Die Pausen eines Brevets – Fragmente aus 400 km

Kein Brevet ist wie der andere, jeder schreibt seine eigene Geschichte. Der Fahrer ist am Ende Passagier und Kapitän im eigenen Körper, der die richtigen Schlüsse ziehen muß, um weiter zu kommen, um ins Ziel zu kommen.

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Dieser 400er durch die Ardennen ist keine Ausnahme. Er führt zu einer kleinen Pilgerstätte des Radsports über Stavelot und dann zurück in die sandigen Ebenen des Niederrheins. Der Parcours ist berechenbar, der Verlauf nicht.

Pausen entscheiden einen Brevet, hier einige Fragmente.

Km 136 Limbourg

Von der Höhe kündigt sich die kleine Stadt durch einen Kirchturm an und unten auf dem Dorfplatz erkenne ich sie wieder. Dieser Ort, Limbourg, ist der historische Ursprung der heutigen Provinz der Niederlande rund um Maastricht. Gleich nach der Hauptkreuzung suchen meine Augen den kleinen Bäcker an der Kontrollstelle des 200km-Brevets 2015 eben aus Maastricht, das Klassentreffen. Dort ist er.

a 002Es sind bald 7h herum, das Wetter ist mild, Wind kaum spürbar. Es war ein gutes, flottes Brevet auf den ersten 6 Stunden, doch kleine Krampfspitzen in den Oberschenkeln warnen  – Mineralien und Kalorien müssen her. Die Vorräte in der Vordertasche sind angegriffen, die Haselnußriegel, die Obstschnitten und auch die gute alte Kümmelmettwurst.

a 001Bis zur holländischen Grenze ging es im Verbund durch den flachen Niederrhein. Dann, an irgendeinem Kreisverkehr, einer kleinen Steigung spaltet sich die Gruppe vom Morgen auf. Spätestens an der ersten längeren Steigung wird sie völlig zerfallen sein. Das sind die Gesetze des Brevets. Allein geht es weiter, über Hügel und Felder.

Jetzt muß es für den Körper etwas mehr sein. ich stehe am Eingang, direkt an der Hauptsraße.  Mitfahrer rollen an mir vorbei, icht trete näher.

a3– in die hübsche, altmodisch solide Stube und bestaune die Auslagen.  Das besondere dürfte das hausagemachte Eis von Signore Franzeschi sein. Sorbet-Eis ist meine große Schwäche, bei Himbeere könnte ich gleich mehrere nehmen.Dazu Rhabarber Törtchen und ein guter Cappuccino. Eigenartig, daß mir niemand Gesellschaft leistet, immer wieder rollt eine Silhouette draußen vorbei. Das Gold liegt an der Straße, in der Kugel verbergen sich kleine Himbeerstücke, die ich genußvoll kaue .

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Gefüllte Flaschen und ab, denn jetzt wirds ernst, also richtig anstrengend.  Bis zur nächsten Pause in Remouchamps stehen einige Steigungen an, die zum Programm von Lüttich Bastogne Lüttich gehören. Fahr ich zum Städchen hinaus, sehe ich rechts eine Bäckerei und Fahrräder. Da sind sie also. Ich grüße zum Abschied den gewundenen, krummen Kirchturm und mache mich aufs kommende gefaßt.

Km 172 Remouchamps

a6– nach einer langen Abfahrt stößt man mit der Nase auf eine Brasserie. Die Brasserie unserer Wahl;  denn Brest 981km kann eigentlich nur Randonneure meinen und nicht die kleine Gruppe englischer Freizeitsportler, die sich mit Carbonrädern den kleinen col du Maquisard hinaufquälen. Remouchamps im Tal der Amblève ist ein zentraler Ort des Radsports. Rundherum liegen die Hügel, deren Anstiege seit 100 Jahren den Ausgang der zwei großen Klassiker, Lüttich bastogne und Flèche Wallonne bestimmen.

a9Hier trainieren Generationen belgischer Radprofis für ihre Saison, die Tour und den Giro. Wie oft mag Eddy Merckx  hier vorbeigekommen sein? Mit  den Mitfahrern geht es ins Lokal,  an dessen Wand gleich ein Weltmeistertrikot hängt. Erstmal einen Stempel holen und ein Chimay vom Faß bestellen.

