180813 Das Südtor des Reviers

180813 Hagen (SSV), Hagen, Kreisstadt am Südrand des Ruhrreviers. Besitzt 4 Privatbankinstitute, ebensoviele Zeitungen, zahlreiche Eisen, Stahl- und Walzwerke, Gießereien, Kattundruckereien, Webereien, Spinnereien, Brauereien, Papierfabriken und nicht zuletzt eine Zwiebackproduktion.

So war das jedenfalls 1885, vor fast 120 Jahren und seitdem ist eigentlich nicht viel dazugekommen könnte man denken denn der höchste Büroturm der Stadt, ein Solitär aus dunklem Rauchglas, wird vom Emblem der Agentur für Arbeit gekrönt.

Im damals schon erwähnten Stadtpark auf dem Goldberg sind in der Zwischenzeit das Westfalenbad und das Enerviestadion, eine  Sichtbeton- Mehrzweckhalle , errichtet worden, wo der SSV Hagen, der hiesige Radverein, seine 33te RTF ausrichtet. Es ist Mitte August, es hat leicht geregnet, doch die Vorhersagen  sind günstig. Der Parkplatz vor dem Stadion ist gut gefüllt als sich eintreffe. 8h35 und die ersten Dutzenschaften sind mir bereits bei der Anfahrt entgegengerollt. Vom Parkplatz aus gehe ich direkt ins Souterrain der Halle, die neonerhellt ist. Die weite Halle mit ihrem genopptem Belag und den orangenen Wänden filtert die latente Nervosität, die immer vor solchen Radfahrten herrscht – kein gedränge, keine Schlangen, das Klackern der Radschuhe hält sich in Grenzen. Ich fülle meine Bogen aus, gönne mir einen Kaffee und ein Käsebrötchen und lasse mir die Nummer 29 anheften. Exif_JPEG_PICTURE Die ausgeschrieben Tour auf der gelben Wertungskarte geht über 156km ins Grüne, ein weißer Fleck auf meiner Landkarte Deutschlands – Eggegebirge, Lennegebirge – südliche Ausläufer des Sauerlands. Andere nennen es Südwestfalen.

4 Kontrollen sind vorgesehen und ich freue mich schon auf die am Schluß schweißnasse Karte, die in Stempeln verschiedener Farbe einen Tag auf der Landstraße bestätigen wird.  Im Süden werden wir Lüdenscheid streifen , aber nicht zu Gesicht bekommen. Es ist schließlich genau 9, als ich mit dem schwarzen Peugeot Galibier auf die Hauptstraße einbiege. Eine Viertelstunde eher hätte es sein können, wie immer.

Die Straßen sind feucht, die Vorderleute schleudern noch schmale Fontänen. Aber die Sonne steigt über ein schmales Wolkenband und nach wenigen Kilometern ist die eigenartig vielgliedrige Stadt , die mit langgestreckten Mietskasernen der 50er ins Grüne ausläuft, verlassen. Es fällt wie immer schwer ins rechte Tempo zu finden, einerseits die ersten km  so locker wie möglich zu fahren, andererseits die Möglichkeiten zu nutzen, an vorbeifahrende Gruppen zu springen. Vorsichtig schließe ich mich zwei Fahrern an, die ich an der ersten Ampel kreuzte. Im freien Feld tauchen auf dem Straßenband Einzelfahrer als Punkte auf , ein bärtiger alter Mann schiebt sein Rad die erste kleine Steigung hinauf und lächelt mir zu, als ich aufmunternd grüße. Gleichzeitig werde ich von Einzelnen oder kleinen Gruppen eingerollt, bei denen nach wenigen Radlängen klar wird, daß sie sich vor allem selbst behaupten möchten. Morgengrüße werden nicht immer erwidert und auch nicht unbedingt freundlich. Je vollendeter die Fahrer gekleidet sind, desto unwahrscheinlicher ist ihr Entgegenkommen (s.gibt Ausnahmen !). Zwei orangefarbene lasse ich ziehen und stelle 5km später auf einer langen Geraden fest, daß sie etwa eine Minute Vorsprung haben. Kaum Verkehr, Laubbäume. Lichtsprenkel. Die Strecke folgt einem Flusstal und wird immer wieder von den Gleisen alter Werksbahnen und gekreuzt. Neueren Gewerbebauten folgen lange Fabrikmauern aus Backstein  und immer wieder geht es an entsprechend stattlichen Gründerzeitvillen vorbei, die sich Fabrikanten der Gründderzeit an die Chaussee gestellt haben. Das Tal der hidden champions.

