Als Gourmet nach Gießen

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Die Zeit da Männer noch Stahl bogen ist vorbei. Im 21 Jahdt. verbinden wir sportliche Leistung mit dekadenten, raffinierten Gaumenfreuden. Darum auf nach Gießen: als Gastronomiekritiker.

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In die ungewöhnlich lange Reihe in diesem Jahr erloschenen Sterne gehört auch ein Mann, der mit Sternen kritischen Umgang  pflegte: Wolfram Siebeck. Wenn es jemand gab, der aus einer Leidenschaft eine Berufsnische machen konnte, dann der Deutsche Prophet des anspruchsvollen Gaumens. Sein Blog und die vielen Rezensionen in der zeit und dem „feinschmecker“.  . . . .so 80er! hinterlassen ihre Spur.

Im 35.Mai  läßt Erich kästner den schrulligen Onkel angesichts seiner  Kommißerfahrung  seinem Neffen noch raten: „Junge, iß,  bis Dein Magen Hornhaut kriegt.“ Der Junggesselle, der jeden Donnerstag seinen Neffen von der Schule abholte und zu bescheiden =arm für eine Köchin war, nahm das Leben, wie es aus der Büchse kam. Kästner hat damit möglicherweise exakt den Zustand der Deutschen Hausmannskost beschrieben, bevor Siebeck den wohlmeinenden Kreuzzug für das gute Essen begann. Das war in den historischen 60ern, die ja schon ihr drittes oder viertes Recycling erleben .

Folge:  als Gastronomiekritiker sollte man sich im 21.Jahrhundert besser nicht ausgeben, man würde schnell als Schnorrer, bestenfalls aber Snob eingeordnet,  der das Haar in der Suppe des ökologischen Überflusses sucht. Vor allem nicht mit leuchtender Weste, Gehstock und Siebecksch gransännjöhrhaft auftreten.  Denn zu Essen gibt es an jeder Ecke, Ladenöffnungeszeiten, Kühlketten und das Lohngefälle der EU machen aus unserem verwüsteten, fernen Nachkrieg und seinen schrulligen Onkels ein reelles SchlaRaffenland, das an meinem Rad vorbeizieht. .

Tarnung ist mithin erste Gourmetpflicht.

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Ich bin daher wie immer als Radsportler unterwegs an diesem milden deutschen Sommertag, trage sogar 1 wollenes Leibchen unter dem langärmeligen Trikot. Es weht frisch und die Erkältung spüre ich noch, darum verordne ich mir eine reine Genußfahrt, mit langen Flachstücken: auf nach Gießen.

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Die Route ist genau jene, die ich vor einem Jahr fuhr bei voller Sommerhitze. In Wellen geht es noch einmal bis Merenberg durch den Westerwald, an der Big Sky Ranch dann ins Lahntal. Alles fühlt sich gut an und ein freundlicher Wind schiebt mich nach Wetzlar.

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Das Denkmal für die Erzbergleute, daß ich am ehemaligen Stammsitz der Buderus Werke entdecke, zeigt, wie sehr sich der Alltag  seitdem verändert hat. Eine gebückte Haltung nehmen viele Mitbürger nur noch ein,af3

wenn sie samstäglich Automobile leersaugen.

af1Mein Koga durchgleitet den Radweg 7, der den Fluß bis zur Quelle verfolgt, munter grüße ich Gruppen auf Rädern, die mir entgegenkommen. DIe einen machen 30km am Tag , die anderen 60. Manchmal muß ich bremsen und sehe, daß ein Fahrrad Ilona heißen kann.

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Die Fußballwiese ist frisch gemäht, die Zapfanlage erwartet ein kleines lokales Turnier.

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Noch ein, zwei größere Dörfer und schon trickse ich mich nach Gießen hinein. Etwa 70km und eine Trinkflasche Traubenschorle liegen hinter mir.

Gießen würde sich wohl selber nicht als Perle der Lahn bezeichnen,  denn statt malerischer Altstadt erwartet  Besucher ein bunter Mix aus Brachen, nachkriegs- und postmodernen Gewerbeobjekte. Dazwischen ein paar alte Häuschen, bloßer Backstein, die Bauten von Wissenschaft und Gesundheit und viel junges Volk.  Die Fußgängerzone, über die sich Max Goldt (Betonkugeln) noch herzhaft amüsierte ist wie immer am Samstag voll und lebendig. Studenten !innen! Mais oui.

