Surfin’back – gelehrter Disput am Strand

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Im Oktober wird der Sommer in diesem kleinen Dorf noch ein Stück weiter gefeiert. Soeben bin ich die 70km an Bananenstauden und Agaven vorbeigefahren, begleitet von weiße und orangenfarbenen Calla am Straßenrand. Der kleine Ferienort an der Küste wimmelt von Menschen. Das kann nicht nur an den verkündeten 30Grad liegen.

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An der Strandpromenade dann der Grund, für auffällig viele wasserstofperoxidierte Männer. Surf is back, bessser gesagt ist er nie weit weg, nur diesmal tritt er in ganz großem Stil auf.

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Die künstlichen Zeltstädte wachsen Jahr für Jahr höher, noch kann man den Hauptwellenkamm frei einblicken: aber noch hat der eigentliche Wettbewerb nicht begonnen – dann werden Planen alles verdecken .

a6Mittlerweile scheint der Sport schon eine Generation weiter , aus alten Fans werden irgendwann junge Eltern, die ihren Nachwuchs mitbringen. Der Fuhrpark zeigt es.

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Mein Snel wirkt inmitten der elektrischen Fatbikes wie ein zerbrechliches Relikt, ein früher, viel zu instabiler Entwurf.

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Die zusammenbrechenden Wellen setzen ordentlich Dezibel frei. Immer und immer wieder fallen die Wellenkämme von mehreren hundert Metern zu Schaumflächen zusammen. Fürs erste genug.

Der Durst nach 3 Stunden Anfahrt treibt mich in die beliebte Bar, die sicher massenhaft soziale Daumen hat, wenn ich von der Dichte an Smartphones pro Tisch rückschließe.  Aber neben der Aussicht, einer gewissen Gediegenheit auch Monitore.

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Und in der schattigen Tiefe des Raumes aber treffe ich auf das Ereignis, auf das ich EIGENTLICH warte, dem Lauf zur Weltmeisterschaft im Straßenradsport. Diesmal im verregneten Nordengland. Man muß die Feste feiern, wie sie fallen proste ich dem Monitor zu und setze mein Glas an,  das jetzt mit einem süffigen belgischen Bier gefüllt ist. Aus Flandern. Eine leichte Brise weht zur Tür herein als der malzige Gerstensaft durch die Kehle rinnt.

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Das Meer rauscht weiter, aber dafür ist immer noch Zeit  bis Sonnenuntergang. Zurück zum Radsport.

Weltmeisterschaften sind immer besondere Rennen; sie durchbrechen die Logik der üblichen Veranstaltungen. Nur bei diesem einen Rennen im Kalender fahren Teilnehmer in Nationalmannschaften gegeneinander. Man sollte glauben, was im Fußball funktioniert ginge auch im Radsport.

Eine zweischneidige Sache, denn im Rennen wird jeder von jedem profitieren. Angriff und Verteidigung finden in der gleichen Reichtung statt. Absprachen unter Team(Arbeits-)kollegen kann es immer geben. Die Abwesenheit von Teamleitern (also den Arbeitgebern), vor allem Verzicht auf Funk vermögen das ein wenig auszugleichen. Geldkoffer in Hotelzimmern gibt es nach wie vor.

Kein geringerer als Ernesto Colnago behauptete seinerzeit: „Rennen werden manchmal vorher gewonnen, nachher ist es zu spät.“

Doch das temporäre Machtvakuum im Peloton hat, verstärkt durch die Erwartungshaltung der nationalen Medien, immer wieder sportliche Überraschungen zu Folge. Darin besteht der Reiz.