Ich bleibe bei den zwei schmalen Fahrern von der ersten Ampel . Der eine trägt die Beine rasiert, der andere tritt in einer 3/4tel Hose mit hoher Frequenz. Sie wirken, als würden Sie hier ein bisschen trainieren. Das Tempo stimmt, sie unterhalten sich,  lassen es ruhig angehen und gehen nicht bei jeder Welle aus dem Sattel. Meine Erscheinung in kurzem Wolltrikot und auf altem Rad wird offenbar ohne größere Irritation akzeptiert. Exif_JPEG_PICTURE Ganz allmählich geht es hinauf, durch üppiges Grün an Höfen und kleinen Häusern vorbei. Die Steigung beträgt 2, allenfalls 4 % und „rollt schön“ wie mein nachbar, der flaco sagt. Ich trete tapfer meinen Gang (etwas zu flott) – doch bevor wir uns eingehend über Dauer und Motive unserer Fahrt austauschen können ist die erste Kontrolle, ein kleiner Hof am Wegesrand, erreicht.

Hier stehen etwa 30 Radler in der Morgensonne, füllen ihre Flaschen aus vollen Kanistern und wählen zwischen Bananen, Waffeln und Rosinenbrot. Ich kaue meine Waffel, sehe mich um und stelle fest, das alle  Stahlrösser bereits überholt sind: ich werde kein weiteres an diesem Tag sehen. Da kommt ein neuer Schwung  aus Velbert–  jetzt aber weiter …., Exif_JPEG_PICTURE Meine Weggefährten sind diskret zu einer Bedürfnispause in den Waldweg gebogen, ich verschiebe diese auf später. Ein Wiedersehen gibt es nicht.

Mit einer letzten steilen Kuppe endet dieser lange Anstieg und mein neuer Vordermann, die 265, gibt ordentlich Gas.  Ich rieche Persil und gehe nicht ganz so scharf ran. Sein Mitfahrer, 263,  fällt ab, ich bleibe dazwischen. Die Sonne steht klar am Himmel, eine kleine Brise weht , nichts erinnert mehr an Eisenbahntrassen, Werkstore und Möbelhäuser. Blaüe überall – Wir sind auf dem freien Land. Es gibt Fachwerk in den Dörfern, auch schon in Dunkelocker. Der Übergang markiert die Grenze vom Sauerland im Osten zu den übrigen Provinzen im Süden Westfalens.

Aber genug wird erwirtschaftet, um vor 120 Jahren vier Bankinstitute in Hagen zu gründen. Tach Herr von der Heydt. Den einen, den ich kannte, nannten sie beim Fußball in den Rehbergen Heidi, ein großer blonder mit runden Augen – als dann die Herzensdame zugriff, 1997, war es mit der Karriere aus. Den Zweiten, sein Vetter, ein quadratischer, dunkler Typ mit einem Körper aus dem Kraftraum kam 2 Jahre später dazu, –  er soll Scherereien mit der Familie bekommen haben, als er eine große Blonde aus dem Gewerbe heiratete, sie saß an sonnigen Tagen am Spielfeldrand . .  und irgendwann auch ihr Kind. Dynastisch. Keiner von ihnen dürfte sich jetzt noch irgendwo mit ein paar Kumpels zum Kick treffen.

 

Und Jetzt die Freuden der Abfahrt, der freien Felder, des flotten Tritts. An der Dorfampel wartet eine ganze Gruppe und in loser Reihe folgen wir kaulquappigder nicht immer astreinen Straßenoberfläche. Beim Hydranten und der Gasversorgung fängt es an, die Gullideckel, Kanaldeckel und Flicken  zerrütteln den Rhythmus. Generationen Deutscher Landstraßenevolution sind fühlbar.

