der hat das ein- oder andere Tröpfchen sicher beim Sondermüll. 10W40 läßt sich bei 6Celsius noch bestens verpinseln. Voilà, surrend bewegen sich die Glieder.

adom versoDoch dabei bleibt es nicht. Der Container spuckt ein Stück Metallurgie für die Trikottasche aus. Man nennt es Kunstguss, ein Handgießverfahren, mit dem man verzierte Ofenplatten, Untersetzer und andere Stücke fertigte; dieser Guß stammt von einer traditionsreichen Firma, wie die Rückseite zeigt.

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Nennt es Nippes. Aber ein gewisse Tradition steckt drin und die ist haltbar. Es basiert auf einer Technik, die um 1731 eingeführt wurde. Dieses Stück stammt möglicherweise aus der Gießerei Hirzenhain, einem der ersten Buderus Werke. Familie Buderus, deren Expansion das Lahntal zur frühen Industrialisierung verhalf. Tausende aus dem Lahntal dürften in den dieversen Gießereien in Stellung gewesen sein, als das Ruhrgebiet noch ein zarter Keimling war. ab10

Wir ziehen weiter durch das Land der Ascheplätze, Richtung Hachenburg, der stolzen Festung. Die Burg, ein riesiger Kasten, ist schon lange im Besitz der Bundesbank. Mitarbeiter werden darin geschult. In sie setzen wir unsere Hoffnung, dann wird es mit der kommenden Rezession vielleicht nicht ganz so schlimm. Rezession ist an so einem Tag auch ein ganz unpassendes Wort, keine Analysen mehr: Frühling jetzt. Das blaue Band weht im steifen Ostwind. Die Altstadt strahlt – doch auch hier alles geschlossen.

ab8Mittagsrast an der bekannten Tankstelle. Mitarbeiter hinter Plexiglas. Die Cafés werden draußen an der Sonnenwand eingenommen. Es ist auffällig, wie verhalten der Betrieb an dieser sonst so belebten Tankstelle ist. Trauen sie den Preisrekorden nicht?

Eigentlich müßten Motorräder ein- und ausströmen, um sich ins Nistertal zu stürzen. Wir dagegen genießen die Ruhe und Sonnenwärme an der Hauswand und können uns schon auf den Beton setzen. Mit staunen lesen wir den „Test“ über Wolltrikots für Vintagefahrer, unsere Brüder im Geiste

Die Preise für den kurzärmeligen Stoff gehen von 70 bis 170 Euro. Nur ein Trikot ist tatsächlich aus reiner (Merino)Wolle. Die anderen sind sämtlich nur 50/50, im Grunde also keine Konkurrenz. Immerhin braucht man sich jetzt nach nichts anderem als einem ORWI- trikot umzusehen. Aber Obacht: die Tester fanden es ein wenig zu schwer.

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Nach dem Produktsprech (keine Brüder im Geiste) zurück in die Wälder. Geschützt vor dem jetzt böse zuströmenden Ostwind geht es auf und ab, das Virus ist weit weg, genieße die Luft. Nimm die Sonne mit, lasst die Reifen singen. Gute Laufräder sind das halbe Leben. Einige Dörfer Seen und Waldstücke später

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Der weite Blick nach Westen, unten liegt Hartenfels, weit hinten die Mosel und das Siebengebirge. 40 Kilometer von uns ist die Welt blau. Immer noch kein Kondesstreifen, immer noch kein Geräusch , es ist der leiseste Sonntag des Jahres. Weit hinten hebt eine Lerche ab. Und doch ein Traktor , but that’s ok.

Brüder im Geiste. Ciclismo e cosà mentale – wir haben unsere Form gefunden zwischen den Fanboys der UCI, den Rennaspiranten, den RTF Simulanten, den Liegerad Apologeten und Radwegkontrolleuren in ihrem ewigen Kampf gegen das Böse.

ac6Wir haben die Möglichkeit, unter die Pandemie hindurchzuschießen.Wir sind lange gefahren, fast täglich, um so einen Tag über die Hügel und gegen den Wind zu genießen wie einen Spaziergang. Denn wir haben die Form gefunden: ein Rennrad ohne Rennen, Unterlenker, weil es sein muß, nicht weil es schneller aussieht. Gestreckt, weil es auf viele Kilometer die Kraft spart, die man für seine Ziele braucht.

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Wie im Flug ist die zeit vorüber, als die Runde sich an der Molsberger Eiche schließt. Auch die große Gazelle bekommt ihren Segen, ruhig und zufrieden blickt die Madonna  auf des dunkelblaue Champion Mondial.

Wir haben Hunger und schwingen uns wieder in den Sattel.

22.03.2020

 

 

 

 

 

 

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Shutdown und Struktur

Tag 2. : „500 millions de chinois, j’y pense et puis j’oublie . .“

Jacques Dutronc

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Eigentlich ist das ein schönes Geschäftshaus in einer historischen Altstadt. Eigentlich ist es aber dem Strukturwandel zum Opfer gefallen, den die kleine Garnisonstadt seit Jahren bewältigt.

