Winterbrevet auf Sommerreifen

Wenn mein goldener Hahn in diese Richtung schaut, dann heißt es sich warm anziehen im Kirchspiel Thalheim. Kombiniere Nordost, 5 Beaufort und Ende Februar.

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Die kleine Gemeinde der Randonneure, Kirchspiel Wuppertal, vereint ungefähr 50 Seelen auf dem Parkplatz einer Bäckerei (der noch ein wenig an eine Tankstelle erinnert). Der Milchschaum meines Cappucinos setzt eine feine Eiskruste an,

bwup5 die Grußworte zu unserem Passionsspiel von 200km fallen knapp aus. Es startet ein kompakter Pulk  und die Fingerkuppen beißen mich heftig, als wir uns durch die ersten Eispassagen hinter der Stadt, hinter den Industrieruinen, vorbei an der Aramidfabrik fädeln.

By Frank Vincentz – Own work, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=6407971

 . . .hier warst Du schon einmal, denkt es in mir  – aber da standen die verwinkelten Backsteingebäude der Enka Glanzstoff-Fabrik in ihrer Mehrzahl. Das war 1987. Wer wissen möchte, wie die Geschichte der JP Bemberg Kunstseidenspinnerei verlief, der findet sie hier.  Tempi passati

Der Schnee der letzten Tage hat sich zu eisigen Spuren verglast. Minus 4. awup1

Bis die erste Sonne sichtbar, vor allem aber spürbar wird braucht es einige Höhenmeter. Unter der massiven Autobahnbrücke krabbelt das Peloton hindurch. Und oben wartet die andere Überraschung

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Vielleicht sieht man auf diesem Bild, daß mit dem Brexit ein anderer Wind weht. Manchmal zieht es sich, dann wieder ballen wir uns zu einem wärmenden Knäuel zusammen – Ampeln disziplinieren die Ausreißversuche. Die Sonne entschädigt schonmal für die Ohrfeigen, die der Wind an jeder Ecke neu verteilt.

Nachdenken sollte man über eine solche Fahrt in den Eiskeller so wenig wie möglich. Losfahren, versuchen warm zu werden. Ab und zu dem Nebenmann einen Halbsatz durch die mehrlagige Halskrause zurufen. Irgendwann stellt man fest: das Thermostat funktioniert, Hände und Füße fühlen sich wohl (auf einmal) nichts beißt mehr und fast meint man zu schwitzen. und der Himmel schickt immer einen besonders starken Fahrer, einen Tom Boonen, der locker vornwegfährt.

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Kontrolle 1 : es beginnt die Schnitzeljagd, jeder führt einen kleinen Zettel mit sich, auf dem Kontrollfragen stehen. Mancher Kuli tut sich schwer, die Lösung zu Papier zu bringen. Die alte Frau lebte bis 1950 mit ihren Kühen im Stall. Vorsicht, die wertvollen gelben Pappen dürfen nicht verloren gehen. Darauf eine halbe, eisige Banane. Anstiege, waldige Passagen mit plätscherndem Bache unter fröhlich winkendem Tann: daran mangelt es nicht.

Viele setzen hier aufs 32 Ritzel am oberen Ende des Pakets, andere, wie dieser Klassikfahrer neigen zur driefachKurbel. Gerade folgt mir niemand mehr , denn ich bin an der 1ten Kontrolle glatt vorbeigerast. fahre zurück auf los. Ich werde etwas später erläutern, warum eine 3fach Kurbel heute so angebracht ist.

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Manch einer glaubt gar nicht, wieviele Steigungen dieser Flecken Erde verbirgt. Es würde für mehrere Eroica Veranstaltungen reichen und wahrscheinlich für eine Eroica extreme obendrauf. Abfahrten- steil, holprig streckenweise –  immer ein Genuß : ich stelle mir das im September vor mit den berühmten bergischen Pflaumenkuchen und Kirschwaffeln plus Schlagsahne. Zu diesem Zeitpunkt sind das Wahnvorstellungen. Nur mit viel Mühe konnte ich einen Cranberry-Riegel spalten, der sich in meinem Gaumen auflöst, damit irgendein Brennstoff nachgeführt wird.