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Diesmal scheint aber der  der Regen von Yorkshire die unbekannte Größe darzustellen. Während ich gespannt verfolge, wie ein langgezogenes Peloton mit gequälten, von den üblichen Sonnenbrillen befreiten Gesichtern versucht, einer winzigen Ausreißergruppe Sekunden abzutrotzen, höre ich aus irgendeiner Ecke vertraute Stimmen. Tatsächlich, sie sind es, Krüger und Cornwell, die zwei dubiosen Expats. Um Cornwells Hals baumelt ein altes russisches Fernglas.

b1Sie unterhalten sich auf französisch mit leichtem Akzent. Ich versuche einmal wiederzugeben, was ich verstehen konnte. Ein gelehrter Disput.

„Petrel, Eider, Fou de bassan, Eisvogel, Strandläufer;“ . . . . dank Neumond die schönste Flut, die tiefsten Wellen und was fällt ihnen ein? !“

„Sie sind höflich und unterrichten die Anwohner. Unsere Einzelhändler reden seit einer Woche von nichts anderem –  “

„Und die halbe Küste dazu. Habe die hundert Meter hierher kaum zu Fuß geschafft, so dicht sind die Autoschlangen. Und dann bin ich über ein Surfbrett gestolpert. Es lag aber niemand drunter.“

„Vergiß nicht, wem Du die gepflegten Grüns, die sauberen Straßen, ja auch frischen Sand auf dem Strand verdankst. Für den letzten großen Contest unserer lokalen Surflabels, – der Eintritt ist frei.“

„Eine endlose Kolonne spätpubertierender Kiffer, die sich Haare bleichen, um sich als Surfer zu fühlen. Embryonale Halbgötter. “

„Aber aber Cornwell nur noch diese Woche, dann ist der Segen vorbei.  Sommer, Surf und das junge Gemüse, das uns davor bewahrt, ein Altengetto wie Florida zu werden. Finde das optisch sehr positiv. “

„Alte kümmern sich hier um Ihre Enkel, Krüger, noch gibt es Familien. Dir ist doch klar, was dieser wohlmeindende Surfersegen für eine globale Plastikindustrie darstellt? Wir haben Glück, daß uns Friseur und  Postkartenverkäufer noch wiedererkennen! Die Kugel Eis zu 3 Euro und vor lauter Surfbrettern auf 5 Meilen kein Vogel mehr zu sehen.“

a12„Ach was, der erste Regentag wird das erledigen und die Vögel fallen in Scharen über die Krümel ein. Erst die Hypertrophie, weil jeder noch einen schnellen Euro wittert und dann fällts in sich zusammen. Badeanzüge, von 200 auf 50 Euro reduziert, für 2 Surfbretter  das Dritte gratis und dann die Elektrobikes; die 30kilo-Monster müssen an die Ladestation – hoffentlich ist der Akku in der nächsten Saison noch fit. Oh, ! . .  auch mein Akku ist gerade leer. Noch einen?“

Sie müssen den Fernseher entdeckt haben  – ich höre einen leisen Ruf

„Harrogate! Meine erste Stelle als Französischlehrer.“

Das Grün der Yorkshireweiden auf den Monitoren leuchtet in verschiedener Intensität , während triefende Radsportler in der Gischt über die Feldwege rasen. Die Nationalfarben sind unter den Regenüberzügen kaum zu erkennen. Die Reporter haben Mühe, irgendetwas zu entziffern, das Publikum steht in Regenmänteln an den Straßen der kleinen Stadt, die jetzt zum Zentrum des Radsports ausgerufen wird.

„Bitte Krüger hier hast Du es– , Yorkshire. Die letzte Straßenweltmeisterschaft vor dem Brexit. Noch 50km bis zum Zielstrich.“

„Draußen sind es 30 Grad und Du sentimentaler Heuchler schwärmst vom englischen Regen! Die armen Hunde werden sich erkälten.“

„Der Regen ist ein Teil des Spiels, Krüger, der Regen ist die Charakterprobe. Schon Fünf Stunden rum, siehst Du die zwei Ausreißer, wie sie reinbeißen. .?“