Vom Vordermann, die 265 wieder, gibt es aber wenig Vorwarnungen. Es rumpelt ordentlich und ich versuche möglichst, weit vor sein Rad zu schauen, da er offenbar nicht gewillt ist, Warnzeichen zu geben. Möge sein Carbon splittern.

Fit im Job. Trinke diesmal was ich kann – die Erfahrung der Krämpfe von den Moseltouren in praller Sonne möchte ich nicht wieder haben. In meinen Trikottaschen warten vier Tütchen mit Mineralpulver vom Drogisten: das  Regal mit den differenziertesten Wohlfühlpräparaten hat mich beinahe erschlagen. Da gibt es Magnesium und andere seltene Metalle in jeder Kombination und Dosiereung. Doping ist im Volk angekommen, wobei hier, im Drogeriemarkt das Wort Gesundheit verwendet wird.

Aber jetzt  ist alles noch gute, elastische Anstrengung. Ich grüße beim Vorbeiziehen einen schnauzbärtigen, auf dessen Teamtrikot in azurblau so etwas wie squadra italia steht, obwohl es am Niederrhein zu Hause ist. Über die Kuppe in den Wald und eine schöne breite schnelle Abfahrt mit trockenem Belag. Nun sehe ich das lilabunte trikot der 49 in der nächsten Kurve vor mir. Die 49 in den Farben des Jahres 1994 hatte einen mächtigen Zahn vor der ersten Kontrolle drauf. Aber hinunter kann ich mit Eigenmasse die Meter leicht gutmachen.  Dann biegen wir gemeinsam ab. 49 ist überrascht, das bedeutet, er zeigt keine Überraschung sondern erwidert meinen Gruß mit einem Meidreflex , na dann. Wir rollen einige hundert Meter zusammen, als es ins nächste Örtchen ansteigt und , aha, der Mann geht aus dem Sattel und zieht davon. Unwiderstehlich.

Die übrigen haben aufgeschlossen. Gemeinsam rollen wir an einem älteren Mann vorbei, der mit Bild Zeitung unter dem Arm aus einer Bäckerei tritt. Der Tag hat begonnen. Dann Mitten im Ort (ist es Balve?)rechts rauf und gleich mal über zweistellig. Ich bin in Gang 1 und rechts und links schießen sie an mir vorbei, mit Schmiß in die Steigung, die 265 nun wieder, aber ich erkenne auch die beiden Orangenen (luxcom &luxcom) von vorhin. Ich gehe einen Zahn kleiner 23!, nachdem der scharfe Beginn überwunden ist. Kurz vor der ersten Serpentine, die an einem runden  Brunnendenkmal vorbeiführt, in dem bronzene Figuren eine Art Opferschale emporhalten, finde ich wieder Anschluß. Ich bin wieder auf der Höhe des Azurro, der mich nach dem Namen des verfluchten Bergs fragt.

In Sichtweite der Gruppe geht es(i zähen Ringen)  im angenehmen kühlen Wald hinauf. Trotz gelegentlicher Erleichterung bleibt es anstrengend, das Tempo zu halten. Bestimmt wäre ich allein zwei minuten langsamer aufgefahren. Ich sauge an meiner Flasche, bin drauf und dran abreißen zu lassen, als schon die Kuppe erreicht ist. Zu meiner Überraschung lassen einige der schnelleren Fahrer sich nur rollen, statt die Gunst der Abfahrt zu nutzen. Ein Lada Niva dient als Windschatten. es ist nicht ungefährlich, sollte aber jedem Erwachsenen Spaß machen.

Der nächste Ort. An Wahlkampfständen vorbei.  immer in Dreierformation die Wahlkämpfer. Bunte Bilder immergleicher Kandidaten säumen den Weg. Der lokale Kandidat einer großen Volkspartei bekam sienen Namen nur mit Druckfehler. Irgendwo las ich, die Kandidaten bekämen nur  das Layout, der Rest geschehe auf eigene Rechnung. Die gruppe zerplatzt, als die ersten fahrer den kleinen gelben Pfeil nach rechts übersehen, der uns in den baumgesäumten Anstieg nach Affeln weist.

