Retros for Future

Es gibt ja sogenante Börsen für fast jeden Zweck. Überraschungseier, Barbies, Modelleisenbahnen – jede Zeit hat da so ihre Steckenpferde. Eher unerkannte Zaunkönige sind Rennradbörsen.

boe1Damit sind nicht irgendwelche karitativen Abverkäufe oder Fundbüroversteigerungen  gemeint, nein, konkret Rennradbörsen. Sehr häufig sind solche Börsen nicht, aber wer sich in Nähe von Vater Rhein befindet, kann zwischen 3 Terminen wählen. Einer davon mitte September in Köln und ich freue mich jetzt schon auf diesen späten Höhepunkt der Saison, an der Schwimmhalle des SC Neptun in Wahn.

ae1Gerade habe ich die ersten 1000 Höhenmeter des Jahres hinter mir. Ich brauchte dafür nur von Sonnenhang zu Sonnenhang zu fahren, während sich die tiefen Wolken des 1. Januar rund um mich verschoben. Nebenbei eine abwechlsungsreiche Methode, sich die Strecke diktieren zu lassen. Jedenfalls stellten sich 2 Dinge heraus:

ae3(1) – Es ist dies ein wirklich schönes Stück Erde, es zu durchkreuzen mein Privileg. Und (2) das flugrostige Billigrad von Enik paßt auch im neuen Jahr und leistet mit seinen herkömmlichen Komponenten klaglos seinen Dienst. Seit über 30 Jahren.

Das Enik ist ein deutsches Fabrikat aus italienischer Auftragsfertigung. Es könnte auch Romani oder Bianchi heißen, das war übliche Praxis.  Auch mit dem Allerweltsrohrsatz, der bestimmt nie eine Tour de France gewann, wiegt es wenig über 10 Kilo. Genau

ae4so wie es da steht. Es gab viele solcher Räder „für Einsteiger“, die ab den 1980er bei fast allen Herstellern im Programm waren. Sie sind weder selten noch gesucht.

bö2Auf Börsen stehen solche Räder in der zweiten oder dritten Reihe. Weder klangvolle Namen, große Siege oder erlesener Schaltungsschmuck, manche davon kaum mehr als einen oder zwei Sommer bewegt – weil es eben beim Einstieg blieb. Und dann ging die Zeit drüber hinweg, die Kinder wuchsen zu schnell und so stehen solche halbvergessenen Stücke, bis ein Händler sie findet oder verschenkt bekommt.

Für die Zukunft solcher Räder spricht einiges. Die technische Reife, die günstigen Ersatzteile und die schiere Häufigkeit mit der Firmen wie Shimano Komponenten herstellten. An solchen Stücken ist kein Hexenwerk, eine rastende Rahmenschaltung ist spielend zu bedienen, so gut wie alles läßt sich mit geringem Aufwand einstellen oder nachrüsten. die gleiche Technik wurde wenig später auf MTBs aller Länder übertragen , da läßt sich gut mischen.

bö3Wer also mit einem sachkundigem Blick über solche Märkte schlendert, die ursprünglich nur Freaks und Fetischisten lockten, der wird vielleicht nicht gleich ein ganzes Rad, aber alle Bestandteile finden, um die nächsten Jahre mit (sehr) kleinem Co2 Fußabdruck zu leben.

Der zukünftige Wert eines „Retrofuture“ Rades hat weniger mit Nostalgie zu tun als mit zwei Fremdworten: Komplexität und Obsoleszenz. Von den 1990ern an kommt wachsende Komplexität ins Spiel. Es beginnt bei Bremsschalthebeln, der Steigerung der Ritzelzahl und der Einführung von Systemlaufrädern. Es endet heute bei Scheibenbremsen und Motoren. Komplexität, die sich mit üblichen Werkzeugen nicht beherrschen läßt und beinahe immer auf Kosten der Haltbarkeit geht. Komplexität, deren Verfallszeit eingebaut ist: Obsoleszenz.

bö1Wer Rennen fährt braucht ein Rennrad, doch die allerwenigsten fahren Rennen. Warum sollen dann ausgerechnet alte Rennräder besonders gut für die Zukunft geeignet sein?

