Durch die Stadt der hundert Bunker

aa2Es war höchste Zeit. Die Sonne macht sich immer später auf den Weg und will nur noch mittags wärmen. Es ist der erste September und ich muß heute dringend  nach Süden. Über die Linie, die Bayern Weißwurstäquator nennen  – ich finde es immer noch schlüssiger, zwischen römisch besetzt und germanisch zu unterscheiden

DSCF4672Denn tatsächlich: erst ab Mainz wird die Luft lauer, der Körper streckt sich locker und das Pedal fließt runder. Es wird gleichzeitig flach, der Taunus liegt hinter mir und vorn wartet die lange und weite Rheinebene.

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Ein erster traditioneller Stop bringt das zweite Frühstück, die dünnhäutige Wetterjacke verschwindet in der Rückentasche daneben noch ein weiteres Baguette _non-vegan please und, als Nothelfer, das knusprige NußNougatcroissant.  Koffein wirkt augenblicklich und nach 10 Minuten geht es auf der silbernen Gazelle weiter.

aa7So wenig Ballast wie heute war nie, Schlauch, Flickzeug, ein paar Riegel und eine große Flasche – Samstag: Versorgungspunkte an der Strecke sind bekannt, es rolle leicht und unbesorgt am Rhein entlang, rechts die sanfte Kurve der Weinberge.

a8Ein kleines Nummernschild kommt ins Blickfeld und ich eile seinem Windschatten hinterher. Vmax. Der Besitzer gibt erst einmal richtig Watt und geht dann von 40 auf 35, als er spürt, daß ich vollgasfest bin. Mir recht: diese Vögel sind in der Elektrischen Fauna nicht allzuhäufig, dieser hier pendelt täglich 28km bis Worms – genau meine Richtung, genau die richtige pace. Wir gleiten durch die Weinberge und dann entschuldigt er sich: der Akku zeigt nur noch 10%. Ich bedanke mich und biege auf die kaum befahrene B9.

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Ich nutze die herrlich glatte weiße Randlinie der Straße und stelle mir vor: so muß sich eine Radrennbahn anfühlen – seidig, geräuschlos, euphorisierend. Je schneller ich fahre, umso ruhiger scheint das Rad zu rollen . Da strecke ich mich so weit es geht, genieße das Tempo, das ich endlich erreicht habe: die kurze Partie mit dem EBike-Schrittmacher hat mich in den richtigen Rhythmus gebracht. a9

Schlag 11 endet diese Zeit der Gnade, der „état de grâce“ . Das mächtige Torhaus führt mich nach Worms hinein. An welcher Stelle es aber hinausgeht ist immer aufs neue spannend. Diesmal habe ich einen Schotterweg durch den südlichen Stadtwald  und wähne mich glücklich. Dann aber ist am Tierparkgelände Schluß.

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In der netten Gastwirtschaft daneben (Spezialität:Wild) wird mir weitergeholfen. Mit einer frischen Cola im Bauch finde ich den Weg aus dem kleinen Dschungel, hinauf auf die alte B9; Dort: schnurgerade an den Gemüsefeldern vorbei, abgeerntete Zwiebeln liegen herum, in der ferne übersprüht ein Wasserstrahl die letzten grünen Parzellen. In noch weiterer Ferne rechts die dunkle Schraffur vom Pfälzer Wald und in der Ferne links die Ahnung von der Welt, die nun kommt: Schornsteine, Lagerhäuser, Wohnblocks.

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Hier, an dieser Stelle, so dachte ich , sei der Bann gebrochen, sei ich der Krake Ludwigshafen mit ihren tausend Tentakeln entkommen, würde südlich von Frankenthal (Bild o.) in einem eleganten Schwung über Maudach durch die Felder dem säure- und laugespeienden Moloch entkommen, der badischen Anilin- und Sodafabrik.

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Hier , so wähnte ich, würde ich als erster und ungehindert in Freiheit gelangen, endlos wietertreten –  und dabei war es nur eine der frisch gehäuteten, teerigen Tentakeln, die mich direkt ins Maul der Stadt der hundert Bunker führen sollte. b03

Und als ich diese fröhlich flatternden Fahnen sah wußte ich es: das Kraftfeld hatte mich eingesaugt, es blieb nichts als die alte Irrfahrt über die 6 Werktore, vorbei an 8 Parkhäusern, die nun waschbetonverwittert hohl herumstanden, vorbei an 10 architektonischen Übungen für ein liebenswertes Werksgelände dargeboten vor einer Kulisse kleiner, geduckter Straßenhäuser die sich steigerten zu

DSCF4776inzwischen eher hohl und postheroisch  wirkenden Schachtelbauten, welche übergingen in einen geordneten Rückzug der klassischen Zeilen deutschen Arbeiterwohnungsbaus.

