Mehr Koga, mehr Miyata

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UNd schließlich fand ich die passende Farbe zum Apfel

Wie denn, frage ich mich, würde sich vor 300 Jahren  Onkel Toby mit mir über das rechte Pferd unterhalten haben? Oder über die Belagerung Utrechts in den Erbfolgekriegen?  Wir hätten es mit ebensolcher Passion getan , wie wir heute über die größeren und kleineren Schlachten unseres Radsportes Debatte hielten, während dieser  in Marketingplanungen und sekundären Verwertungsgefechten langsam untergeht. Und wir hätten uns über die richtigen Räder unterhalten, ganz sicher.

Manchmal will ich es immer noch wissen.  Da gibt es eigentlich keinen Grund , aber grundlose Neugier hat schon schlimmere Folgen gehabt: hier ist es nur ein rotes Koga Miyata. Es war leicht zu organisieren, der Zustand schien gut,  einiges daran war unbekannt und wollte erprobt werden.

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Eine SR Royal Kurbel zum Beispiel. Sieht nicht nur hübsch aus, hat vor allem die gleiche Wellenlänge wie die frühe Dura Ace Kurbel, die  schön schmal ist, der Umwerfer sollte da nicht allzuweit übers große Blatt ragen. Bei Bedarf also schnell zu tauschen.

Insgesamt interessant aufgebautes Rad, dieses 78er RoadRacer. Ein Rahmen genau in meiner Lieblingshöhe: 61. Aber was sonst . . .?

Bei der Suche nach den Ursprüngen fiel mir eines tages ein kleines Oktavheft in die Hand, das jemand wohl während eines Regenschauers (die meisten Seiten waren verwässert, viele Illustrationen bestanden nur noch aus zerlaufenen inkjets ) an einer Bushaltestelle vergessen hatte. Doch leistete mir das Heftchen, möglicherweise der Entwurf einer Dissertation, für die wertvolle  Einordnung in „die Hierarchie“ des Miyata Imperiums gute Dienste. So schürfte ich unversehens einen kleinen Splitter der Globalisierungsgeschichte hervor.

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Und diese beginnt mit dem Namen Merckx.

1973 ist Eddy (world famous racer) auf der Höhe seiner Karriere. Eine Möglichkeit, Ruhm zu Geld zu machen war der Verkauf seines Namens an Lizenznehmer, eine damals nur wenigen Sportlern vorbehaltene Einnahmequelle . Beim Radsport lag nahe, seinen guten Namen gegen Geld auf Rahmen diverser Hersteller prägen zu lassen. So gibt es ganz unterschiedliche Hersteller wie Kessels in Belgien, Falcon in Großbritannien oder Starnor in frankreich, die solche orangenen, EddyMerckx-gelabelten „Replicas“ im Programm hatten, wobei Ernesto Colnago die teuersten verkauft haben dürfte.

Miyata war also mit von der Partie: eine ganze Serie von Rädern, bis hinunter zum Kinderrad konnte bei dem traditionsreichen japanischen Hersteller als orangenes Eddy Merckx  gekauft werden. Neu für Miyata war,  ein Rennrad aufzulegen, das den europäischen Anforderungen des professionellen Radsports genügte.

miyata82_01lDer Merckx Rahmen erhielt den Produktionscode MX und MX stand in den Folgejahren für die besseren, handgefertigten Rennradrahmen Miyatas, eine Unternehmen, das ja Räder jeder Machart herstellte. Aus dem oben zu sehenden internationalen katalog von 1978 fallen nicht nur die variationen des Miyata Schriftzugs auf, es werden auch die Rahmenmaße genauestens aufgeführt. Hier ein frühes (75) proracer in der Besprechung (gleich von oben links beginnend) – -Quelle: velopages

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1978 hat Miyata also schon Exporterfahrungen auf dem amerikanischen Markt gesammelt, wie die Berichte (oben)  des einzigen amerikanischen Radsportmagazins  zeigen – in Deutschland existierte zu diesem Zeitpunkt übrigens noch kein einziges – und vor  drei Jahren hat man sich für den Vertrieb nach Europa mit Herrn Gaastra zusammengeschlossen, der  die Miyatas beim Import (auch das untenstehende Rad) mit seinem kürzel „Koga“ versieht.