Niemand freut sich darüber, auch wenn alle das unsanierte, ungedämmte alte Haus ganz dekorativ finden, wenn sie mit dem Rad durch die Altstadt flanieren, die sich von ihren Siedlungen doch so unterscheidet. Nur ein Vorgeschmack von shutdown.

ak6Mein kleiner Radladen liegt nur wenige Meter entfernt, schräg gegenüber. Besser gesagt: lag, denn seitdem der einzige Fachmann Altersdiabetes bekam  –  ein Fahrradmechanikermeister als Aufstocker – ist das hoffnungsvolle Startup nach 5 Jahren geschlossen.  Kein Azubi, kein Geselle in Sicht – der Inhaber ist nicht vom Fach. In den letzten 5 Jahren hat er sicher etwas beiseitelegen können, aber Systemrelevanz kann er nicht behaupten.

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Als ich mein KogaMiyata 2015 für Paris-Brest in Frankfurt abholte, stand ich wenig später im Stau. Es war ein schöner Tag, man lustwandelte unter stehenden Blechreihen und kam ins Gespräch. Der  Hintermann war Ladenbauer. Er wollte in eine Mittelstadt des Westerwaldes. Eine Stadt mit historischem Kern und ICE Anschluß.

Über die alte Stadt sprachen wir nicht, allenfalls dient sie als Kulisse.

DSCF9031Denn vor Ihren Toren entstand parallel zu Bahntrasse und Autobahn ein neues Einkaufszentrum, für das Bäche begradigt und Wäldchen (1Eiche = 150 Jahre)  gerodet wurden. Der Zufallsbekannte der A3 fragte nach den Aussichten eines so großen Projekts auf halbem Weg zwischen Frankfurt und Köln, auch wenn es auf der anderen Seite der Autobahn schon ein Gewerbegebiet gebe;  und ich sagte: gut. Sie wollten es FOC nennen.

Er kannte nicht das Lied vom goldenen Reiter ,es ist schon 40 jahre alt.

Und so kam es. Late Night Shopping und Fußgängerbrücke. Sie hatten einen Parkplatz für 2000. Dann wurden es 3000 neue Plätze und nun, 5 Jahre später – wollen sie 2000 mehr.

ak4Denn so lief das Millenium. Kleinkaufhäuser, Einzelhändler und Fachgeschäfte für die happy few unter den Kunden und den Überzeugungstätern. Kunden stimmen mit dem Auto ab, auch wenn  viele den Verfall der beschaulichen Innenstädte mit verheucheltem Wehklagen bejammern. Sie sind es, die den Verfall verursacht haben. Sie, mit ihren 10 Euro Sneakern.

ac5Nun der shutdown der Geschäfte und dazu vielleicht ein lockdown, also die Bewegungs- und Handlungsbeschränkung wegen Coronavirus. Das italienische Haus schließt, Das deutsche Haus schließt.

ac6Meine Wege kenne ich, die kleinen Haken des Alltags. Meine Routinen, ich fahre sie oft genug, um jede Veränderung zu erkennen. Sie werden kommen.

Die Lerche steigt in den Himmel und verteidigt singend die unsichtbaren Grenzen ihres Reviers. Wir bereiten uns auf den shutdown vor.

Eine Problem dabei,  Versammlungen über 100 Personen sind verboten – nur Märkte für weniger als 100 Kunden existieren faktisch nirgends. Wie sollen die Menschen dann ihr Essen kaufen? Werden die Kaufländer und Globus- und Realpaläste den Zutritt kontingentieren? Werden sie sich anstellen, wie früher beim Berghain, auf Gnade der Türsteher hoffend ?

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Jahrelang wurden wir immer wieder von entsetzlichen Beschreibungen verseuchter, kollabierter und verbrannter sweatshops am Sonntagstisch erschüttert, in denen tausende, anonyme Textil- und Spielzeugproduktionssklaven ihr Leben ließen. Dazu detaillierte Informationen zu Umweltverbrechen aller Art. Wir machten uns unsere Gedanken und vergaßen sie am nächsten Samstag.

„J’y pense et puis j’oublie . ..“

Die angedrohte Katastrophe aber ist: Franchiseketten, in denen Hasi und Mausi das 5 Euro T-Shirt finden, bekommen einen lockdown verpaßt.

ak5Doch der Staat wird helfen, auf daß 10 Fußballfelder, die das Warenlager von KIK Textil bei Unna in die Landschaft fräst, nicht zur wirtschaftlichen Ruine wird. Der Standort muß gesichert werden. Waren wollen gekauft werden, Sklaven beschäftigt.

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Ich kenne die Schleichwege rund um den shutdown, ich besuche die Supermärkte im Schatten der Bilanz und letzte Einzelhändler, die eine lokale Bevölkerung versorgen, die am Monatsende meist zuhause bleibt.   Rundum werden die Klagegesänge anschwellen, nachdem das Naturrecht auf Urlaub am Korallenriff gekippt wurde und die Weltreise auf einem Plattenbau der Meere ins Wasser fiel.  Denken Sie darüber nach.

Dieses Virus hat einen interessanten Nebeneffekt: es macht jedem klar, in welcher Spirale von Komfortgewinn bei schrumpfender Marge die „entwickelten“ Gesellschaften des zweiten Jahrtausends gefangen sind. Welch labilen Fließgleichgewichten der großen Zahl, steigender Containerumschläge und Wachstumszwängen sie ausgesetzt sind.  Wenn ich Tulpen gieße, wachsen sie endlos weiter und kollabieren.

ac4Um im physikalischen Bild zu bleiben: Diese Unterbrechung einer fortgesetzt wachsenden Zahl von Kettenreaktionen aus Verschuldung, Investition und Konsum würde bei Andauer zum meltdown in Teilbereichen degenerieren, und den Zentralreaktor in Gefahr bringen. Ein Wirtschaftsfukushima, dessen Zentrum eine chinesische Provinz ist.