a7Außer dem Weltmeistertrikot entdecke ich eine ganze Wand voller Zeitungsartikel, Poster und Devotionalien, die alle einem einzigen Mann gewidmet sind: Philippe Gilbert. nach seinem annus mirabilis 2011 hat „Phil“  in diesem Jahr mit 36 das letzte Monument gewonnen, das ihm noch fehlte : Paris Roubaix. Nicht einmal ein jahr nach dem spektakulären Sturz am Portet d’Aspet, der ihm das Knie zerstörte.

„Es ist ein Sohn des Dorfes.“

Neben der Heldenwand sitzt eine Dame allein an einem Tisch, die lockigen Haare sind frisch gemacht, es riecht nach l’air du temps und aus einer Tür kommt ein kleiner Junge auf sie zugelaufen, dessen Frisur ganz ähnlich ist. „Bist Du groß geworden!“ ruft sie und umarmt ihn. Mein Bier ist leer, die Stempelkarte wieder in der Tasche und ich gehe kurz raus in die Sonne, wo die Mitfahrer am Tisch sitzen und Cola schlürfen. jetzt rollt auch die englische Reisegruppe an der Kreuzung aus.  Schräg gegenüber sehe ich andere Brevetfahrer an einer Pommesbude. Dort muß ich nachfassen, es ist klüger, auch wenn es wieder zehn Minuten sind, die Kalorien brauche ich noch.

a8Remouchamps ist ein Bienenstock für Rennradfahrer, an jeder Seite der Kreuzung eine Kneipe, in die Radfahrer mit ihrem merkwürdigen Gang ein- oder ausströmen. Ein Wochenende in den Ardennen. Alles ist grün und mild und es geht weiter mit dem grünen Eddy Richtung Wanne und Stockeu, mit dem Eddy zum Eddy.

Es ist ein hartes und ehrliches Rad , auch mit 25mm Reifen wird man eindeutig über den Straßenbelag informiert. Die lange Apiduratasche ist gut bepackt: ich hatte mit allem gerechnet: Regen oder Hitze, zwei Ausrüstungen. Bis hier wurden alle Schauer umfahren und die ersten Tropfen genieße ich mit einer Pommestüte unter dem sicheren Vordach.

Mit einem zwischengeschobenen Haushaltsschwamm habe ich für die Apidura einen sicheren Stoß- und Reibungsdämpfer am Rahmen. Natürlich reiße ich im Wiegetritt nicht wie blöde am Lenker, aber auch so schaukelt sich wenig auf. Am Lenker sind an den Stellen, über die das Klettband der kleinen Decathlontasche läuft Verstärkungen mit Physiotape gewickelt. Hält wie gewohnt, es fehlt an nichts.

KM 210 Le Stockeu /Stavelot

b3Ich stehe am Stockeu, direkt vor dem Eddy merckx mit meinem Eddy. Hinter mir liegen die Anstiege nach Stoumont und Wanne, vor allem am letzten habe ich noch einmal Körner liegen lassen. Wahrscheinlich, weil ein paar belgische Jungspunde forsch an mir vorbeizogen.

Nötig war das nicht.  Aber nun stehe ich hier und lasse mich zum Beleg von einem flämischen Fahrer knipsen, dessen letzer Kumpel gerade das legendäre Steilstück hinaufkeucht. Vor  5 Jahren stand ich im Frühjahr zum ersten und einzigen Male hier zusammen auf Fahrt mit zwei Kölnern, die ich lange nicht mehr gesehen habe. 42×26 am Stockeu, da schüttle ich mein Haupt –  .

b4Heute  mache ich eben andere Fehler. Als der zweite Track geladen ist, schieße ich die neu geteerte Straße hinunter nach Stavelot. Kamera funktioniert, Navi Funktioniert, die neu zentrierten Räder haben sich kein Stück bewegt. All is safe auf Eddy’s Corsa Extra.

