2001 war gestern

an4Alles hat seine Zeit und mit ein wenig Nostalgie drehe ich am Radio. Während draußen Märzwetter tost – Graupel, Böen, schwankende zarte Sträucher-  hören wir jetzt Kulturmeldungen. Ein feature über 2001 (auch schon hier zu lesen: die letzten Monate des 2001-Ladens Berlin, Leibnizstraße).

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Die Geschichte von 2001, das ist auch die Geschichte der Generation Brokdorf. Die Kinder der 68er sind 10 Jahre alt, die Bundesrepublik wächst heran, hat den Aufstrand gegen die Väter bewältigt, gegen die Patriarchen, Mitläufer und die vielen anderen.  Nun gilt es, eigene Positionen zu festigen.

Material dazu liefert Versendhändler und verleger 2001 – auch benannt nach einem gleichnamigen Film von 2001 – wächst und gedeiht, im ganzen Land wird das kleine Heft mit den interessanten („nur bei uns“) Angeboten herumgereicht. Ein Bild dazu: die WG- Küche, der Ikea Tisch oder einer von der Großmutter, darauf das kleine Merkheft mit den Bestellnummern. Debattenkultur. Eine critical mass entsteht.

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Dieses Merkheft. Eigentlich ein Poesiealbum für sich.

Ich lernte es, das Merkheft, erst durch die Läden kennen vor denen es auslag. Lieber als stundenlang im Laden unter Studniks & Friends abzuhängen, sah ich mir das Angebot dann zuhause an. Bei einer Tasse Tee mit einem 0,5stabilo fineliner, auch was Neues (damals).

Meine Musiksammelei begann damals und dort: Köln, Ehrenstraße. Die ersten Jazz CDs unter 10 Euro, Klassik ab 5 Euro. Das war schon schon post-ideologisch, die Sozialisierung durch den club of rome report und robert crumb comics in der WG war an mir vorbeigegangen.

b9Auch pilgerte ich nicht nach Brokdorf; Gestehe, ich gehörte eher zu denen, die an die Wirkung der flexible response glaubten. Die Klassenfahrt nach Berlin (incl. Ost) hatte mir die Aussicht auf ein mögliches „lieber rot“ sehr verdorben und die Kirschen der Freiheit noch mehr lieben gelehrt; es gab einfach nix gescheites zu essen, zu trinken, zu . . . und das Gespräch mit dem Jungen in meinem Alter (15+) auf dem großen Fernsehturm machte mich vorsichtig. Wenn ich dem jetzt ehrlich antworte, daß er natürlich recht hat, wenn er sein Land ziemlich beschissen findet und völlig hinterher, dann bring ich den womöglich um sein Abitur oder so – wer weiß, wer hier alles mithört?

Bloß wieder raus aus dem Kuriosum und das Geld für 1 Amiga und den Abschiedstrunk rausgeworfen. Ein Mädchen brachte die absolut schlechteste Kohla meines Lebens (nur an-genippt)  auf die Terasse und wirkte, als würde sie uns Importdeutsche und linksrheinische Welschländer, dekadent, verwöhnt, ahnungslos, alle alle hassen.

So eine beknackte Schürze, dachte ich noch.

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Ganz meiner Meinung war auch dies Geigerin, die dem Sowjet-Imperium entfloh, das sie vorzüglich ausgebildet hatte. Um diese Zeit hatte 2001 begonnen mir den Grundstock meiner kleinen Sammlung zu liefern, und eine Grundausbildung von Hörerfahrungen.  Für wenig Geld Kultur in die entfernten Provinzen tragen. Das Fall-out des Direktversands war erfolgreich.

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Nur konnte mit diesem Geschäftsmodell nicht gelingen, was die Pandora internet schuf: Transparenz. Keine geheimen Sonderposten, verschollene Restbestände, sensationelle Grauimporte. Alles sichtbar, alles vergleichbar, alles zum gleichen Preis lieferbar. Analog zur Verbreitung der Galsfaser sinkt der Umsatz.  2001 kann die Pforten schließen, das kleine Monopol ist futsch, die critical mass ist weitergewandert und sitzt im Trockenen.

