Von seltenen Violinen

230513 Von seltenen Violinen

 

Süddeutsche Magazin, heute.

 

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Ein gigantischer Rennradbetrug ist aufgeflogen. Der weltweit renommierteste Händler von Rene Herse Rahmen steht vor Gericht: gewerbsmäßiger Betrug –  seine Assistentin nahm sich schon das Leben. Über 2oomio Schulden, doch wie konnte der gewerbsmäßige Betrug mit falschen Herse Rahmen so lange unentdeckt bleibe?… Der Handel schweigt. Ein weltweites Imperium bricht zusammen, die in den Safes verschiedener Banken gelagerten Herse Rahmen erweisen sich als plumpe Fälschungen. Werner Rickert, selbst Sohn eines deutschen Rahmenbauers und unumschränkter Herr des Handels mit Herse Rahmens, wird zu 6 Jahren Gefängnis verurteilt. Sein letzter Versuch, über den Vertragsabschluß mit einem mailänder Radsammler liquide zu werden war eine Luftblase.

 

Wenn der Fetischismus um alte Rennräder ähnlich skurille Blüten treiben würde, wie der um Stradivari Violinen, könnte eine solche Geschichte erzählt werden. Doch alte Rennräder werden, anders als Violinen, nicht von neuen Stars der Rennradszene bewegt.  Für eine internationale Karriere im Sattel ist ein alter Herse-Rahmen, gleich welche handwerkliche Kunst und Meisterschaft in ihm stecken mag,  nicht förderlich. Ganz anders dagegen im Reich der klassischen Musik, wo die geleaste Stradivari für eindeutige Wettbewerbsvorteile sorgt, ob sie nun besser klingt oder nicht. Interessant aber ist, daß offenbar die musikalische minderwertigen Qualitäten der Fälschungen nicht sofort ins Ohr fielen  und der Handel über mehrere Jahre immens erfolgreich war, gerade unter Nicht-Musikern.

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In einer Szene Felix Krulls wird beschrieben, wie der junge Felix, der kaum den mit Vaseline stumm gemachten  Bogen seiner Geige halten kann,  das Publikum eines Kurhauses in Verzückung setzt, während hinter dem Vorhang der professionelle (hässliche, alte) Geiger das Stück intoniert. Selbst wenn Felix Krull eine Erfindung Thomas Manns ist, sehen wir einen großen Funken Wahrheit aus der Geschichte herüberleuchten. Klassische Musik, die Oper , das Theater sind immer Spielwiesen der Täuschung. Die Selbstbespiegelung des Bürgertums, der geheuchelte Drang nach Höherem, Schönerem Besseren haben viele Spielfelder.

Von Jahrgangsweinen gar nicht zu reden.

 

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Radrennen kann man verschieben, aber man kann keine claque eingagieren, die die junge Freundin des Maestros zur Wundergeigerin hochschreibt. Dem Rad fehlt schlichtweg die Transzendenz dazu, es eignet sich eher schlecht als Projektionsfläche für das Wahre, Schöne , Gute und den entsprechend damit betriebenen Bildungsbürgerhandel.

 

Darum wird eine ungespielte Stradivari, gerade wenn echt!, einem ungefahrenen Rene Herse Rahmen vom Concours des machines immer die Schau stehlen, Schlösser den Besitzer wechseln lassen und Menschen in den Selbstmord treiben.

 

Die Frage ist einzig und allein, mit wie viel imaginären Wert eine Sache aufgeladen werden kann, damit sich der Betrug geradezu aufdrängt.

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