141014 Das blaue Band : Hamburg nach Berlin 2014 (Teil1)

HH-B: 2014-10-14

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Das blaue Band liegt vor mir, links und rechts davon grüne Streifen, braune Felder, das Laub der Alleebäume. Kleine Glühwürmchen ziehen leichte Schlangenlinien vor mir her – gelbe und weiße gibt es. Sie sind sehr schnell und überholen mich, dann ziehen sie weiter, bis ihre Leuchtpunkte, es sind Rücklichter, Punkte am Horizont sind, wie auch ich bald ein Punkt am selben Horizont sein werde.

 

Links von mir tauchen ab und zu kleine Säulen aus Stein auf. Auf der Ersten stand: Berlin 130km.

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Aus seiner Kanzel sieht der Zugführer  vier blaue Metallstriche vor ihm, die in der hereinbrechenden Dunkelheit immer blauer werden und Geraden sind, die sich im Unendlichen treffen. Fachwerk, kleine Bahnhöfe , ein dunkler Fluß (mit gelben Blättern) , der Turm eines Rathauses. Eine Rauchsäule vor dunkeltürkisem Waldsaum.  Zwischen zwei Schuppen neben dem Bahnhof stehen vier Kanaken und haben etwas zu regeln. Einen haben sie am Kragen gepackt. Nur aus dem Zug ist es zus ehen. Der Zug sirrt, mein Rad schaukelt im Takt der Schienen: 194. Hamburg.

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Ich verlasse Bergedorf und folge den Peitschenlampen. Es geht gerade nach Süd auf den Deich zu. Das Licht der Stablampen hat einen schwach rosanen Schimmer. Kein Wind, wenig Nebel. Morgen wird es auch so sein. Ich schlafe dennoch zu wenig.

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Wieder Peitschenlampen, jetzt auf dem Deich um kurz vor 6, – rechts unter mir die Elbe, ein blaues Licht gleitet im Dunst: ein Elbkahn, Siggi Lenz heißt er. Dann endlich das kleine rote Dreieck neben der Straße: ein kleines Zelt, vor dem Leute stehen. Hier melden wir uns an, die Listen liegen bereit. Gegenüber im Fährhaus, wartet das Frühstücksbuffet.

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Ich nenne mein Team, unter der Braumeister Flagge laufe ich, und noch keiner war da. Der Jan ist krank sagt jemand. Die Lokomotive vom Zug fehlt. Ich geheüber den Deich ins Fährhaus, sehe mich erstmal unter den Frühstückenden um. Wie im letzten Jahr ist es, voll, warm, geschäftig. Kaffee finden. Banane, Rührei, ein Brötchen, mehr geht nicht. Nüscht zu sehen.  Aus dem dunkel wird halbdunkel, die Farben der Räder werden sichtbar. Dort steht meines, ich schiebe zum Start. Noch 6 minuten. Team Braumeister? Und Co?Niemand da – ein schwarzer Tag für die Eisenschweine aber sans rancune.

Noch eine Minute, Namen werden aufgerufen, es wird heller, es sieht gut aus. Meine Nummer ist jetzt am Oberrohr.

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Team Braumeister und co? Das bin ich. Wo ist co? Keiner da. Wollen wir warten? Ich will nicht mehr warten – ich muß nach Berlin und zwar jetzt, um 7h und 13 min. Los! Zarter Nebel liegt über den Feldern, ein paar Schafe stecken den Kopf heraus. Den leeren Kaffeebecher leere ich in einem Container. Hier war es voriges jahr noch dunkel, jetzt erkenne ich die Elbbrücke.

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Keine Gruppe, kein Navi, also Anschluß suchen. Vor mir Niemand, hinter mir Lichter. Tempo raus und warten, gleich geht es hier irgendwo von der Straße ab. Berliner Trikots, die Richtung stimmt, aber: Moment, habe mein navi noch nicht angeschlossen. Sie bremsen und werden gleichzeitig von zwei Fahrern mit Tropfenhelm überholt. Dann noch einer in schwarz.: Mein erster Zug. Wir rollen zu viert durch die Dörfer, die noch tief schlafen. Grau in grau, Vordermann in schwarz, Ritzelratten steht auf dem Trikot. Bulliger Typ mit viel Windschatten. Jetzt habe ich schon 52×17 aufgelegt. Oha! Damit wollte ich eigentlich sparen.

