Eine Selbsthilfegruppe in Dortmund

as1Wenn Experten im Winter vom Rennrad abraten, hilft nur noch die Selbsthilfegruppe. Lachen am Küchentisch. Aber bitte, zu irgendetwas Nützlichem muß das Netz um die Festtage ja gut sein. Etwa: Verabredungen zum ersten 200er des Jahres .

Die Nordstadt

Die Selbsthilfegruppe Ruhr trifft sich diesen Samstag um 8 in der Dortmunder Nordstadt. Um kurz nach 6 startet der Motor, die einsamen Straßen des Westerwald liegen hinter mir, die Nebelbänke der A45 auch, ab Hagen steigt das Thermometer auf 4. Sehr gut, leicht vernieselt spiegeln sich die Straßenbahnschienen Dortmunds in den Scheinwerfern. Celsius im Plus, das ist die Hauptsache. Schützenstraße 6te rechts, ok.

01Nordstadt welcome. Wo solche Tankstellen stehen, ist noch gut leben, Café hier hausgemacht oder vom Starbocks zur Wahl. Wenn Melville das sähe.

DSCF7157Die Radbude ist 20m weitergezogen. Mitten im Wohnquartier aus großer Arbeiterzeit. Solide, neusachliche Wohnriegel mit romantischen Straßennamen. Kleist und Uhland… für Stahl und Kohle.

1Die Radbude

Es ist Licht, einige Räder lehnen an der Radbude. Treffen dieser Selbsthilfegruppe sind nicht verpflichtend, aber das neue Jahr ruft nach einem gelungenen Start. 18 werden wir gezählt! Wer ankommt, dem wird tobit Linke heute Abend Suppe kochen, jetzt steht erstmal heißer Kakao auf der kleinen elektrischen Herdplatte, die wahrscheinlich so alt wie das Haus ist.

Ich bewundere die kleine, gutsortierte Werkstatt des Mannes, mit dem ich den 200er von Namur 2015 fuhr. Surly longhaul war sein Pferd. Damals eine feuchtwindige Angelegenheit – heute auch. Now on his home turf. Rahmen hängen an der Wand, Holzregale und Schubladen voller gutsortierter Ware, Schöne Werkzeuge, die alles erlauben, was an einem Stahlrahmen machbar ist.

as23Ein Rickert wird hereingeschoben. Dortmunds Stolz. Es sind nicht viele Läden im Lande übrig, die zuerst Werkstätten sind und nicht Verkaufsfilialen.

2 Unser Koordinator Haiko streift sich die Jacke über,  es wird ernst. In Zweierreihe wird die Stadt verlassen. Kanäle, Lager- und Produktionshallen. Dann die ersten Höfe, die im Ruhrgebiet sehr bald auf die Industrielandschaft folgen. Nordwärts!

Die Strecke wird uns an mehreren Kanälen der Region entlang ins Münsterland führen. Die westfälische  Hauptstadt mit einer Schleife umrundet , dann geht es wieder nach Süden , insgesamt über 206 km über Felder und Wiesen. Zwei Stops sind vorgesehen -es werden mehr sein… Wind? – achja, ein steifer Nordwest bis West, oder Westnordwest nach meinem etrex Kompaß.

Nach Norden

Es wird zügig gerollt, zwei Fixiereiter zähle ich, ansonsten eine recht bunter Kleider – und Radmischung. ich selbst habe heute mein bewährtes Lagoon-blue Carlton dabei, mit Schutzblech und langem Spritzlappen. Es lohnt sich, auch  die gemixten laufräder zu erwähnen. vorn eine alte Araya von 1992, bei der das fett aus den Konen quillt, hinten eine einzelgängerische open/sup mit der ersten 600er nabe von Shimano, 7fach geritzelt. Nur die Reifen sind identisch, recht frische Durano-25 von Schwalbe, nicht unwichtig, wie sich heute zeigen wird. 7

Die Vororte der Vororte sind schnell verlassen, Allee, Kanal, Feldweg folgen aufeinander.  In der Ferne mischt sich der Dampf eines 48% Kraftwerks unauffällig in den Himmel. Hoffnung auf Sonne hat niemand, es wird ein grauer Tag bleiben, graugrün oder graugrau, getupft mit Höfen in Ziegelfarben und Schweinedunst meistens. Hier und dort kreuzen wir eine feuchte Bundesstraße, schön wenig los heute. Bis hinter uns die Polizei auftaucht.

