Apfel Nuß und Mandelkern

„There is only suburbia or bohemia“. D.Hockney

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Ich war in die andere Richtung gefahren, den Westerwald im Rücken –  hinunter zur Lahn.

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Ein  kleines Stück aufwärts –  hinter Dehrn und Runkel  – und alles ändert sich . Das  Tal schnürt sich zu und wird wilder, einsamer . Es ist so eng, daß die kleine Bahnlinie dauernd in Tunneln verschwindet. Nur noch  Feldwege begleiten die Gleise im Tal bis Weilburg und Löhnberg.

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Für die Dörfer, die hinunter zum Fluß gehen gibt es oft keine Brücke, für mich also auch nicht.

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Es dauerte eine kleine Weile bis ich merkte, daß ich in einer Sackgasse gelandet war. Sie führt zu einem kleinen Bahnhof kurz nach dem Dorf A. und gleich hinter den Schienen floß die Lahn . Am  Ufer gegenüber sah ich zwei Radfahrer auf einem Feldweg. Unerreichbar.

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Der Mann, der aus dem Bahnhofsgebäude trat, hatte ungefähr mein Alter. Vielleicht war er mit der Wartung der Anlage betraut, denn eine Bahnschranke gab es nicht und Fahrkarten wurden nur  am Automaten verkauft. Der Schnelltriebwagen nach Koblenz war vor wenigen Minuten vorbeigekommen.  Er war vermutlich hier um zu bestätigen, was ich geahnt hatte. Die nächste Brücke war nur wenige kilometer Luftlinie entfernt, mit dem Rad aber das Dreifache; so oder so: es ging bergauf .

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Ganz schmal stieg das Teerband den Hang im wilden Laubwald hinauf und linkerhand, hinter den wilden Bäumen, schimmerte helles Grün. Eine Wiese in einem weiteren Tal. Ein kurzer Augenblick aus einem Märchen.

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Dann erreiche ich wieder die Landstraße, die mich hergeführt hatte und folge ihr gegen den Wind. Links und rechts der Straße standen die Obstbäume in lockeren Abständen. Sie hingen voller Äpfel oder Birnen, viele davon lagen im Gras.

Hockney, der Maler, hatte vor etwa zehn Jahren begonnen, die Landschaft seiner hügeligen Heimat zu zeichnen. Waldecken, Wege und Hecken – ganz wie hier. An rosane Pfade mußte ich mich auf den Bildern erst gewöhnen, aber es geht irgendwann in Ordnung. Zunächst wirkten auch einige Baumformen bizarr übertrieben. Einige Apfelbäume am Rand meiner Fahrt gaben dem Pop- Artisten recht.

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Ich sah seine  Bilder als riesige Tafelgemälde einer Größe, für die in einem heutige Neubau keine Wand reicht. Aber die heftigen, beinahe primären Farben wirken dann aus einer Distanz von über 4 bis 5 Metern wirklich .  Man müßte sie  (unter Glas) an Stadtautobahnen anbringen, nach etwa gleichgroßen Tafeln für neue Smartphones, Parfums  oder . .  .

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Es war nicht allzukalt, frische 10 vielleicht, aber der Körper beginnt gerade erst sich umzustellen. Erst fühlt sich der Herbst wie ein kleiner Winter an. Zwei Lagen Wolle und die Jacke aus Softshell reichen gerade, nur in den Anstiegen fühle ich mich wohlig warm.

Den Ortsnamen auf den Verkehrsschildern traue ich nicht, zuviele Täler , also versuche ich, nach Sonne und Windrichtung zu fahren,  um den Kreis zu schließen.

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Irgendwann erkannte ich die Straße wieder: von einer Sommertour, bei der es mich hierhin verschlug.  Gleich an der Biegung müßte ein Fußballfeld kommen.  Da ist es – aber heute leider kein Heimspiel, für ein Würstchen wäre ich gern angehalten. Hier fuhr ich durch die Sommerhitze und war dankbar für jeden Baum und sog Tannenduft ein, in den Tälern die  Minze vom Bach. Jetzt suche ich die Sonne, die doch kaum mehr wärmt.

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Die kleinen Straßen von Dorf zu Dorf sind rauh und vielfach geflickt ,  im Anbremsen der Kurven muß ich auf die feuchten Blätter achten, die schon von den Bäumen geweht wurden. Ich denke daran, wie ich mit der Gazelle und den leichten schmalen Reifen hier hinauffuhr und durch die in der Hitze flimmernden Dörfer schoß.

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Jezt in den dicken Sachen ist es so, als gehe der Körper gar nicht aus sich hinaus und bewahre ein Teil der Energie, um seine Wärme zu halten. Ich ducke mich auf den Höhenzügen und ziehe das Halstuch aus Fleece höher übers Kinn. Äpfel und Nüsse.

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Sonntag. Die Dörfer durch die ich fahre sind fast völlig leer. Nur in Garagen regt sich etwas, dort, wo an Autos oder Traktoren geschraubt wird. Manchmal die Silhouette eines Läufers in den Feldern. Hin und wieder wird ein Auto spazierengefahren.

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Eigenwillige Dekore außerhalb der Ortskerne. Ich komme dem Ausgangspunkt näher, denn am Wegrand tauchen Kreuze und  kleine Bildstöcke auf, die sich bis in die Dörfer fortsetzen. Die Bundesstraße, die vierspurig nach Wetzlar und Gießen führt, markiert auch  einen Konfessionswechsel.

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Jetzt kann ich das Band der großen Straße erkennen und die aufblasbare Krone, die das spirituelle Zentrum des Gewerbegebiets anzeigt. Der Parkplatz des Schnellnahrungsrestaurants ist gut besetzt, wie ich schon von der Brücke aus sehe.

a-bking2Paare jeden Alters, Familien mit ihren Großeltern, die Tische sind fast alle belegt, die Schlange reicht beinahe bis zur Türe und Kinder spielen auf der Sonnenterasse zwischen den leeren Tischen . Innen ist es warm und sauberen Autos entsteigen die nächsten Kunden, als ich die Szene wieder verlasse. Keine Vitaminsäfte, zehn Minuten Wartezeit, das ist ungefähr die Distanz bis zu meiner Zieleinfahrt. Zurück an die Sonne, wo die Kinder spielen.

Als ich durch den kleinen Ort neben dem Investgebiet komme, sehe ich die leere große Gastwirtschaft in seiner Mitte. a-bking3

Apfel, Nuß und Mandelkern.

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2 Antworten zu Apfel Nuß und Mandelkern

  1. mark793 schreibt:

    Im Heimatdorf meiner Mutter herrschte neulich auch gastronomischer Notstand, im einen Restaurant Betriebsferien, das andere (überregional bekanntere) dauerhaft geschlossen, seit der Koch den Bettel hinwarf. Früher™ hatte es sogar ein drittes Lokal gegeben, aber das hat schon seit langem zu. Ob es an Burger King & Co. liegt, ist nicht überliefert…

  2. crispsanders schreibt:

    Im größeren maßstab nennen wir es Strukturwandel. kann aber schneller rückgängig gemacht werden, solange sie die Kochbücher nicht wegwerfen.

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