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Ich folge dicht, in meinem Kopf rechnet es. Wie lange soll ich das machen. Wann führen? Straßendörfer, kleine Bäckereien ein staunendes Gesicht hier und da. Die beiden Tropfenhelme lösen sich ab ,sie tragen das gleiche gelbe Trikot : Triathlon Hittfeld.

In Hittfeld wohnt mein Schulfreund, ein Zahnarzt, Sohn eines Zahntechnikers. . Seine Siedlung liegt in den Tannen, es geht auf und ab und überall stehen Einfamilienhäuser. In der Adventszeit werden Charityabende veranstaltet und an weißen Türen hängen Kränze. Ich war länger nicht mehr da, hat sich aber sicher nicht viel verändert. Der Nettomarkt mit dem Bäcker liegt drei km entfernt im wirklichen Hittfeld mit kleiner Kirche und Feuerwehrhaus, dazwischen Autobahn.

Mal führt der größere Triathlet, mal der Kleinere: dann habe ich fast keinen Windschatten. Alles kommt mir so schnell vor, ich erkenne Orte vom Vorjahr, in deren Kurven ich nach Luft schnappte. 10km, 20km, 30km müssen es jetzt sein.

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Das Tempo bleibt gleich und ich kann mich halten. Könnte also bis Dömitz reichen, vor Hitzacker kommen einige Dünen, das ist der Test. Nach einer Kurve führe ich kurz – muß ein Ritzel rauf. Ich muß was tun, egal wie lahm, dann wissen die anderen, woran sie sind, was besser ist für alle. Der schwarze mann gibt die Richtungen an, er hat das Navi.

 

Mal weniger mal mehr, mal eine schwarze Nabe, mal eine silberne vor mir. Die Umgehungsstraßen ziehen weite Bögen durch die Felder. Am Ende des Bogens dunkle Schatten, Fahrräder in Bewegung. Unser Tempo bleibt, wir nähern uns ganz allmählich.

 

Wir verlassen die große Straße, es geht auf einen Wald zu, dann schließen wir zu der Gruppe auf. Wir sind um die 15. Die Straße führt mit ganz leichten Wellen in den Tann, auf einmal hüllt mich die Wärme der Gruppe ein wie ein Mantel. Alle nehmen Fahrt raus und reden, einige kennen sich . Auch ich erkenne etwas: es ist ein schwarzes Rad, viele hier haben schwarze Räder, aber der , der drauf sitzt hat eine orangene Brille an – es ist Didier der Randonneur .Er hat sich als einsamer Buddy in die Liste eingetragen, der alte Fahrensmann. Ich nehme die kleine Kamera in Anschlag und er lacht nach der ersten Überraschung: der Westerwälder, ´ruft er mir zu.

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Wir fahren nebeneinander und reden, schnacken, wie man hier sagt. Er wird gleich abbiegen, die Dünen spart er sich, fährt lieber ein paar Kilometer mehr. Als dann – was aus ihm wurde, lese ich in seinem blog.

Hier geht es dann rechts hinauf., das erinnere ich, Wir fahren mitten auf eine Baustelle zu. Basaltkies, den ich nur zu gut kenne. Durch – Naja, man schon das Ende, aber die gruppe reißt es bei der 250m Rüttelstrecke, dem Sand und Polterweg durch den Wald auseinander. Der eine Triathlet in meiner Nähe. Warum machen wir das? Spart einen Berg, sagt er. Also mit 30 durchschütteln statt mit 20 den berg hinauf.