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Während also die USA direkt  beliefert wurden, wählte man für den Kontinent des Radsports einen Partner, der den Fahrradvertrieb bestens kannte und sich einen Namen machen konnte in der Masse der Gazelle, Batavus und Union- Räder.

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in den Anfängen (1975/6) von Koga Miyata  hatten in den Benelux Staaten japanische Autos bereits Marktanteile von fast 30%.  Die japanische Kameraindustrie hatte Deutschland als Weltmarktführer abgelöst. Durch gute Qualität und Ausstattung zum günstigen Preis (der Yen stand gut zum Dollar) war den Japanern der Durchbruch gelungen. Miyata war dennoch vorsichtig, denn wenige Produkte werden so sehr über einen Ruf verkauft wie teure Räder.

Gaastra wählte zur Einführung „seiner“ japanischen Fahrradmarke einen ungewöhnlichen Weg. Top Down könnte man ihn nennen: Er lieferte beste Qualität zum höchsten Preis, vielleicht auch, weil er für die in Holland zusammengebauten Miyata Räder so eine perfekte Endkontrolle garantieren konnte, oder aber, weil sich über den hohen Preis für die besten Rennräder ein entsprechendes Image auf den Rest der Marke übertrug. Anders als Peugeot und Motobecane, deren eher variable Fertigungsqualität nie einen besoners guten Ruf etablieren konnte, ganz gleich, wie hochwertig die angebotenen Spitzenmodelle waren.

a-2koogaRoadracer, das war seinerzeit  die Nummer 3 im Katalog. Preislich bedeutet das damals einen Tausender, heute ein paar hunderter weniger zu den beliebten Fullpros in ihrer Teamfarbe. Und ein solches steht ja im Keller zum direkten Vergleich.

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Das zwei jahre jüngere Fullpro ist ein moderneres Rad. Es hat ein Ausfallende von 126mm Weite, akzeptiert also 6- und 7fach Ritzelkassetten. Das Roadracer kam zwar auch mit einer 6fach, aber soganz koscher war das nicht – denn viele Rennfahrer zwängten eine solche 126er Nabe kurzerhand in das schmale Ausfallende, und wenn die Kette nicht am Rahmen schliff, war die Sache gelaufen. Im Grunde aber ist es ein 120er Rad ganz alter Prägung, wie es fast zwei jahrzehnte im Rennsport Standard war.

a-blu-brakeDas Fullpro dagegen weist schon durch niedrige Durchläufe auf einen Trend: Rennrahmen wurden gegen Ende der 70er  knapper um die reifen , vorbei die Zeit der Winterschutzbleche und Reifenbreiten über 28mm. Auch die Bremsbefestigungen änderten sich – die schlichte  Mutter wurde durch die versenkte Hülsenmutter mit 5er Inbus abgelöst und Bremsen bekamen kürzere Schenkel.

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Allen, die sich mit einem Rad vor 1976 befassen seien gewarnt: gute langschenklige Bremsen mit  Mutternbefestigung sind eins der Problemteile an diesen Rädern. Die sehr gute Campa Record ist nicht billig, die erste  Dura Ace  ein würdiger Gegner aber nicht so häufig  und wer nicht bei seinen eher soften Weinmanns oder Mafacs bleiben möchte,  wird um diese Modelle kaum herumkommen. Tektro baut einen la

Ich jedenfalls war froh, aus meinem Kellerschrank noch die entsprechenden Bremsenteile anzubauen und einzustellen. Dürfte an diesem Rad die größte technische Verbesserung sein.

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Koga bietet den Roadracer mit einem für die 1978 eher kurzen Hinterbau von 40cm an,  1cm weniger als beim Fullpro. Da die Ausfaller senkrecht sind, fluchtet das Hinterrad immer werden , aber  der Ausbau der schon umfangreichen Grand pRix classic ging problemlos. Das hintere Rahmendreieck ist etwas kürzer und steiler gehalten als beim Fullpro, die Muffen sind kurz, aber nicht so aufwendig ausgearbeitet.

