Andernach und zurück

160313 Andernach und zurück

 

Eine wichtige Verabredung am Rhein. Der erste trockene (bis mittags sogar sonnige) Tag über 0, seit ich mich erinnern kann. Also endlich ohne Schutzbleche. Von der letzten Woche steht noch das Galibier da: warum nicht?

Die Sattelnase einen Millimeter nach oben, der Turbo-Gel soll heute endlich mein Freund sein (er wird es nie).

Ab nach Norden, langsam hoch Richtung Montabaur, über die sanfte Steigung bis Nentershausen, dann ein Abschnitt welliger Hochebene mit aufgewehten Schneeresten am Rand und einer schönen Abfahrt von der windigen Hochebene ins waldige Gelbachtal. In 4 Stunden werde ich diese Serpentine in der Dämmerung wieder auffahren. Im Tal:  Statt brav der Landstraße nach Montabaur zu folgen, will ich auf einmal unbedingt Reckenthal sehen, ein Dorf im Hang.

Gleich geht es eine Rampe hinauf in Gegenrichtung, dann auf steilem Weg gerade ins Dorf. Die Kirche liegt auf halber Höhe des Hangs, das Dorf, die Höfe gleichauf verteilt, in der Beuge, der ich einfach in der Hoffnung folge, sie führe mich zurück zur Straße. Nichts da 

 

Der hang liegt nach Süden, ein Grund sich anzusiedeln. Unten fließt der Gelbach durch das schmale Tal, oben auf der Höhe liegen die fruchtbaren Äcker und Weiden. Ist es ein Grund,     für die Hanglage ? Oder aus Mangel an fruchtbaren Flächen und Frühlingshochwasser eine Notwendigkeit ?  

 

 

Ich kehre nicht um – noch bin ich jung und stark und steige weiter mit 12 % . Warum nimmt man den verschneiten Abhhang in Kauf, Cleats als Spikes? Um den Skulpturenpfad Ecuadorianischer Künstler zu bewundern, den sie hier hinterlassen haben auf dem Weg nach Wirzendorf.

 

Dann ist das Gelbachtal beschlossen und Montabaurs leuchtet in der Wintersonne, die kleine Metropole mit dem gelben Schloß auf dem Vulkankegel. Er wird umrundet, entlang der üblichen Low Margin-  Geschäfte, Tankstellen, Outlets und den Gründerzeitresten, die sich an die Ausfallstraßen legen .  Die Absperrung des Frühlingsfestes ignorierend, nehme ich den kürzesten Weg hinaus aus der Stadt, komme wieder vom Weg ab, verliere nochmals zehn Minuten. Es sind einfach keine Straßennummern zu erkennen die Poller führen kryptische Ziffern an, ab und zu sehe ich eine winzige Beschriftung – K161, wo bist Du?

Immer wieder irreführende Ortsangaben auf großen gelben Tafeln dagegen , die durch Umgehungsstraßen noch ungenauer werden. Die Sonne ist futsch und ich finde mit einer Dorfkarte zurück, mir ist etwas kühl jetzt.

Dann durch den großen Wald Richtung Ransbach, immer weiter hinauf. Köppel, der höchste Punkt mitten im Tann. Es geht auf und ab, hier liegt überall Schnee, etwas schmutzig. Die Wälder schweigen, die Dörfer wirken mit ihren blassen Anstrichen unterernährt und verkühlt. Höhr-Grenzhausen, die Stadt mit den mannshohen Keramikvasen am Straßenrand.  Es kommen mir Menschen zu Fuß mit ihren Einkaufstüten entgegen. Sie müssen den Randstreifen nutzen oder den kleinen Asphaltteil, der zwischen Leitplanke und weißer Linie bleibt. Die Alten, die in der DDR Handwagen zogen, sie kehren zurück.

 

Limesschilder, hinaus aus dem Wald, die Rheinebene vor mir. Es ist nach 15h, 2 Stunden hatte ich mir gedacht und das wird knapp werden, und jetzt geht es bergab, eine Woge warmer Luft aus dem Rheintal (vergleichsweise) trägt mich hinunter Richtung Bendorf; , ausgestorbene (wie) Innenstadt, Reste von hübsch. Dann Richtung Neuwied, Kreisverkehre, keine Schilder Zersiedelung, Goldankauf. Imposante Eisenbahnbrücke, genietet, Stahl, eine schnurgerade Einkaufsstraße. Das Tempo gut, ich kann das große Blatt nehmen die Fahnen am Rand weisen halb in meine Richtung. Fahre auf dem dicken weißen Farbstreifen am Rande, der glatteste Belag, viele Menschen eilen zu den Baumärkten, Elektromärkten, Gartenmärkten, Schuhdiscountern und Drive -Ins. Ihre Farben heitern auf. Es wir Frühling. Neuwied – Kasernenstil, dann die Europabrücke über den Rhein.  Ich bin in Andernach und stelle das Rad vor die Burgruine. Malerisch, doch  das Restaurant la Bagatelle kennt man nicht, es kann jedoch nur 200m entfernt sein.  

 

 

Stattdessen suche ich eine warme und leere Eisdiele in der Fußgängerzone. Kleinfamilien steigen missmutig aus ihren Autos und gehen ernst und eher schweigsam in die Innenstadt. Paare an Schaufenstern, warm ist ihnen den Passagen. Mein Telefon steht auf Empfang, kein Anruf. Ich finde diese Eisdiele mitten in der Stadt, es sind  ein paar Stühle hinausgestellt hinter denen ich mein Rad abstellen kann, um es gleichzeitig von innen zu beobachten. Ich trete ein als einziger Gast und lehne mich an den großen Heizkörper. Geysirstadt.