Das System Weltwirtschaft implodiert jedoch nicht von allein, erst zerfällt in dysfunktionale Teile, die kein Ganzes mehr bilden können.  Und dazu reicht eine Unterbrechung der Brennstoffnachfuhr (Consumare: verbrennen!) von nur wenigen Wochen.

Die Wirtschaftsingeniöre weltweit sind viel zu beschäftigt damit, exponentielle Effekte von Ketteninsolvenzen mit Helikoptergeld und anderen Hilfsinstrumenten (der Instrumentenkasten!) gegenzusteuern, um noch über das eingebaute Paradox ihres Gebildes nachzudenken. Wir übrigen sind in den  von uns geschaffenen Strukturen gefangen.

Denn tausende müssen ununterbrochen in ein outlet strömen, damit es sich rechnet. Produktionen laufen im Dreischichtbetrieb – es gibt keine stop taste, kein reset, diese Dinge sind Realität, wenn auch nur der kleine Ausschnitt für Endverbraucher.

ak1Look how they run like pigs from a gun sangen die Alten. Sie fahren immer dichter an mir vorbei, sie hupen mich weg – vielleicht war ihr Nachbar schneller. Ich bin ihnen im Weg, denn die elementare Freiheit ist bedroht: nicht mehr einkaufen können.

ac8Tulpen stehen in Mengen vor den Läden und verblühen. Der Frühling beginnt unaufhaltsam.

 

 

 

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Alle Brücken abreissen

Es ist noch keinen Monat her. Unterwegs mit dem Lauer, neue Kurbel testen, den trockenen, späten Wintertag für ein paar Kadenzen nutzen,.

c2Irgendetwas brachte mich bis ans Ende der alten Bahnlinie . bis hinter den Bahnhof Westerburg. Westerburg, das ist eine ehemalige Kreisstadt der Region. Zwischen Hügeln ragt der alte Eisenbahnviadukt auf, eine Eisenträger-Fachwerk Konstruktion. Nach dem Gesetz der schöpferischen Zerstörung hätte man ihn abreissen müssen, als der Zug stoppte.

In der schwachen Abendsonne leuchten die Träger noch einmal auf.  Stillgelegt – aber er steht noch.

c3Heute, am 16 März  strahlt die Sonne wie noch nie in diesem Jahr und der Weißdorn macht um das Lauer einen Sternenkranz. Wir wissen es noch nicht, ohne es zu wollen sind wir auf Hamsterfahrt. Auf den Feldwegen, die ich üblicherweise in heroischer Einsamkeit überfliege sehe ich plötzlich Menschen und gleich mehrere. Kinder in Gruppen, oder mit Eltern, Wanderer. Jungs auf Mountainbikes. Schulen geschlossen – verordnete Freizeit.

Wer noch in Ruhe einkaufen will, braucht jetzt einen Supermarkt mit kleinem Parkplatz, leicht versteckt, verkehrstechnisch suboptimal gelegen. Also meinen Supermarkt. Alle sind unterwegs, die Schlangen lang, Parkplätze brummen wie ein Bienenstock. Deutschland fährt einkaufen.

c7Ich zeige noch dazu das Bild einer Tankstelle, damit mir der alte, teure Zustand vom letzten Monat überhaupt geglaubt wird.

Diesen Monat haben alle vollgetankt. Das Barrel liegt unter 30 Dollar. Die Osterferien werden mental schonmal gestrichen, oder inländisch verschoben. Geld fließt in die unteren Etagen der Bedürfnispyramide: Klopapier . Heute begann die zweite Hamsterwelle – nach uns der Notstand. Schmalzbezugsschein, Brotmarken und all das Zeug.

c4Das Lauer steht vor der Grillkohle anstelle der Briketts. Frühlingserwachen.

Drinnen erwartet mich ein fast gewöhnlich leerer Supermarkt.(Uff!) Gewöhnlich? Nicht ganz, denn es klaffen ein paar strategische Lücken in den Regalen. Klopapier wird flächig durch Küchenrollen substituiert. Die meisten günstigen Nudelsorten sind weg. Es bleiben die kleinen Packungen mit Edelnudeln. Beim Gemüse sieht es besser aus, alles absolut normal. Nicht so bei Reis und Tomatenmark. Futsch. Frühmorgendlich abgeräumt. Auch im Ketchupregal fällt Ausdünnung auf. Aber das suche ich alles nicht. Erwischt hats mich dann beim Frischkäse und der Milch. Nur die Bioqualitäten jenseits 1 Euro noch verfügbar – aber gerne. Leere Kartons. Im Laden wirds plötzlich voller. Nichts wie weg und einen schönen Tag noch .

c5Ich gab der bayrischen Milch einen Ehrenplatz am Lauer und fuhr durch die sonnigen Felder zurück.

c6Dann stieß ich auf den Besenwagen. Fast alle Busse in diesem Gewerbegebiet kommen aus dem Süden Frankreichs. Sie bleiben nicht lange, es ist ein kommen und gehen, aber immer aus dem Süden, wo diese Karosserien wenig leiden. Hier ist es der Besenwagen einer Jugendradsportveranstaltung im Tarn. Der tour du tarn cadets. Die Busse verschwinden aus der Provence, dem Roussillon und dem Tarn. Neulich noch ein Bus aus Manosque, dem Westerburg von Jean Giono.