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Irgendwie ist jetzt eine neue Gruppe direkt vor uns. Berliner, so stehts auf den Trikots. Zwei auf Mountainbikes und ihre Reifen brummen bei der Abfahrt. Jetzt kommen noch einige Wellen aber meinen Beinen geht es viel besser als im letzten Jahr , ich fuhr beinahe Zickzack, um das Tempo meiner Vorfahrer zu halten. Vielleicht stimmt hier einfach auch das Tempo – was weiß ich – sogar das auffahren macht Spaß, wenn von links und rechts wieder welche vorbeischießen und wir uns nach den kleinen Abfahrten sammeln. Gang 3, das ist gut.

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Es riecht stark nach Diesel, Blaulichter: die Feuerwehr steht Spalier und grüßt uns.

 

Zickzack zwischen Höfen, Trecker kreuzen, immer dem Navi nach, der kürzeste Weg . Ein silberner 190 Mercedes mitten auf dem Weg, Unterhaltung durchs Fenster. „Wir fahren nach Berlin“ steht in großen schwarzen Buchstaben auf der Flanke: das war 1987, für die 750 jahr feier. Gruß Zurück.

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Majestätische Elbe, ruhige Windhose: Pause jetzt. Corny mit Milch – komischerweise gerade das Richtige jetzt. Tropfenhelme werden ausgezogen. Einige Teams werden aus bereitstehenden Autos versorgt und fahren schnell weiter: da will man keine Zeit liegen lassen. Essen, Trinken, Tee tanken. Kurze Gespräche mit meinen Begleitern, Sie wollen in Havelberg die nächste Pause machen, an der Shell Tankstelle, etwas abseits der Strecke. Ich weiß, wo das ist. Also rechnen sie mit mir, was ich nett finde.

Exif_JPEG_PICTURE Mein Rad neben den Zeitfahrbombern. Archaisch – sieht aus als säße ich auf einem Elefant neben Rennpferden.  Die Schutzbleche werden mir noch dienen, bei der Windstille rechne ich mit Regen hinter ebenjenem Havelberg. Jetzt erstmal die Feste Dömitz.

 

Ich fahre schon mal vor, denn die große Gruppe macht sich auf. Meine Schaltung will nicht mehr, da ist eine Papierserviette drin. Hatte ich ganz vergessen. Rausfummeln aus den Ritzeln. Meine Handschuhe riechen angenehm nach Bienenwachs. Nachsetzen. Ein weiterer Randonneur, ich gable ihn auf und gemeinsam kürzen wir in Dömitz an dem Karree ab, das mich schon letztes Jahr ärgerte. Nun holt die Gruppe uns ein. Er ist einer vom Altonaer Bicycle Club und hat sich früh rausfallen lassen, die fuhren zu scharf und hätten schon so viele Kilometer mehr in diesem Jahr. Das wichtige Gel bei Kilometer 201 gab mir einer von denen. Heute habe ich drei oder vier Zorros dabei und wir sind bei 100.

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Wälder des Ostens. Und Feldwege. Ein viel zu kleiner John Deere müht sich driftend vorm Pflug ab, dahinter eine große Silage voller Autoreifen. Die Tropfenhelme sind wieder neben mir –Hallo! Hier mach ich vorne mit. Zwei Leuchtorangene Rahmen blitzen im Herbstgrau auf, fahren vor, lassen sich zurückfallen.

 

Dann der zackige Zug, eine 6erReihe in Höllentempo. Der Feldweg rollt gut, wenig Wind, ich weiß nicht warum und springe ran. Die Triathleten mit. Kurzer Blickwechsel. Das bringt Zeit meint einer.

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Ich sehe mich um – in zwei kilometern eine minute. Jetzt also Renntempo, der Vorstoß ins Unbekannte . Alle in einer Reihe: also für niemanden langsam . Der 17er rotiert jetztheftig und nur bei Führungswechseln kann ich meinen rumpelnden Freilauf nutzen. Japs, so ist das also bei den Großen. Hölle.

 

Dranbleiben, nur dranbleiben, lernen. Nach jeder Ecke in den Wiegetritt. Wie schnell das wohl geht – zu schnell für den 17er, obwohl der Asphalt jetzt schlechter ist, bucklig, notdürftig, nebenstraßig. Das Grau über uns ist heller geworden , die Sonne nicht weit. Kurz vor dem Wald von Cumlosen, dem Wald in dem ich geplatzt bin, ich mit Krämpfen vom Rad mußte, kurz vor dem Schild biegen wir plötzlich nach Nord ab, einige verfehlen die Kurve, gehen wieder auf Anschluß. Ich fass es nicht, es ist der vorletzte Gang, den ich jetzt treten muß. Terra incognita, annus mirabilis. Ich kann dennoch trinken.

