IVV 2022

Dolittle jagt die Schinnerl Bande

aa cover Nummer 11 zählt. Nummer 11 blickt auf den gleißenden Asphalt in der Morgensonne und atmet tief. Noch ist die Luft nicht stickig, noch zwitschern die Vögel des Weinviertels in den Akazien der Landstraße – aber schon sind die ersten dunklen Ringe auf dem leuchtend orangenen Trikot zu sehen, mit dem Nummer 11 für den Kaffee der Elfenbeinküste wirbt. Dieses Orange kontrastiert wunderbar mit dem metallisierten Grün seines Viner, das nun stoisch auf 28 Zähnen eine Steigung irgendwo Richtung Hollabrunn erklimmt.

Noch 40 Umdrehungen und dann wird diese Rampe geschafft sein, dann hört Nummer 11 auf zu zählen und  die kleine Gruppeauf der 210 Kilometer Strecke der IVV findet wieder zusammen. Die Nummer 11 ist heute in guten Händen. Da wäre die Nummer 1, ein Kraftpaket aus Wien, die Nummer 6, der Riese aus Berlin und noch die 15 -mein weißes Haupt auf dem zweiten Merckx. Allesamt weisse Männer auf alten Rädern, mit denen in einem anderen Leben professionelle Rundfahrten gewonnen wurden.

a x1Wir erfüllen uns andere Träume und helfen heute Nummer 11 eine private persönliche Bestleistung aufzustellen: die 200 Kilometer Marke durchbrechen. Die Langdistanz auf der Inveloveritas, die Wahrheit auf dem Rad finden.  Auch im reellen Rennbetrieb sind die 200 Kilometer das Privileg großer Eintagesrennen, selbst wenn dafür kaum mehr ein halber Tag benötigt wird. Für einen ausreichend trainierten, auch geübten Radfahrer sind 200 Kilometer eine Distanz an der er seine Grenzen an der einen oder anderen Stelle spüren wird – je nach Wetter , Wind und Steigung.

aa danielBei der IVV verlassen wir uns seit Jahren auf das Geschick eines geübten Scouts, der mit ein paar Helfern den gesamten Parcours auskundschaftet und noch am Vortag orangene Richtungspfeile aufsprüht, die den Fremden die Fahrt so erleichtern.

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Schon in aller frühe (5h30) hat das Hotel Klaus es fertig gebracht, den Frühstartern ein üppiges Buffet aufzutischen. Wir stehen in tiefer Schuld, wenn es den späteren Gästen an etwas gefehlt hat.

aa2Ganz kurz nach 6 machen die schwarzen Nummern sich auf – an die hundert dürften es sein, die das sonntagsruhende Wolkersdorf verlassen;

a3Die Sonne hat es gerade über den Kamm geschafft, als es auf die ersten Höhenmeter zugeht. Viele preschen vorbei, als gelte es eine Bergwertung zu gewinnen. Doch oben wartet allenfalls das Fotomotorrad auf die roten Gesichter, die den immer strammer werdenden Anstieg unterschätzt haben.

Jetzt sollte es jedem die Lunge geweitet haben – das Feld hat sich in die Länge gezogen und in erste Gruppen zerlegt, die Tagestaktik steht nun fest. Als kleine Gruppe fahren wir heute für die 200 Premiere der Nummer 11 – Dolittle aus Berlin.

aa6Wir grüßen die Schinnerl Bande –  einem Pfeiler er IVV- , die sich heute um einen auffällig jungen, auffälig schlanken Fahrer ergänzt, dem sicher eine Sonderrolle zugedacht ist…

aa3Bunte Punkte in den Feldern und in der Ferne die Kulisse des großen Wiens, von dem wir uns nun für den übrigen Tag verabschieden, gar nicht unglücklich darüber, aufs Land hinauszuziehen.

aa5Dann sehen wir den rotstrumpfigen Daniel an uns vorbeiziehen (immer noch die goldenen 28Loch Felgen!) und bleiben diszipliniert bei unserem rollendem Tempo. Der Tag , der so früh begonnen hat ist noch lang und wird wolkenlos sein

Die erste Station verbirgt sich in einer Falte der Landschaft, dicht mit Bäumen bewachsen. Nach ersten Weinbergen sind es Korn, Kartoffeln und auch Rübenfelder, die wir durchquert haben.

aa 1Cosy place Kellergasse.