„18 Sekunden, so gut wie nichts.“

„Und der Rest fährt nicht spazieren, ab der dritten Reihe machen sich alle so klein wie möglich. Wenn mich nicht alles täuscht, hat da oben keiner Lust, als erster die Nase in den atlantischen Wind zu halten..“

a10Der große Atlantik wirft stoisch Welle um Welle ab. Die kleinen Punkte im Wasser lassen sich in die Höhe tragen, werden erst zu gekrümmten Gestalten und dann Zweibeinern, als sie auf den Kamm der Welle zufliegen. Dann zerfließt das Bild wieder zu Schaum, der wie kochende Milch wirkt. Irgendwann wird ein Punkt wieder sichtbar.

„Und Surfer bekommen ebenfalls jede Menge Wasser aufs Haupt, wenn ich das richtig sehe. Zart besaitet darf man da nicht sein.“

„Und alles für ein paar Sekunden auf der Welle ihres Lebens, für eine Zirkusnummer auf dem Wasser, die sich jemand als Hintergrund auf seinem Bildschirm einer Agentur in Düsseldorf lädt. Hervorragendes Material für einen theologischen Disput, nicht wahr Krüger?“

„Für was?“

b3„Eine kleine Meditation über Wege, erlöst zu werden. Der eine findet direkt vor unseren Augen statt,  Welle um Welle. Den anderen verfolgen wir hier im trockenen auf dem Bildschirm der Bar. Hienieden wartet ein dutzend dunkler Gestalten auf ihren Plastikbrettern darauf, vom Meer für einige Sekunden in die Höhe gehoben zu werden bis zur Schwerelosigkeit. Dort tritt ein fast amorpher Haufen in der Gischt eines schönen englischen Landregens verbissen in die Pedale. Hügel  um Hügel in der Hoffnung vereint, als erste den erlösenden Zielstrich zu überqueren.“

„Und was ist daran Religion? Ich sehe schlecht oder recht bezahlte Leistungssportler. Zwei Möglichkeiten der gleichen Sache. Erlaube mir tiefe deutsche Skepsis.“

„Geld ist nur der kleinste gemeinsame Nenner, der sie mit  der übrigen Lohngesellschaft verbindet. So bekommt das Publikum vergleichbare Werte geliefert, mit denen es seine Bewunderung einstufen kann. Einen Bezug zur Welt von Lohn und Gehalt besteht nicht. Ginge es bei Sportlern um Produktivität, dürfte keiner mehr als ein Radieschenrupfer auf den Feldern erhalten – und ginge um körperliche Arbeit, bekämen alle mehr oder weniger das Gleiche.“

„Das Gesetz der Medien will es, so einfach ist das, ganz ohne  Metaphysik. Genug Zuschauer, genug Geld. “

„Aber Krüger, Medien fangen Schneebälle auf und machen daraus Lawinen – oder Shitstorms um es in der Sprache unserer Zeit zu sagen. An sich sind sie eigentlich nichts. Ich will erleben, wie Menschen sich selbst übertreffen.  “

„Warum versucht ihr Engländer euch an Heldenkulten?  Sieh lieber die Strandpromenade an. “

b2Die lange Promenade erstreckt sich vor einer Häuserfront großer Gebäude im lokalen Landhausstil aus den 1920ern. Die rotweißen und blauweißen Fassaden bilden den Abschluß einer Gartenstadt, die sich in den Dünen bis zum Dorfkern fortsetzt. Es herrscht munteres hinundher.