Wie er da den ersten Bus nach dem Krieg beschreibt, der die Arbeiter über schmale, frostige Straßen in die Stadt bringt. Reißen die Franzosen die Brücken ab? Sie verramschen einstweilen Busse, vermutlich ist es der Feinstaub. Es gibt von allem zuviel.

DSCF5914Vor 70 Jahren eine Revolution, heute eine Umweltlast. Wie die Brücke in Westerburg. Sie ist einfach zu schön, um sie abzureißen. Aber man könnte auch wieder Gleise verlegen.

 

 

 

 

 

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Unter dem Coronamond

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Wir sollten ein Auge auf die Lieferketten werfen, sprach der Nestlemanager im Funk. Ein Auge auf die Infektionsketten dazu. Aber Lieferketten sind wohl  das, was uns in Zeiten der großen Verkehrswende bewegt.

Aber irgendwie war Verkehrswende und Feinstaub gestern ; bis auf die ganz nebenläufige Information –  in Holland fahre man jetzt maximal Tempo 100-  hat uns wenig an Zeiten erinnert, in denen wir uns nicht wegen ein paar italienischer Nudeln, sondern wegen Euro-Plaketten in die Haare gerieten.

cov1Nach dem Hamstern ist  zur Zeit vor dem Hamstern. Die Idee ist nicht, möglichst viel Klopapiurrollen in eine Ortlieb Tasche zu bekommen. Papier ist ein eher lokales Produkt. Was aber ist mit den Südfrüchten und Gemüsesorten aus mediterranen Ländern?    Die Kette nach Italien könnte schon gerissen sein. Wieviel die Hochregal- lager der Großhändler  als Reserve bereithalten, ist unklar.

Meine kleinen Taschen werden allemal ausreichen, die Familie sattzubekommen.

cov6Möglicherweise retten uns nachlassende Restaurantbesuche die Bestände an Zucchini, Tomaten, Gurken oder anderen Feinkostartikeln.  Sonst heißt es irgendwann wie im Steckrübenwinter 1917 auf Kohl, Wirsing und Wurzelgemüse zurückgreifen. Und Möhren.  Nu ja.

Seltsamerweise bunkert niemand Möhren.

cov4Dann aber wieder: auf was wird man wirklich verzichten müssen? Was wird es zur Fristung des Daseins nicht mehr geben, überhaupt nicht mehr zu haben sein. Weder für Geld noch gute Worte?

cov5Menschen füllen Kofferräume mit Wasser – dabei hat es üppig geregnet, die Stauseen rundum sind gefüllt, das Wasser, unbelastet vom Winter, fließt klar und rein aus dem Hahn.

Die Vögel wecken mich morgens wieder: 140320

 

 

 

 

 

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Der Krieger auf dem Rad

Es waren sportliche 200+ Kilometer gestern. Regenfrei, frostfrei und in Begleitung eines schnellen Fahrers. Viel Zeit nachzudenken, genug Zeit über alles zu reden, was das Leben auf dem Rad so einzigartig macht.

DSCF8581Zeit, um auch über das TPR nachzudenken.

Wir hatten uns an einer kleinen Tankstelle im Dilltal verabredet, der ex Liegeradler und ich . Bis dort gab es eine gute Portion Westerwald.

aw3Mit einigen, schönen Höhenmetern, denn viele Bäche kreuzen die Fahrtrichtung: Kerben in der Basaltpaltte.

Dann „fafnir“, so der „nom de guerre“ meines Mitfahrers, der durch seinen Koga Miyata Neuaufbau wieder die Liebe zum aufrechten Radfahren entdeckt. Shakehands, einmal Cappucino und Nußnougat, weiter. Fafnir mag keine Pausen.

aw2Wir werden sein Revier erkunden und durch das Gladenbacher Bergland bis Marburg hinauffahren. Dort soll es eine kleine bretonische Hütte geben, in der uns vielerlei Crêpes erwarten. So der Plan.

DSCF8642Bei Randonneuren denkt man  (unwillkürlich) an gesetzte Herren im besten Alter, körperlich in gutem Zustand. man hört hin und wieder, Brevets seien anspruchsvolle Langstrekcenfahrten, jedoch keinesfalls Rennen.

1298028-02jw-ad13_72fi-56-43Wie es Menschen gibt, die Frankreich durch die putzigen Bilder alter Zigarettenwerbung wahrnehmen, stellen sich viele unter Breveträdern eine französisch inspirierte Randonneuse vor. Japaner haben über Jahrzehnte versucht, das Vorbild zu erreichen

ak1Ungefähr so, wie ich es heute fahre. Es sind schöne Räder, voller Rafinessen; wahr ist aber auch: ein solches Rad schnell zu bewegen, ist (verhältnismäßig) mühsam. Langer Radstand, Geometrie, Gewicht – eigentlich alles aufs Rollen abgestimmt. Man kann auch Gepäck mitnehmen und bei gegebenen Umständen in einer netten Ecke zelten und den Traum der gallischen Lässigkeit leben.