Auf den kleinen Papier-Servietten steht jetzt Lieferando. Diesmal schonen wir das Buffet, wichtiger sind jetzt gute Getränke. Die Nachfolgenden werden es uns danken.

aa 02Wie jedes Jahr wartet der Fahrradflüsterer an seinem Stand. Bei mir ein Sekundenservice – großen Dank. Seine größtre Das Schinnerl Pinarello hat er in wenigen Minuten von den knisternden Speichen erlöst.

b bartlebyDann kommt der Landrücken näher.

Wie geht es unserer Nummer 11? Gut, sagt er, und er wirkt  nicht so, als hätten ihm die Höhenmeter zugesetzt. Ein gutes Zeichen – nach meiner Schätzung liegt jetzt die längste Steigung des gesamten Parcours hinter uns. Ein Leuchten geht über sein Gesicht, der böse schwarze Mann ist nur noch eine kleine Stoffpuppe.

aah1Kurz streifen wir noch durch die Straßen von Hollabrunn. Bis ungefähr km 70 :  die nächste Rast…

a5 Entdeckung des Tages: der Marillensaft, also die Erstpressung der Aprikose. Gerade reif geworden, ergibt sie einen sämigen Trank, den man auch stark verdünnt noch gut genießen kann. Dinge, die mir kein Supermarkt nördlich von Inn und Main bietet. Dazu eine kräftiges Gulasch, das das ausgeschwitzte Salz kompensiert. Denn es wird ein allmählich deutlich warmer Tag, der sanfte Fahrtwind täuscht über unseren Flüssigkeitsverlust. Flüssigkeit: das Mittel gegen Krämpfe.

ab4Und jetzt sind wir ganz weit draußen, die Sonne steht hoch, die Dörfer liegen still: wie der Beginn eines endlosen Sommers, der noch über die Ernte hin andauert und mit der Weinlese endet.

Und dieses Gefühl beschwört in mir etwas herauf, das ich nur aus Beschreibungen russischer Romane kenne. Diese große Ruhe, die Zeitlosigkeit, oder einfach das Gefühl, unendlich viel Zeit zu haben,  was beinahe noch schöner ist. Die Familien die sich auf den Gütern besuchen um Schach zu spielen, Kuchen zu backen oder Schmetterlinge zu jagen. Natürlich ist es nur eine Täuschung, aber ein schöne.

a6Und Nummer 11 deklamiert: Es ist so heiß. . . und . . . es passiert nichts! Wie ein Leitmotiv rufen wir diesen Satz dem ein- oder anderen einsamen Baum, dem nächsten verlassenen Wegkreuz zu.  Wir wissen nicht, ob auf den Bühnen des Weinviertels noch Tschechov gespielt wird und holen es für die Finken und Ammern nach, deren Sonnenbad auf den schmalen Feldwegen wir stören.

Retz km 101

ab3Schon länger suchen unsere Augen am Horizont die markante Mühle, unter der sich die nächsten Liter Flüssiges und Kalorien finden lassen. An der Retzer Mühle sind wir  den Kilometern nach bei Halbzeit, von den Höhenmetern aber schon auf der richtigen Seite.

ab2Und an der Retzer Mühle ist es ein reges Kommen und Gehen : auch aus der Küche – eine frisch geschnittene Melone verschwindet innerhalb von zwei Minuten wie durch ein Wunder. Alles, was genug Flüssigkeit hat, wird von den immer neu einkehrenden Radlern gierig aufgezehrt. Salzfässer auf den Tisch und reichlich in die Flaschen schütten.

Nummer 11 muß gepäppelt werden, seine Augen blicken etwas tiefer aus den Höhlen – der Zweifel darf jetzt nicht überhand nehmen. Aber eine solche Wendemarke – km 100 –  hat zwei psychologische Trümpfe: ab hier zählen die Kilometer zweistellig zurück und es geht nur noch in Richtung Südost, ohne Möglichkeit, irgendwo abzukürzen. Wir nehmen noch einmal Tomaten und Melonen und machen uns kurz nach der Schinnerl Bande auf. Es ist noch etwas wärmer und noch etwas leerer geworden da draußen.