Gerade rechtzeitig komme ich unten in Stavelot am kleinen Supermarkt aus. „Noch fünf Minuten. Monsieur:“, hier wird um 18h30 geschlossen. Zwei Bananen, gesalzene Cashew, besonders magnesiumhaltiges Mineralwasser  und die Flasche Chimay kommen mit. Und ein Schokoriegel. Jetzt geht es zurück nach Norden, fast 200km zurück, aufwärts und langsam in die Nacht.

Erst Landstraße- vier Triumph Stag kommen mir in Kette entgegen,  dann in Malmedy auf einen Ravel Richtung Eifel. Der Ravel ist ein unsichtbarer Gegner, stetig geht es aufwärts ohne daß es der Körper richtig bemerkt. Nicht leicht, die richtige Übersetzung zu finden. Der Himmel ist grau, es hat kurz geregnet und langsam, mit jedem Höhenmeter wird es kühler. Bäume, die auf dem Hinweg schon voll belaubt waren,  blühen hier noch.

Km 313 GK

Die letzten 15 Höhenmeter waren die Hölle . Es ist noch nicht Mitternacht, aber höchste Zeit, denn der Tank ist restlos leer. Dahinten, am Ende der Ausfallstraße der kleinen Stadt brennen die Lichter einer Tankstelle, vielleicht sogar eines McDonalds?  Rad abstellen, Lampen ausschalten, noch 85km.

Die Tankstelle ist ein eingeschossiges Haus mit Außentreppe. Oben eine Spielbar. Das ovale Eingangsschild leuchtet rot: open. Ich folge zwei Frauen in die Tanke, rechts düdeln Spielautomaten,  durch Stehtische im Slalom zum  Tresen, dahinter ein korrekt frisierter junger Mann mit athletischem TShirt . Baguette und Hamburger liegen in der Kühltheke. Die Damen unterhalten sich in einer Sprache, die ich nicht verstehe und der junge Mann nimmt zwei Hamburger heraus. Bliebe ein letzter. Es geht jetzt um ein Maximum an langen Kalorien, an Proteinen und Kohlehydraten auf minimalem Raum.

Reges Kommen und Gehen, Motorengeräsuche von draußen. Nicht leicht, seine Gedanken zusammenzuhalten. Links Gewusel vor den Kühlschränken. Die Damen unterhalten sich noch, der junge Mann wartet . . .

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Der Ravel schien endlos, wie auf einer wilden Prärie standen Pferde, wuchsen Millionen wilder Narzissen dazwischen. Regenjacke an, dann wieder aus, Windjacke an, die Strecke ist stellenweise naß, langsam werden die Füße kalt, spannt der Nacken. Freihändig auf dem Merckx bei flüssigem Tritt, Hände in den Nacken und verdrehen, Hintern aus dem Sattel und durchbeugen, strecken, lockern. nach km 200 fängt der Brevet erst an.

b7Als ich die feuchten Socken gegen Wollzeug tausche,  rollen zwei Kollegen vorbei – die ersten seit Stavelot. Dann öffne ich die Gummibärchentüte. Es kribbelt in den Fingern: Zucker. Die Eifel ist lang, manchmal, mitten im Wald, kreuzt eine Straße .

b6Dann endlich eine endlose Abfahrt hinunter, frisch geteert mit 53×12, ein Rausch, aber langsam wirds dunkel.  Immerhin vor Dunkelheit, die auch Kälte bedeutet aus der Eifel heraus. Als ich in Zweifall einrolle, spüre ich schon etwas mehr Wärme. Ich bremse, denn da, an einer Hausecke stehen Räder,steht jemand im weißen ARA Trikot, dort leuchtet der Grill. Man empfiehlt mir den Gyros. Und hier mache ich den Fehler. Ich rolle weiter – weil ich glaube, bald schon kommt die nächste Gelegenheit. Aber sie kommt nicht. Nicht nach 10, nach 20 nach 30km. Und ich falle immer tiefer in den Schacht.

Km 313

Jetzt habe ich die Zapfsäulen im Blick und den Hamburger frisch mikrowelliert vor mir. meine nachbarn tragen basecaps, Sportartikelsocken und bedienen sehr stumm Spielomaten des 20ten Jarhhunderts.