„Die Promenade ist wie immer gut besucht – .“

„Der frühe entwurf einer Freizeitgesellschaft, stilvoller Ort glücklicher Erholung. Seit drei Generationen genießen Familien von Bordeaux bis Biarritz das Meer. Eine wundervolle Illusion von Wildnis und Ursprünglichkeit, mit Casino, Golfclub und Bar, kein fish and chips. Mit Surf und Medien sind wir einen großen postindustriellen Schritt weiter.“

„Oder einen zurück. Das Wort postindustriell ist mir übrigens unangenehm. Aber Freizeitgesellschaft?  Wenn die Abstinenz vom Smartphone schon als wertvolles Erlebnis gefeiert werden soll, werde ich depressiv. Die Verwischung von Freizeit und dem, was sie Arbeit nennen ist etwas, mit dem ich nicht klar komme. Die Jungs auf den Straßen von Harrogate haben 20 Sekunden Vorsprung und bis ins Ziel wird es keine Pause geben. Weißt Du eigentlich, wie lang 20 Kilometer sein können? Das nenne ich Überwindung und Charakter. “

„Cornwell, Du bleibst hypnotisiertes Opfer der alten Geschichten. Götter und Sagen des Altertums – nicht wahr?“

„Siehst Du Krüger, ich habe es eben mit alten Namen, die die Zeit überdauern . An den Ausfahrten der Autobahn unserer Freizeitgesellschaft liegen die leblosen Hüllen tausender Namen, die einmal einen Himmel versprachen. Sportartikel, Automobile, Haute Couture. Der Satz von den 15 Minuten Ruhm war vielleicht ein Schlüssel zur geistigen Verfassung einer Epoche. Wenn ich die Surfer nehme, geht es nur noch um 5 Sekunden. Ich will mehr als nur a name written in water.“

„Gilt aber für Deine Radhelden genauso; du hast unterwegs einen Denkfehler gemacht.“

„Sehr gespannt.“

a11„Es geht auf dem Strand nur  vordergründig um einen Surfweltmeister, oder Preisgeld, oder 5 Sekunden Kopfstand auf einer Welle. Es geht überhaupt nicht um den wahren und guten Sport.  Die Zuschauer pilgern mit Familie dorthin. Sie besuchen einen Freizeikult; Wenn überhaupt zelebrieren sie eine harmlose Wochenendreligion, die ihnen die Work-Life Balance ausgleicht.

Schöne Bilder, schöne Erinnerungen. Radsportler sind fast atheistisch, sie transzendieren nicht den Ozean, allenfalls ihren eigenen Körper. Eine sterbliche Hülle im kalten Regen ist hier keine Option .“

Sie sind in der letzten Runde in Harrogate. Vier Ausrteißer nehmen den Anstieg, der aus der Stadt führt, als wir plötzlich Zeuge eines Dramas werden. Der junge, von allen hohchgelobte Holländer, den alle in den Runden zuvor schon zum Sieger erklärten, erlebt vor aller Augen den Mann mit dem Hammer. Le coup de barre, la fringale.

Jeder, der auf dem Rad über seine Grenzen gegangen ist, hat es selbst erlebt dieses unbeschreibliche Gefühl:  plötzlich ins Bodenlose zu treten. Es ist kein Schmerz, kein zähes Ringen. Es ist das plötzliche Nichts, die Implosion. Der Wille findet keinen Gegner mehr, er ist machtlos gegen das Gefühl,  statt Muskeln weichgekochte Spaghetti zu bewegen. Und so wirkt es, als bliebe der junge Holländer mit konsterniertem Gesicht einfach stehen, während seine Gefährten einfach davonziehen. Cornwell ist begeistert.

„Siehst Du Krüger!: da ist sie, die sterbliche Hülle, der schmale Grat zwischen Triumph und Untergang. Das wirkliche Drama der Existenz. Ohne Schamanismus,  Grasdunst und Nietzsche on the beach! “

Mein Glas ist leer, ich rolle zum Strand.

 

 

 

 

 

 

 

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2 Antworten zu Surfin’back – gelehrter Disput am Strand

  1. randonneurdidier schreibt:

    Krüger und Cornwell, die „Waldorf and Statler“ des Atlantikstrands, herrlich poetisch. Danke

  2. Twobeers schreibt:

    Vielen Dank für den Ausflug zum Strand!

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