Der Vorteil solcher Maschinen ist, daß sie mit den hochwertigsten Materialien ausgerüstet waren. Leicht und haltbar, Aluminium geschmiedet und hochwertige Legierungen schon in der Einsteigerklasse. Auf Rennradbörsen gibt es Grabbelkisten voller Schaltungen, Bremsen und Lenker, die in der Gunst der Sammler zu tief stehen, aber für die nächsten Jahre mit Sicherheit uneingeschränkt funktionieren. Gute Laufräder dran und ab.

ae2Wer so ein altes Rennrad aufbaut, will keine Rennen mehr fahren, nicht einmal ein Rennen nachstellen – (auch wenn das ein Spaß für sich ist). Er will ein Rad fahren, das sich leicht und angenehm wie ein Rennrad bewegt, zuverlässig, weit und schnell. Und dabei einfach istbö5Es ist die Möglichkeit, definitiv etwas Neues zu beginnen. Ein Entdeckung, die man nie bereut, ein Erlebnis, das sich nie übertreffen wird.

 

 

 

 

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10 Antworten zu Retros for Future

  1. mark793 schreibt:

    Genau was ich immer sage: Um wirklich Spaß zu haben, braucht es nicht zwingend einen SLX- oder FM-1-Rahmen mit Super Record oder Dura Ace-Ausstattung, im Prinzip tuts auch ein 501er mit RX 100-Komponenten. Mein Raleigh Pursuit war so ein Einsteigerrad aus Wasserrohr, und ich habe es wirklich geliebt.

    Die Rommerskirchener Rennradbörse habe ich die letzten beiden Jahre leider verpasst. Wäre interessant gewesen, zu sehen, wie sich das Preisniveau entwickelt hat. Als ich das letzte Mal da war, konnte man noch Schnäppchen machen – wie ein Simoncini in tadelloser Chromovelato-Lackierung für 250 Euro. Aber ich war ja in weiser Voraussicht mit dem Fahrrad da, um nicht in Versuchung zu kommen…

  2. crispsanders schreibt:

    Rommerskirchen war einmal. Der 300-Seelen-Ort fühlte sich in seinem Frieden durch die Veranstaltung beeinträchtigt. Der legitime Nachfolger ist Das Stadtbad Porz-Wahn. In Nähe zum Flughafen gelegen.
    Das Preisniveau ist beruhigend. Ganz wertvolle Stücke – (Sammlerwert wohlgemerkt), – werden nicht selten im Vorfeld oder über andere Wege vermittelt. Da die Wegwerfquote 1970- 1990 eher gering ist, gibt es noch ausreichend material am Markt, nach abebben einer gewissen urbanen Hipster Sonderkonjunktur haben sich Preise wohl stabilisiert. Ist aber eine persönliche Einschätzung. Das blaue Merckx mag ein Anhaltspunkt sein. Corsa Extra in einwandfreiem Zustand „full campy“ . . .

    • mark793 schreibt:

      Echt jetzt? Jedes Schützen- oder Feuerwehrfest beeinträchtigt doch weitaus mehr als dieser kleine Fahrradflohmarkt. Aber ich verstehe schon, die Schützen und Feuerwehrleute sind mit der Lokalprominenz besser vernetzt als irgendwelche Fahrradfreaks aus Düsseldorf, Köln und Neuss.

      Die 650,- für das blaue Merckx scheinen mir ein halbwegs realistischer Preis, sowohl in der Facebook-Gruppe als auch bei den Ebay-Kleinanzeigen gab es Vergleichbares in ähnlicher Preisregion. Solange ich nicht Autofahren konnte, habe ich mir das Sichten der Kleinanzeigen ja verkniffen, mit Stand von hier und heute würde ich sagen, dass es in den vergangenen zwei Jahren keine signifikanten Preissteigerungen gegeben hat, mit Ausnahme vielleicht bei Sammlerstücken.

  3. crispsanders schreibt:

    Meinem Gefühl nach gibt es da folgende Aussichten:
    Sich schöne, leicht laufende Räder aus Ex-Rennrädern zu bauen wird ein paar Jahre noch ein erschwingliches Vergnügen sein. Trotz aller verkehrswendebeteuerungen und 5jahresplanung für den totalen ÖPNV, werden steigende Energiekosten dann erst erheblich mehr Menschen aufs Rad „bringen“.
    Der E-Bike Rentnerboom wird dann vorbei sein, defekte EBikes werden ähnlich alte PCs nicht repariert werden (können) und ohne einen Akkustandard auch kaum unter die Euro 1000er Marke gehen. Das ist für die neuen Armen viel Geld.