Wo kamen die denn her? Stoppschild überfahren. Delikate Sache. 18 Täter – Gestandener Mann hält gestandenen Männern Standpauke, während der Juniorpertner zusieht. Glück gehabt, unser Geld kann doch in Kalorien investiert werden.

In einer Parfümerie finde ich die einzige SD Karte von Ascheberg. Immerhin eine Stadt mit 3 Backstuben, alles sehr solide und übersichtlich um den stolzen Kirchturm herum.

5Dann setze ich der Gruppe nach, die mich gerade eingeholt hat. Noch über ein dutzend Kilometer zur verheißenen Rast.  Die Maschine läuft seidenweich, gut gefettet gehen die Schaltzüge, als jemkand ruft: Defekt

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Und das war der erste Streich. Mancher redet schon vom Essen, aber nicht so schnell, es kommt noch was. Reifen um Reifen haucht den Atem aus, ich streiche fürsorglich über meine alten Durano-Pellen, damit das Glück mir hold bleibt.

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Dann endlich Wolbeck, erst 60km sind rum.

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Das ist der stattliche Hof des Erbdrosten.

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Das ist die stattliche Konditorei, erschaffen, als denkwürdige Erlebnisse noch über Postkarten mitgeteilt wurden. Wir überrumpeln sie.

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Euch soll es an nichts mangeln. Das Meiste, vor allem das Beste ist selbst hergestellt. Konditor (diamantener Meisterbrief!) ist nicht Bäcker und zum Andenken an die üppige Walnuß-Birnen-Torte sowie Lauchkuchen nehme ich noch drei alkoholisierte Trüffel mit, hausgemacht. Einen überreiche ich dem Organisator, einen nehme ich als Nachtisch und einen Letzten bewahrt man für schwere Stunden auf. Das Beste kommt noch.

Nach Westen

Einige haben sich schon abgesetzt, andere haben die Pause kurz gehalten. Wir sind noch ein Dutzend, als es unter Nieselregen weitergeht. Im Grunde ist die Luft jetzt eine einzige tiefe Wolke, manchmal feuchter, manchmal trocken. Kein wirklicher Regen. Aber naß. und jetzt kommt der Wind. In Doppelreihe auf den Radwegen, als langer Faden an der Landstraße lang, so ziehen wir jetzt über Telgte nach Nordwesten.

Jeder weiß, daß es besser ist, wenn die Gruppe jezt zusammenbleibt. Die Schnellen wegen der Ablösung im Wind, die Langsamen, um Kraft zu sparen und nicht definitiv abgehängt zu werden. Zwar kann eine Ampelphase uns wieder zusammenführen, aber leider auch auseinanderreißen. Meine Handschuhe sind jetzt durchnäßt, die guten Winterstiefel halten offenbar noch einiges ab. Energie ist ausreichend da, solange die Extremitäten nicht erkalten. Die munteren Gespräche der ersten Stunden sind selten geworden. Was im Flachen noch zusammenhält wird schon bei kleinen Brückensteigungen zu einer brüchigen Einheit.

as11Wir überqueren einen Kanal und jetzt fehlt Haiko.

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Er hatte nur die schwere Regenjacke ausgezogen. Kurze später auf dem Deich im Gegenwind.

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Während ich den Ausführungen über Spundwände und Sanierungen zuhöre, zerlegt es die Gruppe definitiv.

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Auf der nächsten Allee sind die Kameraden nur noch ferne Leuchtpunkte im Wind. Noch satte hundert Kilometer hier, und die Wellen des Tages sollen erst kommen. Jetzt einmal Geschwindigkeitsausdauer flach für mich, der ich diese ebenen Verhältnisse kaum kenne. Ich mache mich lang auf lagoonblue und übe: ausdauernder Unterlenker. Ein Bahnübergang bringt uns wieder zusammen, bis zu Anstieg nach Altenberge, es regnet wieder, die Erde wird naß, in Altenberge ist keine Seele zu sehen.  Wie lange werden die Kalorien halten? Leise Zweifel keimen auf.

6Das muntere Klimpern von rechts sind die hydraulischen Scheibenbremsen, es klingt wie Speichenbimmeln und hindert den jungen Mann nicht, eine beachtliche Pace zu fahren. Dann die nächste Welle.as03Die langen geraden Anstiege im Wind kosten Kraft, sie brennen wie tausend Hellingen bei der Ronde van  Vlaanderen und ich lasse hier Gesichter sprechen. Aber bald soll es frische Kalorien geben, heißt es jedenfalls.