Dort hinten der Azzurro Zweite Kontrolle, wieder mitten in einem Bauernhof. Eine Frau kommt aus dem Stall. Sie führt ihr kleines Kind und gleichzeitig ein Pferd vorsichtig durch die eintrudelnden und abfahrenden Räder. Die 20l Wasserkanister sind nur noch zu einem Drittel gefüllt. Der erste Gedanke nach dem Stempel gilt den Flaschen. Dann setze ich mich auf einen Stuhl im Schatten und schlucke zwei Tütchen, um den Mineralverlust auszugleichen.  Hier beginnt die Wildnis. Ringsum Wiesen und Wälder , Fingerhut, Tannen und einsame Gehöfte. Es trennt sich hier die 110er von der 150er Strecke. Aha: Nummer 265 und 263 fahren kurz – der Azzuro dagegen lang- schon ist er weg. Ein paar hundert Meter sehe ich ihn noch vor mir und als es bergab geht denke ich noch – den haben wir gleich.

Doch der Mann fährt sein eigenes Ding  – jedenfalls sehe ich bald nichts mehr von ihm. Im Tal ein moosüberwachsenes Sägewerk an dem in großen weißen Stablettern der Name des Besitzers steht. Dahinter im Tannenwald hinauf und wieder suche ich die Balance zum richtigen Tempo. Jetzt muß ich endlich mit den Kräften haushalten, einen Gang leichter treten. Mit gutem Rhythmus durch diese Waldstrecke, Hände am Oberlenker, immer wieder ein Schluck aus der Flasche und alle Aromen des späten Sommers einsaugen.

Der Tann wird immer wieder von Lichtungen unterbrochen. In einer Kurve steht eine Gruppe Motorradfahrer. Ein abgelegter Helm ruht auf dem Sitz und das Zyklopenauge der Helmkamera blickt starr ins Leere. Sie sprechen miteinander –  ein Zwischenfall?  Letzte Woche in einem ähnlichen Waldstück hinter Diez. Die eingerissene Flanke des hellblauen Jaguar, der schockierte Blik der älteren Frau die neben dem Wagen gegen die Leitplanke lehnt und geduldig von einem Polizisten befragt wird. Ein daneben abgestellte ramponiertes Motorrad aus dem Öl und Wasser ausgelaufen sind, jemand schreitet mit dem Maßband die Straße entlang und der Krankenwagen wendet vorsichtig auf einem Parkplatz. Die beiden orangenen Trikots haben mich eingeholt, sie fahren etwas schneller als ich , aber gerade so, daß ich mich einreihe.

Bald sind wir in einer breiten, 5km langen Abfahrt, deren halbfeuchte schattige Kurven leider zur Vorsicht zwingen. Gegenüber gezackte Tannenhänge, wir rollen in Plettenberg ein, überqueren die Bahn (oder wars ein Fluß?) umrunden den Stadtkern und feiern an einer Ampel Wiedersehen mit dem Azzuro.

Plettenberg. Von hier stammte der Staatsrechtler Carl Schmitt und diese Gegend war dann auch sein Exil. Wer einmal laut in die falsche Richtung denkt, den nahmen die Opportunisten vom fach nachher gern als Sühneopfer. Balve, Opferschale, getragen von anpassungsfähigen Juristen der nachkriegszeit. Weg vom Fenster. Mehr hidden champions. Abbiegespur. Ein Fahrer im grünen Teamtrikot aus Buer mit Zielflaggenmuster hat sich angeschlossen. Jetzt zu fünft bilden wir am Talausgang eine flotte Gruppe.

