Das Karussell von Pau

Ich bin über die route des crêtes gekommen. Aus dem Tal hinauf nach Mespledes mit dem Kreuz von 1447. Vorbei am Holländer, der alte Rennräder sammelt und verkauft. Eine einsame Strecke über den Höhenzug, rechterhand die Kette der Pyrenäen (wolkenverhangen), drunten das Tal des Gave, Mourenx Ville Nouvelle grüßt aus der Ferne. Hier oben: die alte Welt.

Arret minute in Arthez, wo es ein nettes kleines Café gibt. Ein Impresario und seine Praktikantin diskutieren mit den Betreibern über die nächste Veranstaltung. Die kleine Patronne war beim Friseur. Ihre Haare glänzen schwarz wie die Stiefel, die sie trägt. .

Vorbei an der kleinen Templerkirche – Etappe auf auf dem Weg nach Compostela –  und hinunter ins Tal von Pau. Durch die Siedlungen der 1960er.  Verschiedene „residences“ in verschiedenen Erhaltungsstadien. Quartier Saragosse.

Ich kreise umher, doch den Rennradbastler werde ich nicht mehr finden. Mit Mühe erkenne ich das alte Geschäft. Gerade ist  die Schule aus,  Bushaltestellen sind mit Jugendlichen überfüllt, Gruppen ziehen durch die Straßen, kommen aus Cafés in denen sie vor dem Nieselregen sicher sind.

Autos stehen im Stau, auch der Citroen des Tages-

Der Regen, der auch mich angefeuchtet hat – aber nicht durchnäßt:,  die Wolken ziehen als graue Fetzen weiter schnell über die Köpfe ; es nieselt gerade so, daß die Straße glänzt.

An der Esplanade des Pyrénées sind rosa Regenschirme wie ein riesiger Baldachin hundertfach über die Köpfe der Passanten gespannt. Die Esplanade ist ein großer, offener Platz am  Ende des Stadtkerns. Auf die Häuser der alten Stadt folgt hier ein doppelter Häuserriegel, achtgeschossige Apartmenthäuser, die die Moderne des letzten Jahrhunderts markieren.  Wasserspiele und eine künstliche Kaskade unterbrechen den hellen gefliesten Platz, an dessen Rand ein altmodisches Karrussel steht. Schreiend liefen die Kleinen früher darauf zu und ritten ihre Runde auf  bunten Holzpferden.

Hinter dem Karussell liegt der Monoprix, vor dem ich jetzt mit meinem Sohn stehe (das Snel am langen Arm), während wir auf den Rest der Familie warten, die im Inneren nach Angeboten forscht. Wir stehen unter dem Vorsprung des Eingangs, nebenan eine Gruppe  Obadachloser, die sich mit Hunden und Rucksäcken am Ausgang verteilt haben. Ein Wagen der police municipale kommt im Schrittempo vorbei, zwei Polizisten steigen aus, kontrollieren die Ausweise, fordern die Obdachlosen zum unverzüglichen Verschwinden auf.

Die Obdachlosen ziehen um die Ecke, die Polizei fährt weiter. Die Angebote des Monoprix müssen sehr verlockend sein –  Vater und Sohn üben sich in Geduld, als aus dem benachbarten Café PMU ein halbes dutzend Jugendliche herauskommt. vielleicht hat es aufgehört zu regnen. Sie tragen spezielle Turnschuhe und Pullover – den look der banlieue. Sie schwenken ihre Smartphones, reden laut und ausgelassen, schubsen ein wenig herum. Dann setzen sie sich auf die Stufen der Esplanade gleich gegenüber.

Links dreht sich das Karussell, im Hintergrund werfen die Regenschirme ihren rosanen Schein in die Luft. Von dort kommen jetzt zwei Jugendliche herüber. Sie wirken wie Schüler, denen ich eben noch knapp vor der Bushaltestelle ausweichen konnte. Sie trägt einen langen Jeansrock, er eine Lederjacke und Lederschuhe, seine dunklen Haare sind nach hinten gegeelt wie bei Martin Suter. Das Mädchen sitzt nun außen neben der Gruppe und schaut in ihr Smartphone, der Junge wird  freudig begrüßt und setzt sich in die Gruppe.

„Sieh hin,“ sage ich zu noch meinem Sohn. „Papa, das sind nur Jugendliche die hier abhängen.“

Eine Hand gleitet in die Seitentasche eines roten Kapuzenpullovers, eine andere Hand nimmt es und steckt es in eine schwarze Lederjacke. Wie auf Kommando stehen plötzlich alle auf und entfernen sich, das Mädchen geht allein in die andere Richtung, am bunten Karussell vorbei.

Ein paar Obdachlose nähern sich vorsichtig wieder dem Ausgang vom Monoprix, aus dem gleich die Kunden strömen werden.

 

 

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Eine Antwort zu Das Karussell von Pau

  1. mark793 schreibt:

    So ein Peugeot-Mixte fuhr die Maman meiner französischen Gastfamilie in Lyon – aber mit Pedalhaken.

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