1298034 dejeuner 2Es gibt verschiedene Formen der Lässigkeit, auch in Gallien. Und der Sportlichkeit von Breveträdern. Mein Mitfahrer hat sich eine ganz andere Sache zusammengebaut. Einen schnellen Randonneur.

al6Anfangs dachte auch er, Brevets seien die Entdeckung der Langsamkeit. Aber bald war ihm klar: wer langsam fährt, ist vor allem untrainiert. Der Genuß an den langen Distanzen stieg mit der erreichten Geschwindigkeit. Training war sein Schlüssel.

„Nachdem ich in der Jugend vergeblich versucht habe, schnell zu werden, gelang das erst im Alter und über die Distanz. Nach vielen vielen Kilometern war ich auf einmal schneller denn je. Und das will ich noch zehn, fünfzehn Jahre auskosten, so lange es geht…“

aab2Er will nicht länger als unbedingt nötig rasten (müssen) . Für ihn ist ein Brevet eine sportliche Herausforderung. Wenn er auf dem Rad sitzt, will er Geschwindigkeit und wenns geht noch schneller werden.

Seinen Rahmen wählt er von den Proportionen so, daß er ihm die Waage zwischen bequemer Haltung und sportlich ermöglicht.  Erste Voraussetzung. Dann wird das Ding mit neuem Material verbessert – Laufräder im Eigenbau. Gute Laufräder, sagt er sparen 20, 40 Watt, eine optimale Kurbel noch mehr. „Trainier das erst mal.!“ In einem Brevet summieren sich die bewegten Massen auf Dauer. Also leichte Pedale, minimales Gepäck kein Ballast.

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Es geht auf und ab, in langen, geschwungenen Kurven und über endlose Geraden, die mitten durchs Land führen. Unterwegs mit dem Superrandonneur. Schön rund der Tritt und eng die Beinführung.

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Nach Waldstücken kommen Dörfer mit Fachwerk und einsame Höfe – doch Marburg und Gießen sind kaum 20km Luftlinie entfernt. Mit meinem schweren Randonneur spiele ich auf drei Kettenblättern und kann durch gestreckte Haltung (und abwärts Gewicht) die Differenzen wettmachen. Das Grundtempo abstimmen ist auch Gefühlssache. Irgendwann klappts.

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Wie aus einem Puzzle fügen sich Teile alter Brevets und Fahrten zusammen. Ich erkenne Strecken wieder und mein Begleiter schenkt mir schöne Anekdoten aus seinem Trainingsrevier. Nach dem geglückten ParisBrest Experiment im letzten Jahr peilt er jetzt eine neue große Herausforderung an: Mille du Sud, 1000km französische Alpen.

Dieses „superbrevet“ gibt es auch schon einige Jahre. Eine harte Prüfung für begeisterte Kletterer und erprobte Randonneure. das Zeitlimit liegt bei 100 Stunden. Kleine, private Veranstaltung – natürlich kein Rennen! Doch wer ans Limit gehen will, der geht ans Limit, Respekt für jeden.

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Wieder ein Anstieg im Vorfrühling – es sind noch nicht viele Farben, aber schon mehr als vergangene Woche. Die geschlossene Wolkendecke hat Löcher bekommen – der Regen wird also auf morgen verschoben.

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Also ziehen wir rund um Marburg, kreuzen den Wind und meine Gedanken verarbeiten das Gehörte. Eine klare Meinung von einem klaren Kopf, der nach den 7 Regeln des Velocio lebt, tut gut. Mir zeigt sie einen Weg, der eigentlich ganz nahe liegt. Man kann jedes Brevet als Rennen oder als Tourist fahren, wie man will und wie man kann. Niemand muß, das ist ein Teil der Freiheit und gleichzeitig ein Privileg.

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Der Unterschied sind die Leute, die man trifft, Erlebnisse, die man teilt. Sie halten länger vor als die Tagesform.

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Es ist gut, wenn man schnell nach Brest und wieder zurück fährt. Es ist besser, wenn man etwas mehr davon hat, als den letzten Stempel auf der Karte. Dieses Mehr besteht nicht selten aus den Pausen.

ak9Einmal Galette mit Roquefort, Schinken und Walnüssen, das blaue Chimay ist schon geleert. Das blé noir ist ein gemütliches kleines Fachwerkhaus am zwischen Uni und Altstadt. Einen Stern vergebe ich nicht, aber eine Empfehlung: man kann in bretonischen Erinnerungen schwelgen. Nach 130km ist das eine feine Sache, denn etwas über 80 bleiben mir heute noch.

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Vielleicht mache ich den großen Belchen, vielleicht schaffe ich eines Tages die Mille du Sud, das weiß ich alles noch nicht. Aber jetzt, an diesem Tag, wo die Form gut ist, das Tempo hoch und die Laune entsprechend, weiß ich, was ich nicht brauche.

al3Was ich nicht brauche ist eine Kreditkarte, um an einem Transpyrenäen-Rennen teilzunehmen, bei dem es schon ein Rennvergehen ist, nebeneinander herzufahren und sich zu unterhalten. Ein Rennen, für das ich 10 Seiten vertragsenglisch unterschreiben darf und den Veranstalter von faktisch aller Verantwortung entbinde, außer mir einen Tracker zu leihen und meine fahrt medial exklusiv zu verwerten. Dann schließlich vom Veranstalter ermahnt zu werden, weil ich die Geschäftsbedingungen nicht aufmerksam genug lese; – wie ein Fahrschüler.  Das brauche ich ganz bestimmt nicht.

