Hamburg  -Berlin Zeitfahren 2022 : Fünf mal Glück (I)

Dritter Samstag in diesem Oktober. Die Tage sind deutlich kürzer geworden, der blaue Planet steht ein paar Bogenskunden ungünstiger zum Zentralgestirn. Dafür ist im Oktober noch alles möglich, von Frost über Sturm bis milde Sonne. Diese Unwägbarkeit macht Reiz des letzten Zeitfahrens im Jahr. Hamburg – Berlin : die Jahre folgen einander, aber gleichen sich nicht.

a1Zum fünften mal zum Zeitfahren Hamburg-Berlin, kurz HH-B. Veranstalter: der Audax Club SH, unverändert. Hamburg das heißt hier Hamburger Umland, Elbmarsch – den Vierlande, die schon gar nichts städtisches mehr haben, auch wenn sie zum Stadtgebiet zählen. Spätestens nach dem Ausstieg aus der SBahn in Bergedorf ist es mit der Urbanität vorbei.

Der Start vom Zeitfahren ist seit der Schließung der urigen Wirtschaft vom Elbdeich etwas landeinwärts gerückt, vom Altengamme nach Curslack. Damit ist die Strecke zum Wassersportheim Gatow kaum unter 280 Kilometern zu bewältigen. Schon Tage vorher gehe ich fast im Schlaf die Abschnitte durch, überquere die Elbe und ziehe durchs Danneberger Land. Danach beginnt die lange, flache Brandenburger Etappe  – über die Prignitz an die Tore der Hauptstadt. Hier entscheidet die Windrichtung über die richtige Wahl der Route: Nord oder Süd.

a10Beim Rad gibt es keine großen Überlegungen. Einen Monat zuvor habe ich die silberne Gazelle mit den 175er Kurbeln aus der Reserve geholt und beginne, mich darauf einzuleben. Im letzten Jahr gegen den Wind hat es gut harmoniert, dieses Jahr wird es kaum ungünstiger kommen. Die längeren Kurbeln spüre ich nach ein paar Kilometern kaum. Der Lenker hat einiges an Vorbiegung, ist aber nicht zu tief. 60×57 sind die Rahmenmasse des 1978er aus Dieren.

a13Am Gepäck habe ich nochmals gespart. Vordertasche in klein, darin die Riegel, Marzipan , eine Filmdose mit Magnesiumpulver und das Necessaire: Zugriff während der Fahrt. Auf Marzipan kam ich, weil der Handel jetzt schon die Winterzeit einläutet und überall gute Zartbitterqualität in Barren anbietet.  In der schmalen, kurzen Rahmentasche, die sich variabel festzurren lässt, finden sich Überschuhe, Handschuhe und Reserveschlauch. Es hat gedauert, bis ich eine Version fand, die Unterrohrhebel erreichbar lässt.

Die Hecktasche ist leichter und kleiner mit Reservekleidung und Nachtwäsche – ich reise einen Tag vorher an. Ihre willkommene Zusatzfunktion: der wasserdichte Stoff  bildet ein sehr wirksames Schutzblech – es ist auch noch Platz für die Regenjacke, die morgens als Windschutz dient. Eine Woche vor dem Zeitfahren kommen die guten open4 Felgen mit conti 5000 Reifen aufs Rad. Sie laufen wirklich leichter als die Alltagsräder.

Später will man nichts bereut haben.

Screenshot (6)Die Route steht fest – zumindest im Navigationsinstrument. Es ist ja eher eine Stütze, denn anders als bei brevets, wo sich Fahrer oft über Stunden (Tage?) aus den Augen verlieren, gibt es bei den über 250 Startern von Hamburg – Berlin eigentlich immer einen rollenden Anhaltspunkt in der Landschaft. Meinen Startplatz verdanke ich der Schnelligkeit des Sportkameraden Toni, mit dem ich regelmäßig Wien besuche. Weil er verhindert ist, stehe ich als Einzelfahrer in der schnell ausgebuchten Startliste de Audax Club SH. Das hat seine Nachteil – allein gegen mit Wind und Pannen– aber auch seine Vorteile. Denn gemeldete Teams müssen für eine Wertung vollständig ankommen, sind also aufeinander angewiesen, im Guten wie im Pech.

b92Noch zur Vorbereitung. Auch wenn Hamburg – Berlin sich als Zeitfahren bezeichnet, ist es doch kein Zeitfahren,  eher ein gezeitetes Brevet. Das einzige Zeitfahren ähnlicher Streckenlänge war der Grand Prix des Nations, der im Südwesten Paris bis ca 1957 über über einen welligen 140km-Kurs führte. Heute gibt es diese Distanzen nur im ironman triathlon. Ein Zeitfahren über 280km  ist eine Extremübung in Grundlagenausdauer – an der Schwelle. Im letzten Jahr hatte ich im Gelbachtal vorher noch Tempoeinheiten von je 10 min eingelegt – eben um diese Schwelle „nach oben“ zu verschieben, was am Rad einen Fahrgang von einem kleineren Ritzel bedeutet. Diesmal schob sich eine Grippe dazwischen. Der schöne WW 200er und Einheiten mit hoher Frequenz mußten reichen…

a22Je weiter der IC nach Norden kam, desto sonniger und freundlicher wurde es draußen. Beinah schon zu warm für eine lange Hose, aber der Hamburger Bahnhof hat ein eigenes Mikroklima, diesmal angeheizt vom Treffen der zwei Stadtvereine. Einiges an Bereitschaftspolizei unterwegs. Der Tiefbahnhof ist  für einen Jungen vom Lande ein erstaunliches Theater.

a11Schon  gleich nach Bergedorf  fiel mir auf: der Wind steht gegen mich, als ich den Heerweg streng Süd zur kleinen Pension entlangrolle und Peitschenlampen kilometerlang Revue passieren lasse. Stehen seit 1967 stramm. Südwind also, schwach aber bestimmt. Angekündigt war Südwest.

a23Jetzt steht die Maschine im Vorraum bereit.

Üppige Pasta im „Al Lago“ samt lokaler Alkoholiker und italienischem Laientheater. Nun wie ein Römer liegend, verfolge ich eine Doku über eine Werkstatt, die ausschließlich Porsche 911 restauriert. Das kleine Unternehmen präsentiert den Kunden die von Facharbeiten präparierten Fahrzeuge, die danach besser als neu sind in ihrem showroom: dem ehemaligen Schwimmbad der hauseigenen Neutra –Villa. Die Illusion eines besseren Gestern muß perfekt sein, dann steigt der vermeintliche Wert. So wie für die Stadtpaläste des Historismus, die Wilhelm2 so gefielen. Der Glaube an das wertvollere, ja bessere Alte – kein gutes Zeichen für die Zukunft.

Die Zukunft liegt auf der Gazelle, morgen , 5h45.

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