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und wenn ich nicht die Augen so zusammenkneifen müßte, wären das wirklich apart-hübsche Passagen, dort oben, wo der Wind sein Spiel mit uns treibt. Die kleine Kamera sieht das alles mit lächelndem Auge und vielleicht mache ich die Bilder ja auch, um mich nachher überzeugen zu können, daß doch fast alles prima ist . Die Horizontlinien werden zu gleißenden Zacken, sobald der kopf oben ist, fühlt sich die Luft wie längsseits der Stacheldraht an, Hausecken erschrecken mit plötzlich zurückgestrahlter Wärme.

Aber die Kamera hat gut lachen, denn sie liegt schön dicht am Körper an, ihr kleiner Akku immer hübsch warm, während der große Körperakku sich langsam leert.

awup4 Unterdessen kommt die Forderung nach Dreifachkurbeln auf, oft Altherrenkurbel genannt. Neben mir entdecke ich einen jungen Kerl der so maximal 60 Kilo wiegt und seine 28 Zähne mit schmerzhaftem Ausdruck bewegt, hinter mir keucht es wie aus der Kehle einer strangulierten Sau. Gemach: wir sind erst bei kilometer 70 oder so. Da kann man ruhig noch mit dicken Gängen arbeiten. (Aber ->)

:Der tiefere Sinn einer Dreifachkurbel erschließt sich an jeder weiteren Steigung, die Körner saugt. Mein mittleres Blatt endet bei 42×26, das lasse ich so bis 7% gelten, auch hier, ohne Gepäck und Ballast. Da wir in Gruppen fahren, kann ich gut beschreiben, was geschieht, wenn ich auf das 30er Blatt wechsle: während die nachbarn im Käfig ihrer 34er Kompakt gefangen sind und wie Galeerensträflinge zu einer Frequenz verdammt den Oberkörper auf und ab wiegen, kann ich per Campagnolomausklick mein Los erleichtern, ein wenig Lässigkeit in die Oberschenkel gleiten lassen und mich erholen. Auch wenn ich nicht wie der Asthmatiker Froomi strample: wirklich langsamer werde ich dabei nicht, ich erleichtere nur mein Los und kann oben einfach weiterrollen.

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Mit der Zeit  sieht man die  Dinge klarer und so entschlüsseln sich Botschaften, die für uns auf Zigarettenautomaten hinterlassen wurden. Es sind stilisierte

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Windräder , eine Zone heftiger Turbulenzen.Das Feld hat sich nach der zweiten Kontrolle, wo für einen kurzen Snack dankbar verschnauft wurde (jemand schenkt mir zwei TUC Kekse) wieder auseinandergezogen. Es nähert sich dem großen Rauschen der Rotorblätter. Schon von weitem ist zu hören, daß sie heute ordentliche Wattstundenliefern, ein rhythmisches Rauschen umpulst die immer kleiner werdende Truppe.

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Der Wind erwischt die kleinen bunten Punkte von scharf rechts, an der Tannenlinie erreichen sie das rettende Ufer: die flache Landstraße, die sie mit Rückenwind nach links führt. Aber die Punkte bewegen sich nicht wirklich schnell davon: müde ihr also seid – and so am I (mit Loch im Bauch).

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200Meter tiefer: endlich ein Dorf, endlich eine warme Pizza (original italienisch, sagt Grill Royal). Passende 2Takter Geräusche auf der High Street.

DSCF1951Als einzige Gäste im Festsaal genießen Roy und ich die glühende Heizung. Naßgeschwitztes auslegen , auf hochlehnigen Kunstledersitzen Platz nehmen. Der schwarze bittere Tee wärmt schonmal die bloßen Finger. Der Blick schweift hinaus auf eine undekorierte Betonfläche. Weiter hinten eine Landstraße mit Alleebäumen, zwischen denen hin und wieder ein Radfahrer zu sehen ist. Dann rückt von rechts ein brombeermetallisierter Opel Senator ins Bild und fährt auf die zentrale Betonfläche zu. Dort wartet ein Opel Corsa, eine nackte Frau im Pelz auf der Motorhaube: daneben kommt der Senator zum Stehen.

