Nachts hindurch: Berlin-Poysdorf 2

Eine lange Gerade führt auf und ab, ab und auf immer tiefer in die Nacht. Der höchste Bergkegel – hinten, am Horizont –  ist am Gipfel erleuchtet. „Mordor“ tauft ihn Tino. Dann wird es wirklich dunkel. Das weiße Band der Straße leuchtet noch schwach. Mal ist die Luft frischer, mal schwüler, je nachdem , ob es ein Bachtal  oder eine Ortschaft war. Wir rollen, zwei Glühwürmer auf Rädern.

Die letzte offene Tankstelle zieht vorbei. Aber das weiß man erst später, viel später

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Durch Waldgebiete (es duftet nach Harz) stetig aufwärts. Nur der Mond ist Zeuge dieser langen Kilometer. Alle zehn Minuten ein Auto: unsere Lichter sind gut sichtbar. Die Kalorien aus Jablonne sind da, ich genieße gleichmäßige Anstiege, besonders wenn der Wald den Wind blockt. Die Kalorien sind da und machen die Beine leicht.

Wir kommen durch kleine Siedlungen. Eine Kirche, ein paar Häuser und das typische, rosagelbe Xenonlicht. Kleine Kornspeicher, alte Hallen schiebn sich als dunkle Schatten vorbei.

Manchmal ein Duft von Holzfeuer, lustige Geräusche von trinkfesten Stimmen. Ein kleines Städtchen, es geht steil hinauf. Auf dem Plateau ist die Bushaltestelle. Ein Mädchen wartet mit dem Smartphone, das ihr Gesicht anleuchtet auf den Nachtbus, wir winden uns durch eine Baustelle hinaus aus dem Zentrum, vorbei an der Pizzeria, zurück ins freie Feld. Eine Bahn kommt noch. Ein kleiner Triebwagen mit erleuchteten Fenstern der vorbeisaust, elektrisch leise. 23 Uhr vorbei.

Der Weg führt über Hochplateaus, Obstbaumalleen über die der Wind weht, dann wieder hinab in die Wälder. Wie schön, einen kleinen Track mit bunter Landkarte zu sehen. Openstreetmap heißt das Zaubermittel. es ist unglaublich dunkel hier unten, aber es geht gleich wieder hinauf. Wiegetritt, damit schont man die Rückseite.

Die Lichter einer Stadt hellen den Horizont auf  und wir suchen auf den geflickten Nebenstrecken nach der guten Spur. Im Zickzack über Teerflecken, hier kommt heute niemand mehr vorbei, wir können uns die Seite aussuchen. Dann die nächste Abfahrt in die Kühle eines Flußtals, das Rad vibriert, aber es ist nur der schlechte Asphalt.

Ich warte unter der Laterne, es geht in drei Richtungen. Da sehe ich den strahlenden weißen Lichtpunkt. Tino kommt aus dem Dunkel wie ein Fisch aus der Tiefsee. Irgendwo mit dem Rad aufgesetzt, er ist für eine Sekunde eingeschlafen.

a9Weiter, wir müssen Meilen machen, die Nacht schenkt sie uns. Das Wasser ist wieder alle. Da an der Straßenecke eine Kneipe; davor steht draußen ein langer Holztisch und auf ihm im Wechsel: Wodkaflaschen, leere Gläser, Bier, Zigaretten. Zwei drei Männer, einer mit Schluckauf. Drinnen ist es stickig, eine Thailänderin sitzt an der Theke und rechnet auf Papier etwas aus.

„Water?“ sage ich und sie macht beim dritten Fragen eine kleine Kopfbewegung in unbestimmte Richtung. Der junge Mann mit basecap, der vor ihr an der Theke sitzt, hat die Augen nicht vom smartphone genommen.

Ich blicke in die Richtung „toilety“ und sehe zwei Türen. Die eine läßt ein orangenes Licht hindurch, das von einer Reihe Spielautomaten kommt, die ins Dunkel hinein ein paar menschliche Schemen anblinken. Die andere Tür führt dem Geruch nach in die richtige Richtung. Es sieht auf den Kacheln aus wie nach einer Saalschlacht: Blutstropfen, nasses Klopapier überall Scherben? und Wasser und noch mehr Blut. Ein kleines Waschbecken – ich versuche den Hahn nicht direkt zu berühren und zeige Tino den Weg. das Wasser ist kühl und gut, ich hänge meine Teebeutel ein, während der Mann mit dem Schluckauf sich entschuldigt.

Wir rollen weiter, hinunter zum großen Fluß. Zwei Männer wanken unter den Laternen den Weg hinunter.Sie stützen einander, um nicht umzufallen. Nach der Brücke eine Bushaltestelle. Unter diesem immer gleichen Licht sitzen dort Jugendliche mit diversen Getränken. Sie sehen uns an, als seien wir sturzbesoffene Irre auf dem Weg in die Anstalt.  Wir rufen ihnen zu und machen uns in den Anstieg aus dem Tal. Nymburk lese ich auf einem blauen Schild.

Oben: nüscht wie Jejend und immer der Wind, der über die Ebene kommt und in den Bäumen raschelt. Weiter Tino! Weiter Christoph!

Im Vollmond sehe ich die Leuchtzeiger meiner Uhr, Mitternacht ist längst vorbei, kleine Pflegepause. Laß uns noch eine Stunde machen (oder zwei)  und dann einen ruhigen Platz suchen. Erst über diese Baustelle, eine Brücke über die Eisenbahn, wir balancieren mit den Rädern,  Hunde schlagen an. Die Zäune halten dicht. Und hop! in den Sattel zurück.

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Die 400km marke rückt näher, der Tracker blinkt auf der Tasche, der Bordcomputer liefert alle Daten nach.

Noch einer große Straßenkreuzung noch ein paar Meter, dann ist es soweit. Das Dorf hat eine Doppelreihe Bäume, hinter der die Häuser zurücktreten. Es durftet nach Linde, aus den Augenwinkeln ein Kriegerdenkmal. Das könnte es sein. Der Boden ist trocken wie in der Lausitz und schräg hinter dem Denkmal ist eine kleine Holzveranda mit Bänken, die breit genug sind: eine Pension,  Menüschilder stehen draußen.

Tino verschwindet in einem Rettungsbeutel, ich roll mich auf einer Bank ein und ziehe noch einen Pullover über. Es geht. In zwei Stunden wird es hell, von weitem rauscht eine Autobahn, unablässig.

 

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Über den Hochwald: Berlin-Poysdorf 1

aa6Was ein Tag zu bieten hat, wird nach wenigen Kilometern klar. Die Windrichtung steht fest, die Sonne steigt an und mit ihr die Temperatur. Auf dem Weg von Berlin nach Bautzen erwartet uns ein heißer Tag in der Ebene, durch Kiefernwälder, am Spreewald entlang und über die Lausitz. Lausitz, Hitzekessel des Ostens.