Ich finde, die großartigen Athleten, die an einem Ultradistanzrennen teilnehmen, haben eine bessere Behandlung verdient; wie gesagt, es gibt da Alternativen, die älter sind als diese neue Rennform und sie auch überleben werden.

Der Reiz der Brevet et Randonneurs Mondiaux lag immer in der Passion ihrer Organisatoren. Sie haben aus ihrer Leidenschaft heraus etwas organisiert, um diese Leidenschaft mit anderen zu teilen. Sie haben kein neues Geschäftsmodell gesucht: ganz im Geist von Vélocio.

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Und so hole ich mir bei Einbruch der Dunkelheit noch eine Tüte Tropifruitys und ziehe durch diese wunderbar ruhigen Hügel nach Hause, in denen schon die ersten Vögel zu hören sind.

Wen meine Absage an die Veranstalterin des TPR interessiert, der kann sie weiter unten lesen.  Sonst lasse ich die Fahrt mal mit einem weiteren gallischen Ausblick enden.

a-jacques-windenberger etampes

Alle s/w Bilder:Libération.

Dear Anna Haslock,

it is sad to hear that such an event as the TPR ist only accessible to owners of credit or debit cards. It may have escaped your attention, that many people – even in developed countries – have good reasons (me among them) not to opt for credit cards as a mean of payment.
You have proven to be rather inflexible on this point.
By no ways do I want to interfere in the way you organise your business, but it shows far too many similarities to the corporate world and its spirit which TPR or TCR pretends to escape.
Please count me out of this TPR (and any further participations).
I furthermore wish my name and any data connected to be deleted from every lostdot mailing list, data, etc. etc.

Wishing bonne route

Christoph Sanders

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200km um die kontaminierte Zone – Heerlener Monologe

„Wie wir jeden Tag aufwachen und anfangen und fortsetzen müssen, was wir uns vorgenommen haben, nämlich weiterfahren zu wollen, weil wir ganz einfach weiter Fahren müssen, so müssen wir auch ein solches Vorhaben, wie die Brevetserie 2020 in Heerlen anfangen und fortsetzen…“

Er war ein uneheliches Kind und lange hat es gedauert, bis der genötigte Vater der Zahlung von Alimenten für seinen Sohn Thomas Bernhard nachkam. Viel genutzt hat es nicht, denn nur 9 jahre nach seiner Geburt in Heerlen verstarb der Vater, dem sein Sohn sosehr geglichen haben soll, daß auch das Verhältnis zur Mutter dauerhaft litt.

a02Uns sorglose Randonneure am Rande der Corona-kontaminierten Zone (gleich hinter der Grenze)-  kümmerts wenig. Wir genießen unseren MorgenCafé in der Snow World, errichtet auf der größten Kohlehalde Heerlens, dem Wilhelminaberg. Am südwestlichen Ausläufer des Aachener Kohlebeckens wurde bis in die letzten 70er noch Kohle gefördert.

a03Vollendet ist die Umwandlung der ehemaligen Bergbaustadt in eine  suburbane Struktur mit Umgehungsstraßen, rasterförmigen Siedlungen, geschickt plazierten Wohnrieglen, überraschend auftauchenden Häuserzeilen und Reihenhäuschen, daß es der Bernhard Thomas – anders als der Simenon Georges sein Lüttich –  nimmer wieder kennen würde.

Gemocht hätte er es nicht  – er war schon sehr anspruchsvoll.

a04 Kaum weniger exzentrisch als Caféhaus Figuren eines Thomas Bernhard strebt eine bunte Gruppe aus Heerlen hinaus. Der erste Schweiß rinnt unter der Wintermontur. Auf das stürmische Regentief der Vornacht folgt dieser sonnige Morgen. Für den ersten langen Ausflug im Jahr nur recht.

Nach einer kurzen Nacht drückt der Kopf und der Bauch grimmt – warum auch immer. Die Kilometer werden alles aus dem Gedärm ziehen, was nicht zuarbeiten will. Dann sehn wir weiter.  Der Parcours macht seine Höhenmeter gleich zu Beginn, es geht südwestlich Richtung Maastricht. Hier am Dreiländereck der Provinz Limburg liegen die Berge Hollands, grüne Hügel mit Gaststätten und Pensionen im Tal.

a14Längst sind Gruppen in  Untergruppen, Grüppchen und dann zu einzelnen Fahrern zerfallen; die einen bleiben am Berg zurück, andere ziehen vorbei. Die Zufallsbekannten werden sich in der Ebene hinter Maastricht finden und dann unterwegs beschließen, die Fahrt gemeinsam zu vollenden. Man spricht holländisch im Peloton  – andere fliegen in Formation konzentriert vorbei.

a06Die letzten Mergelland Steigungen sind überwunden, –  in einer ganz langen Gerade geht es aufs Maastal hinunter. über eine Minute lang trete ich keine Sekunde mehr. Hier, in den Außenbezirken von Maastricht wendet sich die Strecke nach Norden –  gerade an der Maas entlang .

a07Nach den Lebenszwecksiedlungen Kanäle und alte Dörfer mit alten Kirchen.