 

Einsamer Ortseingang: das rosaockerne Pflaster vor uns , eher ein Riff als eine Straße. Es scheppert, rasselt und knackt. Anfangs geht noch das Pflaster, dann sehe ich rechts die Rinne, weiter rechts den Grünstreifen mit einer Sandspur. Ich wechsle, werde angebrüllt, gehe auf den Sand, die Gruppe fächert auf . 30m Breite, fahrräder links, rechts und vor mir. Tempo wird gemacht, ohne Rücksicht auf die profilierten Carbonlaufräder, von denen eines vier meiner Fahrräder bezahlt. Raleigh reitet, stur wie ein Panzer fängt der Rahmen alles ab, was die Reifen ihm melden. Als Dritter oder Vierter komme ich aus diesem Materialtest und frage mich, ob es darum ging, hier ein paar Leute auf Dauer loszuwerden. Vor mir noch zwei, die die Fahrt aufnehmen, ein Dritter der sich herausfallen läßt, als suche er verlorene Kameraden. .. fahr du mal das Loch zu….

 

Meine Triathleten sind futsch, meine Beine zwicken, das hat gereicht , alles weitere in dem Tempo ist Selbstmord – egal ob Sie in zehn Kilometern Pause machen oder nicht. Ich fall heraus und sehe hinter der Gruppe den bulligen Schwarzen herankommen, die Triathleten bestimmt ein paar hundert Meter zurück. Ich denke, wir bilden jetzt wieder eine Gruppe, aber zunächst ist mir der Weg unklar.

 

Wo wollen die denn hin? , wir fahren doch hier nach Norden, frage ich die Ritzelratte mit dem navi. Weiß ich nicht! ( barsch)  – , läßt Du die Beiden da mal bitte vorfahren!! — die beiden Triathleten geben alles, der schwarze wird sie jetzt an den Zug heranfahren, der schon 150m weg ist. Es steigt leicht an, ich verabschiede mich schweigend: war eine Täuschung, wir gehören nicht zusammen – nett, daß Sie dabei waren und viel Spaß auf ihrer Fahrt.

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Langsam sehe ich Sie davonziehen, ein letztes mal von einer Brücke aus, die die Bahn überquert. Wir sind also nördlich der ICE Strecke nach Wittenberge. Zwei Wegweiser noch nach Wittenberge, aber die ignoriere ich. Endlich mal kein Vorderrad, Gedanken schweifen lassen und den Kirchturm von Gützow bestaunen, wie er da um halb Zwölf die absolute Ruhe genießt. Es ist eine völlige, gleichmäßige Ruhe in den Dörfern. Die Felder erholen sich vom Mais, stapeln Rüben in langen Haufen. Perleberg naht, aber wohin mit mir?

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3 Antworten zu 141014 Das blaue Band : Hamburg nach Berlin 2014 (Teil1)

  1. peter schreibt:

    „kanaken“ sagt man nicht, weil das dumm und rassistisch ist…
    http://www.netz-gegen-nazis.de/artikel/warum-ich-das-nicht-mehr-hoeren-will-teil-3-kanake

    • crispsanders schreibt:

      Mir war durchaus klar, daß die Verwendung des Begriffs K. zu politischen Deutungen führen könnte. Allerdings wird er nicht nur von politisch fehlorientiereten Deutschen verwendet, sondern in durchaus aggressiver Weise innerhalb der damit bezeichneten Personenkreise.
      Politische Diskussionen will ich allerdings an dieser Stelle nicht anregen – ich beschreibe.

      • peter schreibt:

        jo, selbstbezeichnung ist ja nen ganz anderes thema. du bist aber kein „kanake“, weswegen dir dieser scherz leider nicht zusteht. nix für ungut.

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