Kurz vor sechs Uhr morgens beginnen wir zu viert die erste Etappe nach Poysdorf, hinter den Sieben Bergen über 600km entfernt im Weinviertel gelegen. Ziel ist die Inveloveritas, kurz IVV,  eine der schönsten Veranstaltungen klassischer Rennräder.

Zunächst Berlin, die südlichen Vororte, die letzten Ampeln, Großklärwerke und die Busse, in denen um diese Zeit nur Arbeiter sitzen, die aus ihren „Ankerzentren“ an die Felder gebracht werden. http://www.oeffis steht auf dem Bus.

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Landebahn, Tower, Hangars. Mit Umrundung dieses großen technischen Denkmals haben wir das Berliner Gebiet verlassen. Der Flughafen Schönefeld/BER  sollte schon seit vielen Jahren bereit sein,  Drehkreuz der Welt zu werden. Das war der Plan. . .

a10Die Kapazitäten, für die er entworfen wurde, werden möglicherweise nie erreicht werden.

Cargo Cult Agile – Skeptical AgileErinnert dies alles nicht bestürzend an sogenannte Cargo-Kulte?

Wir eilen weiter, der steigenden Sonne entgegen. Einziges Heil wird in den Schattenpartien liegen, der Rest ist gestrecktes Rollen gegen den Wind. Die ersten zwei Stunden sind nichts, so seltsam es immer klingt. Der Körper richtet sich ein, die Muskeln fordern den Stoffwechsel zur Mitwirkung auf.

IMG_7177Gut also, daß zwei selbstlose Kaderfahrer sich als Geleitschutz bereit erklärt haben. So sparen wir wertvolle Körner, die hinten heraus immer fehlen und haben gleichzeitig Abwechslung:

Exkurse in den Radsport. Als der Name Armstrong fällt, horche ich auf. Den Respekt, den der Ex-Toursieger und organisierte Doper immer noch genießt. Er hatte Fans, seine Rivalen achten ihn. Nicht nur, weil sie im selben Boot saßen. Armstrong hatte mehr als nur gewonnen, Armstrong hatte als Fahrer den Schritt geschafft, von dem die anderen Fahrer noch träumten. Den Sprung gemacht :vom besseren Prostituierten zum Zuhälter. Nicht erst auf das Gnadenbrot des sportlichen Direktors hoffen. Schon als Fahrer das Geld der Sponsoren organisieren, Leute kaufen oder mundtot machen, das große Spiel spielen.

Wir glücklichen Touristen aber, wir reisen weiter. Alles Gespenster der Vergangenheit.

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An der Grenze zum Spreewald verläßt uns der erste Begleiter, seine sprudelnde Erzählfreude hat den Morgenstunden die Schwere genommen. Die Schwere der ungefahrenen Kilometer.

Langsam bin ich „im Polster“ wie der junge Pacer auf dem Pinarello sagt. Eine Erleichterung ist es , viele Teile der Strecke zu kennen und wiederzuerkennen, das verkürzt die Akkordarbeit auf den Geraden. Ab Lübbenau mischen sich viele neue Vogelstimmen ins Gegenwindrauschen, Radreisegruppen ruhen im Schatten.

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Es kommt die Lausitz.

Neben Dörfern, die oft mit kurzen, schmerzhaften Kopfsteinen aufwarten („historisch“) sind mir Viehbetriebe in Erinnerung, Tino erzählt von 1000er Milchviehaltung und weist später auf eine Schweinemastanlage titanischen Ausmaßes.

a13Schön weit vom Schuß: für solches Fleisch stehen viele gerade Schlange, um es heute Abend auf ihre Grills zu legen. Weiter an den rekultivierten Zonen vorbei, über die Trasse der neuen Gas-Pipeline.

a14Öfter als gedacht müssen wir Flaschen füllen. In der Ebene vor und hinter Hoyerswerdea quält der Wind uns spürbar. Dann wird es ländlicher und sittlicher, die Landschaft wellt sich ganz mählich. Unsere Lokomotive zieht.

aa7Jetzt kreuzen wir schon das kleine Dorf, in dem ich Berlin-Wien 2018 beschloß. Was für eine Erleichterung  – damals. Heute geht es weiter, weiter nach Süden, die Kraft ist da.

aa8Nun heißt es Abschied nehmen vom Mitstreiter, der sich den Rückzug nach Berlin ersprintet. 200km reichen ihm – kraftvoll sprintet er uns davon.

a1Wir sehen bald die Stadtkrone und suchen Kalorien. Es ist Samstagnachmittag, es herrscht Ruhe, einige wenige Läden sind offen. Wir wählen eine Metzgerei, die kein Brot (nebenan!) , dafür aber Salate und Wurst bereit hält. Man kann geteilter Meinung sein. Der Bioladen ggü. war  bis auf die Kasse ebenfalls menschenleer. Ein ausgezeichneter Filterkaffee und eine Schale Erdbeeren zum Nachtisch.

Während Tino immer wieder Pulver anmischt, habe ich vor allem auf feste Nahrung gesetzt. Riegel und Bananen, Studentenfutter und Traubenzucker bilden meine Vorräte. Eine Nektarine reift in der Musette heran.  Wie weit auch immer das reicht, denn auf die 200km Hitze folgen jetzt Höhenmeter.

Der Wind läßt nicht spüren, wieviel Schweiß fließt, wieviel Substanz der Körper verliert.

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Das Land ist wie verändert. Stattliche Gebäude,  herausgeputzte Kirchtürme, eine Goetheschule, an deren Ecke die Skulptur des Rattenfängers eingefügt ist. Ab jetzt haben die Häuser oft heitere Pastellfarben – und wir gewöhnen uns an die Anstiege. Und Autos, die jetzt eine Spur aggressiver unterwegs sind. Sie müssen schnell noch rüber, billiger tanken fürs Wochenende. Wir werden jetzt von Kurort zu Kurort kommen, eingenistet in Ausläufer der grünen Hügel ringsum. Eine Frau mäht den Rasen vor einem verfallenden Gutshof.

a2Dann  über die grüne Grenze, neben unzähligen Nippesbuden eine riesige Zahl an Topfblumen. Irgendwo läuft ein vietnamesischer Hut herum. Die Sonne neigt sich schon, doch immer wieder brauchen wir frisches Wasser. Pap heißt die Tankstelle, ein grüner Papagei als Emblem.

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Nach dem ersten Höhezug geht gleich auf den nächsten zu. Davor liegt das Städtchen Rymburk. Mir fällt auf, wieviele Menschen auf der Straße sind. Sie gehen vor die Tür, treffen sich, schauen sich ihre Stadt an. Das Leben genießen.

Den Bergkamm umfahren wir gekonnt, indem wir Richtung Oybin (Zittauer Gebirge)  wieder in Deutschland eintauchen, vorbei an den Bechstein Klavierfabriken. Bechstein Flügel sind neben dem Wiener Bösendorfer die einzig namhaften Konkurrenten der übermächtigen Steinways. Die Berliner Firma saß sehr präsent in Kreuzberg am Mariannenplatz, die Produktion läuft nun seit fast 20 Jahren an diesem Grenzort.