    Heute (2020) sind Neuräder meistens Zweitgeräte, die die Fahrradgeweihe an SUVs et al. schmücken. Jedenfalls alles was anständig ist und deutlcih mehr als einen 1000er kostet. Diese Kundengruppe wird bei dem Modell Neurad bleiben, ihr Gehalt wird es erlaucben. Das Universalrennrad aus alten Komponenten wird v.a. aufgrund der hohen Lernkosten im Selbstbau ein Minderheitenphänomen bleiben.
    Interessant wäre es, wenn Kleinunternehmen jetzt Kapital einsetzen, um sich am Markt einen Vorrat zuzulegen. Sie würden die schwachen Wintermonate nutzen, für die kommende Klientel der Studenten, alleinerziehenden Urbaniten, Kurzpendler und Schüler ein Angebot herzustellen. Diese Klientel wird u.a. wegen steigender Lebenshaltungskosten kein eigenes KfZ besitzen und den Notgroschen eher für Mietsteigerungen oder Bildung beiseite legen. Ein Rad für 250-400 Euro ist dann jetzt schon eine Option. In zwei Jahren noch mehr, usw.

    Ich habe das Thema jetzt einfach mal mikroökonomisch weitergesponnen. Selbsthilfewerkstätten oder kommunitaristisch angestoßene Projekte haben sich in anderen Bereichen nie als tragfähig erwiesen , sobald es um die Wurst ging, also ein reeller Markt da war. Ex 68er Läden wie die Velosophen im Wedding sind gestandene Anbieter von Manufakturrädern geworden . . . . und E-Bikes.

  4. Hölkerather schreibt:

    Eine Zeitlang noch dürfte der Markt von Erbschaftsentrümpelungen der Generation vor den hier gerade Schreibenden und dem Ende des Fixiewahns profitieren. Allerdings meine ich, dass gerade die elektronischen Kleinanzeigen die Preiserwartungen bei einer gewissen Klientel von Verkäufern die Preisvorstelllung übersteigert. Und das Erscheinen von Fachzeitschriften kurbelt erfahrungsgemäß auch das Preisniveau nach oben. Man muß da schon sehr aufpassen, was man nimmt. Schnäppchen mit Instandhaltungsrückstau sind aber immer noch zu bekommen; ich war da z. B. mal an einem mittelklassigen, aber gehegten Italiener dran, der in der Schützenhauptstadt am Rhein von der Witwe des Fahrers zum Verkauf stand. Leider war, wie das meist bei der Generation der Kiregs- und Nachkriegskinder ist, der Rahmen für den Boomer zu klein. Wir hatten offenbar besseres Futter!

    Trotzdem wird man einen tauglichen, nur lackmäßig heruntergekommenen Rahmen mittlerer Güte, wie ein Koga Miyata Roadrunner (man beachte, Koga war damals das Gegenteil von billig) für unter 100 Euro bekommen. Dazu nicht so beliebte Komponenten wie Suntour Cyclone oder Shimano 105 bzw. 600 Arabesque – und man bekommt selbst mit neuen Felgen und Speichen für so um die 350 Euro ein Rad, das den Ansprüchen des nicht rennfahrenden und Neuigkeiten verliebten Hobbyfahrers genügt und im Gegensatz zu den mir laut vorkommenden Carbonrädern neuester Machart smooth rollt. Wenn die Beine des Nutzers passen, also mit Waftability…

    Bloß in Bezug auf Roki muß ich dem Hausherrn widersprechen: der Ort hat doch eindeutig mehr als 300 Seelen. Oder war die Börse in Sinsteden entlang der Minimal Art?

    • mark793 schreibt:

      Die Radbörse war nicht in Roki Downtown, sondern im Ortsteil Nettesheim-Butzheim, der laut Wikipedia vierstellige Einwohnerzahlen aufweist. Somit dürfte Nettesheim alleine schon ein paar mehr Einwohner als 300 haben.

  5. crispsanders schreibt:

    Verzeihung, es war eher eine gefühlte Einwohnerzahl, die den dörflichen Charakter hinter der Aluminiumschmelze betonen sollte.

    • mark793 schreibt:

      Passt schon, selbst das doppelte oder dreifache an Einwohnern ändert ja nichts an dem dörflichen Charakter (und an der not-in-my-backyard-Einstellung der Leute, die sich auch in den ganzen „Kein Konverter!“-Plakaten in der Gegend manifestiert).

      • Hölkerather schreibt:

        Butzheim. Also da, wo Mick Jagger mal essen war. Schade, an dem Laden mit seinem ganzen Altmetall bin an einem trüben Herbsttag vor Jahren nur mal vorbeigefahren. Irgendwie hat mich die Gegend als solche noch nie besonders angzeogen.

  6. crispsanders schreibt:

    Sehr unauffällig geblieben dieses Butzheim. Vor dem Raubfraß der bagger geschützt in einer Senke.

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