Streifzug – zur B8 mit Flickzeug und Landkarte

2 Mai 2020  ; nach einem Monat im Corona Regime

ak14Zeit für eine Runde um den Westerwald. Der Regen der vergangenen Woche hat dem Grün einen Schuß gegeben, die Abkühlung läßt die Feuchte lang im Boden. Es ist frisch, alles wächst, die Tage werden länger und der Himmel bleibt blau. Lange Touren mit Sonne (und wenig Schweiß) sind jetzt möglich.

af3Es geht auf bewährte Art in meine Runde: steter Anstieg hinter Westerburg, langsam in den hohen Westerwald. Vorbei an den letzten blühenden Apfelbäumen.

af4Einsam über die hohe Allee und dann hinunter ins Tal der Nister, dem kleinen Wasserfaden nach Norden.

Die letzten Basaltbrüche liegen dann hinter mir; jetzt bin ich dort, wo alle Radfahrer einmal sein wollen: in der Kroppacher Schweiz.

af5Diese waldige Gegend im Norden Hachenburgs ist (außer der Nister) durch die Kerben vieler Bäche entstanden – an den Hängen wächst nur Holz. in den Dörfern gibt es Pensionen und irgendwann kommt auch Kroppach. ich zähle mehr Elektrobikes als Motorräder – es ist noch zu früh.

ae1Heute macht es das Arbeitspferd Enik mit den vielen Lackausbesserungen und den Chrompickeln. Gegen die herrschende Meinung bin ich auf 23 mm unterwegs, das ist straff, gibt ein gutes Asphaltgefühl, bei einem Stahlrahmen ist das noch Komfortzone.

ak8Das Enik ist ein gutes Beispiel für Auftragsfertigung . Dario Pegoretti , der Unvergessene Künstler am Lötkolben sagte es so: „Wir waren das China Europas, wir haben Rahmen im Akkord für die ganze Welt gebaut.“ Rahmenlöter und Metallverarbeiter gab es in Norditalien genug, und so ließen einige Deutsche Vertriebsmarken ihre Rennserien auftragsmäßig dort löten wo Bianchi, Bottechia und Dancelli auch hingingen.

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(Bild: gabriele basilico)

Enik aus dem Sauerland ist ein Romani. Pegoretti ist nun tot, die Zeit steht nicht still, sein Brot muß man anders verdienen. Norditalien beschäftigt zehntausende, hunderttausende „Fremdarbeiter“ – auch aus China. Aber das ist Teil einer anderen Geschichte.

ak9Mein Italiener im Deutschen Lack nimmt Anstieg um Anstieg – der richtige Takt ist gefunden. Immer neue Blickwinkel überraschen, ich habe die ruhigste aller Welten für mich. in den Dörfern hier kleine private Pensionen, wenn ich um eine Haarnadelkurve schieße.

Noch ein letzter langer Anstieg hinter Kroppach: rechts irgendwo fließt die kleine Nister weiter in ihren Windungen Richtung Sieg,  aber links geht es  zurück auf die alte Hauptstraße –  (nach 2 Stunden austoben die bessere Wahl).

Gleich kommt Altenkirchen, dort Kalorien an einer Tankstelle meiner Wahl finden. Die Landstraße ist als Umgehung ausgeführt. Um direkt zum Kern der Stadt zu kommen, biege ich in die alte Landstraße ein. Ich mag diese Anschlußstellen, oft findet man noch alte Bäume oder Schilder. Es geht sanft bergab in den Stadtkern.

ak3Dort neben dem alten Kreisständehaus mit den Basaltsäulen

ak2, mitten im sachlichen Gemisch aus Verwaltungsgebäuden und Sparkassen sehe ich eine verlassene Wirtschaft. Weiter unten das Flachdach eines Supermarkt von Größe eines Fußballfeldes. Gegenüber er alte Krichturm. Dann, in der Talsohle stoße ich auf die B8 aus Frankfurt. Sie führt direkt am Berg zur Stadt hinaus.  Hier ist es ruhig und beschaulich. Niemand auf der Straße, ein paar Autos ab und zu und ein Radfahrer der mich grüßt.

ak12Eine erste Tankstelle lasse ich links liegen – ich setze auf eine andere Farbe heute.