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An einer sehr grünen Grenze kehren wir wieder nach Tschechein ein. Die Temperaturen sind angenehm geworden und ich gönne meinem Rückteil eine kleine Pause. Hitze mögen wir nicht, 150ml Spezialcreme führe ich mit, die bei jedem Absteigen angewandt wird.  Der Sonnenuntergang ist gegen 21h15, wir sputen uns.

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Der waldige Kamm erinnert an den Schwarzwald, es ist eine kleine Verbindungsstraße die uns endgültig in die Tiefe des Landes führt, vorbei noch an den Preciosa Glasperlenwerken. Bald kommt eine Landstraße in Sicht und hinter Wiesen und Wäldern erwartet uns Jablonne, eine hübsche kleine Stadt am Hügel, die mit Kirchen vollgestellt wirkt.  a7Zusammen mit ein paar Gästen entspannen wir auf der Terasse des Resturant Venezia und lassen erst einmal Kozel Bier kommen. Leicht und fein, nicht zu süffig nicht zu bitter, etwas besseres kann es in diesem Augenblick nicht geben. Tino bestätigt. Was sich nicht bestätigt ist die italienische Namensgebung. Pasta gibt es nicht. Also Wurst, Suppe und Brot. Gut, nur nachher frage ich mich, ob es für einen kalorienverbrennenden, verwöhnten Gourmand wie mich reicht. Nur drängt die Zeit, die uns der Wind (und das Suchen) gekostet hat. Ganz Tschechien liegt noch vor uns und auch die Nacht.

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Im letzten Tageslicht verlassen wir Jablonne und dringen in die dichte Nacht ein. Die Navis funktionieren auf Knopfdruck, nach einigen Minuten sind auch die Körper wieder bereit. Es geht immer weiter aufwärts, der Wind hat sich gelegt und der volle Mond wartet auf zwei einsame Pilger.

 

 

 

 

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Berlin oder: Bier ist mein Yoga

Es ist soweit. Zusammenführung der Team Stuttgart Räder in Berlin. Eine Sektion der Betriebsgruppe Radsport Brauerei Schultheiss erweist mir die Ehre. Die Kaderfahrer T.K. und T.K  sind auf typengleichen Eddy Merckx Rädern erschienen. Corsa Extra, Team Stuttgart.

DSCF9672T.K, den ich zur leichteren Identifikation fortan Tino nenne,  geleitet mich in die Danckelmannstraße, einem der schönsten Stadtteile Charlottenburgs. Charlottenburg ist eine traditionsreiche Stätte des (West)Berliner Radsports. Hier führte neben einer Espressobar schon um das Jahr 2000 ein gewisser Andy seinen Laden für historische Rennräder. Campandy ist Geschichte und das Gitane-Campagnolo eine verpasste Chance, doch in der Danckelmannstraße herrscht buntes Treiben. Hinter der Espressobar und der traditionellen Bäckerei hat sich eine Kneipe nach bayrischen Farben benannt: weißblau.

ae3Die Temperaturen sind sommerlich und wir schreiben den 13.Juni. Auf dem Gehsteig unter den Platanen herrscht Berliner Stimmung. Heiter wie das Wetter, leicht und spritzig wie das Bier.

Von hier gesehen, hat sich Berlin in den letzten 30 jahren nicht verändert.

ae5Ein Begrüßungsbier fordert das Nächste. Nicht nur die außergewöhnliche Konstellation von drei gleichfarbigen EddyMerckx Maschinen muß begossen werden.  Auch unser Unternehmen erfordert Mut – denn morgen geht es für Tino und mich bei Sonnenaufgang Richtung Wien,  ins Weinviertel nach Poysdorf. Felix Austria.

ae2Dort in Poysdorf , über 600km von uns entfernt, findet die siebte Ausgabe vom Treffen alter Stahlrenner statt, die inveloveritas. Die Berliner Kader waren dort schon mehrfach, einige haben keine Edition ausgelassen. Inveloveritas findet an wechselnden Orten im Weinviertel statt, der Weinbauregion rund um den Wiener Norden, die sich bis an die Tschechische Grenze erstreckt.

Für mich ist es eine Premiere. Eine Premiere wird auch die Strecke von Berlin nach Poysdorf, die sich Tino ausgedacht hat. Er selbst ist vor 2 Jahren schon einmal den Weg nach Wolkersdorf gefahren, ich selbst nur ein Stück bis Bautzen, das ich von Wien-Berlin-Wien kenne. Das ist ziemlich genau ein Jahr her. Ein Problem, das es zu lösen gilt.

ae8 Wir sind beide gut vorbereitet. Jeder von uns  hat einen 400er brevet in der Tasche, Tino war auf der sehr anspruchsvollen Etappenfahrt über den Brocken nach Hamburg unterwegs – bei Temperaturen die mir nicht gefallen hätten. Wir erwarten in den nächsten Tagen Sonne und sommerliche Wärme, wie sie schon Anfang des Monats herrschte. Ein typisches, stabiles Kontinentalhoch

Es ist der Weg durch die Tschechei, also bis 40km vor dem Zielort, der mich ein wenig bangen läßt. Ein wildes, unbekanntes Land voller Legenden, Wäldern und Trollen. Und das Nachts. Dafür ein Wahlspruch

ae6 – wie er sich im Weißblau findet.

Wir prosten uns zu, vergleichen unsere Räder. 7fach, 8fach, 10fach, das sind die Varianten. Tino wird kompakt fahren, mein Exemplar ist unverändert mit der 89er Dura Ace ausgerüstet. Eigentlich ein reines Rennrad, aber weil 28mm Reifenbreite passt, kann man daraus auch ein Reiserad machen. Dank Lithiumtechnik ist für eine Nachtfahrt im Sommer  auch kein Nabendynamo erforderlich. Bleche und Anbauten erübrigen sich, das Bikepacking hat in diesem Jahr einen Evolutionsschub gemacht. Leichter reisen.

ae9Am Charlottenburger Tor trennen wir uns undreihen die Räder fürs Abschiedsfoto auf. Der Bier-Botschafter des ESK muß nun nach Pankow, wir nach Mariendorf in den Süden der Stadt.

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Doch halt!

Auf dem Weg dorthin noch ein kulinarischer Tip. Mein Westberliner Gedächtnis erinnert sich an eine kleines Galeriecafé an der Grenze zu Kreuzberg, schön verborgen unter duftenden Linden und zu meiner Freude auch unverändert. Der Chic der 80er, Mietshäuser in Eigentümergemeinschaften, die sich dort zum Abendessen treffen.

Wie in einer Wagenburg liegt dieses Viertel, leicht im Hang (Sommerluft), südlich der Yorckstraße und  ganz nah an der Nord-Süd Trasse – mit Blick auf das neue Kreuzberg.