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Der erste Bunker war noch frisch getüncht. b2

der zweite bereits vegatbil eingekreist und friedlich gerahmt,

b07umgeben von Oasen der Freizeit und des Vorruhestandes, während andere Sperrmüll plünderten-  wanderte mein Rad mühsam weiter, bis ich den Bunker der Hoffnung erkannte und grüßte, wie einen alten Freund.

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Dieser Letzte wartet nun geduldig, bis das Efeu in 3000 jahren seine Mauern gesprengt hat und Rheingönnheim möglicherweise ein ganz anderes Schicksal (schöpferische Zerstörung? ) heimsucht, als das eines last exit aus dem Flächenstaat, der die Temperatur des Rheins steuert und mit seiner  Gewerbesteuer ein ganzes Land finanziert … b08Wahrscheinlich lebe ich schon viel zu lange in einem Dorf und sollte gnädiger sein, mich nicht so über die doch sehr kurzfristige Einengung meiner Privilegien ärgern.. Käme Lothar Dombrowski nun um die Ecke hätte er sicher tröstende Worte, aber ich muß weiter ziehen, muß wieder in den schönen Rhythmus der Landstraße kommen.

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Ade Plünderer, auf mich wartet ein kühles Eis ……

 

 

 

 

 

 

 

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6 Antworten zu Durch die Stadt der hundert Bunker

  1. mark793 schreibt:

    In der Stadt der 100 Bunker stehen ja große Veränderungen an, eine der beiden Hochstraßen soll abgerissen werden. Aber auf Deine künftige Fahrradroute dürfte das keine Auswirkungen haben, enn Du weiterhin versuchst, westlich an der Stadt vorbeizukommen.

  2. crispsanders schreibt:

    ich habe geschworen, diese Stadt nicht mehr zu betreten. Ausnahme: Maudach und Rheingönnheim. Eine östliche Route (bereits beu Worms über den Rhein) wäre eine Alternative, Vielleicht sollte ich nächstes jahr dem Reiz des Neuen nachgeben.

  3. monnemer schreibt:

    Worms – Lampertheim – Ladenburg – Schwetzingen etc., kann man alles wunderbar über kleinere Landstrassen und breite geteerte Wirtschaftswege fahren.
    Ein Vergnügen gegen die Bunkertour. Manko: Dolomiti fällt dann flach. In Ladenburg gibt’s aber auch was Gutes.
    Vorschlag: wenn Du im nächsten Jahr dran denkst, kann ich Dich an der Wormser Rheinbrücke aufsammeln und Dich auf der nervenschonenden Variante bis hinter St. Le (die Einheimischen kürzen das so ab, weiß der Geier warum) begleiten.

    @Mark, ob das noch was wird mit dem Abriss? Oder es dauert noch Jahre, macht im Moment alles noch einen sehr unausgegorenen Eindruck.

    • crispsanders schreibt:

      Wenn es höherer Wille ist, (St. Ko,,?) der mich jedesmal scheitern macht, bin ich für Alternativen durchaus bereit. Schwetzingen ist sicher auch ein ort, den ich gern einmal sehen möchte. Im übrigen hoffe ich ein blaues Koga demnächst in Köln-Wahn rollen zu sehen. Also am Samstag. Dann könnten eine Menge Details feingeplant werden.

  4. monnemer schreibt:

    Das wird rollen. Man wird ja immer neugieriger auf die Strecke, je mehr man von extreme upritzling liest.

  5. crispsanders schreibt:

    Tjaaaaaaaaa. War eben auch eine der kleinen Überraschungen, als ich mit den steel und vintage Leuten peu à peu zusammentraf. Irgendwie ist man entweder Sammler oder Fahrer – selten beides. War auch eine meiner offenen Fragen anfangs, wie denn die Leut‘ mit 42×23 (Campa nuovo record) so zurechtkommen. Eben gar nicht oder nur in der norddeutschen Tiefebene (beginn: Düsseldorf) . Darum hektisches Ritzeln und schlatwerksgebastle.
    Mir imponiert der Knabe vom letzten Jahr, der sein Daimant aus dem alten Granada turnier zog und dann 44×23 jede Steigung gemacht hat. Systemgewicht? 100kg.

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