Eine völlig mit Käse überzogene 29cm Pizza wird auf einem großen Holzbrett angeliefert, wenig später geht eine ähnliche (mit grünen Stücken) gegenüber zu Roy. Sie ist noch so heiß, daß der Hunger  kurz warten muß,  – – da bleibt Muße für den Blick aufs zentrale Geschehen. Inzwischen ist ein CLK Coupé der -90er aufgetaucht, dessen bauchige Seitenflanke mit einer aufschwingenden Zweitfarbe (mattschwarz) dekoriert wurde.

Wir genießen den heißen geschmolzenen Käse, der langsam unseren Schlund hinabgleitet und einen warmen Klumpen mitten im Bauch bildet. Bei mir sei irgendwo Schinken dazwischen, der aber kann seine Herkunft aus Parma nicht bestätigen.

Drei, vier Jugendliche in Fellkapuzen stehen um die Fahrzeuge gruppiert und rauchen jetzt.  dann ist alles wichtige besprochen.

aselfieDahinter wandern ab und zu die bunten Punkte der Radfahrer durch und erinnern uns an den Grund unseres Besuchs. Träge verlassen wir die Sitze und besteigen unsere Räder. Die Einsamkeit der Landstraße an einem kalten Samstag im Februar.

Die Sonne lacht, Landschaft ist lieblicher jetzt. In den Tälern spüren wir weniger vom Wind (oder haben uns einfach dran gewöhnt). In der Nachmittagssonne gewinnt das grün an Wärme und Struktur. Wärme und Struktur – wichtig bei Brevets.

Aber ein neuer Feind wartet: das Eis. Der Schnee, der durch den Wind zum Eis wurde, festgefahren und glaciert. Wir zahlen einen hohen Preis für die pittorreske (auch: malerisch/natürliche) Streckenführung über Wirtschaftswege. Waren Südhänge abgetaut,  blieben die Nordseiten der Hügel gepanzert und unpassierbar. Da helfen mir auch die unsterblichen Kevlar Excel Sommerreifen von hutchinson (Bj.92) nicht mehr weiter. Mit Rädern als Rollatoren tasten wir uns vor. Kleine dünne Spuren deuten hin und wieder an, daß wir uns nicht verfahren haben.

aschnee1Inzwischen zu dritt, bilden wir mit Haiko ein Pfadfindertrio; zwei in leuchtendgelb, damit uns die Rettungssanitäter besser aus dem Hubschrauber sichten können. So ein Oberschenkelhals ist schnell verknaxt. Für die Entmüdung sei das Laufen gut, sagt einer, für das Zeitlimit aber nicht, ein anderer.

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Viel zu beschäftigt damit, nicht auf dem Gesicht zu landen, denken wir aber nicht wirklich an die Zeit, die wie Pulverschnee zwischen den Handschuhen zerrinnt. Von „denken“ kann hier überhaupt nur wenig die Rede sein, man macht einfach weiter, versucht, nicht auszukühlen, sucht im Flachen den Windschatten. Solange der Körper Thermostat nachregelt ist alles ok, die Grundspannung bleibt.

das Zeit/Raumempfinden verschiebt sich dagegen. Für etwas mehr als 30 km haben wir über zwei Stunden gebraucht und sie fühlen sich wie 60 an. Gegen diese Enttäuschung wird heute gekämpft.

Bald wieder in der Zivilisation: Radwege zur Biggetalsperre, Tempofahren nach Attendorn. Vorbei an der ersten Kirche,

aattendefegen wir um die Ecken des sauberen Städtchens

aattendorndann der ersehnte Imbiß gleich unter dem prall-barocken Helm der Kirche :Kontrolle!. Kurz vor Fünf und immer noch 70 Kilometer. Dios mio. Ein halbes Dutzend Räder stehen an den Geländern, wo kommen nur all die Radfahrer her? Der kleine Imbiß verdient fünf Sterne, Schnitzel brutzeln im klaren Fett auf dem Blech, der Gemüseeintopf ist fast so groß wie die Pizza, meine Pommes knuspern und sind eindeutig Kartoffelstücke…

es lohnte sich, die Vorzüge einer kleinen, propperen Stadt in der Provinz auszukosten,  doch wir müssen weiter – denn es wird rasch dunkel und einige Höhenpassagen warten noch.