Eine Dame ist fertig und bietet uns ihren Tisch an: Trüffeltagliatelle, PizzaNapoli, Qualität wirklich gut. Kalorien, die wir am morgen brauchen werden. Café Aroma (Galerie),

DSCF9702Der Tag verabschiedet sich am Südkreuz, die Sonne versinkt hinter dem Schönbeberger Gasometer. Morgen wird sie um kurz vor 5 für uns wieder aufgehen.

Bier ist mein Yoga.

 

 

 

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Notizen zum Flixbus

af13Die Maut abgeschmettert, die Verkehrswende ausgebremst, Stuttgart 21, ein mit viel sanftem Druck aus Regierungskreisen gepushte Projekt der Deutschen Bahn ist auch unkontrollierbar. Gerade geht so gar nichts gut für den bayrisch moderierten thinktank unseres Verkehrswesens.

af11Einen sehr guten Beobachtungsposten für die ground zero Realität der Mobilität bieten Flixbusse. Aus diesen Reisemöglichkeiten der billigen Art schweift der Blick souverän über die rollende Wirklichkeit danieden.

af1Allein die Preisfrage: die Anreise mit der Kleinbahn kostet mich  -auch in unterschiedlichen deutschen Fürstentümern – um das fünffache des Kilometertarifs eines Flixbus. Dabei bin ich nicht einmal Schnäppchenjäger.

Die Reisekosten liegen auch deutlich unter den Spritkosten des eigenen PKW, auch wenn dieser ein sparsamer Stinker ist.  Wo ist der Haken?

af2Sicher nicht in den Transportmöglichkeiten. Ein ganzes Rad mit allen notwendigen Taschen findet im Bauch des Leviathan Platz. Vorsichtig lege ich es auf Hartschalenkoffer. In einer Bahn geht es oft gedrängter und wackliger zu. Hier ist es sicher zwischen den drei Achsen der 295er Gummiwalzen.

Innen herrscht Ruhe, die Klimaanlage rauscht kühl, die Passagiere haben Platz genommen und stecken diverse Endgeräte ein. Der Busfahrer stellt sich mit seinem Assistenten vor und wird die nächsten Stops ansagen. Es gibt auch Staus, aber irgendwie wirken sie weit entfernt. Man betrachtet sie als Nebensache, liest weiter oder unterhält sich mit den Nachbarn. Der Straßenkreuzer nimmt grummelnd wieder Fahrt auf und erreicht die vom Tempomaten festgelegte Reisegeschwindigkeit. An  Anstiegen werdsen die Laster überholt, deren Fahrer man auf Augenhöhe begegnet.

Die Lastwagenkolonnen Richtung Berlin sind endlos, eine Armee von Frachtern ist in beide Richtungen unterwegs. Drei Spuren reichen da so gerade, eine Baustelle bedeutet Stau. In den nächsten Jahren soll das Frachtaufkommen weltweit noch zweistellig steigen. Wie soll das gehen? Wir schaffen das

Kurz vor Ende der Reise nehmen fast alle Passagiere simultan ihre Geräte auf und geben  ihr Eintreffen bekannt. Der Funkturm kommt in Sicht, der Busbahnhof eine Baustelle.

af4Das unversehrte Merckx steht unter dem Funkturm, bereit für die große Fahrt.

 

 

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Ein Jäger aus Kurpfalz – zur Velowino

1. Ein Jäger aus Kurpfalz,
Der reitet durch den grünen Wald,
Er schießt das Wild daher,
Gleich wie es ihm gefällt.

Refrain:
|: Juja, Juja, gar lustig ist die Jägerei
Allhier auf grüner Heid’,
Allhier auf grüner Heid’, 😐

2. Auf! Sattelt mir mein Pferd
Und legt darauf den Mantelsack,
So reit’ ich hin und her
Als Jäger aus Kurpfalz.
Refrain:

(1 Volkslied)

b1Man lernt nie aus,. Die föderale Hoheit unserer Schulbildung wirkt nach, wenn  wir feine, aber bedeutende Unterschiede  der Landes erst im Intensivtourismus erfahren können. Neulich, nachdem ich diese Brücke überquert hatte, fragte ich freundliche Menschen, ob ich jetzt in der Pfalz angekommen sei. Sie warfen mich nicht in den Neckar, an dessen Ufern wir standen.

b3Unsichtbare Linien durchziehen unsere Landschaften,  definieren den Wechsel von Dialekten, Konfessionen, Leibspeisen. Der Begriff vom Weißwurstäquator ist kein launisches Wortspiel: auch in Zeiten homogener Fastfood-Versorgung markieren Wurstsorten reelle kulturelle Grenzen.;

(Ganz wie vor 300 Jahren, als >wes Brod ich eß, des Lied ich sing< galt und Mannheim stolze,  kurpfälzische Residenz war  -und Ludwigshafen ein bescheidenes Bauerndorf).

Vom Spundkäse jedenfalls hatte ich weder in der Schule noch im Leben je gehört, bis ich ihn endlich sah – aber erst einmal aufsitzen, Pedale einrasten und durchatmen. Es ist ein guter Morgen.

a1Aus vergangenen Expeditionen war bekannt, daß Ludwigshafen und Mannheim nur wenige Kilometer trennen, aber dabei eine Landesgrenze überwunden werden muß . Im heutigen Versuch folge ich den gleichen Spuren, bin aber historisch besser informiert.

Von der Fleischwurst zur Weißwurst

Der Sommertag beginnt hell, diesig, mit sehr leichtem Wind, als das Batavus in Schwung kommt. Das Frühstück war gut, der Tee blumig. Dieses Rad erfährt in den nächsten zwei Tagen seine Bewährung auf der Strecke, denn es geht nicht nur bis Mannheim, sondern am folgenden Morgen zur Velowino, eingedeutscht: Weinheim.

aa1Das Batavus „professional“  ist mit Teilen aus den Kellerkisten aufgebaut. Der Rahmen von Größe 60×57 rollt sehr lebendig und straff, auch wenn der Radstand ganz entspannte 100cm beträgt. Die Reifen meiner Wahl sind 25er Contis, also auch da Komfortzone.

Der Unterschied zu anderen Modellen liegt wahrscheinlich bei einem anderen Wert: das Innenlager nämlich liegt 28cm über dem Boden, das sind immerhin 1,5cm mehr als bei vielen Konstruktionen.  Bei den 7,5 bar mit denen ich gestartet bin, wird das spürbar : -aber nicht unangenehm, denn Geradeauslauf und Stabilität sind tadellos.

a5Lebendig verfliegt die erste Stunde. Vergessen Morgenkälte und kühle Nebel vom April. Heute wird von Beginn an Schatten gesucht. Aus dem goldenen Grund hinaus führt der Weg über Heftrich, durch den Wald auf die Höh‘ , hinunter nach Oberseelbach. Mehr Höhenmeter, weniger Kilometer. Idstein umfahren.