Ich habe eigentlich keine Wahl, denn der Wind bläst und kommt von vorn und da ist es gut,  auf dem Randstreifen der Landstraße nicht allein zu kämpfen. Noch macht es mir Spaß.  Dort steht einer neben seinem Rad, einem weißen Canyon. Er trägt eine blaue Brille und schwenkt ein hellgünes Band und ruft:  hat jemand einen Schlauch? Bevor ich mich überrede (ich habe nur einen) lässt sich der Grüne herausfallen. Das Tempo liegt zwischen 30 und 40, ich muß viel geben, um nicht abzureißen und dann noch mehr, um vorne nicht zu sehr einzuknicken. Der Blick heftet sich auf das Vorderrad und den Randstreifen.

Irgendwann beginnt eine sanfte Steigung. Es ist der breite, lange, monotone Anstieg nach Windhausen. Prozentual wegen Geringfügigkeit zu übersehen, aber wenn der faux-plat mit voller Geschwindigkeit gezogen wird, dann hilft mir das Sparen am Hinterrad wenig. Ich leide, atme heftig und rechne innerlich die restlichen 70km hoch. Einige Kilometer noch dann Hand hoch – Abriß. Länge um Länge entfernen sich die Fahrer von mir. Ich bleibe a tempo, der Krampf kommt näher. Manchmal zuckt es hinten, manchmal vorn Richtung knie;

Schalten, Frequenz ändern, Schuhe leicht verdrehen und trinken. Beim nächsten Halt also Magnesium. Windhausen liegt an einem Kamm, ich kämpfe mich hinauf und werde auf dem Rist mit einem Blick belohnt, der an die Fernsehwerbung einer Biermarke erinnert: weite Tannenwälder, mittagliche Sonne und in der blauen Ferne das dunklere Schimmern eines Stausees. Ich nehme beide Hände vom Lenker und fotografiere. Ein frischer Wind weht, absoluter Schongang. Exif_JPEG_PICTURE Dritte Kontrolle im lichten Schatten loser Baumgruppen. Daneben eine größere Gaststätte, und gepflegte Häuser: die Autos sind im Kreis Olpe zugelassen.  Meine Kollegen, die ich ziehen ließ, sind noch da und nach dem ersten Schmalzbrot stößt auch der Grüne Pannenhelfer den Hügel hinab und gesellt sich dazu. Ich finde kein weiteres Magnesium und lutsche stattdessen die erste von zwei Powergel Tüten leer. Noch mehr Schmalzbrot einwerfen und Wasser nachfüllen – auch hier ist nicht mehr viel in den Kanistern. Die verschenkte Viertelstunde vom morgen.

Geräusche von Heckensägen, Rasenmähern und Laubhäckslern tönen herüber. Es ist Wochenende. Steil geht es hinunter durch den Tann, die Straße ist schmal aber noch gut geteert. Nach einer notwendigen Schnellpause mache ich mich auf, den Rest der alten Gruppe einzuholen und nutze dazu den Hang. Ich schaffe es zwar nicht vor dem  Tal, doch mit einer gewissen Energieleistung gelingt mir doch der Anschluß. Dieses windige Tal noch, denke ich mir, das soll es mir wert sein. Tempo wie vorhin, ein/.zwei male mache ich auch Führung und stelle fest, daß immer noch jeder versucht, das Tempo hoch zu halten.

Nach einigen Kilometern geht es wieder rechts ab in den Wald und nach den ersten hundert Metern ist mir klar, daß jetzt ein ehrenvoller Abschied notwendig ist. So lasse ich sie denn vor mir in die Idylle hineinfahren, die der wunderbar verlassenen Weg den Wald hinauf mit seinen 4 bis 6% bildet. Ach wäre ich jetzt noch frisch. Ich sehe noch, wie auch der Azzuro Mühe hat, dem Tempo zu folgen und langsam Boden preisgibt; er ist der letzte, den ich in den Kurven vor mir noch wahrnehme, dann beginnt mein einsamer Kampf, ein halbstündiges Ringen mit den diversen Krämpfen, die immer wieder anklopfen.