Auf Flügeln des Zephyr Richtung zur ersten Kontrolle,  – nach über 80km werden wir in Thorn sein. Alle fahren schnell – schneller – am schnellsten – noch ein Bild, bevor ich sie  ziehen lasse; dann greife ich zur Teeflasche, nehme die schwarze Schokolade aus der Rückentasche und lasse die flotten jungen Männer sausen. Die Kalorien treffen auf einen dankbaren Bauch der sich beruhigt hat, und dann gelingt es mir sogar, das  13er Ritzel zu ketten.

a09Dazwischen – Pechvögel, die an ihren Reifen hantieren. letzte Woche war Karneval, ein paar Pappschilder erinnern daran und geborstenes Glas auf den Wegen. Augen auf und Glück dazu.

a08Wie ein hungriger Saurier fischt der Bagger nach Kies. Die Schaufel schlägt ins sturmgepeitschte Wasser. Die Maas mäandert hier zwischen Belgien und Holland  und bildet  Seen aus. Oder sind es neue Ausgleichsreservoire?  Hinter mir eine graue Front, die an der Sonne nagt. Wir sind so schnell, weil der Regen uns vor sich hertreibt.

a10Dann sehe ich auf Thorn, die schöne alte Stadtmit knüppeligen Pavés. Kontrollstop beim Pannekoekenbakker, ich freue mich auf ein erstes Bier.

a11Statt Energiepulver nehme man für die Trinkflasche noch ein Bitter Lemon. Weitere Fahrer klopfen in der dunkel getäfelten Stube an,  von einem dunklen Grimbergen elektrolytisch beschwingt ziehe ich hinaus. Pappeln, Alleen und Gewächshäuser die immer riesiger werden, je näher Venlo kommt. Tanks von 20000Litern liegen neben den Eingängen der Tomaten oder Champignonbetriebe. Was mag drin sein: Wasser? Stickstoff? Lachgas?

a13Kleiner Brauereitourismus:  Stammbaumreste vor Klinkerkulisse, von der Qualität ist nichts bekannt, ich habe es zu eilig dem Wind davonzufahren. Die Regenfront hatten Mitfahrer auf 13h gesetzt, jetzt soll sie uns gegen 15h treffen.

Brückenbauwerke und Wohnmaschinen im topzustand – , unites d’habitation – kündigen die nahe Stadt an. Jetzt ein langer Maasspaziergang mit Monolog.

Wäre Bernhard in Holland geblieben, wie wunderbar hätte er sich unbeliebt machen können. Lange Maasspaziergänge, die Mediokrität der Wohnmaschinen, ihre Kleinteiligkeit und Domestikation verfluchend, die Kultur der Flüssigjauche, der Wassertomate verhöhnend. Wie hätte er die Holländer von der Maas aus über die Brücken blickend verachten können für ihre Sauberkeit, ihre soziale Kontrolle, ihr wohlmeinendes Zurechtweisen an der Fahrradampel. Und ihren heimlichen Wunsch, die besseren Deutschen zu sein. Aber er hat sich Österreich ausgesucht, das ist schon gut gekommen, die Österreicher brauchten ihn mehr – bis heute.

a17Hier die Bahnhofsuhr, das Monument der analogen Zeitrechnung. Seht hin: ihr werdet nicht mehr viele finden in euren Städten, die tausendfach von kleinen Bildschirmen erleuchtet sind, in banger Hoffnung auf das nächste Update.

b1Von weitem kann man dieses  stattliche weiße Haus am Ende einer Seitenstraße aufleuchten sehen. Hier einen Cappuccino mit 2 Keksen, die massiven kalorien besser gleich. Das Café liegt am Fuß eines kleinen Anstiegs ,dem Maagdenberg – dahinter kommt die Bundesrepublik und der Gegenwind.

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Dahinter kommt erst die alte Grenzstraße mit verfallenen Zollgebäudem und schönen Alleebäumen, deren Blätter in den Gräben geweht werden. Dazwischen Häuser, die lange vom Kaffee und Tabaktourismus profitierten. Hier ist Ruhe eingekehrt. Obstbäume wachsen im Schatten neuer Umgehungsstraßen.

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Der kleine Grenzverkehr hat sich längst umgekehrt. Dort wo Energie und Grundnahrung billiger sind, fallen Kapitalflüchtlinge in Scharen ein. Saturdays for future. Ist es nicht  das gleiche Spiel, welches Körperschaften virtuell an anderen Stellen der EU praktizieren? Allein fehlt uns die Phantasie, sich den Größenvergleich in Liter Erdöl auszumalen. Wir holen uns die Gerechtigkeit an der Zapfsäule zurück. Kurbele weiter,  es ist nichts als der Wind und die Welt ein Jammertal.

b5Einige Kilometer weiter aber, außerhalb des magischen Grenzbereichs herrscht Ruhe, Leere und Endlichkeit. Zwischen weiteren Gewächshäusern, Siedlungen, Feldwegen und windigen Ecken hin und her, – reiner Unterlenker. Keine 1000m vor der Raststelle dann erwischt mich die auffrischende Bö und brachte in Sekunden regelrechte Wetterschläge von harten Regentropfen. Schnell fort.

b4 Böen heben und senken die schützende Plastikplane, aber soie hält dem Sturm stand  ; eine Gasflamme wärmt mein nasses Gewand und ich genieße jede einzelne der Kalorien vor mir. Jede. Nur noch 60km – ohne Wind ein Witz.