Und zurück auf die gute alte Bundesstraße 8.   Im Laub verbergen sich Gebäude; eine Containersammlung, sie nennen es Erstaufnahmelager. In Unterhemden und Badeschlappen werden Bollerwagen gezogen, mit Plastiktüten auf  ins nächste Dorf. Wir rollen weiter. Hinunter, hinauf, Ampeln, Kreisverkehre, Reisebusse.

aa4Letzte Waldstücke – Nadelbäume atmen aus-  und dann im Sinkflug durchs freie Feld , an Wiesbaden vorbei runter zum Rhein. Holundergeruch aus Feldwegen. Ganz weit hinten  kleine Bleistifte von Fliegern.  Erbenheim, Igstadt, Bierstadt, Fort Biehler. Rechts oben grünblau der Taunuskamm und weiter vor mir, milchig, vage Umrisse von Mainz. Schon durch Mainz-Kastel durch, doppelspurig an den ersten Erdbeerständen vorbei. Da ist der Rhein.

….

Kurze Tankstellenpause nach drei Stunden – den Rucksack abnehmen, einmal durchstrecken und recken.

Der letzte Tag im Mai. Sattes Frühjahrsgrün, auf das eine große Welle warmer Luft Sommerhitze verteilt. Ein Sprung von 15 Grad nach oben, genau jetzt, da die Blätterdächer gut geschlossen sind.  Nach Worms über die Weindörfer und  Bundesstraße: Kurs Süd auf den Treffpunkt Rheinbrücke zu.

a4Am Rhein stauen sich motorisierte Kolonnen. Alle haben frei, alle wollen an die gleichen Orte. Ich gleite vorbei, suche meine Position am Unterlenker, hart neben dem dicken weißen Strich der großen Straße. Ein Rucksack ist auf Kurzreisen praktisch, erhöht aber den Druck auf die Sitzknochen, und wird auf Dauer fühlbar. Schmerz verlangern und neue Position suchen. Entschädigung: der Sommer ist noch jung, alles sieht so leicht aus, helles Blau, helles Grün. Der Himmel und mein Batavus verschmelzen kurz.

a3Die Luft hat noch keine Zeit gehabt, sich über dem Teer zu stauen, eine leichte Brise geht durch die Alleebäume. Chausseen Chausseen – ich gewinne ihnen eine neue Schönheit ab, die Schönheit der Schattentupfer. Kettensirren. Das alles bei einem gefühlten Tempo um die 30, die dritte Trainingsfahrt dieser Woche.

(Gedanke, der verfolgt wird: statt einen großen 600er Brevet zu  meistern, mehrere flotte Portionen von ca 150km, so geht es mit der Regeneration schneller, das Wundheitsrisiko ist geringer etc. etc.  – on verra)

a7Links der Odenwald, symmetrisch von den Stümpfen der Kühltürme in die Ferne gerückt. Dort geht es heute noch hin, zur Einschreibung bei der Velowino.

b3Die Velowino in Weinheim ist eine der  hübschen, sorgfältig organisierten Veranstaltungen, auf der Renräder vor 1990 erwünscht sind. Das Muster der eroica wird gern angeführt, und es ist fein, wenn die Idee sich in unseren Breiten fortsetzen läßt. Es muß nicht immer Italien sein, Schönheit und Exotik liegen manchmal in Sichtweite.

De rote Worscht

Da ist schon: Worms,  – – ich sehe Dich.

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Jetzt führt mich ein Ortskundiger Mannheimer unter das mächtige Brückenhaus aus dem Sandstein, der von Mainz bis Heidelberg viele großen Bauten schuf . Ein eigenartiges dunkelrosa, (ich meine auch Aschaffenburgs Bischofsresidenz ist aus dem Material). Aber das ist weit fort, zum zweiten mal geht es heute über den Rhein  – nach in Baden Württemberg, der Odenwald kommt immer näher.

aa8Erst aber kreuz und quer durch Felder, die der Mannheimer „das Ried“ nennt. Eine kleine Po-Ebene, ohne Reis und Malaria, gut für Erdbeeren. die Bewohner gelten als genügsam, anspruchslos mitunter einfältig.

a8aa7Kurz vor dem Ziel nochmal ein Eis vom Italiener der zweiten Einwanderungswelle (ca 1960 nC) sacken lassen. Es ist wirklich einer. Innen die Leinwandreproduktionen von Ölgemälden, das italienische Satellitenfernsehen, furnierte Möbel des 20ten Jahrhunderts. Und gutes Eis. b1

Sie haben gerade den Stand aufgebaut, als wir eintreffen im schattigen Burghof. Der Empfang ist herzlich, es gibt salben, Magnesiumpulver und die Startnummer. Mutig für die lange Runde  (130km) ab 6h30 gemeldet. Alles frisch befestigt .

DSCF7633Morgen soll es durchaus wärmer wärmer werden ……

 

 

 

 

 

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Masta

Sie haben ihn aufgebahrt. In seinem Rennoverall liegt er in seinem Sarg, der rote Helm obenauf, mitten im Stephansdom. Niki nazionale: er war schon ein gerader Michl sagt eine Zuschauerin. der Berliner hätte gesagt: kalt wie ne Hundeschnauze. Niki Lauda, Sohn aus gutem Hause, erzbürgerlich aufgewachsen, kühl, berechnend aber gleichzeitig von völlig irrationaler Risikobereitschaft. Jetzt endet er mit den Würden eines Bischofs, ausgerechnet dieser bekennende Atheist, dem die letzte Ölung den Kick zum Überleben gibt: „mit mir nicht“, dachte er da noch. Jetzt haben sie ihn.

b masta 4Was so ein Brevet für Überraschungen birgt. Ich kenne diese Kurve. Ich kenne sie, seitdem ich diesen Film aus dem Jahr 1955 gesehen hatte, da wäre ich minus 10 jahre alt. Hier genau biegt der Grandprix Kurs von Spa von der Nationalstraße nach Stavelot ab, rechts hinauf Richtung Start und Ziel, auf eine kilometerlange, kaum gewundene Gerade die an der Haarnadel von La Source endet.

Ich rede dabei vom alten Kurs, und  insbesondere vom Jahr 1973. Da hatte die Formel 1, der diese Strecke in „Grand Prix“, John Frankenheimer 1966, ein Denkmal setzt, den Kurs bereits für zu gefährlich erklärt. Der letzte GP von Spa auf der 14,1 km langen Strecke fand 1971 statt.