Warum jetzt dieses Bartók Violinkonzert? Als Herausforderung, Neuland, weil etwas gefallen hatte, andererseits immer noch ein Schlüssel fehlte. Über Ravel nicht hinausgekommen, das 20Jahdt war eigentlich Jazz und Pop. Nicht Klassik.

b6Und der Rundfunk (immer noch das schnellste Medium!) meldet: unser Hausdirigent Michael Gielen starb gestern, 91 jährig. Man flicht sonst Kränze, streut Blumen oder läßt Nachrufe verlesen, die einen schon Vergessenen preist. Nicht hier : da machen sie einen ganzen Tag Sendung über den ehemaligen Orchsterchef des SWR. Ich höre seine Stimme und – –

DSCF2511das erinnert mich an ein sehr langes Interview, so 2017 gehört in einer heißen Badewanne nach 100 kalten Kilometern. Ein geschliffenes Deutsch mit Vorkriegsakzent, leicht nasal, leicht burgtheaterlich – ein Mann, der weiß, wovon er spricht, weiß was er will in einer an Eitelkeiten nicht armen Dirigentenszene. Und ein Mann, der im Kreis der neuen Wiener Musik des letzten Jahrhunderts aufwuchs, ein Schwamm der die Modernau aufsaugt.

Wie ich mich in meine Bartok Violin-Einspielungen einhöre, immer wieder die Spur  von Motiv und Variation in diesem Konzert verfolge, die Eingangsmelodie , diesen flüchtigen kleinen Schmetterling, fühlte ich mich ein wenig wie der Schüler, der kyrillische Schriftzeichen lernt . Alles sieht ähnlich aus, die Bedeutung sind unterschiedlich.

DSCF2612Zu Hilfe kamen mir gestern die Orchestermitglieder in der Rückschau auf ihren alten Chef („Herr Gielen“ sagten sie immer). Orchestermusiker die bejahten, richtig,  es habe wohl eine Fraktion gegeben im Orchester, die wollte mit Werken jenseits von Mahler nichts zu tun haben ; möglicherweise nicht einmal mit dem. Gielen wußte das natürlich auch.

„Sehen Sie, ich hatte das Glück durch mein Elternhaus zunächst mit neuer Musik konfrontiert zu werden. Ich bin den Weg aus der Gegenwart gleichsam zurückgegangen . Aber auch als ich Schönbergs drittes Streichquartett zum ersten mal hörte, war ich völlig perplex. Ich konnte nichts damit anfangen. Wie mußte es da den Hörern gehen, die über Beethovens mittlere Quartette hinaus nie etwas Neueres gehört hatten ?  Genauso war es mit der Musik, mit der viele meiner Orchestermusiker aufgewachsen sind…“

(Ich zitiere sinngemäß, so, wie es mir aus meiner Fahrt gestern, während der Sturm ums Auto tobte und immer neue Gischt gegen das schöne große Fenster schlug, in Erinnerung ist) .

„Sie müssen die Syntax erklären, die Harmonik, sie brauchen einen Schlüssel.“

b8Damit hatte er es getroffen. Wer einen modernen Klassiker hören lernen will , kann das wohl ebensowenig aus dem Stand, wie das Publikum einst Brahms erste Symphonie aus dem Stand „konnte“ oder Strawinsky’s Sacre annahm. Für unsere 400 Jahre Harmonielehre  sind tritonfolgen eigentlich eben keine vollwertigen melodien. Le mystére des voix Bulgares hieß ein 2001 -Seller, in dem es um Achteltonschritte ging…

Wahrscheinlich ging es 1987 Orchstermitgliedern noch ganz ähnlich, als sie begannen ein neues Programm mit dem neuen Dirigenten einzustudieren.  Oder mir, als ich vor ein paar Wochen mir das große 2te Violinkonzert begann einzuverleiben.

b72001 war eine Etappe auf der Reise in die kulturelle Zukunft. 2001 schuf nebenher eine „neue“ Plattform für ideologische Setzungen einer Generation. Diese generation ist digital migriert mit dem Sprung zur nächsten Plattform, dem Netz. Es ist falsch, in alten Utopien zu verharren- und das Natz hat viele neue Versprechungen erfüllt. Doch auch diese Utopie hat ihre Zeit – der Winter ist bald vorüber.

 

 

 

 

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