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Die Kettenstreben sind am Raddurchlauf herkömmlich eingepreßt, während bei  „Pro“s die dort gewünschte zusätzliche Flachheit/Steifigkeit durch eine abgeflachte Strebe erreicht wird.  Die Hauptrohre beider Räder wiederum haben die gleichen Durchmesser, das Roadracer sollte also ebenfalls aus Tange Champion 2 bestehen. Details machen den Unterschied.

Erstaunt war ich vom nur 17cm hohen Steuerrohr (beim Fullpro: 18,5)  richtig:, mein Blick am Wohnzimmertisch hatte nicht getäuscht: das Oberrohr fällt nach vorne ab – gemessene  9mm! Wie häufig dieses Merkmal bei Rennrahmen ist, weiß ich nicht,jedoch warb Giant Ende der 80er bei seiner Peloton-Serie mit dem abfallenden Vorderrohr. Ob es  für den (theortisch) größere Überhöhung gedacht war oder auch hier wieder nur zur Verkleinerung des Rahmendreiecks?

Vierzig Jahre später wissen wir, daß sich das gegenteilige Sloping durchgesetzt hat-  die Räder rollen den Berg hinauf.

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Klug macht allein der Versuch. Und hier stelle ich schnell fest, daß das Roadracer auch dank eines sehr leichtgängigen  Tange Falcon Steuersatzes (fast 40 Jahre alt!)  einen sehr wendigen Eindruck macht.  Doch trotz der Wendigkeit läuft es schön angenehm geradeaus, läßt sich problemlos „mit dem Hintern“ fahren, während es doch am Hinterrad eher „sportlich“ wirkt: eher kein Randonneur

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Die (frühen)  600er Schalthebel arbeiten schön direkt mit der Crane Schaltung zusammen, die auch keine Mühe mit 28 Zähnen hat und das Rad bergtauglich macht. Der  Umwerfer (oben) arbeitet ebenfalls schnell und reibungsarm, seine interessante Abdeckung läßt von oben recht genau die Position über er kette erkennen. Nützlich.

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Vermessung, eine Skizze macht deutlich: das Fullpro ist eine andere Interpretation mit gleichen Rohren, nicht nur ein verfeinertes RoadRacer mit hübschen Muffen. Die Rohrwinkel sind leicht flacher. Ich messe 74 gegen (ca) 74,8° am Sitzrohr.  Diese kleinen Zahlenunterschiede machen sich an auch bemerkbar. So ist es spürbar,  in der Grundposition  1cm weiter „über“ der Tretlagerachse zu sitzen.

Diese Unterschiede sind am Ende aber so gering , daß sie auch der Laune des Tages überlassen werden können.

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Und zehn jahre später dreht sich das Rad der Globalisierung weiter, Giant aus Taiwan ist der nächste Importkunde der Firma Koga bv. Den Rest kennen wir und erleben ihn Tag für Tag. Rennräder sind heute mehrheitlich globale Produkte, nur eine Minderheit entsteht im „alten Europa“, auch wenn die großen Namen immer noch die gleichen sind.

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Alle Illustrationen aus japanischen Katalogen habe ich dieser Website entnommen.

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6 Antworten zu Mehr Koga, mehr Miyata

  1. monnemer schreibt:

    Danke für diesen hochinteressanten Vergleich. Seit mich vor einigen Jahren der Sperrmüllfund eines 79er Road-Winner mit dem Rennradvirus infizierte, habe ich an Rädern dieses Herstellers einen Narren gefressen. Hat wohl was mit Prägung zu tun. Die Charakterisierung „strak en kort gebouwd“ aus einer Koga-Broschüre ist mir in Erinnerung geblieben, ich weiß nicht mehr, ob damit der Roadracer-Rahmen gemeint war, könnte aber hinkommen.
    Das Road-Winner, mit über 11kg kein Leichtgewicht und wohl auch deswegen am Hinterrad sehr gutmütig, ist auch mit diesem Umwerfer ausgestattet, der ein wenig an frühere Zündzeitpunkteinstellung mit der Pistole erinnert. Sehr sturzstabil ist der überigens.