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 Kurz vor Coo: Chenard&Walcker, Sieger in Spa 1925, Sieger in Le Mans 1923……

Natürlich war der Einwand auch damals schon völlig berechtigt und heute wäre ein Rennen unter den Voraussetzungen von 1973 kaum vorstellbar. Wie viele Rennstrecken Europas verlief der Kurs über ganz gewöhnliche Landstraßen in einer abgeschiedenen, grünen Idylle, ohne nennenswerte Auslaufzonen, direkt an den Vorgärten der Anwohner vorbei. Dagegen muten einige Wüstenrennbahnen der heutigen Formel 1 wie Indoorspielplätze für Kindergeburtstage an.

b masta lauda 732

Aber es war der Beginn einer anderen Zeitrechnung für den Rennsport und einen guten Anteil daran hatte auch Niki Lauda . Ohne seine Persönlichkeit wäre die Grand Prix Drivers Association wahrscheinlich ein  loser Verbund von Hasardeuren und Söldnern geblieben, die die Organisatoren von Rennstrecken wie dem Nürburgring nie zu konstruktivern Erneuerungen gezwungen hätten. Auch wenn es ihn selbst dennoch fast das Leben gekostet hätte, wieviele Leben anderer Fahrer dieser Kopf so gerettet hat, kann man glücklicherweise nur vermuten.

Rennsport war zu Zeiten Laudas und noch bis in die Ära Schumacher in Deutschland nicht gerade politisch korrekt. Gerade nach der Ölkrise galt diese Vergnügen als mörderisch, leichtfertig und verschwenderisch. Die mediale Berichterstattung beschränkte sich auf meist viertelstündige Rennberichte, wenn es um Formel oder Sportwagen ging, der Rallyesport, landschaftlich reizvoller, bekam im zweiten Programm etwas mehr wohlwollende Aufmerksamkeit.

Dabei reden wir in den 1970ern von einem sehr breiten und bunten Angebot an Rennsport. von Formel 2, Prototypen, Sport- und Tourenwagen bist zur Formel 1 reichen sich oft die gleichen Fahrer das Lenkrad. Zwar gibts Werksteams, aber Fernseh- und Sponsorgelder fließen bei weitem nicht so uferlos wie noch heute.

Veranstaltungen wie die 1000km von Monza, dem Nürburgring oder eben Spa werden von der Elite der Fahrer bestritten, die Rundenzeiten sind in Spa sogar unterhalb der Formelrennwagen. Schon 1960, zu einer zeit als 180PS starke 1500ccm Motoren die Lotus und Ferrari antreiben, wird auf diesem Kurs die 200kmh mauer geknackt: im Durchschnitt. Seit 1971 reden wir von Durchschnittsgeschwindigkeiten von 260kmH. Das jahr 1973 markiert einen Endpunkt, an dem auch Niki lauda beteiligt ist.

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Beim 1000km rennen ist das Feld zwischen Prototypen und Sportwagen geteilt. Drei Anwärter gibt es auf den Sieg, die ihre Formel 1 Motoren in leichten Fiberglaskarrosserien einsetzen: Ferrari, Matra und Gulf aus England, ein Chassis, in dem der dominante Formel 1 Cosworth verwendet wird.

Porsche, BMW, Opel und Ford treten mit modifizierten Sereinfahrzeugen für die Tourenwagen Europameisterschaft an. Der junge Niki Lauda teilt sich mit dem deutschen Talent HansJ Stuck das Cockpit eines Alpina BMW. Beide sind ehrgeizige Fahrer, die parallel in der Formel 1 um erste Punkte kämpfen. Lauda kämpft um mehr: er hat einen gewaltigen Kredit zurückzuzahlen, mit dem er sich in die Cockpits von March und dann BRM eingekauft hatte. Lauda ist ein sogenannter pay driver, ein Millionärssohn vielleicht, aber ein zielstrebiger und ehrgeiziger. Also fährt er auch gegen Bezahlung Tourenwagen.

 

a masta autonewsinfo.com-Manfred-GIET-FERRARI-312-PB-Jacky-ICKX-1000-KM-SPA-1973

Das Training zu den 1000km von Spa beendet der Belgier Jacky Ickx  (Bild: Giet) auf der Pole Position, er hat dabei den Rundenrekotd verbessert. Durchschnitt: 263 kmH. Spa ist der schnellste Straßenkurs der Welt, nur die künstlichen Geschwindigkeitsovale der USA erlauben höhrere Durchschnitte.

 

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Einer der wichtigsten Gründe für diese Speed-rausch ist die Gerade, die ich mich gerade hinaufarbeite: Masta. Nach der Kuppe von Eau Rouge geht der Kurs in einem langen Schwung über Burnenville und Malmedy langsam bis zur Kehre von Stavelot bergab: viele Kilometer lang. An der Stelle, die ich gerade passiert habe, dürfte jacky Ickx also mit ca 360kmH oder Jo Siffert mit 380kmH entlanggekommen sein. Auf einer Landstraße, die gerade mal 6m meter Breite hat . . ..

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Niki und Striezel Stuck gewinnen ihre Kategorie nach 62 Runden, sie erreichen zivile 210kmH auf dem BMW 3,2 CSL, einem Auto mit rudimentären, kleinen aerodynamischen Stabilisationsmitteln, wie man leicht sehen kann. Für Lauda, den man als rational und akribischen Techniker bezeichnet, wird dieses jahr 1973 entscheidend sein. Er setzt sich an die Spitze der BRM Fahrer der Formel1 und Enzo Ferrari wird diesen Spieler in sein team holen. Der Rest ist Legende.

b mastaIch dagegen quäle mich mit kaum 20kmH diese endlose Gerade hinauf, während erste Tropfen ansetzen, den Kurs noch gefährlicher zu machen. Sportwagen sehe ich immer wieder und fast alle tragen englische Kennzeichen. BMW, Porsche Ferrari, Triumph, Aston-Martin aller Epochen. Die Engländer sind die großen Mythologen des Automobilsports, das steht fest.

b masta2Wenig später auf dem Ravel hinter Malmedy entdecke ich das gut verborgene Refugium. In Reihe stehen vor kleinen Chalets diverse Lotus und TVR, bereit, am nächsten Abend Erinnerungen an den Geschwindigkeitsrausch des Kontinents wieder auf die Insel zurückzubringen. Für mich sind es noch 160 km. Auf einem Fahrrad.

 

 

 

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Die Pausen eines Brevets – Fragmente aus 400 km

Kein Brevet ist wie der andere, jeder schreibt seine eigene Geschichte. Der Fahrer ist am Ende Passagier und Kapitän im eigenen Körper, der die richtigen Schlüsse ziehen muß, um weiter zu kommen, um ins Ziel zu kommen.

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Dieser 400er durch die Ardennen ist keine Ausnahme. Er führt zu einer kleinen Pilgerstätte des Radsports über Stavelot und dann zurück in die sandigen Ebenen des Niederrheins. Der Parcours ist berechenbar, der Verlauf nicht.

Pausen entscheiden einen Brevet, hier einige Fragmente.