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Gebeugt ziehen wir durch die Ebene, unter den Wolken hindurch, die jederzeit neues Nass versprechen. Aber das Wunder der Kalorien wirkt, es ist warm. Hier geht es durch die alte Heimat (meine), das Corona-kontaminierte Gebiet wird gestreift, aber nicht berührt.

Viele Orte, viele Erinnerungen. Zuviele: sie würden einen 20 Jahre langen Monolog bilden. Die Sonne sinkt langsam über die ersten kleinen Blüten an den Straßenbäumen. Eine Drossel schlägt. Gerade als der rote Ball untergeht, erreiche ich das künstliche Paradies: snowworld Landgraaf.

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29.02.20

 

 

 

 

 

 

 

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TPR – für eine Kappe voller Schweiß

Oh! Zunächst die gute Nachricht –  ich habe die theoretische Prüfung bestanden!

Mit dem praktischen Teil wirds etwas kniffliger. Nach der Freude über die glückliche Botschaft gab es zunächst ein weiteresDokument:

Screenshot_2020-03-04 ACFrOgB5vYGfqppKl-mEMJ2uyWSExYNwi44fIS0F_g8zhTNY_gyZ3Gv9AB0VitD06ZUlFWUJsd9cQOWex4m2ra4HNqKn1c78ZoWXX[...]Das Rider Entry Agreement. 10 Seiten Kleingedrucktes. Mein Englisch geht in Ordnung, soweit  so gut. Es steht auch nichts besonders Aufregendes darin, nur sehr wenig, was  einen an den Geschmack von Freiheit und Abenteuer erinnert.

Vielleicht wollten sich die Veranstalter nur absichern oder Fehler vermeiden.

apou01Vielleicht bleibt einem Veranstalter wirklich nichts anderes übrig,  will er nicht wegen Regreßforderungen die Gefahr eines privaten Konkurses eingehen . Deshalb eine Vielzahl von Haftungsausschlußklauseln. Andererseits wird dem beglückwünschten Teilnehmer klar, wie umfassend auch die Regeln zu Verwertungsmöglichkeiten des Ereignisses sind. Stichwort „geistiges Eigentum“.

Unter anderem darf ich mir gut überlegen, was ich jetzt und später öffentlich zum TPR sage, auch da liegt die Hoheit beim Veranstalter. Manche Teilnehmer könnten dies nicht unbedingt als win-win situation empfinden – außer einer Kappe voll Schweiß wird auch der Sieger nicht viel sein eigen nennen.

a11Als ich vor drei Jahren die Räume des Cyclo Club Béarnais betrat, war das eine gemütliche Runde in einem kleinen Zimmer eines Gemeindezentrum von Pau. Man traf sich unter Vereinsmitgliedern, der Umgang war unkompliziert und herzlich, geradezu neugierig. Manche erzählten von ihren Pyrenäendurchquerungen, dem Raid Pyrénéen, den der Club seit 1952 ausrichtete und weshlab ich mich dort angemeldet hatte.. Ich zahlte einen fast symbolischen Betrag für Startnummer, Brevetkarte und Medaille. Ungefähr 10000 Radsportler dürften es seit 1952 so gemacht haben, meine Startnummer lag in den hohen 8000ern. Der Rest ist blog-Geschichte und reines Glück.

a13Das transpyrenean race hat sich auf diesen raid pyrénéen bezogen und irgendwo las ich von einer Kooperation mit dem Cyclo Club Béarnais. Dessen Name taucht in den vielen Papieren die ich ausgedruckt habe jedoch nirgends auf, möglich also, daß er nur als „Inspiration“ gedient hat. Bevor mein Rad sich einen Zentimeter auf dem TPR No2 dreht muß eine weitere , pekuniäre Hürde überwunden werden.

Screenshot_2020-03-04 Lost Dot Registration

Ich versuche gerade herauszufinden, ob sie die Anzahlung, die Zahlung überhaupt in Form einer IBAN Überweisung annehmen. Nicht jeder nutzt oder besitzt eine Kreditkarte….

 

 

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Radfahren in Zeiten der Cholera

Der Minister hat gesagt, es ist eine Epidemie. Also ist es jetzt eine Epidemie.

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Für den Radfahrer wird das Leben nicht einfacher, wenn die ersten Strraßen abgeriegelt werden (Baustelle oder doch schon Quarantäne?) und die Brunnen leergezapft .

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Hier liegen leere Plastikflaschen auf Vorrat. Die ersten 40 Liter sind gerade mit einem dunklen VW abtransportiert worden .

Beim Metzger war Ü60 Tag, keine Chance.  Sonst ist mein Supermarkt zwei Tage vorm Ersten nahezu leer, heute nicht. Es ist Sankt Preppers Day. Ich habe dann mal auffällig gehustet und gefragt, ob in der Schlange vor mir auch allen so schwindlig sei und der Schweiß von der Stirn perle. Bei mir sei es sicher Angstschweiß.

Nur die Kassiererin hat gelacht.

 

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