An den Zapfsäulen, zwischen tankenden Autos ein tiefergelegter, großer schwarzer Benz mit Düsseldorfer Kennzeichen. Junge Männer mit Fitnessbudenkörpern und aktuellen Haarschnitten führen Balzschritte aus. Schwarz glänzen Haare und Bärte. Frauen, junge Frauen, die in anderen Autos warten; ich sehe die leuchtenden Fingernägel, auch große Ohrreifen sind dabei. Zigarettenschachteln werden ausgepackt. Ein Motor brüllt durch seine verbesserte Auspuffanlage. Eine Dame auf Stilettos mit glänzender Handtasche kommt herein. Ihr Haar ist frisch gelegt. Mein Burger riecht nach Verweseung und ich muß mich überwinden. Eine Tomatenscheibe erlöst mit ihrer Frische. Ich trinke den heißen Cappuccino – es muß sein. Der schwarze Benz dreht eine Ehrenrunde – Fahrertausch.

Andere sprechen in ihr Smartphone, ein weiterer, schwarzer,tiefergelegter rollt an. Gleiches Muster. Nach dem dritten Bissen geht es, nach dem vierten spüre ich erste Wirkung – irgendwann, später, sitze ich wieder auf dem Rad und rolle sehr langsam an.

Es wird und die Beine fühlen sich leicht an und ich rolle durch die alte Heimat, unter dem Balkon durch, auf dem ich stehen und gehen lernte, von dem aus ich die Bagger beobachtete, die eine neue Siedlung an die Stelle der Obstgärten. Niemand mehr hier, den ich noch kennen könnte. Sie schlafen alle aber die Erinnerungen leben.

Warum erinnere ich vor allem Gesichter alter Männer – Hosenträger, Hemden; sie dürften heute über hundert sein?  Viel deutlicher jedenfalls als die der Frauen –  bunte Diolenkleider, Kittel, die nun gerade siebzig wären – so sie noch leben. Da ist ein Schnitt in der Zeit  seitdem ich wegzog, ein Loch von fast 50 Jahren. Hier rechts wohnte Angelika, links Jenny, die sich für ihr Zimmer irgendwie schämte,  dabei war meins auch nicht besser aufgeräumt. Die Teppichstangen, der Koksgeruch. Die Stadt endet immer noch hier. Mein Kopf macht eine große Pause und dann fängt es an zu regnen.

b8Ich war mit dem Eddy beim Eddy, die Apidura Hecktasche als einziges Schutzblech, aber das ist nun auch egal. Manchmal sehe ich ein Licht, dann wieder ein Rücklicht das in der nassen Fahrrinne leuchtet. Irgendwann komme ich an der blauen Lagune vorbei und weiß, daß es nicht mehr weit ist und es etwas gutes, warmes zu Essen gibt.

400km Twisteden, 18./19. Mai 2019

 

 

 

 

 

 

 

 

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2 Antworten zu Die Pausen eines Brevets – Fragmente aus 400 km

  1. Werner Hax schreibt:

    Ich freue mich jedesmal, wenn ein neuer Bericht erscheint. Oft geht es mir so, dass ich wie ein stiller Begleiter mit dir unterwegs bin. Erinnerungen an eigene Brevetfahrten ab Twisteden werden wach. Es fasziniert mich, wie du alles um dich herum wahr nimmst und in einer wohltuenden Sprache schilderst. Die letzten Absätze zu diesem Brevet, wo du die Erinnerungen an deine alte Heimat schilderst, lassen mich an einen älteren Brevetbericht denken, in dem du kurz einen letzten Besuch im Krankenhaus erwähnst. Die Mischung aus objektiver Beobachtung und subjektiver Erfahrung und persönlicher Empfindungen macht deine Berichte, Notizen, Fotos lesens- und sehenswert. Danke dafür.

    • crispsanders schreibt:

      Ganz herzlichen Dank für diese Komplimente. Ja, Krankenhaus und Wohnhaus liegen nur einen Steinwurf auseinander. Es ist immer eine spezielle Erfahrung, Tourist im eigenen Lebenslauf zu sein.

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