Nach Süden

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Im stolzen Billerbeck jedoch sind alle Schnellrestaurants heute „leider“ geschlossen. Umherirren auf Pflastersteinen, Versprengte auflesen, nur Haiko kommt nicht nach. Wir beschließen die Weiterfahrt und jetzt wird es richtig spannend. Kalorien. Drei Stunden nach unserem Stopp wäre es langsam Zeit, da ich nichts mitführe, während andere immer wieder in Lenkertaschen kramen. Immerhin sind wir ein wenig aus dem Wind, dem ich jeden Anstieg vorziehe. Mach aber nicht satt. Fahren und sparen.

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Also weiter – es wird sich schon etwas finden. Die Kälte ist jetzt bis in die Schuhe gekommen. Ich spähe die weiten Horizonte nach einem Hoffnungsschimmer aus, ein buntes Tankstellenlicht, ein einladender Gasthof – nichts außer einem Storch.

Wir vermeiden fast jede menschliche Siedlung, aber auch in den wenigen Dörfern ist alles ausgestorben. Ein Land ohne Supermärkte – die Bauern müssen sehr reich sein. Am Hinterrad: Das längste Schutzblech wird gesucht, Spritzlappen bekommen eine existentielle Bedeutung.

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Diesen Trüffel habe ich noch übrig, aber ich bewahre ihn auf, noch ziehe ich nicht die letzte Patrone;  die Anderen sind auch nicht mehr frisch, zwei oder drei fehlen irgendwie und es geht weiter durch Felder und Wiesen. ganz leise höre ich eine feine Geigenmelodie im Kopf und suche weiter den rettenden Bäcker, den blauen Streifen Aral-Hoffnung. Den gelben Streifen Shell Hoffnung. Nur Ampeln leuchten uns. Irgendwo ist Coesfeld, Dülmen.

Nichts und

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immer noch nichts. Inzwischen haben wir die Lichter eingeschaltet. Die Dämmerung hat eingesetzt an diesem vierten Januar, an dem das ganze Münsterland in tiefe, gläubige Starre gefallen scheint. Im letzten Licht naht unsere Rettung. Drinnen wartet ein Kegelverein (Herren), der sehr belustigt die Radfahrer, die durchnäßt in die Stubestolpern zur Kenntnis nimmt. Als wir auf unsere Pommes warten, sehe ich, wie einige zu Zittern beginnen. Gleich werde ich trockene Handschuhe anziehen.

as07Und dann sind es noch vierzig Kilometerchen. Ein Witz.

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Wenn dem einen oder anderen nicht noch die Luft ausgegangen wäre. Die Marke mit dem großen C hat bei den insgesamt 10! Defekten die Pannenstatistik angeführt. Und es waren keine Altreifen. Split ist ein böser Gegner.

as09Prost sage ich mir und reiche Haiko in der Radbude den Champagnertrüffel, den er sich verdient hat. Mir schmeckt das Bier.

Mit Dank für Fahrt und Suppe verbleibt ergebenst ihr

crispinus

 

 

 

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4 Antworten zu Eine Selbsthilfegruppe in Dortmund

  1. monnemer schreibt:

    Brrrr, bei Lektüre mitgezittert.
    In der Mantel-Lotterie lasse ich mittlerweile das hochpreisige Vivaldi-Modell des großen C links liegen. 2 x nach nur wenigen km hat sich die Lauffläche abgelöst.
    Was mich bei dem Preis richtig ärgert.
    Tolle Radbude da in DO!

  2. crispsanders schreibt:

    Das muß natürlich unter uns bleiben mit den laufflächen. Der Konkurrenzdruck muß hoch sein, aber ich will es mal nicht auf die Fertigung in Korbach schieben. Vielleicht gibt es bei den Mischungen Probleme? Wäre jedenfalls kein Gewinn für den Radler, wenn eines Tages die gesamte Reifenfertigung aus Südostasien käme. Ein hiesiger Produzent kann (und wird) auf Probleme schnell reagieren.
    Das Glück spielt natürlich auch eine Rolle.

  3. Twobeers schreibt:

    Das hätte ich wissen sollen, dann wären wir beide bei meiner Schwiegermutter rangefahren…

  4. crispsanders schreibt:

    Die Selbsthilfegruppe ist typenoffen

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