Mein Enik, Dario und die Anderen

Es gibt unzählige Marken – immer wieder entstehen neue, verschwinden alte. Diese hier soll es nur noch dem Namen nach geben, Fahrräder stellt sie keine mehr her und eigentlich ist auch dieses Rad nicht

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bei Enik in Wenden (Kreis Olpe) gelötet worden. Enik war eine solide Deutsche Fahrradfirma, die seit Kriegsende Gebrauchsräder aller Art herstellte. Im Rennsport hatte man wohl seit Beginn der 1970er Ambitionen und führte  Rennräder im Programm. Hergestellt wurden die Modelle wohl von Beginn an als Auftragslötungen in Deutschland, der Schweiz (mairag) und schließlich in Italien. Der Schriftzug blieb gleich.

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Im Rennsport sind Namen mehr als nur Schall und Rauch. Gerade in unsren nüchternen Breiten verkörpern sie Sehnsüchte – mit ein Grund, weshalb italienische Namen auf Rennrädern ein wahrer Nimbus umgab. Casati oder Kalkhoff, Guerciotti oder Rabeneick, Masi oder Kotter – der Ton macht eben auch die Musik. Selbst der klangvollste dieser Namen,  Ernesto Colnago, konnte ab einer gewissen Erfolgsgrad nicht mehr persönlich die Lötlampe unter jede Muffe halten. Zeiten ändern sich.

original_basilicoItalien hatte, aufgrund seiner großen Tradition kleiner Vereine und kleiner Handwerksbetriebe, eine in Europa wohl einzige Dichte an Rennrahmenbauern. Viele von Ihnen bleiben anonym, zu klein, um sich den Aufbau einer eigenen Marke zu leisten, was ja Ausstattersponsoring für Teams bedingte. Ein riskantes Geschäftsmodell, mit dem für die Meisten nicht dauerhaft Brot zu verdienen war.

paesaggiogabriele-basilicoBesser war es, sein Heil als Auftragslöter für große Namen oder kleine exklusive Händler zu suchen. Hatte man Glück, so sprach sich das eigene Geschick herum und es stand auch schon einmal ein bekannter Fahrer vor der Tür. Das Auftragsbuch füllt sich;  die meisten aber blieben im Schatten der bekannten Marken -genau so wie Dario Pegoretti.

Dario Pegoretti, einer der letzten seiner Art, ist in diesem Jahr gestorben. DarioPegoretti  hat tausende Rahmen gelötet, die nicht seinen Namen tragen. Als junger Mann trat er in dei Werkstatt seines Schwiegervaters ein und lötete, um sich ein gutes Wochenende zu leisten. Lehrer hatte er werden wollen.

basilico milanoIrgendwann muß Darios Persönlichkeit gesiegt haben. Es kam die Flucht nach vorn:  in eigenem Namen führte er eine kleine Werkstatt mit drei Angestellten, die er jeden morgen mit „lavoratori“ begrüßte.

Metall war sein Element, gemufft oder geschweißt, CroMo oder Alu – alle Techniken hatte er gesehen, alle beherrschte er.  Mehr noch aber die interessiert ihn Dekoration. Pegoretti erkennt – was eigentlich nicht schwierig ist –  daß das herausstechende Erkennungszeichen eines Rennrades Farbe und Dekore sind. Markenfarben sind das Schlachtfeld, auf denen Logos um Aufmerksameit buhlen. Pegoretti dreht das Spiel um.

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BMW hatte in den 1970ern einmal die Eingebung, seine LeMans Sportwagen jeweils von Künstlern dekorieren zu lassen. Was vielleicht nur als Abwechslung gedacht war, mündete in absoluten Fahrzeugunikaten: ein Lichtenstein, ein Warhol, ein Calder als Automobil. Pegoretti geht weiter – nicht nur ist der Rahmen sein Produkt, er erweitert ihn um den Part des Künstlers. Seine zentrales Motiv zur Dekoration der Rahmen sind Elemente aus Graffiti- und Straßenkunst. Als ein Basquiat oder Haring der Fahrradgestaltung schafft Pegoretti Räder die seinen (oft wenig sichtbaren) Namenszug tragen, gleichzeitig aber das erreichen, was BMWs ArtCars verkörpern.

bdario01Auch bei der Namensgebung geht er eigene Wege. Ein Rad Responsorium zu nennen oder Love #3, klingt mehr nach Songtitel oder Kulturprojekt. In seiner Werkstatt liefen slebstgebaute Boxen an selbstgebautem Verstärker – aus ihnen kommt die Musik , deren Titel er auf Fahrradrahmen übertragen hat.

bdariokitIn der Summe ist es nicht allein handwerkliches Können, sondern die schiere Persönlichkeit, die im Rennrad ihren Ausdruck findet. Es mag einigen als Exzentrik erscheinen, oder geschnmacklich grenzwertig, für einen Einzelkämpfer ist es (auch) eine Frage des Überlebens. Es ist eine Selbstbehauptung in einem Produktfeld, das eben keine Meister mehr braucht, das vom Unikat und der Manufaktur zum perfekten Serienprodukt geworden ist. Pegoretti, der das Fahrrad als Industrieprodukt des alten Europas erlebt hat und den Niedergang der Industrie um sich herum („wir waren das China Europas“) hat seinen Weg gefunden, nicht vom Wandel der Zeit überrollt und in die Anonymität verschwunden zu sein. Nicht ausgelöscht werden- darum gings.

aen1Mein braves Enik daneben: ist eines dieser vielen Räder aus Norditalien, erschaffen von einem tüchtigen Könner seiner Zunft, der wie Bildhauer des Mittelalters in der Anonymität bleibt –  vielleicht ein Romani, vielleicht ein Dancelli, eines dieser gut gemachten, angenehmen Räder im schlichten grauen Kleid.

 

 

 

 

 

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