Km 136 Limbourg

Von der Höhe kündigt sich die kleine Stadt durch einen Kirchturm an und unten auf dem Dorfplatz erkenne ich sie wieder. Dieser Ort, Limbourg, ist der historische Ursprung der heutigen Provinz der Niederlande rund um Maastricht. Gleich nach der Hauptkreuzung suchen meine Augen den kleinen Bäcker an der Kontrollstelle des 200km-Brevets 2015 eben aus Maastricht, das Klassentreffen. Dort ist er.

a 002Es sind bald 7h herum, das Wetter ist mild, Wind kaum spürbar. Es war ein gutes, flottes Brevet auf den ersten 6 Stunden, doch kleine Krampfspitzen in den Oberschenkeln warnen  – Mineralien und Kalorien müssen her. Die Vorräte in der Vordertasche sind angegriffen, die Haselnußriegel, die Obstschnitten und auch die gute alte Kümmelmettwurst.

a 001Bis zur holländischen Grenze ging es im Verbund durch den flachen Niederrhein. Dann, an irgendeinem Kreisverkehr, einer kleinen Steigung spaltet sich die Gruppe vom Morgen auf. Spätestens an der ersten längeren Steigung wird sie völlig zerfallen sein. Das sind die Gesetze des Brevets. Allein geht es weiter, über Hügel und Felder.

Jetzt muß es für den Körper etwas mehr sein. ich stehe am Eingang, direkt an der Hauptsraße.  Mitfahrer rollen an mir vorbei, icht trete näher.

a3– in die hübsche, altmodisch solide Stube und bestaune die Auslagen.  Das besondere dürfte das hausagemachte Eis von Signore Franzeschi sein. Sorbet-Eis ist meine große Schwäche, bei Himbeere könnte ich gleich mehrere nehmen.Dazu Rhabarber Törtchen und ein guter Cappuccino. Eigenartig, daß mir niemand Gesellschaft leistet, immer wieder rollt eine Silhouette draußen vorbei. Das Gold liegt an der Straße, in der Kugel verbergen sich kleine Himbeerstücke, die ich genußvoll kaue .

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Gefüllte Flaschen und ab, denn jetzt wirds ernst, also richtig anstrengend.  Bis zur nächsten Pause in Remouchamps stehen einige Steigungen an, die zum Programm von Lüttich Bastogne Lüttich gehören. Fahr ich zum Städchen hinaus, sehe ich rechts eine Bäckerei und Fahrräder. Da sind sie also. Ich grüße zum Abschied den gewundenen, krummen Kirchturm und mache mich aufs kommende gefaßt.

Km 172 Remouchamps

a6– nach einer langen Abfahrt stößt man mit der Nase auf eine Brasserie. Die Brasserie unserer Wahl;  denn Brest 981km kann eigentlich nur Randonneure meinen und nicht die kleine Gruppe englischer Freizeitsportler, die sich mit Carbonrädern den kleinen col du Maquisard hinaufquälen. Remouchamps im Tal der Amblève ist ein zentraler Ort des Radsports. Rundherum liegen die Hügel, deren Anstiege seit 100 Jahren den Ausgang der zwei großen Klassiker, Lüttich bastogne und Flèche Wallonne bestimmen.

a9Hier trainieren Generationen belgischer Radprofis für ihre Saison, die Tour und den Giro. Wie oft mag Eddy Merckx  hier vorbeigekommen sein? Mit  den Mitfahrern geht es ins Lokal,  an dessen Wand gleich ein Weltmeistertrikot hängt. Erstmal einen Stempel holen und ein Chimay vom Faß bestellen.

a7Außer dem Weltmeistertrikot entdecke ich eine ganze Wand voller Zeitungsartikel, Poster und Devotionalien, die alle einem einzigen Mann gewidmet sind: Philippe Gilbert. nach seinem annus mirabilis 2011 hat „Phil“  in diesem Jahr mit 36 das letzte Monument gewonnen, das ihm noch fehlte : Paris Roubaix. Nicht einmal ein jahr nach dem spektakulären Sturz am Portet d’Aspet, der ihm das Knie zerstörte.

„Es ist ein Sohn des Dorfes.“

Neben der Heldenwand sitzt eine Dame allein an einem Tisch, die lockigen Haare sind frisch gemacht, es riecht nach l’air du temps und aus einer Tür kommt ein kleiner Junge auf sie zugelaufen, dessen Frisur ganz ähnlich ist. „Bist Du groß geworden!“ ruft sie und umarmt ihn. Mein Bier ist leer, die Stempelkarte wieder in der Tasche und ich gehe kurz raus in die Sonne, wo die Mitfahrer am Tisch sitzen und Cola schlürfen. jetzt rollt auch die englische Reisegruppe an der Kreuzung aus.  Schräg gegenüber sehe ich andere Brevetfahrer an einer Pommesbude. Dort muß ich nachfassen, es ist klüger, auch wenn es wieder zehn Minuten sind, die Kalorien brauche ich noch.

a8Remouchamps ist ein Bienenstock für Rennradfahrer, an jeder Seite der Kreuzung eine Kneipe, in die Radfahrer mit ihrem merkwürdigen Gang ein- oder ausströmen. Ein Wochenende in den Ardennen. Alles ist grün und mild und es geht weiter mit dem grünen Eddy Richtung Wanne und Stockeu, mit dem Eddy zum Eddy.

Es ist ein hartes und ehrliches Rad , auch mit 25mm Reifen wird man eindeutig über den Straßenbelag informiert. Die lange Apiduratasche ist gut bepackt: ich hatte mit allem gerechnet: Regen oder Hitze, zwei Ausrüstungen. Bis hier wurden alle Schauer umfahren und die ersten Tropfen genieße ich mit einer Pommestüte unter dem sicheren Vordach.

Mit einem zwischengeschobenen Haushaltsschwamm habe ich für die Apidura einen sicheren Stoß- und Reibungsdämpfer am Rahmen. Natürlich reiße ich im Wiegetritt nicht wie blöde am Lenker, aber auch so schaukelt sich wenig auf. Am Lenker sind an den Stellen, über die das Klettband der kleinen Decathlontasche läuft Verstärkungen mit Physiotape gewickelt. Hält wie gewohnt, es fehlt an nichts.

KM 210 Le Stockeu /Stavelot

b3Ich stehe am Stockeu, direkt vor dem Eddy merckx mit meinem Eddy. Hinter mir liegen die Anstiege nach Stoumont und Wanne, vor allem am letzten habe ich noch einmal Körner liegen lassen. Wahrscheinlich, weil ein paar belgische Jungspunde forsch an mir vorbeizogen.

Nötig war das nicht.  Aber nun stehe ich hier und lasse mich zum Beleg von einem flämischen Fahrer knipsen, dessen letzer Kumpel gerade das legendäre Steilstück hinaufkeucht. Vor  5 Jahren stand ich im Frühjahr zum ersten und einzigen Male hier zusammen auf Fahrt mit zwei Kölnern, die ich lange nicht mehr gesehen habe. 42×26 am Stockeu, da schüttle ich mein Haupt –  .

b4Heute  mache ich eben andere Fehler. Als der zweite Track geladen ist, schieße ich die neu geteerte Straße hinunter nach Stavelot. Kamera funktioniert, Navi Funktioniert, die neu zentrierten Räder haben sich kein Stück bewegt. All is safe auf Eddy’s Corsa Extra.