ab1Der Weg nach Poysdorf ist ein langes Gewoge über die Felder, weit geht der Blick hinaus und immer wieder tauchen Radlertrikots aus einer Falte vor uns auf. In Reihe nehmen wir die Anstiege, Mit Herrn David aus Salzburg im historischen supermercatore brianzoli Trikot sind wir eine Weile schon zu fünft. Er ist wie im letzten Jahr mit seinen drei Kindern angereist und genau wie er es vorhersagte, nehmen er und sein Ältester heute die „Epische Distanz“ unter die Räder.  Die Straßenbäume sind spärlich., Nummer 11 zählt immer wieder seine Umdrehungen bis zur Kuppe und Nummer 1 erinnert sich wehmütig an die Morgenfrische.

ab9

Es ist so heiß . . . und  – es passiert nichts!

ab6Neben Laa/Thaya  lassen wir uns  Getränke nicht entgehen. Hier ein lokales Bier, die Flaschen haben einen Verschluß, der einem Kronkorken ähnlich ist, aber mit einer Viertelumdrehung – wie ein bajonett – zu öffnen ist. Es soll diesen Verschluß schon eine Weile geben, man lebt wirklich hinter dem Mond in Deutschland.

ab5Es tut gut, sich jetzt mit anderen Gruppen zusammenzuschließen. Alles Leute, die man schon an der zweiten Labe gesehen hatte und von denen jetzt der eine oder andere dem Anfangstempo Tribut zollt. Denn auch wenn wir langsame Schleicher sind allesamt,  zwei drei Kilometer zu viel in der Stunde sind  eine Strafe, der ab km 130 keiner entkommt. In Poysdorf werden sie sich wieder aufpäppeln.

Und in Poysdorf schicken sie uns erst noch über die Kellergasse hinauf, hinunter auf den schönen Kirchplatz und mitten durch den Ort wie 2018 – an der Eisdiele gibt’s Zuschauer – bis das erste Haus am Platze uns im Innenhof empfängt.

ab7Km 168 Die Schinnerl Bande sitzt schon am Nebentisch, an die 15 Fahrer verteilen sich über Hof und Gewölbekeller und laben sich an Suppen, Eintopf, Pasta und Kirschstreusel. Man kann nicht sagen, daß es eine Strafe ist, hier zu sein.

ac3Gleich nach Poysdorf geht es mit schwerem Magen hinauf, nicht jedem ist er Abschied leicht gefallen. Von den Höhen der Kellergassen sehen wir die Radomkuppel des Buschbergs immer näherkommen und auch die vulkanischen Kegel diverser Trutzburgen sind bekannte Landmarken vorheriger Ausgaben. Vom Buschberg aus wird die 150er Runde auf unsere Strecke stoßen, etwas später dann auch die 70er. Das ist nach den langen, einsamen Strecken über die Ebenen des Nichts eine schöne Motivation, wenn plötzlich ganze Schlangen von Radfahrern auftauchen, an die man sich heranpirscht.

Aber noch ist es nicht so weit und erst einmal verlieren wir die Schinnerl Buam vor uns nicht mehr aus den Augen, während es Nummer 11 immer schwerer fällt, seinen Blick vom Asphalt zu lösen – besonders dann, wenn es hinaufgeht. Mit Toni lösen wir uns ab, ihn auf den harten letzten Metern anzufeuern – noch sind die gewaltig wichtigen Poysdorfer Kalorien nicht in unserem Blut angekommen.

Verhandlungen mit der Schinnerl Bande.

ac1Es ist alles eine Frage der Startnummer. Während wir uns freuen, mit der 1 und der 11 eine schöne Kombination zu haben, gibt es doch immer ein Haar in der Suppe und das ist in disem Fall die Nummer 2. Dabei wäre es nur richtig, wenn im Ziel die 2 auf die 1 folgt und nicht umgekehrt.

aa4Ich fühle mich noch gut und biete dem Wiener Gazellepilot, die Nummer 1 mit der Vorliebe für Milch, ihn an die 2 heranzufahren. Was ihm augenblicklich nicht gefällt. Dann schließe ich zu den Schinnerls auf und stelle eine Vergabe der 1 fürs Folgejahr in Aussicht, wenn man sich unauffällig zurückfallen ließe. Auch das wird leider abgelehnt.