Ich wechsle die Belastung, gehe aus dem Sattel, schalte hoch, schalte wieder hinunter,  versuche die Verweigerung des Muskels zu überlisten. Mit Mühe rolle ich an einer jungen Mountainbikerin vorbei, die in Jeans mit Knopf im Ohr die Musik (und die übrige Welt) genießt. Um vom Wetter zu reden: es ist wundervoll, mild, luftig, von Zeit zu Zeit eine schöne Wolke – IMG_1343nein, dem Wetter ist kein Vorwurf zu machen, den saftigen Wiesen auch nicht. Ich schalte herunter auf 2 und werde noch langsamer, erhole mich nicht – also zurück! Irgendwann erreiche ich die letzte Kurve der Steigung und dann geht es durch Wiesen und Wäldchen sachte bergab, bergauf. Ich kann mich strecken und winden wie ich will, der Schmerz wartet an der Ecke.

Mit Mühe rolle ich an einer jungen Mountainbikerin vorbei, die in Jeans mit Knopf im Ohr die Musik genießt. Dann lasse ich gestreckt rollen, ergehe mich in Phantasien, die mein Hirn erfindet, um die Botschaften des Maschinenraums zu ignorieren. Vor mir niemand, hinter mir niemand, die Fahrt wirkt wie herausgerissen aus der veranstaltung des SSV Hagen. Spärliche gelbe Pfeile erinnern mich an den Weg, dem zu folgen istExif_JPEG_PICTURE. 593m über null. Kurz nach diesem Schild beginnt die erlösende Abfahrt nach Brüninghausen, die ich mit einer letzten halben Banane und viel Wasser begieße.  Als ich nach einer Weile keine Schilder mehr sehe, halte ich einfach an, doch eine kleine Gruppe bestätigt im Vorbeiflug die Richtung. Die nächste Kontrolle kann nicht mehr weit sein – es ist heiß und schön, ich trete wieder rund, kann wieder aus dem Sattel. Endlich! Eine kleine Wegbiegung ein trockener Anstieg  und ich weiß: das wird die entscheidende Prüfung.

Andere Fahrer stehen am Rand und reichen sich Wasserflaschen. Fahrerinnen in Chucks? Die Strecken müssen wieder zusammengeführt sein. Vor uns ein sehr steiler Südhang der prall in der Sonneliegt und ich lege Gang 1 auf. Ein Mann schiebt sein Rad – das hat zwei Wirkungen: die stille Sehnsucht, es ihm gleichzutun, und den Entschluß, es gerade deswegen nicht so zu machen. Ich mache es nicht und freue mich über eine schattige Kurve des Timmesbergs.

Das Gras ist gelb hier. Es gibt einen kleinen Absatz, danke,  und dann steigt die kleine Straße wieder an. Ich gehe aus dem Sattel ohne nebenwirkungen – nicht der Hauch eines Krampfes.  Langsam kurble ich weiter und sehe auf einmal ungläubig das K Zeichen zur nächsten Kontrolle. Eine Oase im Berg Wir sind bei km 120 und das war die letzte Schwierigkeit der Strecke, kleiner Schlußgag des Veranstalters. Exif_JPEG_PICTURE Schnell Wasser fassen. Meine Vorgruppe ist noch nicht weitergezogen – was mir innerlich eine Genugtuung ist , denn mehr als fünf Minuten werden sie noch nicht hier nicht stehen. Wir reden kurz, auch über Anwandlungen von Krämpfen, da war wohl ich nicht der Einzige. Und der Azzuro? Der Azzuro ist schon weiter, sagen die drei lachend – sie werden ihn später aufrollen und stehen lassen. Ich suche nach einer weiteren Magnesiumtüte, finde sie in der Hast aber nicht.

Auf die  Kanister hat jemand Remscheid geschrieben: so wie es auch auf meinem Trikot steht, doch niemand,der mich darauf anspricht. Hätte gern etwas über einen Club erfahren, dem ich nur durch einen Zufallskauf auf ebay verbunden bin. Durchatmen und dann steil bergab Richtung Altena. Panorama mit Burg. Eine alte Fabrik reiht sich an die nächste: Drähte, Stifte, Bleche- viele in Betrieb, andere stillgelegt, umgewidmet. Oft ist der farbig gestrichene Backstein staubig.

