Was wir dem Rad wünschen

abAus der periskopischen Sicht eines Radflaneurs betrachtet.

Die glücklichen Kilometer

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Dem Rad muß man für dieses dieses Jahr kaum Glück wünschen  – es erlebte im vorigen geradezu  eine Renaissance. Die Lager sind abverkauft, Hersteller mussten keine Rabatte gewähren. Und das Fahrrad sah sich plötzlich zum Erlöser für Mobilitätsprobleme ausgerufen – im großen Echo der Server.  Auf der Straße ist es ein wenig anders, aber gute Stimmung ist eine wichtige Grundlage.

aha2Diese Renaissance war genauer betrachtet ein Kind der Not, getrieben von der Pandemie und der drohenden klimatischen Wolke. Ich sah also  Menschenschlangen, die auf Termine bei Werkstätten warteten und in der zweiten Schlange andere, die nur bestellen wollten.  Ich sah Kartons, die sich stapelten und Anzeigen, mit denen Monteure gesucht wurden. Es war vor allem für das Elektrorad ein annus mirabilis. Niemand hatte damit gerechnet, daß ein Virus die Fahrradwelt auf den Kopf stellt.

Für den Vielfahrer dagegen änderte sich nicht viel, wenn er  ausreichend  Verschleißteile hatte. Die Freiheit, die er schon immer genoß, wurden nun von anderen entdeckt: willkommen. Es gab kleine Einschränkungen. Keine Treffen mehr mit den Deutsch-Benelux Randonneuren, keine neuen Strecken mehr, die rührige Veranstalter erkundet hatten. Dafür übernahmen GPS Navigation und eigene Ortskenntnis diese Aufgabe. In kleinen Fahrgemeinschaften beinahe verschwörerischer Art  fand sich das geteilte Glück.

ae1Und ein Radius von nicht einmal hundert Kilometern erlaubt unzählige  Variationen ins Unbekannte. Immer deutlicher fühle ich über die rollenden Reifen die Verbundenheit mit diesem waldigen, hügeligen Relief, das mich umgibt. Jeder Monat bietet neuen Genuß, Jahreszeiten bekommen eine sehr spürbare Präsenz.

Auch der Begriff  Provinz erhält im neuen Jahr neue, positive Bedeutung – seit sie von der großen Welt draußen megaherzig durchdrungen ist, wird sie ein Schutzraum; was früher als einsame Abgeschiedenheit galt, ist nun individuelle Freiheit. Ein Rätsel bleibt, warum das nicht von Urlaubern öfter erkannt wird.

Die schweren Kilometer

c91Das sind die Kilometer, die man nicht machen konnte, weil einfach das Leben anders entschieden hat. Gedanken an Freunde , die man nicht mehr erreicht hat und nie mehr erreichen wird. An Fahrradkeller, die nun verwaist sind. Noch spürt man das Alter selbst nicht, sieht aber mit Schrecken, daß es rundum seine Zeichen setzt.

bi6Warte noch ein Weilchen rufe ich und nehme den nächsten Hügel, beuge mich und sehe den Vögeln nach, die mit dem Wind spielen.  Die schweren Kilometer aber sind in der Unterzahl, so angestrengt ich mich auch erinnere.  Leiden bedeutet auf dem Radnicht immer Unglück  und wird am Ende derart kompensiert, daß es als ein Nichts erscheint, völlig unbedeutend neben dem Glück der bewältigten Kilometer.

Und da waren die Schreckenskilometer, auf  denen  gehetze Samstagseinkäufer durch betont aggressive Fahrweise und Imponierhupen ihre  Präpotenz auf der Strecke verkünden.  Die im Alltag unterdrückte und invertierte Aggression kommt nirgends besser zum Ausdruck, als in Schnäppchenjagden des Wochenendes.  Die Landstraße als erweiterte Kampfzone der kleinen Bürger im Rennen um die symbolische Rolle Toilettenpapier. Wenn es nicht auch Leben aufs Spiel setzte wäre es eigentlich lächerlich und vor allem : würdelos.

Die kommenden Kilometer

DSCF5562Die Zeichen stehen gut fürs nächste Jahr, nicht nur, weil Radfahrer vielleicht ein wenig mehr Entgegenkommen erfahren, wenn ihr Status als Unberührbare der Landstraße sich allmählich verändert.   Es ist auch so, weil ihre Zahl wächst und sie Schützenhilfe von einer neuen Fraktion bekommen.

Die elektrischen Fahrräder werden der politische Schutzschild für die Übrigen. Der Durchschnittspreis dieser Freizeitvehikel liege bei 2,5 Kilo-Euro. Das ist stattlich. So mancher Kleinwagen mit noch vier Jahren Lebenserwartung ist in der Anschaffung billiger. Und dieser Preis wird nicht statt eines Autos gezahlt, sondern obendrauf.  Die Luxusradler werden also aus Selbtschutz zu Schutzpatronen aller, die es aus Sport, Abenteuer oder aus reiner Bedürftigkeit  tun. Sie werden ihr neues Gut und seine Rechte verteidigen, den darin haben sie Erfahrung.

Vor noch drei  Jahren sah ich die Pritschenwagen der Kommunen mit Rädern beladen, die man den Flüchtlingen spendete. Kurz drauf kreuzten vor allem bunte Gesellen auf merkwürdig unpassenden Rädern meine Alltagswege. Das dauerte einen Sommer. Dann waren auch diese Räder abgelegt und die neuen Radler verschwanden in den Nahverkehr…

ad1Jetzt aber ändert sich das Bild und wenn nicht alles täuscht, sind inzwischen auch Kidz unterwegs, nicht nur der kursorische Rentner und oder einsame Penner mit Tüten am Lenker und den Flaschen im Korb. Dei Rüstigen Rentner bilden diesmal eine Vorhut, der Mainstream folgt ihnen.

aha1Wie bei vielen Veränderungen geschieht auch diese nicht ganz ohne Zwang. Die Renaissance des Rades,  die sich im bestens infrastrukturierten Europa fortsetzen wird, ist Folge einer großen Präventivmaßnahme.  Jenseits der Selbstoptimierung durch Fitnessgewinn geht es um die reine Selbsterhaltung. Das Fahrrad ist ein ideales Distanzierungsvehikel – die Distanz zum Virus und seinen Mutationen geschieht sportlich und unter hohem Sauerstoffaustausch . Willkommene Folge: einige werden überrascht sein ,welche Distanzen sie ihren Körpern spielend zutrauen können, wieviele Dinge sich auf zwei Rädern erledigen lassen. Vielleicht sogar Kippen am Automaten holen.

ad3ad3Anders als das Skateboards oder Inliner, die alle ihren Boom erlebten,  gibt es beim Rad mehr als nur die Karriere als kostspieliges technisches Spielzeug : man wird seine Notwendigkeit als Gebrauchsgegenstand wiederentdecken – und auch schätzen lernen.

ati6Mir bleibt wie jedes Jahr der bescheidene Wunsch, die Form zu halten, die ich für alle Kilometer brauchen werde, die noch vor mir liegen. Die Werkzeuge sind da,  die Ziele sind bekannt. Das Rad ist unsterblich.

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