Zurück in der eigenen Gruppe, wird beschlossen, dem glücklichen Rennausgang für die 11 Priorität zu geben, Schinnerl hin Schinnerl her. Tino (der morgen wieder ü 250km ins Gebirge fahren wird) bleibt bei Nummer 11. Ich bitte daraufhin bei meinen Mitfahrern um freies Geleit. Bewilligt.

ac2An der Schinnerl Bande vorbei, dann ein paar versprengte rote Nummern gepflückt, schließlich sind es ganze Reihen, die sich durch Schotterpassagen tasten. Es geht auf und ab. Halte auf den Schotterpassagen nur noch die Spur, wobei mir dieses Merckx den Gefallen tut, bei zunehmender Geschwindigkeit immer stabiler zu fahren.

Das ist der Pfeffer in der Runde, das Salz in der Suppe…

ac4Schuß hinunter und soviel tempo wie möglich in den Gegenhang aufnehmen. Dann auch noch den ein oder anderen „Epischen“ verabschieden, der mit dem Hammer  bei km 180 kämpft. Ich rieche irgendwann Erdbeeren, rieche fast schon das Ziel.

Jetzt geht es in ein Mühlental hinunter. Was das bedeutet ist schnell klar: hier aht Daniel die letzte große Hürde vor Wolkersdorf gesetzt, eine Falte von 100 Höhenmetern mitten durch ein Waldstück.

aah2Manche schieben, obwohl es nicht einmal zweistellig ist. Da ist mir, als hätte ich ein Geräusch gehört wars eine Schaltung? – ein Gedanke schießt mir durch den Kopf: wie haben die Schinnerl Buam reagiert, als ich davonzog? Klar: dem schicken wir unseren Bluthund hinterher, ihn zu stellen. Der junge Neffe im Rosa Trikot  – und tasächlich: 150m hinter mir, gerade erst im Anstieg, da ist er und sieht zu mir hinauf. Der Herausforderer. Ich bleibe auf 23 Zähnen und trete durch. Schon schimmert das Sonnenlicht durch die Bäume, der Waldsaum, das Ende der Steigung. Ich sehe mich nicht um und gehe aus dem Sattel, Poysdorfer Leckereien stoßen auf, aber ich halte den Takt. Die letzte Kurve.

ac5King oft he Mountain. Oben lasse ich ausrollen und dann senkt sich eine Hand auf meine Schulter: Super Christoph – ich bin der Manuel! Faires Kompliment von einem jungen mann, der die 600 km unter 24h bewältigt.

aac2Gemeinsam rollen wir jetzt die letzten Kilometer unter Volldampf, überraschen ein kleines Puch Mofa in der Abfahrt und so manche andere Fahrer dazu. Den Schlußparcours erkenne ich sofort wieder: genauso sind wir angekommen am Freitagabend, jede knifflige Kurve kann ich ansagen, es ist ein Genuß,  so einzufahren.

ac6Der Genuß wirdvollendet, als wir  Nummer 11, Mr Dolittle, fürs Zielfoto in die Arme schließen.

aac1Felix Austria!

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6 Antworten zu  IVV 2022

  1. Pingback: IVV 2022 | Silberspeiche

  2. tinotoni67 schreibt:

    Ganz großes Kino. Ach was freu ich mich auf 2023!

  3. randonneurdidier schreibt:

    lieber Christoph, Danke fürs Mitnehmen auf die herrliche Tour – mit alten Rädern, mit alten Männern, mit guter Laune, aber auch mit Ehrgeiz ( in Maßen).

  4. crispsanders schreibt:

    Wohldosierter Ehrgeiz, da treffen wir uns! Vielen dank

  5. Daniel Ehrl schreibt:

    Wirklich schön zu lesen dein Bericht, man glaubt fast, mit dir gefahren zu sein!
    Kleine Korrektur am Rande… Streckenmeister ist und bleibt Michl Mellauner – ich habe nur mit orangefarbenen Pfeilen versucht, uns auf dem alleinigen Part der 210er Strecke vor unnötigen Umwegen zu bewahren 😉

    • crispsanders schreibt:

      Aber aber, wozu sein Licht unter den Scheffel stellen, die Pfeile sind jedenfalls überlebenswichtig so weit draußen . . . viele Dank für die Komplimente, es war ein Genuß

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