    An dieser Stelle endlich mal ein Dankeschön für die vor einigen Monaten ausgesprochene Kaufempfehlung an Herrn mark793, die für mich letztendlich den Ausschlag gab.
    Das Rad hat sich als 80er Fullpro in einem mehr als ordentlichem Zustand entpuppt und macht mich (fast) täglich glücklich.

  2. crispsanders schreibt:

    Danke monnemer. Noch kann ich die Koga Kataloge nicht auswendig, aber ich dachte mir: schreib mal etwas für den Nerd in uns allen. Und für alle, die die klassischen Räder nicht nur als Reifenfarben- und Lenkerbandoptionen betrachten. Die Fachleute im Netz äußern sich ja ausnahmslos positiv zu Fertigungsqualität und Lackierung der Marke. Und wer dieses blau mag, der wird keines finden, was ihm gleicht. Daß man in der Zeit kaum ein besseres Rennrad kaufen konnte nimmt man dankbar zur Kenntnis. . ..

  3. mark793 schreibt:

    Ah, das also hat es mit dem per Mail erwähnten roten Koga auf sich! Als interessierter Novize, der sich noch nicht das Etikett Rad-Nerd anheften mag (aber immerhin weiß ich inzwischen, dass „Crane“ gewissermaßen der Vorgänger von Dura-Ace ist) lerne ich bei solchen Beiträgen immer noch sehr viel.

    Bei Raleigh-Einsteigermodellen wie dem „Pursuit“ gab es die hohen Durchläufe und langschenkligen Bremsen mit Mutternbefestigung übrigens noch im Modelljahr 1990. Du hast da einen Satz angefangen und nicht beendet, in dem das Wort Tektro vorkommt. Ich darf das mal vervollständigen dahingehend, dass Tektro modernere Doppelgelenk-Bremsen mit langen Schenkeln baut, die ziemlich gut packen. An so einen gut erhaltenen Klassiker würde man derlei natürlich eher nicht ranbauen, aber wer gern einen alten und bewährten Rahmen mit zeitgenössischerer Technik bestücken möchte, ist damit ganz gut bedient.

  4. crispsanders schreibt:

    Danke für den vollständigen Satz. ! Ja, die Tektros sind eigentlich der zeitgemäße Wahl für alle Mafac, Weinmann, Altenburger, die man an den Alltagsklassikern findet. Silbern sind sie deshalb wohl auch. Ist wirklich eine wichtige Möglichkeit, beispielsweise ein Hercules Mallorca ( oder wie sie hießen) leichter zum stehen zu bringen. . .
    Allgemein: Bei gut dokumentierten Firmen gehen solche Vergleiche sicher auch leichter von der Hand. Das macht unsere kleinen italiensichen schmieden nur noch rätselhafter, sicher .

    • mark793 schreibt:

      Haha, „Hercules Mallorca“, das hat was! Tja, what’s in a name? Von den in der oben gezeigten Fachpublikation genannten Poliaghis redet heute keiner mehr, aber Colangos und De Rosas sind immer noch ein Begriff. Ich will nicht unfair sein, den Namen Poliaghi hatte ich zumindest schon mal gehört, aber das setzt auch schon ein gewisses Maß an Nerdtum voraus. Und auf den drei Eroica-Märkten, die ich bislang besuchte, habe ich keins gesehen. Zumindest nicht bewusst.

  5. crispsanders schreibt:

    Dabei ist Pogliaghi ein verbürgter kleiner Rahmenbauer, irgendwo liegt ein Buch auf der Festplatte, in dem er sein Tun beschreibt, zwischen 1947 und den 80ern. Aber da gibt es gerade in Italien unzählige Namen, (mehr als Weinlagen), die mit den „großen“ nicht Schritt gehalten haben, bzw dann als Zuarbeiter namenlos ihr Geld verdienten. Hercules ist – wie Miyata den umgekehrten Weg gegangen, natürlich zu spät und mit deutschem Chic – meine Frau hat ihr Schulsportrad eigenhändig überpinselt, so schamvoll ging man mit den Nürnberger Kringeln um…. (notabene ein gutes Rad)

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