 

 

Bevor Raphael eintrifft habe ich einen Augenblick Zeit, über die folgenden Zeilen nachzudenken, die einem guten Blog entstammen:

 

On class

French sociologist Pierre Bourdieu coined the idea of cultural capital as the way members of a particular class use cultural knowledge and taste to reinforce and support their class position, particularly members of the upper class and their predilections for high bourgeois culture. Pastimes and fashion was part of this process; think of it not so much as ‘we are what we wear’ but ‘what we wear (and what we do while wearing it) is who we want others to see us as’. Being French and writing in the 1960s, Bourdieu was naturally obsessed with class and brought a particular neo-Marxist perspective to the issue. Class is a little more of a slippery idea these days. In our (supposedly) meritocratic and materialistic modern society, class does not exist in a traditional sense, but only as a function of wealth. To the extent that the more wealthy might use consumer and recreational choices as cultural capital to reinforce their identity, though, Bourdieu still has a useful idea.

Cycling now offers a pathway for consumption, upgrades and activities that can reinforce a monied identity. The industry, and indeed its promotion, is based around an upward progression of not necessarily personal performance but of equipment. Bikes are price-pointed for certain types of rider, and major publications like Bicycling neatly categorize just about everything for the aspiring rider and racer. Any wheelset over 1,800 grams is not ‘race ready’, bikes with a tiny more vertical compliance in the rear are for Gran Fondos rather than racing, and riders can choose the groupset appropriate to their ‘level’. Clothing items of unabashed luxury abound, trading on their brand identity. This builds a myth that progress in the sport also involves a progression in equipment, an ongoing, presumably endless, upgrade path. For a new entrant, this path can be daunting and only reinforces the idea that cycling is a sport that requires a substantial monetary contribution over time; a sport that is for the upwardly mobile, and not those that just like to climb hills.

A recent glance through the magazine Peloton and an article on American bikes highlights this point. The Cannondale that won the 1997 Giro retailed for $2,700; Lance Armstrong’s Trek in 2003 was $4,730; Specialized’s top-of-the-line Tarmac in 2004 was $5,500. These are a far cry for the price tags of the pro-level bikes in 2011, more like the $8,000+ range, which are available in most cases to the public in an industry that has discovered that high-end consumers are willing to pay more and more for their rides.

To that extent, cycling may indeed be – as some say – the new golf, replete with connotations of wealth and success (the leisure time to play, the cost of the top-of-the-line equipment, and the fees for the greens). If this is indeed the case, then the Gran Fondo is cycling’s equivalent of St. Andrews.

 

Die Heizung steht auf 4, ich dose, Aber da kommt er schon, der junge  Mann und bestellt.

 

 

 

Der Raphael

2 Stück Kuchen und 2 Café für jeden. Wieder warm von innen. The mind is set.

 

Wieder auf dem Rad wissen wir, dass es spät geworden ist, ignorieren vorsichtig alles rot, wann immer es ungefährlich ist. Die langen Geraden wirken weniger lang zu zweit, die Lagerhallen und verlassenen Firmengebäude sind unsere Westernstadt. Augen auf, auf der Rheinbrücke, ein Flickenteppich, Streusand und vielleicht die Glasreste nächtlicher Überquerungen.  Die Brücke baut auf einer Insel im  romantischen Rhein.  Wieder Bendorf, gefühlte 5 Einwohner, wo der Anstieg beginnt. Stiff. Ab hier sind die Hänge wieder voller Schnee, Bussarde krönen Bäume. Langsam, stetig hinauf, 7km bis Höhr. Hinter uns das warme Tal, der Winter hat mit seiner weißen Zunge einmal noch das Land geleckt. Es ist kein harter Anstieg , die nächsten werden härter sein, aber für Raph ist es der Erste nach 70km. Dann sind wir auf der Höhe, am Limesschild einen Energienachschub.

Die Römer taten gut daran, hier zu halten. Wir ziehen weiter, es wird später, dank klarem Himmel gewinnen wir noch eine halbe Stunde Fahrlicht … 

Immer mehr Autos überholen, sie haben noch eiliger. Die Sportschau wartet. Immer wieder kreuzen wir die Autobahn, mal untendurch, mal von oben. Bergab das große Blatt, nicht volles Tempo. In den Luftzug ducken, damit es nicht kalt wird. Montabaur im Abendlicht- die Burg beleuchtet, vom Waldsaum aus gesehen ein Märchenbild. Letzte Besucher verlassen das Frühlingsfest und hinterlassen Neuwagen mit Rabattschildern. Wir stoßen ins Gelbachtal, Glocken läuten zur Abendmesse. Raphael fragt nach dem letzten Anstieg: gegenüber Reckenthal. Er ist sanft, fahrbar , Raphael  macht sogar Tempo. Es sind die letzten zehn km und es ist dunkel, wir sehen kaum die Rehe die im Galopp über die Straße springen.

Mit dem Galibier stimmt alles, der Sattel drückt nicht mehr, die Lenkgriffhaltungen machen keine Mühe, mir ist nicht einmal kalt an den Händen. Bin froh, die Distanz ohne Schwächegefühle zu schaffen und stolz auf R. 

Heiße Tagliatelle füllen die Mägen. Kinder müssen nicht mehr um ihre Väter zittern.

 

 

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Eine Antwort zu Andernach und zurück

  1. Rupe schreibt:

    Es war aber auch noch ganz schön dunkel dazu. Ansonsten wirklich eine feine Fahrt. R.

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