Die umgewidmeten Gebäude sehe ich, aber ich zähle sie nicht. Weiter voran, die Schilder deuten auf die große Kreuzung der Nord/Süd Ost West Verbindungen. Eine erste Ducati kommt mir entgegen. Stadtgrenze

ak4Aber die Flaggen der stolzen Ölkonzerne sind rar geworden hier, auch wenn die Verbindungen nach Köln,  Neuwied, Siegen und Gummersbach reichlich Verkehr  versprechen. Die Autobahnen sind fern. Glücksritter haben die alten Standorte gekapert und ihre eigenen Marken geschaffen.

AMB Öl oder A Energie lese ich da, nur Mc D verströmt noch den Durf globaler Multis.

ak5A Energie ist der  Überraschungssieger. Wie die kleine Flagge schon andeutet, fehlt das übliche Sortiment. Im Grunde handelt es sich um einen 24h Shisha Shop – keine landkarten, keine Ölkannen, kein Cappuccino. Stattdessen auf deckenhohen Holzregalen alles was das das Herz eines Wasserpfeifenrauchers begehrt.

Die B8 ist im Verlauf ein weites, graues Band voll Licht.  Die Sonne strahlt hart und die eingesprengselten Kiessteine im Asphalt leuchten hell zurück. Autohäuser und übrige Vorortvillen, deren Gärten allmählich verwildern. Doppelspurig schleift die Straße ins nächste Tal. Menschen an Smartphones stehen vor Gebrauchtwagen und scheinen auf diese einzureden. Was in meiner Ecke noch Frankfurter Straße heißt, hat jetzt einen anderen namen

ak7Hier ist Nordrhein-Westfalen. Ein anderer Fürst bestimmt die Coronaregeln und der Dialekt ist eindeutig rheinisch.  Diesen Teil der alten Römerstraße erschließe ich mir – sie verbindet das Rhein- und Siegtal ab Siegburg und dazu das Maintal über eine Direttissima.

Ist diese Straße auf 40 km zuvor noch ein einsames Straßenband, das über die Höhenzüge wogt, wird es hier allseits lebhafter. Als ich auf den parallelen Radweg wechsle, macht micht ein Elektropedaleur auf Scherben aufmerksam – ich danke ihm.

ab1Dann schießen zwei schwarz gewandete Männer an schwrzen Rädern an mir vorbei. ich frage zweimal wo es hingeht – „nach Köln“ sagt der braungebrannte und tritt in dei Pedale seines Bikes, ich erkenne durchträinierte Muskeln. Sein Kollege folgt, ich ebenfalls. natürlich wird das Tempo jetzt stramm, aber bis ca 38kmh mache ich mir keine Sorgen.

ab2Das ist das Gesetz der Straße. Es herrscht das Recht des Schnelleren. 1,2,3, fast 4 km geht es so und es paßt mir, immer mehr Verkehr und nichts Besonderes mehr zu sehen.  Auf einmal wirkt der weiße Randstreifen noch seidiger und geschmeidiger als sonst – ich schwebe dahin. oder sollte es.  . .

Ich habe wirklich gerade noch Zeit gefunden abzubremsen, bevor der Vorderreifen auf der Felge lief.

ab3Nun stehen wir in der Sonne, am Rand der B8 im Straßengraben während gruppenweise Autos und Motorräder vorbeirauschen. Ich habe eine Pumpe und einen Schlauch.

Aber ich habe auch einen kleinen Flicken und die Sonne scheint. Für das nun folgende ist es wichtig. trotz der Motorräder gelingt es schnell, den kleinen Einstich ausfindig zu machen. Dann Mantel außen und innnen prüfen. Nichts zu fühlen, nichts zu sehen. Auch das schöne textile Felgenband ist intakt, die Laufflächen dito. In der kleinen Filztasche sind neben den Reifenhebern auch die Vulkanisierflüssigkeit (Tube) und die Flicken vom Typ Sport. Immer nur die Markenware mit dem orangenen Rand verwenden – ich habe gesehen, daß damit sogar Traktorreifen geflickt werden.