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Mein hochgeschätztes Antiquariat Guthschrift, in dem selten Liveaufnahmen des Gitarristen Hendrix laufen, enttäuscht auch diesmal nicht.

Mit dem Johnson Uwe(Kenner des Radsports wissen, wer Achim ist) und dem MW in der Tasche gehe ich dann, Tarnung perfekt,  Gut Bürgerlich essen, denn ich friere vor Unterzuckerung. GutBurgerlich ist nur ein paar Schritte von Guthschrift Antiquariat entfernt und fast alle Holztische draußen sind besetzt.DSCF2809Überall sehe ich hier eine merkwürdig hohe Form des Hamburgers, der mit echten Kartoffelpommes auf einem Brett serviert wird.  Als ich eintrete und drei junge Männer an Friteuse und  Grillblech wirbeln sehe, verstehe ich : es ist ein reiner Hamburger Grill,  der davon  ein halbes dutzend Varianten zubereitet. Hat der Gast bestellt,  wird er nach seinem Vornamen gefragt und die Bestellung auf einen kleinen Zettel geschrieben.  Sieben oder 8 Burger passen auf das Bratblech, medium oder „durch“ werden sie zubereitet. Ist die Bestellung fertiggebraten, werden  Lars, Oliver oder Silke aufgerufen und holen sich das Hackbrett mit dem saftigen Fleischberg. Nebenwirkung: so lernen sich  Gäste leichter kennen af5

20 harte Minuten muß ich warten, die dem Siebeck immer gereichten „amuse gueules“ gibt es nicht (Beweis für meine gute Tarnung) und  für Unterhaltung bei Tisch ist gesorgt. Lange schon habe ich keine WG-gespräche mehr gehört, oder die Vorzüge von mütterlichen Waschmaschinen .

DSCF2812Der Wind rauscht in dden Bäumen, das Geld klimpert in die Parkautomaten,  Kinder auf Rädern überqueren sicher die Straße – das Leben ist frei von Sorgen.

„Christoph“  ist  jetzt dran und es hat sich sehr gelohnt. Die süßsaure Sauce über den Schalotten lassen „Robert“(TM?)  noch saftiger schmecken, die  Sesambrothütchen trennen Welten von der Qualitätstufe McX und die Pommes sind wirkliche Kartofffeln. Da lasse ich nichts übrig . Meine Wertung nach dem internationalen McX Index: 180.

Rückzu:

ein entsetzlicher Cappucino bei JET, gewendetes Heu, treibende Paddel, Sattigkeit.

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Koga – Genuß:  immer noch mit dem eroica Laufrädern, jedoch flog der alte Schraubkranz raus: die Strade Bianchi und der brutale Wiegetritt haen ihn ausgeleiert. Jetzt geht es geschmeidig durchs lahntal. der Schalthebel steht exakt, denn das muß er bei der alten dura-ace. . . > Fragen beantworte ich gern.

Kurzer Altdorfer-blick auf ein Sägewerk bei Löhnberg. Verdünnung der Schorle mit Selterswasser, das gleich hier nebenan sprudelt!

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Frisch aufgehängt: schilder der Radtouristik (mit Marathon) von Aßlar, den ich morgen ausfallen lasse und mir für das nächste Jahr aufhebe. Die schönen Gelegenheiten sind doch seltener, als man glaubt. Das Leben muß gegriffen werden, die Pedale getreten und die Distanz überwunden.

Die energie der guten Kartoffel und des Rindfleisches hält vor, ich komme nicht in Not bei den Höhenmetern. Schöne Heimkehr mit einer Fußnote

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Kurz vor der kleinen Kuppe steht das Auto, im Feld ein anderes. Ein Schild sagt Ölspur. Eine Frau nimmt Handschuhe aus dem  Kofferraum. Vorsichtig hebt sie die Katze, die tot auf der Fahrbahn liegt und legt sie ins hohe Gras. Die Grillen zirpen im Takt. Was hinter der nächsten Kuppe kommt, kannst Du nicht wissen. Dreh dich nicht um.

 

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