Es ist flach, der Wind nicht ungünstig, ich rolle in meinem Rhythmus 52×19. 28 Grad, die Wärme staut sich hier unten, die Talstraße zieht sich dahin. Krupp Hoesch Hohenlimburg – ein Klassiker der Stahlindustrie. Ihr Ursprung: ein lauschiges Tal, in dem auch Märchen spielen könnten.

Flache Strecke – Das ist eigentlich die Situation, die ich für Hamburg-Berlin erwarte. Auf RTFs fahre ich immer die maximale Streckenlänge, um genau diese Reaktionen meines Körpers kennenzulernen, aber auch weil ich wissen muß, ob das Rad dem Körper paßt –   und das Galibier lässt sich gut und schmerzfrei fahren. Ich kann drei bis vier Griffpositionen variieren und muß auf dem Sattel nicht leiden. Die Krämpfe sind vorbei, die Pedale haben genug Auflage um auch bei Kniebeschwerden andere Fußhaltungen zu erlauben, das Vertrauen steigt. Wieder Fabrikantenvillen zwischen Straße und Hang,  dann auch alte Arbeitersiedlungen vor denen „Bürger mit  Migrationshintergrund“ sitzen.

Alles hockt aufeinander, geht ineinander über. Nutella und Rittersport bei einem kleinen Stopp: ist eh gleich verbrannt. Stalldrang. Vor einer Bahnschranke sammelt sich noch einmal eine Gruppe, angeführt von einem Braungebrannten, dessen Beine nur aus Sehnen und Muskeln bestehen. Die Gruppe  rollt schnell, aber hier lässt sich keiner mehr abhängen. Als ich mittlerweile eher mechanisch vorwegfahre, höre ich hinter mir rufen ABBIEGEN-  ich habe ein kleines Schild übersehen. Das Hirn ist müde. Wieviel milder die Morgensonne doch zu den Gewerbegebieten ist. Bei der nächsten Welle fahre ich wieder vorweg und bin plötzlich allein: niemand mehr, der gerufen hat.

 

Dennoch finde ich einen Fahrer, der meinen Weg teilt: der Mann mit dem grünen Schlauch in Plettenberg. Nein, die Geschichte vom kapitalen Krampf nach der letzten Ampel erzähle ich nicht. Entscheidend ist, daß ich fahrend das Ziel erreicht habe. Vor der großen Enerviehalle sind ein paar Bänke aufgebaut, die mitten in der Sonne liegen. Ich genieße mein zweites Bier und erfahre vom Orangenen-Duo aus Düsseldorf die Fortsetzung.

Der Grüne mit dem Schachbrettmuster vom Westerholter RC hat sie am Ende mächtig gezogen, kompakt und braungebrannt sitzt er daneben, ein zufriedener Mann – der Azzuro ist nicht zu sehen. Die letzten Kilometer wurden mit Druck gefahren, jeder will nochmals am Schnitt reißen , das ist offenbar Sitte. Ich weiß, weshalb ich mir keinen Tacho leiste. Wie weit entfernt dieser Zustand nach wenigen Minuten wirkt. Eine Art Seligkeit  am Spätsommernachmittag löst ihn ab, und ein kurzer Plausch über alte Räder, wie man denn mit nur 7 Ritzeln zurecht käme, so ganz ohne Rastung…? Ja. Luxcom ist übrigens ein Hotelkette auf Mallorca, die Fahrradfahrer unterbringt. Neben einem Wattzähler am Lenker ist ein solches Trikot auch etwas, was ich mir nicht antun würde. Abschied.

Einsam steht mein Wagen auf dem riesigen Parkplatz. Samstagnachmittag in Hagen, Erkundung aus dem Automobil. Ein wiederaufgebaute Stadt,  deren Zentrum aus Nagelstudios, Frisiersalons und DönerImbissen zu besteht – und einer Fußgängerzone. Ich sehe Nachkrieg, Gründerzeit Expressionismus.

Die Reste einer Geschäftstraße sind nun gespenstisch leere Kulisse für streunende Menschen, ängstlicher Rentner und tiefergelegte Mercedes Sportler nach Ladenschluß. Es ist 17Uhr, hinter dem Mc Donalds Schnellrestaurant biege ich auf den Zubringer.

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