Nur zum Aufrauhen der Stelle muß ich mir etwas einfallen lassen – die Nagelfeile des winzigen Taschenmessers ist nicht geeignet . Ich wähle den selbstreflektierenden Randstreifen der B8- Die der weißen Farbe beigemischten Quarzitpartikel haben genau die schmirgelnde Wirkung, die das Flüssiggummi braucht.

ab45 Minuten trocknet die Flüssigkeit auf dem schwarzen Sattel, jetzt muß mit starkem Druck der Flicken angepreßt werden. Dazu helfen die kupfernen Sattelnieten als Gegendruck. Die hauchdünne Klarsichtfolie bleibt drauf – eine weitere geniale Idee der Firma Rema. So wird der Flicken davor geschützt, scih bei Erwärmung wie ein Kaugummi an die Innenseite des Mantels zu heften. 1x Pumpen ohne Mantel, einspannen und dann richtig Pumpen. Die SKS Rahmenpumpe hat einen 60cm langen Kolben.

Beinahe bin ich fertig, als direkt vor meiner Nase ein Dacia Duster hält. Ein Mann im dunkelblauen Trainingsanzug steigt aus und spricht: „Nehme ich Dich mit bis zu mir, dann machst Du fertig.“ Fassungslos nehme ich an, hunderte sind an mir vorübergefahren.  1km weiter stehen wir vor seiner Werkstatt und vollenden das Werk. Er baut Gasanlagen in Autos ein. Unter einer Decke erkennen ich einen roten Porsche und daneben eine rote Ducati.

ak6Sie nennen die B8 hier die Raiffeisenstraße. Aber das ist die nächste Geschichte.

 

 

 

 

 

 

 

 

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7 Antworten zu Streifzug – zur B8 mit Flickzeug und Landkarte

  1. alex schreibt:

    Aha, wieder was gelernt und das nach wieviel Flicken? Denn bisher habe ich die dünne Klarsichtfolie stets und zum Teil aufwändig nach oder vor dem auftragen des Flicken entfernt. Und wie oft hab ich mich geärgert, daß das so verdammt schwer geht. Danke für den Tip -Top!

    • mark793 schreibt:

      Irgendwann war ich das Gefrickel leid, und seitdem habe ich die Folie auch drangelassen. Das kleine Stück Schmirgelpappe zum Aufrauhen (früher war es eine kleine Metallreibe) habe ich im Bordgepäck. Aber gut zu wissen, dass man sich auch ohne behelfen kann.

      Einmal ist es mir passiert, dass ich das Löchlein nicht gefunden habe. Da bin ich dann zwei Kilometer mit plattem Reifen rumgerumpelt bis zu einer Tanke, wo ich mit Hilfe des Putzwassereimers den Schaden lokalisieren konnte.

      • crispsanders schreibt:

        Achtung – es gibt auch Flickendosen Sammler. Die Tankstelle Weyerbusch war nur 1km entfernt – aber so etwas weiß man immer nachher.

      • alex schreibt:

        Das werd ich demnächst auch so machen. Ich hatte dazu den wahrscheinlich irrigen Gedanken, daß diese dünne Folie Schäden am Schlauch versuchen könnte.

  2. crispsanders schreibt:

    Es gibt sie noch, die echten Flicker!

  3. randonneurdidier schreibt:

    genau, flicken ist nachhaltiger als eine neuen Schlauch einzuziehen. Habe ich auch gestern erlebt, als ich einen schönen neuen Schlauch eingezogen habe und es dann geschafft habe, den Ventilkopf abzubrechen. Danach Methode alt: flicken, Gummilösung, Flicken drauf, dicht! wunderbar. Warum habe ich eigentlich einen Ersatzschlauch dabei, wo es doch so gut funktionierende Flicken gibt. Sogar welche ohne Gummilösung. Ein Hoch auf den Flicker!

  4. crispsanders schreibt:

    Ohne Zeitdruck und bei kleinen Einstichen ist das auch die einfach sichere methode. Vor allem wenn noch einige Kilometer vor einem liegen.. Einen Schlauch habe ich immer dabei – aber eigentlich nur als letzte Patrone. An manchen Streckenabschnitten häuft sich ja das Pech. Hält der Flicken, hat man eine Kugel in freserve .. . .

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