Letzte Bilder vor der Dunkelheit

aschnee3aschnee4Eine weitere Passage wäre fatal gewesen  – unten im Dorf brannten schon die Lichter (sehr einladend) und jetzt, wo wir ins dunkle der Wälder  und unter Mondlicht fuhren,  wurde es ganz eigenartig schön. Die Kälte war da, aber schon so etwas wie ein Teil von uns. Die Pizza kam mit Zeitzünder zur Entfaltung und verströmte Kraft für den Anstieg, die kleinen Lampen warfen Muster und hinter den Tannen leuchtete ein Schneehang durch. Ganz selten ein Auto, sie hupen, weil sie nicht wissen, was wir sind. Wir sind spät dran, die Kontrollzeit vergessen wir mal.

Wieder eine Abfahrt, 52×14, wieder eine verpasste Auffahrt –  mein navi hat schon längst den letzten triller abgegeben und ist auf immer verdunkelt –  dafür wieder ein schönes Waldstück.  Roy erteilt eine Rüge wegen fehlender Ersatzbatterien. Der Wind von halb hinten: Kierspe, die letzte Station um schnell Wärme und Snickers einzusaugen.

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Va bene, Kierspe, aber 40km und kaum zwei Stunden Zeit mehr. Wir zerfallen, deuten Geräusche am Hinterrad, fahren Wieter, finden wieder zusammen: weit sind die kleinen roten Lichter in der Dunkelheit sichtbar. Aber was ist mit der Zeit? Noch eine Stunde und vier. Ich bedränge Haiko: los, raus mit der Sprache, wieviel km? 22.  fast ein Rennen – nach 12  Stunden .

Genau das hat mir gefehlt, der Kick, es jetzt schaffen zu müssen. Meine Beine gehen gut, die Kalorien reichen, auch wenn es knapp unter Null ist. Jetzt hilft auch der Wind – Endlich! Gleichmäßig geht jetzt die Strecke, hin und wieder Unterlenker, es wird nicht mehr nachgedacht – –  – wir erreichen die Zone der Straßenbeleuchtung. Wie weit noch?:

agazelle124Vier, Drei, Zwei Eins Geschafft,  verdammter Winterbrevet. Drinnen warten große Crêpe und das süffige Hefeweizen aus dem Vereinsheim. Stempel!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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6 Antworten zu Winterbrevet auf Sommerreifen

  1. monnemer schreibt:

    Der Hammer. Bravo!

    Bei der Kälte ist bei mir spätestens nach ungefähr der Hälfte buchstäblich der Ofen aus.
    Interessanterweise hat das der hier zustellende Postbote, der hier jeden Tag ca. 10 Stunden in der Kälte rumradelt, fast genauso formuliert:
    Irgendwann wird man eins mit der Kälte. Da ist wohl was dran.

  2. crispsanders schreibt:

    Herzlichen Dank.
    Viele Gedanken an diesem Tag waren nicht druckreif. Aber der Rückblick ist ein gnadenloser Verzerrer. So ist das eben und ich bereue nichts.

  3. randonneurdidier schreibt:

    heißer Bericht zum eiskalten Brevet. Herrlich zu lesen! In der Region meiner Vorfahren und dort, wo ich Abi gemacht habe, kann es saukalt sein. Und die Anstiege sind auch nicht zu verachten. Halver-Breckerfeld-Kierspe-Lüdenscheid… Heimatgefühle beim Lesen.

  4. crispsanders schreibt:

    EInen Buckel zwichen Kierspe und Halver haben wir auch genommen: es war aber schon dunkel (bis auf ein fahles leuchten vom Mond) Was ich sah, gefiel mir .
    besonders malerisch die Passage Kierspe- Mühlen Schmidthausen- Anschlag.

  5. alex schreibt:

    Respekt für die Fahrt – beider Kälte und dem Wind !

  6. crispsanders schreibt:

    Mit jedem Tag freue ich mich mehr auf positive Temperaturen.
    Nach einer Woche wirkt diese Fahrt fast unwirklich, jetzt, wo der Winter hoffentlich seinen letzen Schrei macht. Gestern versagten die Sperrklinken auf dem Koga Rando – er schläft draußen. danke fürs mitzittern.

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