Gerade rechtzeitig komme ich unten in Stavelot am kleinen Supermarkt aus. „Noch fünf Minuten. Monsieur:“, hier wird um 18h30 geschlossen. Zwei Bananen, gesalzene Cashew, besonders magnesiumhaltiges Mineralwasser  und die Flasche Chimay kommen mit. Und ein Schokoriegel. Jetzt geht es zurück nach Norden, fast 200km zurück, aufwärts und langsam in die Nacht.

Erst Landstraße- vier Triumph Stag kommen mir in Kette entgegen,  dann in Malmedy auf einen Ravel Richtung Eifel. Der Ravel ist ein unsichtbarer Gegner, stetig geht es aufwärts ohne daß es der Körper richtig bemerkt. Nicht leicht, die richtige Übersetzung zu finden. Der Himmel ist grau, es hat kurz geregnet und langsam, mit jedem Höhenmeter wird es kühler. Bäume, die auf dem Hinweg schon voll belaubt waren,  blühen hier noch.

Km 313 GK

Die letzten 15 Höhenmeter waren die Hölle . Es ist noch nicht Mitternacht, aber höchste Zeit, denn der Tank ist restlos leer. Dahinten, am Ende der Ausfallstraße der kleinen Stadt brennen die Lichter einer Tankstelle, vielleicht sogar eines McDonalds?  Rad abstellen, Lampen ausschalten, noch 85km.

Die Tankstelle ist ein eingeschossiges Haus mit Außentreppe. Oben eine Spielbar. Das ovale Eingangsschild leuchtet rot: open. Ich folge zwei Frauen in die Tanke, rechts düdeln Spielautomaten,  durch Stehtische im Slalom zum  Tresen, dahinter ein korrekt frisierter junger Mann mit athletischem TShirt . Baguette und Hamburger liegen in der Kühltheke. Die Damen unterhalten sich in einer Sprache, die ich nicht verstehe und der junge Mann nimmt zwei Hamburger heraus. Bliebe ein letzter. Es geht jetzt um ein Maximum an langen Kalorien, an Proteinen und Kohlehydraten auf minimalem Raum.

Reges Kommen und Gehen, Motorengeräsuche von draußen. Nicht leicht, seine Gedanken zusammenzuhalten. Links Gewusel vor den Kühlschränken. Die Damen unterhalten sich noch, der junge Mann wartet . . .

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Der Ravel schien endlos, wie auf einer wilden Prärie standen Pferde, wuchsen Millionen wilder Narzissen dazwischen. Regenjacke an, dann wieder aus, Windjacke an, die Strecke ist stellenweise naß, langsam werden die Füße kalt, spannt der Nacken. Freihändig auf dem Merckx bei flüssigem Tritt, Hände in den Nacken und verdrehen, Hintern aus dem Sattel und durchbeugen, strecken, lockern. nach km 200 fängt der Brevet erst an.

b7Als ich die feuchten Socken gegen Wollzeug tausche,  rollen zwei Kollegen vorbei – die ersten seit Stavelot. Dann öffne ich die Gummibärchentüte. Es kribbelt in den Fingern: Zucker. Die Eifel ist lang, manchmal, mitten im Wald, kreuzt eine Straße .

b6Dann endlich eine endlose Abfahrt hinunter, frisch geteert mit 53×12, ein Rausch, aber langsam wirds dunkel.  Immerhin vor Dunkelheit, die auch Kälte bedeutet aus der Eifel heraus. Als ich in Zweifall einrolle, spüre ich schon etwas mehr Wärme. Ich bremse, denn da, an einer Hausecke stehen Räder,steht jemand im weißen ARA Trikot, dort leuchtet der Grill. Man empfiehlt mir den Gyros. Und hier mache ich den Fehler. Ich rolle weiter – weil ich glaube, bald schon kommt die nächste Gelegenheit. Aber sie kommt nicht. Nicht nach 10, nach 20 nach 30km. Und ich falle immer tiefer in den Schacht.

Km 313

Jetzt habe ich die Zapfsäulen im Blick und den Hamburger frisch mikrowelliert vor mir. meine nachbarn tragen basecaps, Sportartikelsocken und bedienen sehr stumm Spielomaten des 20ten Jarhhunderts.

An den Zapfsäulen, zwischen tankenden Autos ein tiefergelegter, großer schwarzer Benz mit Düsseldorfer Kennzeichen. Junge Männer mit Fitnessbudenkörpern und aktuellen Haarschnitten führen Balzschritte aus. Schwarz glänzen Haare und Bärte. Frauen, junge Frauen, die in anderen Autos warten; ich sehe die leuchtenden Fingernägel, auch große Ohrreifen sind dabei. Zigarettenschachteln werden ausgepackt. Ein Motor brüllt durch seine verbesserte Auspuffanlage. Eine Dame auf Stilettos mit glänzender Handtasche kommt herein. Ihr Haar ist frisch gelegt. Mein Burger riecht nach Verweseung und ich muß mich überwinden. Eine Tomatenscheibe erlöst mit ihrer Frische. Ich trinke den heißen Cappuccino – es muß sein. Der schwarze Benz dreht eine Ehrenrunde – Fahrertausch.

Andere sprechen in ihr Smartphone, ein weiterer, schwarzer,tiefergelegter rollt an. Gleiches Muster. Nach dem dritten Bissen geht es, nach dem vierten spüre ich erste Wirkung – irgendwann, später, sitze ich wieder auf dem Rad und rolle sehr langsam an.

Es wird und die Beine fühlen sich leicht an und ich rolle durch die alte Heimat, unter dem Balkon durch, auf dem ich stehen und gehen lernte, von dem aus ich die Bagger beobachtete, die eine neue Siedlung an die Stelle der Obstgärten. Niemand mehr hier, den ich noch kennen könnte. Sie schlafen alle aber die Erinnerungen leben.

Warum erinnere ich vor allem Gesichter alter Männer – Hosenträger, Hemden; sie dürften heute über hundert sein?  Viel deutlicher jedenfalls als die der Frauen –  bunte Diolenkleider, Kittel, die nun gerade siebzig wären – so sie noch leben. Da ist ein Schnitt in der Zeit  seitdem ich wegzog, ein Loch von fast 50 Jahren. Hier rechts wohnte Angelika, links Jenny, die sich für ihr Zimmer irgendwie schämte,  dabei war meins auch nicht besser aufgeräumt. Die Teppichstangen, der Koksgeruch. Die Stadt endet immer noch hier. Mein Kopf macht eine große Pause und dann fängt es an zu regnen.

b8Ich war mit dem Eddy beim Eddy, die Apidura Hecktasche als einziges Schutzblech, aber das ist nun auch egal. Manchmal sehe ich ein Licht, dann wieder ein Rücklicht das in der nassen Fahrrinne leuchtet. Irgendwann komme ich an der blauen Lagune vorbei und weiß, daß es nicht mehr weit ist und es etwas gutes, warmes zu Essen gibt.

400km Twisteden, 18./19. Mai 2019

 

 

 

 

 

 

 

 

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